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Macht Milei Argentinien zum 51. Bundesstat der USA?

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Bild: Facundo Florit/Shutterstock.com

Kommentar

Es scheint, als gäbe es nur zwei Kategorien von politischen Persönlichkeiten, egal welcher Ideologie sie angehören: Die drögen Bürokraten und die Freaks.

Javier Milei, der die Stichwahl in Argentinien mit 56% gewann, ist definitiv aus der Freak-Kategorie.

Sein Sieg wurde international gefeiert von Politikern wie Jair Bolsonaro und Ted Cruz gefeiert. Tucker Carlson veröffentlichte sein Interview mit Milei am 15. September auf Twitter und erreichte über 400 Millionen Impressionen (nicht Aufrufe). Carlson wollte eigentlich der CIA beitreten und sein Vater war Direktor des Propaganda-Geheimdienstes fürs Ausland namens „Information Agency“. Die CIA scheint also happy mit Milei zu sein. Deshalb feiern ihn die pro-russischen Kreise nicht wirklich ab.

Milei ist ein lautstarker Befürworter der Österreichischen Schule des Libertarismus, sieht aus wie ein gealterter britischer Rockstar und verhält sich bisweilen wie Tony Montana aus dem Film Scarface.

In der Schule erhielt er aufgrund seiner Ausbrüche und seiner aggressiven Rhetorik den Spitznamen „El Loco“ („Der Verrückte“). Er sagte, seine Eltern hätten ihn geschlagen und beschimpft, was dazu geführt habe, dass er ein Jahrzehnt lang nicht mit ihnen gesprochen habe.

In einer lokalen Fernsehsendung im Juni 2020 enthüllte er seine Beteiligung an mehreren Sex-Orgien und seine Rolle als Neotantra-Sex-Lehrer. Im Juli 2023 veröffentlichte der Journalist Juan Luis González „El Loco“, eine Biographie von Milei, mit dem er mehrere Interviews führte. Es beschreibt Mileis exzentrisches Privatleben, das von Telepathie und Esoterik über das Gespräch mit seinem toten Hund bis zu seiner „von Gott gesandten Mission“ reicht, Argentiniens Präsident zu werden.

Milei ist ein Vatikan-kritischer Katholik und zitiert Bibelstellen, um den Staat zu kritisieren, den er als Ursprung des Bösen beschreibt. Es ist reinstes radikal-libertäres Dogma:

„Wenn ich zwischen dem wählen müsste Staat und die Mafia, ich würde mich für die Mafia entscheiden. Denn die Mafia hat Codes, die Mafia passt sich an, die Mafia lügt nicht. Und vor allem konkurriert die Mafia.“

Eine Mafia hat allerdings unzählige interne Regeln, die die Mitglieder bis ins Detail regulieren. Und sie nutzt Zwang und Gewalt, wo immer sie kann. Und professionellere Gruppen wollen immer Politiker kontrollieren, um staatliche Macht zu erhalten.

Was die Anhänger klassischer Verschwörungsmedien in Alarmstimmung versetzt, ist sein tief sitzender Wunsch, zum orthodoxen Judentum zu konvertieren. Er liest täglich die Thora und besuchte das Grab des orthodoxen Rabbiners Menachem Mendel Schneerson der Chabad-Gruppe.

Milei äußerte Überlegungen, zum Judentum zu konvertieren, sagte jedoch, dass die Einhaltung des jüdischen Sabbats eine Herausforderung darstellen könnte, wenn er Präsident werden sollte.

Er war Professor und Regierungsberater am International Center for Settlement of Investment Disputes. Er war außerdem leitender Ökonom bei HSBC Argentinien und ist Mitglied des WEF.

Er hat die Abschaffung der argentinischen Zentralbank vorgeschlagen, was de facto zu einer Dollarisierung der Wirtschaft führen würde.

Im August 2023 erklärte Milei, dass er die Sozialprogramme, die Millionen Menschen in einem Land unterstützen, in dem fast 40 % der Bevölkerung verarmt sind, nicht beenden werde.

Milei stellt sich gegen die Global Warming Agenda. Er lobte einige Maßnahmen der ersten Regierung von Carlos Menem.

Er ist Fan des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Im August 2023 lehnte er die mögliche Teilnahme Argentiniens an den BRICS ab, sagte, er werde die Beziehungen zu China einfrieren und Argentinien, Südamerikas zweitgrößte Volkswirtschaft, aus dem Mercosur-Handelsblock mit Brasilien austreten lassen. Den Russen gefällt das erst recht nicht.

Zur Außenpolitik erklärte er, dass die Vereinigten Staaten und Israel im Falle seiner Wahl zum Präsidenten seine wichtigsten Verbündeten sein würden. Er äußerte auch seine Absicht, die argentinische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Zu Beginn der russischen Invasion in der Ukraine Anfang 2022 betrat Milei mit einer ukrainischen Flagge den Palast des Argentinischen Nationalkongresses und zeigte damit seine Position gegenüber dem Konflikt.

Libertarismus

Der Libertarismus wurde genauso wie andere Ideologien vereinnahmt von den Supermächten. Viele Think Tanks aus den USA beackern das Feld seit langer Zeit:

Das Mises-Institut Brasiliens, das Geld aus den USA bekommt, veröffentlichte Beiträge des Pinochet-Fanboys Christopher Cantwell. Das Mises-Institut gehört zum Atlas Network, welches von den Koch-Brüdern finanziert wird. Die Koch-Familie hatte die Ölindustrie der Sowjetunion aufgebaut, raffte in den USA Reichtum zusammen, kaufte die Libertären auf und fördert die Karriere von Republicans, die nur dann „freie Marktwirtschaft“ brüllen, wenn es gerade einem Insider-Konzern in den Kram passt. Cantwell entfachte die Empörung der Südamerikaner, indem er in seinem eigenen T-Shirt-Design die Ermordung von Linken auf „Todesflügen“ mit Hubschraubern darstellte – eine gängige Praxis in Chile, Argentinien und anderswo während der Operation Condor in den 1970er Jahren.

Nachdem der 1973 von den USA gesponserte Putsch in Chile den neofaschistischen Diktator Pinochet an die Macht gebracht hatte, wurde er von den libertären Helden Milton Friedman und Fredrich Hayek besucht. In einem chilenischen Zeitungsinterview äußerte Hayek damals eine Meinung, die bis heute von vielen Libertären vertreten zu werden scheint – dass die Freiheit für Unternehmen in Entwicklungsländern wichtiger ist als die Freiheit für den Einzelnen -, als er sagte: „Persönlich ziehe ich einen liberalen Diktator einer demokratischen Regierung ohne Liberalismus vor.“

Russland versuchte ebenfalls, Libertarismus zu eigenen Zwecken zu benutzen, um im Ausland Stimmung zu machen. Murray Rothbard war eine groteske Kreatur, die Moskau immerzu in Schutz nahm. Ron Paul könnte genausogut als Sprecher des Kremls fungieren.

Diskussionen mit Radikallibertären, ob nun im privaten Umfeld oder im Internet, verlaufen im Prinzip alle ziemlich ähnlich, auf vorgestanzten Bahnen, weil die Radikal-Libertären sich die Argumentationstechniken von ihren Helden und Vorbetern abgeschaut haben. Die Dogmen, also beispielsweise die Forderung nach einem kompletten Boykott (partei-) politischer Aktivität oder die Forderung nach einer Aufweichung der Grenzen sowie die Forderung, dass selbst Islamisten und Kommunisten ihre eigene Justiz und Polizei aufbauen dürfen, werden abgestützt durch das Ober-Dogma: Das Verbot initiierender Gewalt bzw. Zwang. Man nennt es auch Nicht-Aggressions-Prinzip und es ist so simpel, das es einerseits monolitisch und einleuchtend wirkt, andererseits viel zu simpel ist für die reale Welt. Man hat es also zu tun mit einer zirkulären Argumentation. Dann benutzen Radikal-Libertäre in Diskussionen noch ständig ihre Luftschloss-Fantasie-Gesellschaft, ein gedankliches Utopia in dem alles wunderbar wie am Schnürchen funktioniert. Solche Utopias haben auch Kommunisten und Islamisten und taugen rein gar nichts als Argumente.

Die Maximierung der individuellen Freiheit und gleichzeitig der Sicherheit ist so ziemlich das schwierigste vorstellbare Endziel überhaupt. Es erfordert absurd hohe Anstrengungen auf einem weltweiten Maßstab und fast unmögliche Gratwanderungen, die noch größtenteils ungetestet sind.

Wer glaubt, dass dies mit Youtube, Mises und Bitcoin zu machen ist, der täuscht sich schwer.

Der Liberalismus liefert nur einzelne Puzzleteile für eine Wissenschaft der Freiheit, die noch gar nicht wirklich existiert. Liberale sagten zu mir in Debatten, sie bräuchten überhaupt nichts verstehen von militärischen Angelegenheiten, denn ihre einfachen Dogmen und Luftschlösser und Überredungskünste seien genug.

Ohne zielgerichtetes Wissen über Militär, Geheimdienste, Kriminologie, Geschichte und andere Gebiete ist Freiheit nie und nimmer machbar. Mit ideologischen Argumentationstricks kann jemand vielleicht im Internet auftrumpfen, aber letztendlich führt kein Weg daran vorbei, dass anständige Menschen mit einem breit aufgestellten Plan nach der Macht greifen und Menschen führen, ohne dabei in Psychopathie und Verbrechen abzudriften.

Zu mir sagten libertäre Anarchisten, sie würden sich notfalls 1000 Jahre Zeit lassen, um ihre Ziele zu verwirklichen mit den „gewaltfreien“ Mitteln der Überredung, aber sie wissen ganz genau, dass die Zeit davonläuft und die „Technologien der Tyrannei“ dem Liberalismus 100 Jahre voraus sind.

Zu viele Liberale huldigen immer noch Oligarchen und Konzernen, ohne diese zu verstehen. Das angloamerikanische Empire arbeitet seit Jahrhunderten mit Strohmännern und Geheimdiensten. Es gab noch nie einen Kapitalismus, der nicht vom Empire zum Großteil gesteuert wurde. Die Vorbilder für Ayn Rands Romanfiguren waren nichts anderes als Gauner einer weltumspannenden Mafia, die gleichzeitig den Sozialismus geschaffen hatte um die Menschen zu kontrollieren und zu beschäftigen.

Die Elite hielt den Liberalismus getrennt von anderen Wissenschaftszweigen, sodass seit Hayek und Mises kein großer Fortschritt mehr erzielt wurde. Man sponserte die Verbreitung von Unfug wie die Romane von Ayn Rand.

AlexBenesch
AlexBenesch
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