Recht

Was hält Edward Snowden von dem weltweiten russischen Abhörsystem?

Alexander Benesch

Das russische Abhörsystem weltweit mag nicht über ein so hohes Budget wie das amerikanische Gegenstück verfügen, das muss es aber auch nicht um ähnlich effektiv zu sein. Der NSA-Whistleblower Edward Snowden flüchtete in das einzige Land, das ihn verstecken und schützen kann. Seine Immigration nach Russland ist immer noch nicht in trockenen Tüchern und jeder der Beteiligten will den Eindruck vermeiden, dass er sich das Überlaufen bezahlen lassen und künftig für das Oligarchenregime in seiner alten Funktion als Nachrichtendienstler weiterarbeiten könnte.

Was fände er dort vor? Eine moralischere Regierung und rechtsstaatlichere Abhörmaschinerie? Definitiv nicht. Auch wenn er irgendetwas völlig anderes als in seinem voherigen Leben arbeiten wird, so stünde er trotzdem unter permanenter Überwachung, schließlich will man vermeiden, dass er einem amerikanischen Attentatskommando zum Opfer fällt oder von einem völlig anderen ausländischen Dienst oder einer Firma rekrutiert wird. Alle Telefonate, Emails, alle Bewegungen, alle Bekanntschaften, alle seine Wohnungen und regelmäßigen Aufenthaltsorte verwanzt. Snowden wird nicht mehr husten können ohne dass seine neuen Gastgeber davon Wind bekommen. Unter gar keinen Umständen würde es gestattet werden, dass er anfängt, kritisch über Russland zu bloggen oder gar das Land wieder verlässt.

Die Plattform Netzpolitik.org berichtete:

Russische Sicherheitsbehörden können alle Telefon- und Internetverbindungen abhören und speichern – ohne einen Gerichtsbeschluss zu zeigen und ohne dass Provider davon erfahren. Das berichtet Andrei Soldatow von Agentura.Ru auf Wired. Ähnliche Systeme werden auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt – darunter Ukraine und Weißrussland. Anfang November berichteten wir über die Internet-Zensur in Russland und dass mit Deep Packet Inspection nicht nur Webseiten zensiert werden, sondern auch das Internet überwacht wird.

Privacy International, Agentura.Ru und Citizen Lab haben das Projekt ‘Russia’s Surveillance State’ gestartet:

Firmen wie Cisco aus den USA und Huawei aus China liefern Technologie für das russische Inlands-Spionagesystem SORM. Russische Firmen wie Speech Technology Center sind führend auf dem Gebiet der Stimmen- und Gesichtererkennung und verkaufen ihre Produkte an den Westen. Immer existiert die Paranoia, dass ausländische Produkte Hintertüren besitzen. Die Moskauer Firma Discovery Telecom Technologies (DTT) vertreibt ein Abfangsystem das sich als Handyturm ausgibt. Zu den Kunden zählen der Kremlin und der FSB, man hat aber auch Büros in den USA.

“Wir verkaufen diese Art von Produkt nur an Regierungsbehörden,”

erklärt der DTT-Sprecher Mikhail Krasnovsky den Moscow News.

Russland verfügt über eines der besten Spionagesystem der Welt. Flugzeuge, Schiffe und LKWs voller Abfanggeräte, Bodenstationen, Satelliten und Hacker-Armeen. Überall gurken getarnte Russen-Vans herum in der Nähe von beispielsweise der GE Americom Satellite Ground Station in Vernon Valley/ NJ oder den AT&T Mikrowellen-Türmen.

Westliche Geheimdienstler schätzten dass die Sowjets über 7000 solcher Drive By-Aktionen pro Jahr in NATO-Ländern durchführten. Heute hat sich viel verlagert auf das Abgreifen aus der Distanz durch Hacking. Nach dem ersten russischen Spionagesatelliten 1967 folgten 200 weitere in den nächsten 24 Jahren. Allein 1994 schoss man 24 davon ins All, im Folgejahr noch mal soviel. Nach dem Fall der Sowjetunion gab es einer internationale Ausbreitung neuer russischer Konzerne mit Verbindungen zu den russischen Diensten, was noch weiträumigere Abhörmöglichkeiten bot.

In der russischen Verfassung wird das Recht auf Privatsphäre, insbesondere der Kommunikationen garantiert, es sei denn ein Gericht stellt einen Durchsuchungsbeschluss aus. Es reicht bereits wenn sie an einer Demonstration teilnehmen in der gegen die Ausweitung der Befugnisse des Sicherheitsapparats protestiert wird. Oder wenn sie irgendwas anderes kritisieren. Oder wenn sie mit einer “verdächtigen” Person kommuniziert haben.

1995 wurde ein neues Gesetz verabschiedet zur Überwachung sämtlicher Kommunikationen unter Voraussetzung eines richterlichen Persilscheins. Neue Versionen von SORM für das GSM- und Internetzeitalter waren die technische Umsetzung der beabsichtigten Spionageinfrastruktur, für die man einfach die privaten Internet Service Provider blechen ließ; sowohl was die Geräte anbetrifft als auch die nötige Ausbildung der FSB-Geheimdienstler.

Ein spezieller Regierungs-Router kann sämtlichen Internetverkehr eines Providers über eine gesonderte, speziell geschützte unterirdische Hochgeschwindigkeitsleitung an den Geheimdienst übertragen. Benutzt der ausspionierte User irgendwelche halbwegs effektiven Verschlüsselungstechnologien, hat er bereits ein Gesetz gebrochen.

Der Provider hat keinen Zugriff auf die Spionage-Box, er muss nicht bei einer Abhöraktion informiert werden und er darf auch den Durchsuchungsbeschluss nicht sehen. Der oberste russische Gerichtshof verkündete, dass sich die Häufigkeit der “legalen” Abhöraktionen in den vergangenen fünf Jahren schrittweise auf eine halbe Million p.a. vergrößert hat. Wieviele Wiretaps ohne Richter passieren, kann man nur schätzen.

Sind sie eine Privatfirma und wollen z.B. einen Konkurrenten ausspionieren, schmieren sie einfach einen Beamten wie General Alexander Bulbow mit umgerechnet 50.000 $ pro Opfer. Für das Geld bekommt man zwar auch einen Profikiller, aber immerhin.

Nur fünf Tage nach Amtsantritt unterzeichnete der KGB-Apparatschnik Putin die Erweiterung eines Gesetzes, sodass auch die Steuerpolizei, die Polizeieinheiten direkt unter dem Innenministerium, Sicherheitskräfte der Politiker, Zoll und Grenzpolizei Zugriff erhielten auf das schicke neue Überwachungssystem.

Sobald die Telekommunikationsbehörde Roskomnadzor irgendwelche Mängel in den Systemen feststellt, gehen Forderungen zum Nachbessern an ISPs heraus. die Technik kauft man bei “Firmen” wie Digiton und Iskratel, die bestimmt gar nichts mit den Geheimdiensten zu tu haben. Auch ehemalige Sowjetstaaten wie Weißrussland, Ukraine und Kirgisistan haben SORM. Somit gehen die Sowjets endlich mit der Zeit und wechselten auf das von den Briten erfundene und im Westen so erfolgreiche System der Theaterdemokratie.

Russlands Medienkontrollbehörde Roskomnadzor hat das soziale Netzwerk “VKontakte” laut eigenen Angaben irrtümlicherweise kurzzeitig auf die Sperrliste gesetzt. Der Eintrag in der Regierungsdatenbank ist schnell wieder verschwunden und es ist unklar, ob die Maßnahme gegen einzelne Inhalte oder das komplette Angebot gerichtet war.

Oppositionelle benutzen VKontake für ihre Aktionen, was den Behörden missfällt. Facebook und Twitter spielten eine wichtige Rolle bei dem arabischen Frühling. Der Gründer von VKontakte Pawel Durow befindet sich im Dauerclinch mit den Behörden, ein kremlnaher Investor soll ihm Firmenanteile abgekauft haben.

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10 comments

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1Blueapple 14. November 2013 at 18:49

Das versucht mal einem “Jürgen Elsässer” von Compact zu verklausulieren, der über die gesamte Länge seiner Berichterstattung über Snowden komplett abgeschmiert ist!

Aber nicht nur da….

Liberty,
Strategie und Taktik solcher dubiosen Aufklärungsmagazine besteht darin, den Rest an Verstand aufzufangen, um sie für eine pro-russische/traditionalistische Strömung zu instrumentalisieren, auch wenn einige Artikel in Compact absolut lesenswert gehalten sind. Ab dem “lesenswerten Punkt” entstehen dann aber dogmatische/ideologische neue Zonen, um die kritischen Massen in diese vorbereiteten Zonen zu manöverieren. Nicht mehr “macht” Compact. Das ist der Sinn von Compact!

Zum allgemeinen bekannten Mainstream wird ein alternativer Mainstream ausgerufen/ausgehoben, der sich diese Ziele der strategischen und taktischen “asymmetrischen Informationsführung/Kriegsführung” auf die Aufklärungsfahnen geschrieben hat!

😉

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Wahrheitssuchender 3. November 2013 at 20:02

Die übliche Schwarz&Weiß-Malerei und das die mitlerweile bei Recentr übliche US-Propaganda. USA gar nicht so schlimm, wenden sie den Blick bitte auf Russland, das ist böse.

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Liberty 3. November 2013 at 21:26

Recentr ist die einzige Seite die über BEIDE Seiten reinen Wein einschenkt. Dass über Rußland erheblicher Nachholbedarf besteht in Sachen Aufklärung, zeigt die Schwemme an Putin-Arschleckerei auf den ganzen Pseudo-Truther-Seiten wie Compact oder das einseitige Amerika-Gebashe bei Kopp.

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Freigeist 31. Juli 2013 at 15:54

Der lowtech Survivalist ist wiedermal im Vorteil.

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ST 31. Juli 2013 at 22:47

Viel Spaß im Wald!

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MA 31. Juli 2013 at 23:59

😀 Wenn er denn endlich mal in den Wald ginge …

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Freigeist 1. August 2013 at 0:57

Aaah, so bist du also drauf. Was richtige Anstrengungen brauchen könnte wird mental ausgesondert durch schnäpische Bemerkungen. Wer hat was von Wald gesagt?

Ich seh schon was für ein Kandidat du bist. Einer von diesen faulen Sektierern.

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F 31. Juli 2013 at 15:20

1. Die USA sind natürlich im Vorteil, weil das Internet von ihnen geschaffen wurde und die meisten Knoten weltweit über sie laufen. Da hat es Russland ungleich schwerer.
2. Es ist egal in welchem Land man ist. Das Geld regiert. Und da wir überall mehr oder weniger dasselbe System haben, welches von denselben Leuten gesteuert wird, …
3. Ich finde das russische Abhörsystem ist ein weiteres Indiz dafür, dass Snowden, der nix neues erzählt, bezahlt ist oder sogar nur ein Schauspieler ist.

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Fudge 31. Juli 2013 at 22:25

Ich denke eher das Establishment gewinnt, weil sie skrupelloser, disziplinierter und intelligenter sind. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte haben sie sich verbessert und ihre Stärke ausgenutzt um den Rest der dummen Menschheit zu dominieren.

Und die Leute die das Muster erkennen, sind immer noch zu dumm sich zu wehren und schlagen wieder die vorbereiteten Wege ein. Schau dir die Waschlappen der alternativen Szene doch an. Da kommt nicht mehr viel,
während der Gegner bereits Waffen hortet, an Technologien feilt und seine trainierten Soldaten aufstellt.

Unter einem nüchternen, strategischen Aspekt, bewundere ich die Leistung des Gegners. Obwohl ich sie natürlich auch verurteile.

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6e75 31. Juli 2013 at 11:54

Was VKontakte angeht ist Amerika von der Methode schon weiter. Was nützt das Sperren oder verbieten? Bei Sozialen Netzwerken hat man alles zusammen und es spart Arbeit und Zeit. Stattdessen tümmeln sich die Aktivisten dann auf Facebook herum. Die USA kann das wissen aus Ihren Netzwerken entweder zu Ihren Zwecken nutzen oder wieder an Russland verkaufen.

Entweder falscher Schachzug Seitens Russland oder auf Oberster ebene wird eh “”zusammen”” gearbeitet.

Ich hab noch einen recht interessanten Artikel zum Thema aus dem Jahr 2012 auf Wired.com gefunden.
http://www.wired.com/dangerroom/2012/12/russias-hand/all/

Für den Spaß kann ich jedem Codefellas nahelegen
http://video.wired.com/watch/codefellas-spy-vs-spy

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