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Der Spion mit unklaren Loyalitäten: Henry Kissinger ist gestorben

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Henry Kissinger ist im Alter von 100 Jahren verstorben. Angesichts seiner Rolle in der US-Außenpolitik als Außenminister und nationaler Sicherheitsberater des Weißen Hauses während des Kalten Kriegs gibt es nun im Prinzip drei Arten von Nachrufen:

  • Voll mit Lob für ihn, die USA/NATO und etwas Pseudo-Kritik daruntergemischt
  • Mehr Kritik als Lob, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen, aus der Perspektive von Sozialdemokraten
  • Totale Verurteilung Kissingers mit gleichzeitiger Verharmlosung der UdSSR und des kommunistischen Chinas

Keine dieser drei Sichtweisen kommt der Realität wirklich nahe.

Flucht

Seine Familie flüchtete vor den Nazis, zunächst nach London und dann in die USA.

Sowjetische Geheimdienste versuchten, solche Leute zu rekrutieren. Nach 1945 benutzten Agenten das Argument, die Kommunisten hätten die größten Opfer gebracht im Kampf gegen den Faschismus. Mit dieser Strategie war es sogar gelungen, Atomwissenschaftler zu rekrutieren.

CIC

Kissinger brachte es zum Special Agent und Sergeant im Militärgeheimdienst CIC bei den Aktivitäten in Deutschland. Der Counter Intelligence Corps (CIC) der Armee befragte Hunderttausende von Nazibeamten, Flüchtlingen und Überläufern aus dem Osten. Während des Krieges bereits durchliefen fast zweitausend deutschstämmige US-Soldaten das Ausbildungszentrum „Camp Ritchie“ im Westen von Maryland, die wichtigste Geheimdienstausbildungsstätte der Armee für den europäischen Kriegsschauplatz. Zu diesen sogenannten „Ritchie Boys“ gehörte auch Kissinger. Der deutschstämmige US-Offizier Fritz Kraemer hatte neben Kissinger weitere „Talente“ gefördert wie Alexander Haig, James Schlesinger, Donald Rumsfeld und Edward Lansdale. Willy Brandt erklärte sich 1948 bereit, Informant des amerikanischen Counter Intelligence Corps zu werden.

Nach dem Krieg schlossen sich viele Ritchie Boys der neuen Central Intelligence Agency an, darunter Henry D. Hecksher, Howard C. Bowman und Captain Henry P. Schardt.

1946 wurde Kissinger als Lehrer an die Geheimdienst-Schule „European Command Intelligence School“ in Camp King versetzt.

Er machte einen Abschluss an der Elite-Universität Harvard, was beileibe nicht das Ende seiner Spionagekarriere bedeutete. Seine Mentor war William Yandell Elliott, an dem Historiker wie Niall Ferguson mittlerweile großes Interesse haben. Elliott war ein Rhodes Scholar an Oxford, später Berater für mehrere US-Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, sowie Vizepräsident des War Production Board, zuständig für den zivilen Bedarf während des Zweiten Weltkriegs. Er begleitete Roosevelt auch zur Konferenz von Jalta. Er diente auch noch im Nationalen Sicherheitsrat.

Kissinger fungierte als Berater des Direktors des Psychological Strategy Board, ein besonderes Gremium für psychologische Kriegsführung für das Verteidigungsministerium und die CIA.

Harvard-Seminar und FBI

Kissinger leitete Harvards „Summer International Seminar“ – ein Programm, das aufstrebende Stars der Außenpolitik sowie des politischen, kulturellen und literarischen Lebens aus Europa und Asien nach Harvard brachte, um sie „in amerikanischer Außenpolitik zu schulen“.

Das bedeutete, dass US-Geheimdienste neue Leute von Interesse finden und unliebsame aushorchen wollten. Kissinger finanzierte das Programm vollständig durch Zuschüsse privater Stiftungen, und 1967 erschienen mehrere dieser Stiftungen auf einer Liste der Tarnorganisationen für die CIA in der Presse.

In einem Dokument heißt es, Kissinger habe dem FBI freiwillig Informationen zur Verfügung gestellt, die er durch das Öffnen der Post eines Seminarteilnehmers ohne dessen Wissen erhalten habe.

Am Freitagmorgen, dem 10. Juli 1953, rief ein „HENRY ALFRED KISSINGER“ – den das FBI lediglich als „Lehrer an der Harvard University“ identifizierte – das FBI an und berichtete, er hätte interessante Informationen und bat einen Agenten, ihn zurückzurufen. An diesem Nachmittag interviewte ein FBI Special Agent in Charge dann Kissinger, der erklärte, dass er das internationale Seminar leitete, an dem Personen aus dem Ausland teilnahmen, die „in ihrem eigenen Land wirtschaftlich und politisch eine hohe Stellung einnehmen“.

Der Autor des Memos beendet den Bericht:

„Es werden Schritte unternommen … um Kissinger zu einer vertraulichen Quelle dieser Abteilung zu machen.“

Die Vermutung in der Presse war damals, dass Kissinger unter Anleitung von William Yandell Elliott agierte.

Belastet durch sowjetische Quellen

In den frühen 1950er Jahren, als Kissinger fleißig mit den US-Geheimdiensten kooperierte, begann ein Oberst des polnischen Geheimdienstes, den Amerikanern wertvolle Daten über sowjetische Operationen und Agenten zu liefern. Der Mann identifizierte sich als Michael Goleniewski und sagte, er sei ein überzeugter Antikommunist. Später, im Jahr 1961, flüchtete er in die USA, wo er noch mehr Informationen preisgab. Laut seinen Informationen gab es einen Sowjet-Agenten mit Decknamen „Bor“, der in Europe gedient hatte, nun in Harvard lehrte und mit der CIA in Verbindung stand. Bor war Kissinger. Goleniewski sah die entsprechenden Listen in einem Tresor.

Die Vorstellung, dass Goleniewski ein Doppelagent war und gezielt Kissinger belasten sollte, ergibt keinen Sinn. Goleniewski lieferte zu viele wertvolle Infos und Kissinger war damals noch lange keine bedeutende Figur. Es wäre eher denkbar, dass Kissinger ein Doppelagent war, der den Auftrag hatte, sich von den Kommunisten anwerben zu lassen.

1961 lief der sowjetische KGB-Offizier Anatoli Michailowitsch Golizyn über und lieferte äußert wertvolle Informationen. Er belastete auch Kissinger.

Statecraft

Kissingers Doktorarbeit handelte von Klemens von Metternich, der einen Spionagedienst auf deutschem Boden unterhielt und mit Britannien kooperierte, sowie über Robert Stewart, Viscount Castlereagh aus dem britischen Kronrat.

Metternich galt als führender „Staatsmann“ in einer Zeit, als verschiedene Großmächte miteinander konkurrierten und Historiker haben bislang nicht seine geheimdienstliche Rolle ausreichend untersucht. Bekannt ist, dass er den Spitzeldienst das „Mainzer Informations-Bureau“ eingerichtet hatte, das rebellische Gruppen überwachte. Im Zuge der Revolution von 1848 drohte die Enttarnung und man löste die Organisation auf und verbrannte die Akten. Viscount Castlereagh diente als britischer Kriegsminister, Außenminister und Aufseher über die Kolonien.

Kissingers tiefes Wissen verschaffte ihm die Möglichkeit, für den Nationalen Sicherheitsrat und den Council on Foreign Relations zu arbeiten, sowie für die Rockefellers, die einen starken Bezug hatten zu Britanniens Adel und zu den britischen und amerikanischen Geheimdiensten. Kissinger wurde außenpolitischer Berater der Präsidentschaftskampagnen von Nelson Rockefeller.

Nachdem Nixon im Januar 1969 Präsident wurde, wurde Kissinger zum Nationalen Sicherheitsberater ernannt.

Vietnam und Kambodscha

Anfang 1969 widersetzte sich Kissinger noch den Plänen für die Operation Menu, der Bombardierung Kambodschas, und befürchtete, dass Nixon voreilig handelte und keine Pläne für das zu erwartende Entsetzen über die Aktion hatte. Am 16. März 1969 kündigte Nixon jedoch an, dass die Bombardierung am nächsten Tag beginnen würde Tag. Als Kissinger sah, dass der Präsident sich seiner Sache sicher war, unterstützte Kissinger den Plan dann doch noch. Leider half die Bombardierung den kommunistischen Roten Khmer. Im November 1975, sieben Monate nach der Machtübernahme der Roten Khmer, sagte Kissinger dem thailändischen Außenminister:

„Sie sollten den Kambodschanern sagen, dass wir mit ihnen befreundet sein werden. Sie sind mörderische Schläger, aber wir werden uns dadurch nicht im Weg stehen lassen.“

China

Kissinger unternahm im Juli und Oktober 1971 zwei Reisen nach China (die erste davon im Geheimen), um sich mit Premierminister Zhou Enlai zu beraten, der damals für die chinesische Außenpolitik zuständig war.

In der NY Times erschien ein Rockefeller-Kommentar mit haufenweise Ausreden.

Kissingers Reisen ebneten den Weg für das Gipfeltreffen zwischen Nixon, Zhou und dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas, Mao Zedong, im Jahr 1972 sowie für die Formalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern

Juden in der Sowjetunion und Israel

Die US-Regierung wollte Funktionäre mit jüdischem Hintergrund heraushalten aus der Israel-Politik; vor allem im Hinblick auf die Juden in der UdSSR, die teils nach Israel migrierten.

Im Gespräch mit Nixon kurz nach einem Treffen mit der israelischen Premierministerin Golda Meir am 1. März 1973 erklärte Kissinger:

„Die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion ist kein Ziel der amerikanischen Außenpolitik, selbst wenn sie Juden in Gaskammern stecken würden in der Sowjetunion, wäre das kein amerikanisches Anliegen. Vielleicht ein humanitäres Anliegen.“

Es ist wahrscheinlich, dass Kissinger einfach den Eindruck erwecken wollte, er sei völlig neutral bei dem Thema.

Chile und Argentinien

Die Nixon-Regierung ermächtigte mit Kissingers Unterstützung die Central Intelligence Agency (CIA), einen Militärputsch zu fördern, der Allendes Amtseinführung verhindern sollte, aber der Plan war nicht erfolgreich.

Am 11. September 1973 starb Allende während eines Militärputsches des Oberbefehlshabers der Armee, Augusto Pinochet, der Präsident wurde.

Die argentinischen Streitkräfte unter der Führung von Jorge Videla stürzten 1976 die gewählte Regierung von Isabel Perón mit einem vom Militär als Nationaler Reorganisationsprozess bezeichneten Prozess, mit dem sie ihre Macht festigten und brutale Repressalien und „Verschwindenlassen“ gegen politische Gegner einleiteten.

Ein Untersuchungsbericht in The Nation vom Oktober 1987 brachte die Geschichte, wie Kissinger bei einem Treffen im Juni 1976 im Hotel Carrera in Santiago der Militärjunta im benachbarten Argentinien „grünes Licht“ für ihre Unterdrückung linker Guerillas und anderer Dissidenten gab.

https://www.thecrimson.com/article/1979/11/16/kissinger-harvard-and-the-fbi-phenry/

AlexBenesch
AlexBenesch
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