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Endlich, so der Tenor in den alternativen Medien, gibt es einen Dokumentarfilm über den Ukraine-Konflikt, der ganz anders sei als die ständigen Lügen des Westens. Er heißt Ukrainian Agony und wurde vor Ort gedreht von einem Herrn namens Mark Bartalmai.

Wir sollen uns alle so fühlen wie in den Jahren nach dem elften September 2001: Der große böse Wolf namens NATO gegen einen einsamen, schwachen Underdog, dem niemand hilft. Damals schien die Welt noch so simpel. Weder die Taliban-Regierung in Afghanistan noch Saddam im Irak steckten hinter 9/11. Die Supermacht USA kam trotzdem angerollt.

Das alternative Publikum soll nun im Jahr 2015 glauben, dass der Ukraine-Konflikt sich in das gleiche Muster pressen lässt. Das ist aber nicht der Fall. Dieses Mal streiten sich nämlich ZWEI Supermächte um die Beute. Der von prorussischen Separatisten und Sympathisanten gewaltsam eroberte östliche und südliche Teil der Ukraine ist kein einsames Afghanistan und kein einsamer Irak, sondern der Hinterhof und die Waffenfabrik der Supermacht Russland. Es gab kein neues 9/11, keine großen NATO-Truppenaufmärsche in Osteuropa. Im Gegenteil: Die USA haben in den letzten 25 Jahren fast alle ihre Truppen aus Europa abgezogen. Ein paar Panzer und Soldaten, die nun neu rotiert wurden, sind fast bedeutungslos. Moskau könnte hingegen in kürzester Zeit die gesamte Ukraine überrollen.

Als ich vor zehn Jahren schonungslos über Irak und Afghanistan schrieb, wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, irgendeine Supermacht systematisch zu bewerben als „Alternative“ zu den USA. Ich wäre erst recht nicht auf die Idee gekommen, irgendeine religiöse Fraktion oder diverse Warlords in den umkämpften Gebieten zu bewerben.

In der Ukraine-Krise wird jedoch von großen Teilen des alternativen Publikums genau solcher Nonsens erwartet: Man müsse die Positionen der russischen Supermacht einnehmen, man müsse die ostukrainischen Warlords unterstützen. Wer stattdessen weder für den US-Einfluss noch für russischen Einfluss ist, der wird schonungslos in die Schublade „US-Agent“ oder „Bildzeitungsniveau“ hineingesteckt. Dieser Irrsinn ist eine Beleidigung für die Intelligenz des Publikums. Das Publikum muss nun zeigen, ob es wirklich mehr gelernt hat als plumpe Denkmuster seit 9/11.

Wer in Russland medial Positionen verbreitet, die Moskau zuwiderlaufen, der setzt sich dem Risiko aus, unter Vorwänden verhaftet oder anderweitig drangsaliert zu werden. Im Westen wiederum kann man (noch) relativ bequem Russenpropaganda verbreiten, was die zahllosen Blogs und Webseiten, sowie Radio- und TV-Sender beweisen. Viele westliche Mainstream-Figuren sind ja zudem Anhänger des Putin-Führerkultes. Also stimmt es von vorneherein nicht, dass bei uns pro-russische Meinungen totgeschwiegen oder harsch unterdrückt werden.

Russische Medien propagieren bei uns ihre Talking Points. Was könnte also ein Film wie Ukrainia Agony überhaupt leisten? Wünschenswert wäre eine Berichterstattung, die weder der NATO-Linie, noch der russischen Linie folgt. Dass der deutsche Ableger von Russia Today den Film bewirbt, ist allerdings schon mal gar kein gutes Zeichen.

Ich habe ihn gesehen auf Vimeo on Demand für 7,99€

Der Film beginnt mit einer viel zu langen Reihe an Texttafeln, u.a. über die Maidan-Protste, die sich erwiesen hätten „als geplanter Putsch gegen die legitim gewählte Regierung“.

Ein „blutiger Machtwechsel, der durch die US-Regierung und den Westen geschürt wurde“. Bevor also überhaupt die ersten richtigen Bilder zu sehen sind, gibt es russische Talking Points serviert. Washington sei an allem Schuld, als könnten die Amerikaner einfach nach Belieben in ehemaligen Sowjetrepubliken treiben, was sie wollen. So einfach ist die Welt aber nicht. Der Kontext, dass die überwiegende Mehrheit der Ukrainer und genügend einflussreiche Individuen trotz ihrer KGB- und Kommunisten-Vergangenheit gegen Janukowitsch und die enge Russlandbindung waren, fällt unter den Tisch. Ebenso gibt es keinen aufschlussreichen historischen Kontext über die sowjetische Diktatur bis 1991, oder die Art, wie Russland gegen Tschetschenien Krieg führte.

Auch kein Wort über die russischen Truppen, die ohne Markierungen und ohne formelle Kriegserklärung samt schwerem Gerät einmarschiert sind. Stattdessen soll der Zuschauer glauben, es handle sich um simple Bürger, die in der Rolle des Underdogs alleine gegen die Übermacht Kiew ihre Russischstämmigkeit verteidigen. In der russischen Propaganda war es lange Zeit selbstverständlich, von ganzen Faschistenhorden zu fantasieren, die aus dem Westen angerollt kämen. Auch in „Ukranian Agony“ wird bei Minute 42 eingeschoben, dass sich russische Amateure „freiwillig“ den Einheiten angeschlossen hätten. Sie hätten den „aufziehenden Faschismus gesehen“ und seien gekommen um zu helfen.

Der Moskauer Faschismus mit Führerkult und Kriegs-Geheul und Einheitspartei wird selbstverständlich nicht erwähnt. Auch nicht, wie Neonazis und fanatische Eurasien-Kämpfer unter der russischen Führung gedeihen.

Es wechseln sich wackelige Vor-Ort-Bilder ab mit Erzählungen des Filmemachers. Man erfährt nicht, wie genau er in den Donbass gelangte. Setzte er sich womöglich, wie beispielsweise Abgeordnete der deutschen Partei DIE LINKE, bequem in den Flieger nach in Moskau und tuckerte dann eingebettet bei den Separatisten in den Donbass? Embedded Journalism können die Russen nämlich auch.

Mark Bartalmai trägt anscheinend kein Make-Up, um den dramatischen Effekt zu erhöhen. Er sieht aus, als hätte er 10 Jahre an der Front verbracht. Er guckt betroffen, man sieht Bilder von Leichen, er schluckt zwischendurch, und erzeugt damit Stimmung gegen Kiew, Brüssel und Washington. Nicht aber gegen Russland. Er ist (anscheinend) bei Minute 6 zu sehen, wie er auf einem gepanzerten Fahrzeug mitfährt und filmt. Es sind Kämpfer zu sehen in bunt zusammengewürfelten Tarnuniformen. Wieso trauten diese Männer ihm und seiner Story? War er eingebettet? Wer sind diese Männer wirklich? Kann er überhaupt mit irgendeiner Bestimmtheit sagen, dass keine russischen Profi-Soldaten dabei waren? Glaubte er diesen Typen aufs Wort?

Es folgen Bilder von weinenden Meneschen mit traurigen Gesängen. Würden die westlichen Massenmedien so etwas bringen, würden die Putinistas sofort schreien, so etwas sei manipulativ.

Es geht weiter mit dem Maidan: Bösartige Menschen hätten dort Chaos verursacht.

Gäbe es hingegen einen von Russland geförderten Aufstand in Mexiko-City gegen die pro-amerikanische Regierung dort, dann bezweifle ich dass der Herr Kriegsjournalist große Tränen weinen würde. Bei Minute 18 gibt es prompt Lob für Putin.

Dann wiederholt er die typischen einseitigen Sichtweisen über das Flugzeugdesaster MH 17, obwohl die Faktenlage stark suggeriert, das russische und pro-russische ukrainische Kämpfer versehentlich einen Abschuss durchgeführt hatten.

Schließlich interpretiert er den gesamten Konflikt als Versuch, Russland hineinzuzwingen und zu schwächen. Der Widerstand im Donbass würde paradoxerweise verhindern, dass die ganze Ukraine als Kriegsinstrument gegen Russland eingesetzt wird. Helden im Donbass also, gegen den Satan USA.

„Das muss man wissen.“

Kein Wort, dass Putin dringend neue außenpolitische Abenteuer braucht, um seinen Personenkult und den russischen Imperialismus zu befeuern. Kein Wort, dass Russland fast 100 Jahre lang vom Westen technologisch gefördert und querfinanziert wurde. Zu Beginn des Films heißt es zwar, dass alles nur die Meinung des Filmemachers sei, aber wenn sich seine Meinungen fast deckungsgleich mit der Meinung des Moskauer Regimes überschneidet, werde ich hellhörig.

Hinter dem Pseudonym „Mark Bartalmai“ verbirgt sich Berichten zufolge ein Mirko Möbius, Berater für Onlinehandel und Suchmaschinenoptimierung für Webshops. Vor seiner Reise 2014 in die Ostukraine schien er nichts mit Journalismus am Hut zu haben, allerdings besitzt er enge Kontakte zu dem Netzwerk aus prorussischen Eurasien-Figuren und der deutschen Mahnwachen-Szene. Seine Darstellungen werden im Netz bereits heftig kritisiert:

Er müsse sich entschuldigen, denn er könne nicht laut reden. Der Krieg sitzt ihm noch zu sehr in den Knochen. So begann Mark Bartalmai seine Rede auf der Braunschweiger ‚Friedensmahnwache‘ am 22.09.14. [1] Dann fand er aber doch seine Stimme und es folgte eine schwülstige Erzählung von Erlebnissen, die der als Kriegsreporter vorgestellte Herr kürzlich in der Ostukraine erlebt und erfahren haben will. Unter anderem behauptete er, die ukrainische Armee habe nach der Einnahme der Stadt Slawjansk ein Kind vor den Augen seiner Mutter gekreuzigt…
Diese krude Geschichte verbreitete der russische TV-Sender „Kanal 1“ Mitte Juli 2014. Sie ist schon damals sofort als frei erfunden entlarvt worden. [2] Nicht nur in westlichen Medien, auch in Russland selbst löste die groteske Propagandalüge massive Proteste aus. [3] Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die ganze Story von einem sehr ähnlichen Gerücht inspiriert worden, das der Rechtsesoteriker Alexander Dugin einige Tage zuvor im sozialen Netz verbreitete. [4]

[1] http://youtu.be/B3Z_JhHoRP0
[2] http://www.n-tv.de/politik/Russischer-Sender-berichtet-von-Kreuzigung-article13210266.html
[3] http://www.tt.com/politik/konflikte/8642410-91/propaganda-bericht-über-gekreuzigtes-kind-empört-russen.csp
[4] http://www.themoscowtimes.com/news/article/state-run-news-station-accused-of-making-up-child-crucifixion/503397.html

Linke Medien behaupten weitere aufschlussreiche Kontakte:

Gleichzeitig wohnte Evelin Pietza, eine Unterstützerung Bartalmais bei seinem pseudo-journalistischen Projekt [7], den Siegsparaden in Moskau bei .[8] Sie reiste gemeinsam u.a. mit der Elsässer-Vertrauten Yasmine Pazio (RT Deutsch und Compact). [9] In der geschlossenen Facebook-Gruppe, die die Fahrt organisierte, war u.a. auch Jurij Kofner aktiv (Compact und Eurasische Jugendbewegung von Alexander Dugin). [10]
[7] https://about.me/pietza
[8] on.fb.me/1So07Rg
[9] https://goo.gl/vbJ6As
[10] Gruppe: facebook.com/groups/377190962405637/ Zu Kofner: facebook.com/kofner?fref=grp_mmbr_list und http://goo.gl/F6BeVW

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