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So ticken Sahra Wagenknecht und Jürgen Elsässer wirklich

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Kommentar

Sahra Wagenknecht startet bald eine nationalbolschewistische Partei. Der Mix aus Sozialismus und Nationalismus ist der letzte Strohhalm der ostblock-affinen Kommunisten. Jürgen Elsässer, einst strikt antideutscher Kommunist, unterstützt die AfD, die ebenfalls zum Nationalbolschewismus tendiert, wie ihn der Russe Alexander Dugin bewirbt.

1996 veröffentlichten die beiden im konkret-Verlag „Vorwärts und vergessen? Ein Streit um Marx, Lenin, Ulbricht und die verzweifelte Aktualität des Kommunismus“. Die DDR war verlorengegangen, die UdSSR kaputt und China war noch kein ernstzunehmender Akteur und öffnete sich verstärkt für die westlichen Märkte. Zu allem Übel besetzten die SPD und die CDU die politische Mitte und einen erheblichen Teil des linken Spektrums. Mit klassisch linkem Kurs konnte man nicht mehr den Rebellen spielen.

Wagenknecht und Elsässer wechseln sich im Buch ab mit einzelnen Beiträgen. Gleich zu Beginn nennt sie die Wiedervereinigung einen „Anschluss der DDR“ durch den Sieger des Kalten Kriegs. Elsässer bemerkt, dass ohne Turbolader aus der UdSSR die Linken totale Schwächlinge sind, unfähig zu echten Veränderungen. Das Proletariat führt keinen echten Klassenkampf mehr. Dabei sei der Kommunismus wie die „Oase in der Wüste“. Also gilt für ihn Kommunismus oder Tod?

Für Wagenknecht trat die „bürgerliche Macht“ als „Besatzungsmacht“ auf gegenüber der DDR. Sie benutzt Begriffe wie „Annexion“ und „Fremdverwaltung“. Warum stellt sie nicht die Frage, weshalb die DDR als Staat so schwach war, dass die Bürger dort nach der Wiedervereinigung so hilflos waren und sich nicht behaupten konnten gegen den Ramschverkauf durch die neue Bundesregierung? Ohne sowjetische Panzer und Atomwaffendrohungen blieb keinerlei Macht mehr übrig. Trotz dieser desaströsen Schwäche sieht sie es als unbedingt notwendig an, einen „positiven Rückbezug auf die DDR“ zu propagieren für eine zukünftige „sozialistische Systemalternative“.

Elsässer sieht ein großes Problem bei dem Plan, die ehemalige DDR wiederaufleben zu lassen: Die sozialistische Regierung hatte versucht, „Antifaschismus mit Deutschnationalismus zu kombinieren“. Eigentlich sollte er wissen, dass ALLE sozialistischen Länder taktischerweise Nationalismus einwoben. Das kommunistische China preist sich selbst bis zurück ins Han-Imperium. Russland blieb immer ein römisches Imperium. Der ganze sowjetische Block der UdSSR startete laut Elsässer eine „Kampagne“ gegen „Kosmopoliten“ und „Zionisten“. Durch typisch deutsche Tugenden durfte der „häßliche Deutsche“ weiterexistieren. Elsässers Gruppe (in der Bundesrepublik) waren die Antideutschen die eine komplette Auflösung jeder Form Deutschlands anstrebten. Die aus dem Osten stammende Wagenknecht nimmt die SED in Schutz und proklamiert, dass der Kurs pragmatisch und alternativlos gewesen sei. Es folgt der ultimative Diss:

„Und sicher nicht nur ich bin froh, daß ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in einem anderen Deutschland verbringen konnte, als dem, in dem ich heute leben muß.“

Das heißt soviel wie, Elsässer als Wessi könne es sich nicht anmaßen, die SED (und vor allem indirekt die russische Führung) zu kritisieren und einen anarchistischeren Kommunismus zu predigen. Sie selbst ist durchaus offen für eine Verbindung von Sozialismus und Nationalismus:

Die deutsche Kulturgeschichte als Bewegung hin zum Faschismus darzustellen, heißt doch faktisch, die perfide Usurpation dieser kulturellen Tradition durch die deutschen Faschisten im nachhinein zu legitimieren und für rechtmäßig zu erklären.

Ihr Nationalbolschewismus nahm also spätestens 1996 Form an. Die konservativen Mächte und die USA sollen nicht die gewöhnlichen Leute wegfischen, sondern die Kommunisten sollen die Leute abwerben. Russland hatte dies auch früh erkannt und benutzt historische Argumente aus der Zarenzeit. Putin selbst sprach im Bundestag vier Jahre später vom russischen Hochadel aus Linien wie Hessen und Schleswig-Holstein.

Elsässer mag zwar heute den pro-russischen Kurs der AfD, aber Wagenknecht fürchtet, dass die US Republicans zuviel Einfluss auf die AfD gewinnen werden und dass die AfD letztendlich faschistisch ist.

Für Elsässer war 1996 der Nationalismus noch ein „Virus“ der das „Immunsystem der DDR“ zersetzte.

Wagenknecht will unbedingt die Lehre von Marx und Lenin „wiederherstellen“. Elsässer sah den Leninismus nur als „Kinderkrankheit“ des Sozialismus an. Die verschiedenen Experimente seien gescheitert; man sei vom Weg abgekommen. Einzig Nordkorea sei die Ausnahme. Die heutige Linke sei „Steinzeit“. Der Grund des Scheiterns der UdSSR sei gewesen, dass nicht genügend Elemente des Kommunismus integriert worden wären. Er möchte einen Sozialismus ohne Staat, Geld und ohne Markt. Er will also ein Luftschloss, die Fantasie die ohnehin nie funktionieren konnte und nie erst gemeint war. Die UdSSR war ein normales römisches Imperium mit rotem Lack dran. Pax Romana, in Form des echten Kommunismus, wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft verschoben. Das unrealistische Versprechen über einen Endzustand, ist das, was Elsässer als sofortige Praxis haben möchte. Er, der noch nie militärische und marktwirtschaftliche Realitäten selbst meistern musste, abgesehen von seinem holprigen Projekt des COMPACT-Magazins. Mit seinem Kurs hätte es ab 1917 keine nennenswerten Industrien in der UdSSR gegeben und somit auch keine UdSSR. Ohne die massiven Technologieverkäufe der USA war der real existierende Sozialismus nicht lebensfähig.

Die Russen hätten sich endlos zerstritten ohne Geld, Staat, Markt und Unterdrückung. In dem Moment, da man eine sozialistische Ordnung etablieren möchte, lösen sich sozialistische Wunschvorstellungen in Luft auf. Elsässer erkennt selbst an, dass die netteren Anarchisten keine Revolution zustande brachten, und gleichzeitig jene, denen Revolution und Macht gelungen war, überhaupt nicht nett waren. Irgendwie sollen beide Fraktionen „voneinander lernen“.

Wagenknecht hält dies für unrealistisch. Quasselei bringt keine Macht und Linke sind notorisch dafür, sich endlos zu zersplittern in (verfeindete) Kleingruppen und Kleinstgruppen. Wenn überall eigenwillige Räte alles kontrollieren würden, wären jene wie Firmen, die miteinander konkurrieren und Handel treiben. Auch Elsässer muss zugeben:

Wo Revolution gemacht wurde, wurde sie nicht mit Wahlen gemacht, sondern durch gewonnenen Bürgerkrieg – Rußland, China, Kuba usw.

Was er wie üblich nicht erwähnt, ist dass der Westen den Ausgang dieser Kriege bestimmen konnte.

Elsässer fordert „psychedelischen Bolschewismus“. Aktuell sind Psychedelika und Okkultismus in der rechten Szene en vogue; nicht zuletzt durch den Einfluss von Alexander Dugin. Man merkt, nach welcher Logik er später die radikalen Teile der AfD unterstützte: Die Leute sollen reingesogen werden in einen kompletten Lifestyle, der inkompatibel ist mit dem Rest der Gesellschaft. Zahmer Parlamentarismus sei zu schwach und zu systemkonform. Der Fetisch-Zauber von Nation und Familie, Geld und Staat solle gebrochen werden. Zwar predigt er heute diese Begriffe, aber er scheint zu wissen, dass Rechtsradikalismus zu Auflösungserscheinungen führt. AfD-Politiker sind sehr alt, der Osten hat ein Demografieproblem, Radikalismus ist schlecht für die Wirtschaft und Radikale haben es schwer, Partner zu finden und stabile Familien zu führen. 1996 wollte Elsässer noch Kommunen, schwule Pärchen und Alleinerziehende. Weil dies bessere Menschen hervorbringt? Oder weil er dachte, dass es Zersetzung bot?

Ist die AfD für Elsässer schlichtweg Zersetzung? Wenn Deutschland kollabiert wegen Establishment-Politik und schräger Rebellen-Politik, wäre der Boden reif für eine Revolution. Der Ostblock böte seine Hilfe an und letztendlich könnte alles in Kommunismus münden.

Elsässer taugt(e) letztendlich nur für Zersetzung, nicht für die Heranbildung eines kommunistischen Regimes. Er will eine „Maximierung des Genusses“, die unzähligen Kommunen sollten alle Uhren wegwerfen. Wagenknecht klingt hingegen pragmatisch, eigentlich ziemlich deutsch, wenn sie stattdessen Effizienz fordert, weil eine Gesellschaft der Kommunen á la Elsässer bald nichts mehr besäße, was man genießen kann.

Man merkt, dass kommunistische Bestrebungen immer auf Regime hinauslaufen werden. Es würden sich die Ereignisse der Vergangenheit wiederholen: Anarchistischere Linke würden eine Zeit lang benutzt und dann abserviert, umerzogen oder vernichtet werden.

Elsässer klammert sich an die marxistische Arbeitswerttheorie, kurz nachdem er Genuss-Maximierung, die Eliminierung von Staat und Geld, sowie das Wegwerfen von Uhren gefordert hat. Wie will man einen Arbeiter entlohnen, der auf Genuss aus ist und keine Uhr hat? In einer Kommunen-Gesellschaft würde schnell Mangel entstehen, der nur behoben werden könnte durch Effizienz, Markt und Zwang. Elsässer und Wagenknecht sind in einem Paradox gefangen. Sie wissen, wie unglaublich effektiv der Westen war, aber denken, dass Individualismus, Privatbesitz und Handel der Ursprung des Bösen seien. Wie wollen die beiden aber den Wert einer Arbeitsstunde und eines Produkts bemessen? Wie will man die Zufriedenheit einer Person messen, die eine Ware erhält und benutzt, oder die eine Stunde einer bestimmten Arbeit verrichtet? Das ist schließlich subjektiv. Und dann haben wir noch die Subjektivität der Staatsbeamten, die laut Wagenknecht alles steuern sollen. Wie soll ein sozialistischer Staat messen, welche Ware in welcher Qualität produziert werden soll und wer wie für seine Arbeit entlohnt werden soll? Linke Regime müssen zählen, messen, Effizienz erzeugen und MÜSSEN einen Mehrwert (Profit) erwirtschaften. Weil ansonsten geht alles abwärts. Linke Regime achten in der Realität darauf, dass der Bürger eine bestimmte Anzahl an Kalorien pro Tag erhält, irgendein Dach über dem Kopf hat, Freizeitangebote und Kleidung. Der Grad der Loyalität des einzelnen Bürgers und seines Nutzens für das Regime wird belohnt mit besserer Versorgung. Ansonsten wird nur über die Geheimdienste die Unzufriedenheit in der Bevölkerung gemessen.

Karl Marx war notorisch schlecht im Ungang mit Geld und er diente wahrscheinlich als Agent der adeligen Geheimpolizei.

Zum Schluss geht es noch einmal um Nationalbolschewismus. Die Dresdner PDFS-Frontfrau Christine Ostrowski verfasste 1996 einen Brief, in dem eine völkische Programmatik gefordert wurde, bodenständiges Klein-Unternehmertum, Abschottung der Grenzen usw. Die Zeitung Junge Freiheit raunte, eine solche Partei könnte in ganz Deutschland Fuß fassen. Für Wagenknecht war das nur eine Randerscheinung. Die PDS war noch optimistisch. Jetzt ist der Nationalbolschewismus der letzte Strohhalm.

Aber wie lange kann sich Wagenknechts neue Partei halten, wenn es zum Krieg kommt gegen China und Nordkorea? Wie diskreditiert ist dann der Ost-Kommunismus? Und fischen im bürgerlich-konservativen Gewässer kann auch die neue Partei von Maaßen.

AlexBenesch
AlexBenesch
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