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Das sind „nicht-tödliche“ chemische Kriegswaffen

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Am 23. Oktober 2002 stürmten etwa 50 tschetschenische Terroristen das Theaterzentrum Dubrowka in Moskau und nahmen etwa 800 Geiseln. Die Terroristen waren schwer bewaffnet und besaßen große Mengen Sprengstoff. Als die Verhandlungen mit den russischen Behörden ins Stocken gerieten
setzten die Russen ein Gas ein, um das Theater zurückzuerobern und die Geiseln zu retten. Alle Terroristen wurden getötet, aber mindestens 125 Geiseln starben an den Folgen des Gases. Die russischen Behörden machten damals keine Angaben zur Art des Gases, was bedeutete, dass das medizinische Personal die Opfer nicht ordnungsgemäß behandeln konnte. Später wurde enthüllt, dass ein mit Fentanyl verwandter Stoff verwendet worden war, also ein extrem starkes Opiat.

Die Frage, ob Fentanyl und der Einsatz von anderen Beruhigungsmitteln überhaupt gegen das Chemiewaffen-Verbot verstoßen, ist schwierig. Beispielsweise ist Fentanyl nicht in den Verzeichnissen des Verbots aufgeführt und seine Verwendung fällt möglicherweise unter „nicht verbotene Aktivitäten“ im Rahmen des Übereinkommens.

Das Chemiewaffenübereinkommen von 1993 und das Biologiewaffen- und Toxinwaffenübereinkommen von 1972 wurden mit Blick auf eine begrenzte Anzahl „traditioneller“ CBW-Kampfstoffe ausgehandelt, die im Rahmen staatlicher Programme entwickelt wurden, aber heute erleben wir wahrscheinlich einen grundlegenden Wandel. Neue Forschungen wurden teilweise durch den Theater-Vorfall im Jahr 2002 angeregt.

Es gibt Reizstoffe, Beruhigungsmittel und auch Psychedelika, die Halluzinationen hervorrufen. Neuere Substanzen setzen Soldaten für Stunden oder Tage außer Gefecht.

Beruhigungsmittel führen laut den vom US-Militär untersuchten Stoffen zu einem schnellen Einsetzen der Symptome – nach einer Minute beim Einatmen und drei bis fünf Minuten nach der Aufnahme durch die Haut.

DM, auch bekannt als Adamsit, gehört zu den „Brechmitteln“. Es wurde von mehr als einer Forschungsgruppe im Ersten Weltkrieg synthetisiert und ist nach Roger Adams benannt, der seine Synthese 1918 perfektionierte. Zuletzt wurde es in den 1960ern im Vietnamkrieg eingesetzt. Im Jahr 2003 wurde berichtet, dass Nordkorea größere Mengen des Stoffes produziere und einlagere. Nach der Verzugszeit setzen zunächst Speichelfluss und Absonderung von Nasensekret ein, es folgen Husten und Niesen, Übelkeit und Erbrechen und schließlich Stirnhöhlenschmerzen, Atemnot und starke Schmerzen hinter dem Brustbein, die sich nach Entfernung des Betroffenen aus der vergifteten Atmosphäre oft noch verstärken, stundenlang anhalten und bei dem Vergifteten Angstzustände hervorrufen können.

Ein handlungsunfähig machender Stoff ist ein chemischer Wirkstoff, der einen vorübergehenden Behinderungszustand hervorruft, der noch Stunden bis Tage nach der Einwirkung des Wirkstoffs anhält. Es gibt olfaktorische Agenzien, blasenbildende, reizende oder übelkeitserzeugende Agenzien, psychochemische Substanzen, Stimulanzien, Depressiva, Psychedelika und Deliriummittel. auch Psychedelika wie z.B. LSD war für das US-Militär von großem Interesse und wurde 1959–65 auf seinen Einsatz getestet.

Phenethylamin ist eine Substanz, von der angenommen wird, dass sie als Neuromodulator oder Neurotransmitter wirkt. Wenn Phenethylamin enthaltende Lebensmittel in ausreichender Menge verzehrt werden, kann es zu psychoaktiven Wirkungen kommen.

Anticholin-Ergika blockieren die Wirkung von Acetylcholin entweder im peripheren oder im zentralen Nervensystem. Die bekanntesten Anticholinergika sind Atropin und Scopolamin.

Militärwissenschaftler arbeiteten an V-Agenten (einer Kategorie von Organophosphor-Nervenkampfstoffen) und ihre Ergebnisse stießen in den britischen und US-amerikanischen Militärforschungseinrichtungen auf Begeisterung.

Forschungen zu krampflösenden bizyklischen Alkoholen führten zur Entwicklung einer Reihe von Nicht-Barbituat-Tranquilizern und Antispasmodika. Diese Studien führten auch zur Synthese und Verwendung von 3-Chinuclidinyl als Waffe.

Benzylat (BZ) blockiert die Wirkung von Acetylcholin sowohl auf das periphere als auch auf das zentrale Nervensystem. Es stimuliert die Wirkung von Noradrenalin im Gehirn auf ähnliche Weise wie Amphetamine und Kokain. BZ löst auch Halluzinationen aus und beruhigt diejenigen, die ihm ausgesetzt sind. Delir ist häufig. BZ wurde zwischen 1962 und 1964 im Pine Bluff Arsenal in Arkansas als Waffe gelagert. Im Zeitraum 1959 bis 1975 sollen ca. 2800 Soldaten mit BZ kontaminiert worden sein. In dieser Zeit wurden auch vergleichende Tests mit LSD durchgeführt. Schnell stellte sich aber heraus, dass 3-Chinuclidinylbenzilat im Gegensatz zu LSD sehr viel besser als Kampfstoff einsetzbar ist. Zuerst stellen sich Kopfschmerzen, Verwirrung, Halluzinationen, dann Angstzustände, Konzentrationsstörungen, allgemeine Unruhe im Wechsel mit apathischen Phasen ein. Nach kurzer Zeit ist der Betroffene in einem Zustand völligen Realitätsverlusts. Er hat keinen bewussten Kontakt mehr zu seiner Umwelt. Die durchschnittliche Wirkungsdauer beträgt drei Tage. Es ist aber bis zu sechs Wochen lang ein Rückfall einzelner Symptome möglich. Von betroffenen Soldaten wurde berichtet, dass es in Einzelfällen zu dauerhaften Wesensänderungen kam. Nach Angaben des Journalisten Pierre Darcout wurde BZ im Vietnamkrieg angewendet. Der holländische Schriftsteller Wil Ververy berichtet von fünf Einsätzen in Vietnam.

Weitere Verbindungen, die auf eine mögliche Verwendung als handlungsunfähig machende Mittel untersucht wurden, waren Kokain, Amphetamin, Dexamphetamin, Methamphetamin, Meskalin, Psilocybin und Phenylcyclidin (PCP). Der Begriff „Beruhigungsmittel“ (ein militärischer, kein wissenschaftlicher Begriff) umfasst psychoaktive Substanzen, die Wirkungen hervorrufen, die von Bewusstlosigkeit bis hin zu Halluzinationen reichen. Der Einsatz von Beruhigungsmitteln durch das Militär erhöht deren Akzeptanz und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eingesetzt werden. Die Pennsylvania State University untersuchte ausgewählte Beruhigungsmittel, darunter Benzodiazapine, alpha-adrenerge Rezeptoragonisten, Dopamin-D3-Rezeptoragonisten, selektive Seratonin-Wiederaufnahme, Opioidrezeptoren und Mu-Agonisten,

Die Forschung des Militärs und der Strafverfolgungsbehörden konzentrierte sich auf kampfunfähig machende Mittel, Beruhigungsmittel und Antimaterialmittel. Bei den untersuchten Anti-Material-Wirkstoffen handelte es sich in der Regel um Mikroben, die genetisch verändert wurden, um Enzyme zu produzieren, die Substanzen wie Schmierstoffe, Kraftstoffe, Farben, Kunststoffe und sogar Zement abbauen können. Das von den BTWC-Verhandlungsführern festgestellte Problem bestand darin, dass die Entwicklungen in den Biowissenschaften den Fokus von Krankheitserregern und Toxinen, die in früheren staatlichen Militärprogrammen entwickelt wurden, auf Auswirkungen auf biochemische Prozesse im Körper verlagert haben.

In den Neurowissenschaften beispielsweise gibt es mittlerweile detaillierte Kenntnisse über die Peptid-Neurotransmitter, die neben Acetylcholin an der chemischen Übertragung durch das Nervensystem beteiligt sind, und die Genomik hat zum Verständnis verschiedener Rezeptorsysteme geführt.

Mögliche besorgniserregende Bioregulatoren sind unter anderem Zytokine, Eicosanoide (eine Art Signalmolekül), Neurotransmitter und Hormone. Neurotransmitter spielen eine Rolle bei der Regulierung von Bewusstsein, Wahrnehmung, Rezeption und Angst. Neurotransmitter kommen natürlich vor, es gibt aber auch synthetische Analoga und sie wurden in die von der Pennsylvania State University durchgeführte Studie einbezogen. Es ist klar, dass aus Pflanzenpathogenen neue biologische Kampfstoffe hergestellt werden können und es ist möglich, gezielt einen Krankheitserreger zu entwickeln, der für eine Vielzahl von Organismen tödlich ist.

https://www.sipri.org/sites/default/files/files/PP/SIPRIPP23.pdf

AlexBenesch
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