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Wenn Russland freiheitlich werden würde, dann…..

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Es ist vielleicht eines der wichtigsten Gedankenexperimente: Was würde eigentlich theoretisch passieren, wenn Russland freiheitlich-republikanisch wird?

  • Die Produktivkräfte des russischen Volkes könnten endlich freigesetzt werden. Die Wirtschaft würde nicht länger leiden durch das Aussaugen krimineller Netzwerke und Oligarchen, die Ineffizienz würde neuem Reichtum für alle weichen. Mehr Wohlstand für alle bedeutet wiederum mehr notwendige Mittel, um die eigenen Interessen durchsetzen zu können
  • Das Gesundheitsniveau und das Bildunsgniveau würden drastisch steigen. Es würden endlich mehr Kinder geboren werden. Die Russen wären dann kompatibler mit den Europäern.
  • Ein gerechtes Steuersystem und das graduelle Verschwinden der organisierten Kriminalität würde ausländische Investoren, Unternehmer und qualifizierte Migranten anlocken. Russland würde blühen.
  • Die NATO hätte keinen Vorwand mehr, um hemmungslos zu rüsten und politisch alles zu zentralisieren
  • Staaten würden endlich freiwillig produktive Partnerschaften mit Russland eingehen, wie beispielsweise Deutschland

RZ-Vorabend.cdrAuf absehbare Zeit allerdings wird eine solche Wandlung leider nicht passieren. Die russische Bevölkerung hat keine Möglichkeiten mehr, die eigenen Interessen gegen die Obrigkeit durchzusetzen. Westliche Bürger, die der NATO kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, unterstützen leider in aller Regel leidenschaftlich die russischen Oligarchen, Putin und das organisierte russische Verbrechen. Russische Dissidenten wurden vom Westen eiskalt im Stich gelassen.

Wer heute 50 Jahre alt ist, war auf dem absoluten Höhepunkt des Kalten Krieges, Mitte der 1980er Jahre, gerade einmal erwachsen geworden. Jeder, der heute jünger ist als 50, hat demnach den Ost-West-Konflikt dieser Zeit gar nicht bewusst selbst erlebt, sondern kam nur später mit einem Schatten davon in Berührung; mit Erwähnungen im Schulunterricht, Denkmälern und TV-Dokus. Seit wenigen Jahren ist der Kalte Krieg aber Top-Thema in der Popkultur und kann nachvollzogen werden in Computerspielen der Call of Duty-Reihe, Fernsehsendungen wie „The Americans“ und Hollywood-Filmen wie „Bridge of Spies“. Auch der bekannteste Agent der Kinogeschichte, James Bond, soll künftig nach den Wünschen der Produzenten im Retro-Stil wieder in Geschichten aus der Zeit des Kalten Kriegs agieren.

Die älteren Generationen hatten den Kalten Krieg spätestens 1991 erleichtert abgehakt und danach fast ein Vierteljahrhundert lang größtenteils ignoriert, was in Russland vor sich ging, denn unsere Politik und unsere Medien feierten den historischen Sieg und bastelten an dem Konzept einer Weltregierung, in der Washington und Moskau zusammen Weltpolizei spielen sollten.

Für die Jüngeren war Russland ein weißer, unbedeutender Fleck auf der Landkarte, bis 2014 die Ukrainekrise losbrach und sich die Illusion der Kooperation von Ost und West in Luft auflöste. Die amerikanischen Neokonservativen, 9/11 und die folgenden Kriege hatten frühzeitig fast die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, sodass sich im Westen kaum jemand interessierte für Russlands koloniale Abenteuer in Tschetschenien und Georgien. Gerade jüngere Menschen begannen erst nach 9/11, sich wirklich für Geopolitik zu interessieren und verschlangen die Bücher, Blogeinträge und Dokufilme von Autoren, die oft in der Vergangenheit kommunistische Propaganda verbreitet hatten. Selbstredend lernten die jungen westlicher Bürger von solchen zwielichtigen Autoren nichts Enthüllendes über die letzten 100 Jahre russischer Machtpolitik. Die alte Garde aus moskau-hörigen Schreiberlingen beeinflusste leider darüber hinaus noch die nachfolgende Generation an Bloggern und Autoren. Unsere Massenmedien behandelten bis 2014 russische Dissidenten und Russlandkritiker, als seien sie radioaktiv, und sogar Morde an Dissidenten in Europa führten zunächst kaum zu ernsthaften Ermittlungen. Wladimir Putin adaptierte die neokonservative Masche von George W. Bush und trieb sie auf die Spitze. Alles, was Bush nie verziehen wurde von den Europäern, wird heute von vielen Linken und Konservativen im Zusammenhang mit Putin gefeiert oder doch zumindest entschuldigt: Der harte und mit illegalen Methoden geführte Krieg gegen den Terror, imperiale Kriege, Vetternwirtschaft, die Vermischung von Staat und Kirche sowie ein Personenkult. Moskau dürfe alles, sei die bessere Weltpolizei und würde sich immerzu nur verteidigen, nie angreifen.

Torsten Mann war immer ein seltener Lichtblick gewesen in einem trüben Ozean aus billigem Agitprop; seine Bücher und Artikel ihren Weg fanden in das Bewusstsein der Menschen, während die Russland-Propagandisten schrittweise Wladimir Putin von einem konstanten Beigeschmack zum absoluten Mittelpunkt ihrer Botschaft und zum universellen Lösungsansatz machten. Egal welches Problem, Putin wird es lösen.

Fast ausschließlich die Leser von Torsten Mann in Deutschland wissen von der russischen Langzeitstrategie und haben einen Überblick über die Berge an Literatur der wichtigen sowjetischen Überläufer. Ohne Torsten Mann müssten wir in Deutschland bei den meisten Menschen im Prinzip bei Null anfangen, und das in einem Klima, in dem die zweifelhaften Massenmedien wegen der „veränderten Sicherheitslage“ seit 2014 kritisch über Russland berichten, ohne ein ehrliches Gesamtbild zu liefern. Jenes Publikum, welches seit 9/11 bearbeitet wird von altkommunistischen oder anderweitig moskauhörigen Autoren, glaubt natürlich reflexartig, dass jeder erklärte Gegner der westlichen Politik gut und anständig sein müsse.

Ich bin hocherfreut, zusammen mit Torsten Mann das Buch „Am Vorabend der Weltrevolution“ geschrieben zu haben und dem Publikum damit sehr, sehr viel Zeit und Irrtum ersparen zu können. Die ursprünglichen Veröffentlichungen von Mann stellten nur einen Bruchteil seines Wissens und seiner Analysen dar und waren vom Verlag auf ein überschaubares Maß begrenzt worden. Manche wollten in den Folgejahren die russische Langzeitstrategie ignorieren oder als uralten Plan noch viel älterer KPdSU-Dinosaurier abkanzeln, während sich vor unseren Augen exakt das abspielte, was vorhergesagt wurde. Ich selbst verwendete bis 2010 maximal 10% meiner Aufmerksamkeit auf Russland, danach steigerte sich dieser Anteil stetig auf rund 50%. Selbst wenn sich ein Leser durch all das zugrundeliegende Datenmaterial hindurcharbeiten würde, so müsste er feststellen, dass keines der bekannten Enthüllungsbücher über Russland auch nur annähernd ein solch umfassendes Gesamtbild liefern kann wie „Am Vorabend der Weltrevolution“. Die großen Überläufer durften und dürfen mit ihren Ko-Autoren nichts veröffentlichen, das der Geheimhaltung unterliegt oder der aktuellen politischen Windrichtung diametral entgegenläuft. Vor der Ukraine-Krise waren Russland-Bücher meist Ladenhüter, aber seitdem gibt es eine Fülle an Neuerscheinungen, die sich fast immer in zwei Kategorien aufteilen: Schamlose Russlandpropaganda, die im Prinzip das wiederholt, was die östlichen Geheimdienste auf das westliche Zielpublikum zugeschnitten haben, sowie schamlose NATO-Propaganda, welche zwar verspätet manche Aspekte der russischen Strategie enthüllt, aber gleichzeitig verschleiert, wie westliche Nationen mit Krediten, Appeasement und Technologieverkäufen Moskau zu der heutigen Bedrohung machten, vor der nun die Welt gerettet werden soll.

Team Ost gegen Team West, heißt es nun. Welche Supermacht hätten Sie denn gerne als Retter?

So etwas wie „Rettungsaktionen“, in der Form wie sich Putin-Gläubige das vorstellen, gibt es praktisch nicht in der dokumentierten Geschichte. Wenn eine Nation schwach ist und eine andere Nation von dieser Schwäche profitieren kann, dann sehen wir eine Machtverschiebung oder gar eine Eroberung, keine Rettung. Auch der syrische Diktator Assad wurde nicht »gerettet« durch die russische Intervention, sondern die Russen übernahmen denjenigen Teil von Syrien, der militärisch zu halten war. Russland hat bereits erklärt, dass man von den Assads erwartet, dass sie die Koffer packen und ins luxuriöse Exil gehen. Osteuropa wurde damals von der roten Armee auch nicht »gerettet«, sondern erobert. Südvietnam wurde von den Nordvietnamesen nicht gerettet. Kuba ist durch die Kommunisten und den KGB auch nicht gerettet worden.

Der Putin-Erlöserkult hat völlig irrationale Auswüchse und Luftschlösser hervorgebracht und jede Logik verdrängt. Es wird sogar gehofft, dass Putin den europäischen Konservativen Atomraketen geben würde, um die Souveränität der Länder Europas zu gewährleisten. Vergessen sind die langen Gesichter der Ukrainer, die nach dem Fall der Sowjetunion brav ihre Atomwaffen abgegeben hatten im Tausch gegen hohle Versprechungen, die ukrainische Unabhängigkeit fortan zu respektieren. Man findet kaum ein Land wie Russland, dass die Souveränität anderer Länder dermaßen mit Füßen getreten hat. Und ausgerechnet von Russland erhofft man sich genau die eine Sache, die man niemals bekommen wird. Die Putin-Fans müssen sich nur Venezuela im Jahr 2016 ansehen um sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, den Sozialismus und die Solidarität von China und Russland zu genießen. Wo bleibt sie denn, die große Rettung Venezuelas? Wo sind die Notkredite, die Lebensmittellieferungen und die Atombomben? Was ist denn aus den vollmundigen Versprechungen Russlands an die griechischen Kommunisten von Syriza geworden über Notkredite und die Rückkehr zur Drachme? Fühlen sich die Bürger der Krim jetzt immer noch »gerettet«, da eben doch keine Faschistenhorden aus Richtung Kiew im Anmarsch waren und jetzt die russische Misswirtschaft alles in den Sand setzt? Freuen sich die Vietnamesen, Malaysier, Philippiner und anderen Anrainer des südchinesischen Meeres schon auf eine mögliche »Befreiung« durch China? Während die Propaganda von einem gewaltigen NATO-Aufmarsch in Osteuropa fabuliert, geben russische Think Tank-Strategen zu, dass die winzigen Aufstockungen »aus militärischer Sicht keine Bedeutung« haben.

Die russische Propaganda hat ein ideologisches Frankenstein-Monster geschaffen, mit dem man Pseudo-Demokratie, Zarismus, eine geheimdienstlich gesteuerte Staatskirche, sozialistische Planwirtschaft, Sowjet-Nostalgie, Faschismus und Slawen-Herrenmenschenideologie unter einen Hut bekommen will. Russland sitzt gleichzeitig strategisch in der Zwickmühle: Hat man keine erfolgreichen Eroberungen vorzuweisen und auch keine wirtschaftliche Stabilität, dann verliert die europäische Rechte den Glauben an die Rettung durch Russland. Je mehr Eroberungen Russland jedoch durchführt, umso dünner wird die Luft für die europäischen Rechten, weil die Verbreitung von russischer Propaganda dann zunehmend als psychologische Kriegsführung und Subversion gewertet und unter Strafe gestellt werden kann.

Die Russen experimentieren mit der technologischen Hybrid-Kriegsführung mit einem gewissen Erfolg, aber ich halte eine größere russische Einflussnahme in Europa nur möglich durch klassische Invasionen und Sabotage. Die Krim wurde nicht »heimgeholt« durch Blogger und Aktivisten, sondern von uniformierten Kämpfern und gepanzerten Fahrzeugen. Ich halte es für durchaus realistisch, dass die russische Armee kurzfristig bis einschließlich Polen und Nordeuropa vorrücken wird. Die Europäer sind dermaßen abgestumpft, dass nicht einmal die Krim-Eroberung samt Atomwaffendrohung Putins einen ausreichenden Wachrüttel-Effekt hatte. Vielleicht ist die NATO deshalb so zögerlich bei der Verteidigung des Baltikums und der Aufrüstung der Ukraine, weil man einen Schockmoment in naher Zukunft braucht. Wie weit wird sich dieser Schockmoment aber nach Westen ausdehnen?

Man muss sich aber auch fragen, weshalb die Appeasement-Politik des NATO-Blocks nach 1991 so umfassend und absurd war. Selbst Garri Kasparow vertritt die halbherzige These, westliche Mächte seien zu naiv und gierig auf russisches Business gewesen.  Ein Blick auf die über tausendjährige Geschichte Russlands reicht aber um zu wissen, dass auf Schwäche-Phasen und ein Nachlassen des Drucks immer eine Stärke-Phase und eine gewaltige Erhöhung des Drucks folgten.

AlexBenesch
AlexBenesch
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