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Inside Recentr: Wie wir funktionieren, was 2014 kommt

Datum:

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Von Alexander Benesch

Von all den Fragen, die uns erreichen, drehen sich so manche darum, wie das eigentlich ist, Recentr zu betreiben und was unsere nächsten Ziele sind. Sie wollen es wissen, hier sind die Antworten!

„Wie ist das so? Wie sieht euer Tag aus?“

Recentr ist selbstständige Selbstausbeutung in der Erwartung, irgendwann wieder ein Leben zu haben. Es hat leider nichts zu tun mit der Fantasie, „schnelles Geld im Internet zu machen“, spät aufzustehen und den halben Tag Youtube-Videos zu gucken. Die Chefs sind ich und meine Frau Sonja, die inzwischen zum zweiten Mal schwanger ist. Der einzige Grund, warum es immer noch Recentr gibt, ist dass wir seit Jahren sieben Tage die Woche bereit sind, für einen Stundenlohn unter dem geforderten gesetzlichen Mindestlohn zu arbeiten, ohne freie Wochenenden, ohne Urlaub, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und andere Annehmlichkeiten. Wenn jemand von uns für einen halben Tag ausfällt, bleibt die Arbeit liegen. Die Attraktivität dieses Jobs tendiert also gegen null. Trotzdem gibt es Leute da draußen ohne jede echte Erfahrung, die ihn trotzdem gerne hätten.

Wenn der Job angeblich so begehrenswert ist, warum macht ihn dann sonst fast niemand?

Ich bin kein 57-jähriger kinderloser Alleinstehender, der sein Publikum über Familien belehren will. Ich bin auch niemand, für den unternehmerisches Handeln eine theoretische Angelegenheit ist, die sich in libertären Büchern toll anhört. Der Arbeitstag beginnt zwischen 6 und 7 Uhr morgens und endet bestenfalls um 19 Uhr, dümmstenfalls um Mitternacht. Ist unsere dreieinhalbjährige Tochter krank, leidet natürlich der Schlaf, ohne dass jemand am nächsten Tag länger schlafen kann. Kind Nummer zwei folgt im September wenn alles glattläuft. Das mit Kindern kann natürlich auch nur derjenige verstehen, der welche hat.

Also ist nichts mit Herumlungern vor dem „Internet“.

„Wie ist das, den Recentr-Shop zu betreiben?“

Einen Einzelhandel zu führen ist von vorneherein wesentlich aufwändiger und riskanter als eine Webseite zu betreiben. Man muss ein fehlerfreies System haben, maßgeschneiderte fehlerlose Rechtstexte müssen erstellt werden wie Datenschutzerklärung, Rückgaberecht, AGBs. Stimmt irgendwo etwas nicht, kann man einfach abgemahnt werden. Auch bei einer Webseite haftet man für jeden einzelnen Satz, für jedes Bild, einfach alles. Wer bei der Technik und Konfiguration und der Rechtslage irgendwelche Schulungen braucht oder ständig auf die Hilfe anderer Dienstleister angewiesen ist, der geht da schnell unter.

Die größte Herausforderung ist die Masse: Wir haben tausende Kunden, im Moment rund 1000 Produkte im System, wir können aber tausende weitere liefern. Außerdem haben manche Artikel bis zu 70 verschiedene Varianten, also unterschiedliche Farben, Größen, Stoffe usw. Jeder Hersteller hat seine Eigenheiten, stammt aus einem anderen Land, hat andere Modalitäten, andere Ansprechpartner und Verfahrensweisen. Manche stellen sich das im Ernst so vor, dass man einen Karton vom Hersteller angeliefert bekommt, schnell seinen eigenen Aufkleber draufpappt, ihn an den Endkunden weiterschickt und 50% Gewinn kassiert. Wenn es so toll und einfach wäre, würden 90% der Menschen im Einzelhandel arbeiten.

Als Händler muss ich Mehrwertsteuer abführen, Umsatzsteuer, Gewerbesteuer und dann noch Einkommenssteuer. Ich muss sogar im Ernst Abgaben zahlen an eine „Künstlersozialkasse“, wenn ich von jemandem Dienstleistungen einkaufe, die mit Medien zu tun haben. Von einem verkauften Produkt bleibt uns vielleicht 20% oder weniger des Endverkaufspreises. Von diesen 20% müssen wir dann noch alle Löhne bezahlen, für Lieferkosten und externe Buchhaltungsarbeiten bezahlen, für einen Anwalt wenn man ihn braucht, für Hosting, Technik und Strom, Berge an Verpackungsmaterial usw.

Von dem was dann übrig bleibt, sollen wir dann noch Medien produzieren, mit denen wir die Leute beschenken und wir müssen investieren in Werbung und andere Dinge. Es ist eigentlich ziemlich absurd, aber wenn wir lange genug durchhalten, dann haben wir irgendwann unser Leben zurück.

Wir müssen konkurrieren mit Unternehmen, die teilweise 50 Millionen € Umsatz pro Jahr und 100 Mitarbeiter haben. Das gelingt nur, wenn wir uns selbst gnadenlos ausbeuten und in der Lage sind, sehr effektiv und schnell Aufgaben zu erledigen, gute Entscheidungen zu treffen. Wir sind wesentlich flexibler und kennen jeden Aspekt von dem, was wir tun, in und auswendig. Außerdem bieten wir unseren Kunden Informationen und einen Service, den sie anderswo nicht bekommen.

Sehr große Konkurrenten von uns, die zum Teil ähnliche Hersteller im Sortiment haben, konzentrieren sich beispielsweise auf den Behördenmarkt. Es gibt aber nicht sonderlich viele Beamte aus Sondereinsatzkommandos oder deutsche Soldaten die im Ausland im Einsatz sind. Andere präsentieren sich als Shop für Abenteurer oder Urlauber. Bei uns stehen andere Dinge im Mittelpunkt: Fitness, Wissen, Ausrüstung und Kleidung und Vorräte, die sowohl für den Alltag taugen als auch für Ausnahmesituationen.

Wer irgendwo bei gewöhnlichen Händlern online einauft, der bezahlt ohne es zu merken, die Massenmedien dabei mit. Denn die Händler werben ja in den großen Medien, die wiederum ohne die Werbeeinnahmen nicht funktionieren könnten. Also ist es für uns das Naheliegendste, dass Leute bei uns kaufen, was sie brauchen, und dabei gleichzeitig anständige Medien finanzieren.

„Warum macht ihr überhaupt den Recentr Shop? Warum nicht 100% Medien?“

Bis einschließich 2012 hatten wir den Schwerpunkt auf Medien, der Recentr Shop war auf dem zweiten Rang. Inzwischen hat sich das deutlich verschoben. Das Ganze hat einen einfachen Grund: Im Netz sind Medien praktisch nicht refinanzierbar. Wenn irgendein Blog erzählt, er hätte 50 Millionen Aufrufe in ein paar Jahren erreicht, dann heißt dann gar nichts. Die hälfte davon sind Fake-Aufrufe, der Rest wird von ein paar wenigen Tausend regelmäßigen Lesern im Laufe der Zeit zusammengeklickt. Von den paar wenigen Tausend Leuten ist dann wiederum ein Promille pro Tag bereit, irgendetwas zu bezahlen. Es ist völliger Irrsinn. Der Beruf ist abseits der großen Mainstream-Blätter und Sender nichts anderes als unbezahlte ehrenamtliche Tätigkeit und von Facebook-Likes kann niemand leben.

Selbst die größten Zeitungen haben online nie ein Plus eingefahren, sondern die Online-Sparte liegt der Printpublikation auf der Tasche. Je mehr Leute die Online-Artikel lesen, umso weniger kaufen sie aber wieder die gedruckte Zeitung oder das Magazin. Es wird herumexperimentiert mit FacebookLikes oder Shares, wo man erst nach dem Liken den Artikel lesen darf. Das bringt auch kaum etwas.

Selbstverständlich gibt es noch den Bodensatz der Online-Medien da draußen, die Blogs von Amateuren die eigentlich gar keine Zeit haben irgendeine politische Frage abzuarbeiten, die verrückten arbeitslosen Schreiber, die Copy&Paste-Helden usw.

Stellen sie sich vor, sie wollen eine Redaktion mit insgesamt 10 Mann, was noch sehr klein ist. Darin enthalten ist ein Buchhalter, die Dienste eines Juristen, ein Sekretär/-In. Da landet man schnell bei einer halben Million € an Personalkosten im Jahr. Um das mit Werbung wieder reinzuholen, bräuchte man hunderttausende individuelle Leser, was nicht realistisch ist. Da ist dann aber noch kein einziger Flug bezahlt, keine Hotelübernachtung, keine Kaffemaschine, nichts.

Um also überhaupt unserem Publikum jeden Tag Medien bieten zu können, brauchen wir den Recentr Shop. Gleichzeitig ist dieser auch etwas, was mir sehr am Herzen liegt und nicht nur Mittel zum Zweck. Jetzt, Anfang 2014, arbeiten bei uns 5 Leute ausschließlich für den Recentr SHOP, während nur einer, nämlich ich selbst, für die Medien zuständig bin. Gleichzeitig muss ich aber die Technik des Shops regeln, mich um das Angebot kümmern und zig andere Dinge Regeln. Also selbst ich kann nicht 100% meiner Zeit den Medien widmen. Das ist das Ergebnis der Umsonstmentalität im Netz. Das ist die Situation, vor die der „freie Markt“ uns stellt. Ein Beitrag wie die dreiteilige Rezension von „Mehmets“ Biographie beispielsweise kann locker 15 bis 20 Stunden Arbeit verschlingen. Buch lesen mit Markierungen und Anmerkungen plus Schreiben, editieren, korrigieren. Auf anderen „alternativen“ Seiten haben Leute gar nicht das Buch gelesen, sondern nur kurz ein bisschen kommentiert. Die meisten Blogger lesen gar keine Bücher im Jahr, oder vielleicht höchstens eine Handvoll. Sie wissen also eigentlich nichts, tun aber so als könnten sie über Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Sicherheit, Recht und hunderte Jahre Geschichte kompetent schreiben.

Pro Woche 15 Stunden Bücher-Recherche plus 15 Stunden Nachrichtenrecherche, was ein nacktes Minimumpensum ist, macht zusammen schon 30 Arbeitsstunden netto. Dann hat man aber noch nicht eine einzige Sache geschrieben. Kommen noch 15 Stunden pro Woche Schreibzeit dazu, sind das 45 Stunden. Nicht eingerechnet sind Pausen, Fahrtzeit, Technikkrempel etc. In 15 Stunden Schreibzeit lässt sich aber nur dermaßen wenig erschaffen, dass das nie ausreicht, um das Publikum zu befriedigen. Wenn sie träumen von einer Zweitkarriere als erfolgreicher Blogger, suchen sie sich einen anderen Traum. Sie könnten mit Putzen mehr verdienen.

„Kann man das alles mit einem Laptop und einem Zimmer erledigen?“

Gegenfrage: Glauben sie, Amazon könnte mit 100 Laptops und 100 Hinterzimmern funktionieren? Wir verwenden im Moment 15 oder 16 Windows-Computersysteme und 30 Bildschirme, vier verschiedene Internetverbindungen. Die Netzinfrastruktur in Deutschland stammt teilweise noch aus den 70er Jahren. Wenn da was ausfällt, hat man da besser eine zweite hardwired DSL-Anbindung, ansonsten wird der ganze Betrieb aufgehalten. Strom ist auch so ein Thema: Wenn man plötzlich viele viele Geräte miteinander verbindet, kann das schnell Probleme geben, weil die Installation vielleicht schon zu alt ist. Hunderte Kabel halten alles zusammen. Die meisten Computer habe ich selbst zusammengebaut, in Einzefällen aus gespendeten Teilen. Wir hatten nicht einen Sicherheits-Breach in 9 Jahren *klopf auf Holz*

Angefangen hatte ich auf 20 Quadratmetern, inzwischen sind wir bei rund 150 und platzen aus allen Nähten.

„Was kommt 2014?“

Hoffentlich kein Herzinfarkt, sondern ein gesunder Sohn. Wir wollen unser Lager, unsere Büroflächen und unsere Studiofläche um das Dreifache vergrößern. Wir möchten auch vermehrt Kunden aus der Region ansprechen, die unsere Medien noch gar nicht kennen. Eine Print-Zeitung soll alle zwei Wochen erscheinen im Broadsheet oder Tabloid-Format. Die alleinige Fixierung auf das Internet ist ein zu großes Problem. Unsere Videoabteilung soll 2014 noch mehr Output produzieren.

AlexBenesch
AlexBenesch
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