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Mittwoch, August 17, 2022

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Das entscheidende Geheimnis ist die wahre Beziehung zwischen Russland und China

GlobalismusDas entscheidende Geheimnis ist die wahre Beziehung zwischen Russland und China

Nach der konventionellen Sichtweise sind Russland und China separate Imperien, die nur begrenzt miteinander kooperieren. So sei die Regierung in Peking beispielsweise nur Wochen vorab informiert worden über den Angriff Russlands gegen die Ukraine. Das Dauerfeuer mit Artilleriegeschützen und Mehrfach-Raketenwerfern habe die russischen Arsenale geleert und Putin soll tatsächlich die Illusion geglaubt haben, ein Land von der Größe Frankreichs mit nur 200.000 schlecht motivierten Soldaten und minimalen Luftwaffe-Operationen einnehmen zu können. Die NATO versuche, die Ukraine lange genug zu stützen bis zu einer Art Friedensvertrag, und zusätzlich irgendeinen Deal zu bekommen, bei dem China sich nicht in die Ukraine einmischt und gleichzeitig Taiwan in Ruhe lässt. Einige US Republicans und entsprechende Medien erzählen bereits dem konservativen Zielpublikum, dass man besser die Ukraine opfern soll, weil man Russland als Partner brauche gegen die kommunistischen Chinesen.

Was ist aber, wenn Russland und China bereits vor Jahren miteinander koordinierten und planten im Hinblick auf einen kommenden Ukrainekrieg? Was ist, wenn der Ukrainekrieg nur Teil eines mehrstufigen Plans ist, um die NATO in mehrere Kriegsschauplätze weltweit gleichzeitig zu verwickeln? Jeglicher Versuch der NATO, Russland und China gegeneinander auszuspielen, oder den beiden Imperien Zugeständnisse zu machen, wäre ein Eigentor. China könnte über die selbst geschaffene Infrastruktur der Handelsrouten hunderttausende Truppen und massig Ausrüstung bis in die Ukraine bringen und dort die Entscheidung erzwingen.

Im Kalten Krieg war der Kommunismus oberflächlich betrachtet das verbindende Element und gleichzeitig der Auslöser von Spannungen zwischen Russland und China. Die westliche Welt fragte sich: Dominiert Russland die Kommunistische Partei Chinas? Wird China dies tolerieren? Für wen spielt die kommunistische Ideologie angesichts von gravierenden Effizienzproblemen welche Rolle? Wachsen die Partner im Laufe der Zeit auseinander? Würde der eine Partner den anderen hintergehen? Sind die Chinesen mit ihrer Ethnie und ihrer mehrtausendjährigen Kultur einfach zu anders als die Russen? Diese Zweifel führten immer wieder dazu, dass insbesondere die USA wichtige Technologie an den Ostblock verkauften und weitere Handelsbeziehungen intensivierte; jeweils mit der Erklärung, man wolle die Chinesen als Gegengewicht zu Sowjetrussland fördern und umgekehrt. Das Ende der Sowjetunion schien Russland und China noch viel weiter auseinanderzutreiben.

Manche Konservative und sowjetische Überläufer warnten während des Kalten Kriegs vor einer Langzeitstrategie der Kommunisten; dass jene irgendwann zusammen gegen den Westen zuschlagen. Aber selbst diese Stimmen waren zu schwach, weil nicht einmal sie wirklich verstanden, wie nahe sich die Russen und die Chinesen an der Spitze waren.

Nachdem der KGB-Agent Anatoliy Golitsyn in den Westen überlief, veröffentlichte er ein Buch, welches angeblich die ungefilterte Wahrheit enthüllt, mit dem Titel „NEW LIES FOR OLD – The Communist Strategy of Deception and Disinformation. Der berüchtigte CIA-Spionageabwehrdirektor James Angleton betrachtete Golitsyn als „den wertvollsten Überläufer, der jemals den Westen erreicht hat“ und Britannien verlieh ihm den „Orden des britischen Imperiums“. Er mag Informationen von Wert geliefert haben über KGB-Agenten und Operationen, aber gerade bei dem für uns heute so wichtigen Thema China scheint er eher einen gefährlichen Mythos zu fördern als zu entkräften. Er verrät nur das, was man sich ohnehin zusammenreimen konnte, nämlich dass Sowjetrussland und das kommunistische China hin und wieder aus strategischen Gründen in der Öffentlichkeit gezielt ihre Differenzen beklagten, anstatt konstant das Bild von harmonischer unerschütterlicher kommunistischer Bruderschaft nach außen zu tragen. Dennoch stellt Golitsyn die Lage so dar, als hätten die beiden Imperien sich tatsächlich sehr früh voneinander getrennt und würden nur miteinander kooperieren. Unzählige Informationen aus verschiedenen Quellen ergeben jedoch ein gewaltiges Maß an Kontrolle Moskaus über die chinesischen Kommunisten von Anfang an; selbst vor der Revolution unter Mao. Die Chinesen durchliefen russische Ausbildungseinrichtungen und wurden ständig auf ihre Moskautreue hin getestet und notfalls ausgetauscht. Das Geld kam aus Russland, das entscheidende Kriegsgerät und die Militärberater. Nach gelungener Revolution erfolgte die Sowjetisierung Chinas exakt nach den Wünschen Stalins; genauso wie osteuropäische Staaten von Moskau völlig vereinnahmt worden waren. Nach strikter imperialer und geheimdienstlicher Logik hätte Russland die maximale Kontrolle angestrebt und durch eine geheimdienstliche Saturation dauerhaft beibehalten. Nach dem Ende der Sowjetunion ließ man in Osteuropa locker, aber in China und Nordkorea (wo Beria und Stalin höchstpersönlich Kim Il Sung als Marionette installiert hatten) gab es keine Befreiung von der Diktatur. Warum soll ausgerechnet China eine Eigenständigkeit erlaubt worden sein, inklusive Atomwaffen? Warum wird nie auch nur die Möglichkeit gezielt öffentlich angesprochen und untersucht, dass Moskau China komplett kontrolliert seit Mao? Warum gilt die Einschätzung des KGB-Überläufers Anatoliy Golitsyn als die tiefst-mögliche? Man muss die bedeutenden Überläufer gelesen haben, aber sich immerzu dabei bewusst sein darüber, dass jene nie Zugang zu den höchsten Levels an Geheimhaltung hatten, selbst auf ihrer Ebene nur einen Teil der Operationen einsehen konnten, und dass jene nach dem Überlaufen allesamt informationstechnisch abgeschöpft wurden durch westliche Geheimdienste und nur ausgewählte Informationen in den Büchern landen durften. Von echten Enthüllungen erwarten wir, dass tatsächliche Geheimnisse verraten werden und wir wirklich neue Sichtweisen erhalten.

Golitsyn „enthüllt“ lediglich Dinge, die kaum verhüllt waren:

Von Zum Beispiel sagte Stalin im Juni 1944 zu Averell Harriman, dem damaligen US-Botschafter in Moskau, dass die chinesischen Kommunisten keine echten, sondern „Margarine“-Kommunisten seien. Im August 1944 sagte Molotow, der damalige sowjetische Außenminister, Patrick Hurley und Donald Nelson, den beiden persönlichen Vertretern von Präsident Roosevelt in Chungking, dass viele der sogenannten chinesischen Kommunisten einfach verzweifelt arme Leute seien, die diese politische Neigung vergessen würden, wenn sich ihre wirtschaftliche Lage verbessert. Im Sommer 1945 sagte Stalin, der chinesische Kommunismus tauge nicht viel.

Weitere Fake-Zusicherungen, dass chinesische Kommunisten keine echten Kommunisten seien, wurden von der sowjetischen Führung in Potsdam im Juli 1945 und in Moskau im September 1945 verlautbart. Mao habe gleichzeitig öffentlich gelogen, zuwenig Hilfe von Sowjetrussland erhalten zu haben.

Der Autor [Golitsyn] erfuhr von einer sowjetischen Entscheidung, die nach geheimen Verhandlungen mit einer hochrangigen KPCh-Delegation in Moskau im Herbst 1946 getroffen wurde, die sowjetische Militärhilfe für die KPCh zu verstärken; Der sowjetische Generalstab, der militärische Geheimdienst und das Verkehrsministerium wurden alle angewiesen, der kommunistischen Armee Chinas Vorrang einzuräumen.

Für die westlichen Geheimdienste war es ein Kinderspiel, die öffentlichen Aussagen Stalins und Maos zu durchschauen. Golitsyn verrät überhaupt nichts Besonderes und verbreitet darüber hinaus eine verheerende Falscheinschätzung:

Mao wurde von Stalin mitgeteilt, dass die gesamte sowjetische Geheimdienstarbeit in China eingestellt worden sei und dass die Namen ehemaliger sowjetischer Agenten in China dem chinesischen Geheimdienst bekannt gegeben würden.

Russland gab nur ein paar Agenten auf, um den Anschein zu erwecken, China in eine Art Unabhängigkeit zu entlassen. Genauso verrät Golitsyn nur ein paar Belanglosigkeiten, um den Anschein zu erwecken, ehrlich die Beziehung zwischen Russland und China zu beschreiben:

Es wäre völlig falsch, China damals als sowjetischen Satelliten zu betrachten. Das Ausmaß der sowjetischen Infiltration und Kontrolle über die chinesische Partei und Regierung war gering im Vergleich zu dem über die osteuropäischen Satelliten; es war im Großen und Ganzen auf Sinkiang und die Mandschurei beschränkt.

Warum soll es gering gewesen sein? Erstens widerspricht es zahllosen Fakten und zweitens widerspricht es grundlegender imperialer und geheimdienstlicher Logik. Laut Golitsyn wäre Moskau ein gewaltiges Risiko eingegangen, ohne dabei das eigene Investment abzusichern. Völlig fremden Asiaten, aus einer völlig fremden Kultur, mit einer fremden wirtschaftlich-gesellschaftlichen Tradition und Ausgangslage, seien in einem flächenmäßig und bevölkerungsmäßig gigantischen Land an die Macht gebracht worden, in der Hoffnung, dass jene nicht nach kürzester Zeit den Kommunismus links liegen lassen und nur noch das tun, was ihrem neuen Empire nützt.

Golitsyn „enthüllt“, dass Stalin nicht ganz ehrlich gewesen sei und ein paar Agenten und Tarnadressen in China behielt, anstatt jene abzuziehen und/oder gegenüber den Chinesen zu enttarnen.

Die schwerste aller Meinungsverschiedenheiten entstand über den Koreakrieg, den Stalin begann, ohne Mao vollständig ins Vertrauen gezogen zu haben.

Es ist keine simple „Meinungsverschiedenheit“ wenn Stalin vor Chinas Haustür einen Krieg beginnt, die Fäden zieht bei den Nordkoreanern und dann verlangt, dass China auf eigene Kosten hunderttausende wertvolle Truppen bereitstellt und deren Komplettverlust riskiert. Inzwischen wissen wir, dass Mao mit der Sowjetführung (wie üblich) auf einer Linie war und brav die Soldaten mobilisierte. Es ist unklar, ob Stalin wirklich vor dem Koreakrieg den Amerikanischen Beteuerungen geglaubt hatte, die USA habe kein Interesse sich in Asien einzumischen. So oder so war Stalin verantwortlich und chinesische Truppen waren entscheidend. Daten aus offiziellen chinesischen Quellen berichteten, dass die Chinesen während des Krieges 114.000 Todesfälle im Kampf, 34.000 Todesfälle außerhalb des Kampfes, 340.000 Verwundete und 7.600 Vermisste zu verzeichnen hatten.

Golitsyn erzählt eine manipulative Darstellung:

Die Sowjets schlugen vor, dass die Chinesen den Nordkoreanern Truppen zu Hilfe schicken sollten. Wenig überraschend weigerten sich die Chinesen zunächst. Erst nachdem massiver sowjetischer Druck ausgeübt worden war, der in einem geheimen und persönlichen Brief Stalins an Mao gipfelte, erklärten sich die Chinesen bereit, „Freiwillige“ nach Korea zu schicken.
Die sowjetische Wirtschafts- und Militärhilfe für China wurde verstärkt. Am 17. Januar 1955 kündigte die Sowjetregierung an, China beim Aufbau von Kernforschungseinrichtungen zu unterstützen. Später verpflichtete sich die UdSSR zum Bau eines Kernreaktors in China, der bis März 1958 betriebsbereit sein sollte.

Es gab zwar durchaus erhebliche Bedenken bei chinesischen Generälen, aber Golitsyn zementiert hier die Legende, dass Russland und China völlig voneinander getrennte Imperien waren, die ganz und gar nicht begeistert miteinander kooperierten und dass Russland Zuckerbrot und Peitsche in erheblichem Umfang einsetzen musste.

Die frühere Entscheidung, alle ehemaligen sowjetischen Agenten in China gegenüber den Chinesen offenzulegen, wurde ohne Ausnahmen vollständig in Kraft gesetzt.

Vollständig ohne Ausnahmen? Wie kann sich Golitsyn so sicher sein? Er war nur Major im KGB. Es deutet viel darauf hin, dass Russland nur ein paar eigene Agenten enttarnte als symbolische plakative Geste.

Danach entsandte der sowjetische Geheimdienst auf chinesischen Wunsch hin eine Reihe seiner führenden Experten zu Themen wie wissenschaftlicher Aufklärung, dem Eindringen in westliche Botschaften in Moskau, dem physischen Schutz von Nuklear- und Raketenanlagen und der Herstellung von Audioüberwachungsgeräten , und die Durchführung von Sabotage- und Attentatsoperationen. Der Status und die Funktionen der sowjetischen Berater, einschließlich der Geheimdienst- und Sicherheitsberater, wurden zur chinesischen Zufriedenheit geregelt.

Woher will sich der ehemalige KGB-Major so sicher sein? Warum soll China einen Sonderstatus auf Augenhöhe erhalten haben, während in Osteuropa Staaten völlig unter Kontrolle waren? Es ist bekannt, wie viele Säuberungen unter Maos Herrschaft stattfanden und wie praktisch alle bedeutenden chinesischen Revoluzzer russische Ausbildungslager durchlaufen hatten. Es wäre völlig naheliegend gewesen für Moskau, den chinesischen Regierungsapparat zu durchseuchen mit Agenten, die voneinander nichts wissen. Auf diese Weise ließen sich die Verräter im Bezug auf Moskaus Interessen schnell identifizieren und beseitigen. Golitsyn entlarvt kein russisch-chinesisches Täuschungsmanöver, sondern beteiligt sich wissentlich oder unwissentlich an einem russisch-chinesischen Täuschungsmanöver.

Die Rolle der Berater beschränkte sich auf Beratung und Koordinierung. Eine Einmischung in die internen Verwaltungsangelegenheiten der chinesischen Dienste wurde ausgeschlossen. Die Sowjets behandelten die chinesischen Dienste wirklich als gleich im Status, wenn nicht in der Erfahrung.

Schon wieder macht der KGB-Major definitive, umfassende Aussagen mit Worten wie „ausgeschlossen“ und „wirklich“. 1958 soll der neue KGB-Chef Schelepin laut der Darstellung von Golitsyn nach einem China-Besuch dermaßen beeindruckt gewesen sein von den chinesischen Geheimdiensten und deren „geschickten“ Umgang mit Dissidenten, dass er empfohlen hätte, dass der KGB sich davon eine Scheibe abschneidet und von den Chinesen lernt. In Wirklichkeit hatten die Chinesen nur Basis-Training vom KGB erhalten, ohne dass ihnen beigebracht wurde, wie man die russische Kontrolle abschüttelt und Russland ausspioniert. Golitsyn wirft dem Leser ein paar letztendlich wertlose Brocken an Informationen hin, um glaubwürdiger zu wirken:

Mehr als ein Jahr nach dem gemeldeten Abzug sowjetischer Wirtschafts- und Technikspezialisten aus China, im Juli/August 1960, waren zumindest einige der KGB-Berater dort immer noch vor Ort. Ein ehemaliger Kollege und Freund des Autors, der nach China geschickt worden war, um über den physischen Schutz chinesischer Nuklearanlagen zu beraten, hielt sich im November 1961 noch in China auf.

Es ist die größtmögliche Ironie, dass Golitsyn Aufklärung darüber verspricht, dass Russland und China Spannungen zwischen einander vorgetäuscht oder übertrieben hätte, aber letztendlich selbst irreführende Informationen liefert über vermeintliche, erhebliche Spannungen.

Die fehlende Sensibilität von Stalins Umgang mit den chinesisch-sowjetischen und anderen Beziehungen innerhalb des Blocks hätte, wenn sie nicht korrigiert worden wäre, zu einer echten chinesisch-sowjetischen Spaltung analog der Spaltung mit Tito geführt. Tatsächlich wurden aber rechtzeitig die notwendigen Korrekturmaßnahmen ergriffen. Bis Ende 1957 gab es keine offenen Differenzen mehr zwischen den Mitgliedern des Blocks.

Beinahe sei es also zu einer echten Spaltung gekommen, die nur durch „korrekturmaßnahmen“ abgewendet werden konnte. Das ist ebenso absurd, als wenn jemand behaupten würde, es sei beinahe zu einem russisch-polnischen Bruch gekommen wegen Stalins Grobheit, aber nach Stalins Tod hätten die Sowjets die Wogen geglättet zur polnischen Zufriedenheit. Stalin hin oder her; Moskau gab die Linie vor und die anderen Länder hatten zu folgen. Echte Opposition wäre durch die Spionage schnell aufgeflogen.

Golitsyn rattert alle möglichen Scheinbeweise herunter dafür, wie geteilt Russland und China gewesen wären:

Diese inoffiziellen Beweise, viele davon rückblickend, deuteten auf eine Verschlechterung der Partei- und diplomatischen Zusammenarbeit im Jahr 1959 hin, sowie auf eine Beendigung der sowjetischen militärischen und nuklearen Zusammenarbeit in diesem Jahr und auf die Einstellung der sowjetischen Wirtschaftshilfe für China im Jahr 1960 hin.


Ab Ende 1961 tauchten sogar in den offiziellen kommunistischen Quellen Hinweise auf chinesisch-sowjetische Differenzen auf.

Reibereien und Konkurrenzkampf zwischen der sowjetischen und der chinesischen Delegation bei den Treffen internationaler Frontorganisationen wurden auffällig. […] Während der zweiten Periode der Spaltung wurde die Existenz von Differenzen voll anerkannt. Ein angeblicher Versuch, sie beizulegen, wurde unternommen, als eine hochrangige chinesische Parteidelegation im Juli 1963 Moskau zu Gesprächen besuchte. Die Gespräche scheiterten offenbar und es begann eine öffentliche Polemik zwischen den Parteien. Bislang geheime Parteibriefe, die Differenzen zwischen den Parteien offenbarten, wurden in der sowjetischen und chinesischen Presse veröffentlicht. Einige chinesische Diplomaten wurden aus der Sowjetunion ausgewiesen, weil sie Flugblätter verteilt hatten.

Golitsyn ist kein Enthüller, sondern hält sich ziemlich eng an der gewöhnlichen Sichtweise, Russland und China seien separate und zerstrittene Imperien, die sich künftig entweder zusammenraufen können oder eben nicht.

In der dritten Periode, die ungefähr 1969 begann, drückte sich die offensichtliche Verschlechterung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen sowohl in Taten als auch in Worten aus. An der chinesisch-sowjetischen Grenze wurden Truppenstärken aufgebaut.
Zwischen den beiden Ländern kam es vor dem Hintergrund gegenseitiger Vorwürfe des „Hegemonismus“ zu Grenzzwischenfällen. China begann öffentlich und systematisch, eine entgegengesetzte Position zur Sowjetunion in Bezug auf die NATO, den Warschauer Pakt, die EWG, die Entspannung, die Abrüstung, die europäische Sicherheit und viele Dritte-Welt-Fragen, einschließlich der sowjetischen Intervention in Afghanistan, einzunehmen.

Dass Russland und China nicht gar ihre diplomatischen Beziehungen abbrachen oder anfingen, aufeinander zu schießen, sondern zähneknirschend nebeneinander vor sich hinlebten, sei quasi das große kommunistische Täuschungsmanöver, dass Golitsyn hier zu enthüllen vorgibt.

Auch der chinesisch-sowjetische Vertrag über Freundschaft, gegenseitige Zusammenarbeit und Beistand wurde nicht aufgehoben. Bis 1980 verpflichtete sich jede Seite, die andere im Notfall zu unterstützen.

Wo genau in Golitsyns Buch wird überhaupt ein nennenswertes Geheimnis verraten?


Warum sollten die sowjetischen und chinesischen Führer die westliche Aufmerksamkeit absichtlich auf die Existenz eines Streits lenken, den sie sich bemühten, vor ihren eigenen Parteien und der Bevölkerung zu verbergen, es sei denn, sie könnten damit ihren gegenseitigen Interessen bei der Förderung ihrer kürzlich vereinbarten langfristigen Politik dienen?

Nach Golitsyns Darstellung wäre aber der Pakt zwischen Russland und China nur ein gewöhnlicher Pakt zwischen zwei völlig separaten Imperien und bekanntermaßen können sich solche Kalkulationen ja ständig ändern, je nachdem was beispielsweise die USA anbieten. Und dann sind wir wieder genau bei den idiotischen Vorstellungen, man könne doch vielleicht Russland mit Zugeständnissen gegen China ausspielen und umgekehrt. Auf genau diesen Vorstellungen basierten die erheblichen Technologieverkäufe der USA an den Ostblock und gewaltiges Appeasement. Auf diesen Vorstellungen basierten auch letztendlich die Probleme, die Deutschland nun hat, nämlich die Energieabhängigkeit von Russland und die Handels-Verstrickungen mit China. Fällt China als Handelspartner aus wegen internationalen Spannungen, würde dies die deutsche Wirtschaft gefährden. Wäre man sich frühzeitig öffentlich darüber bewusst gewesen, dass Russland und China womöglich ein- und dasselbe Empire sind, hätten wir uns nicht so abhängig gemacht.

Golitsyn akzeptiert praktisch jeden einzelnen Punkt angeblicher Inkompatibilität zwischen Russland und China: Das wirtschaftliche Ungleichgewicht über einen langen Zeitraum, die Einstellung von sowjetischen Wirtschaftshilfen, das Scheitern der kommunistischen Ideologie in der Praxis unter Mao, starke kulturelle und historische Unterschiede, und sogar klassicher Streit um Territorium:

Die Geltendmachung nationaler chinesischer Interessen zeigt sich in chinesischen Ansprüchen auf taiwanesisches, indisches und äußeres mongolisches Territorium und in Forderungen nach Revision „ungleicher Verträge“ aus dem 19. Jahrhundert, die bestimmte chinesische Territorien Russland zusprachen. Sowjetisches nationales Selbstbewusstsein zeigte sich in sowjetischen Versuchen, eine Revolte in Sinkiang und unter Stammesgruppen an der Grenze zu China anzuzetteln, und in sowjetischen Beschwerden über chinesische Grenzverletzungen, die sich nach offiziellen sowjetischen Quellen allein im Jahr 1962 auf fünftausend beliefen.

Golitsyn warnt zwar, dass „zu einem späteren Zeitpunkt den kommunistischen Strategen die Option bleibt, die Spaltung zu beenden und die Strategie der geballten Faust zu übernehmen“, aber er fokussiert nur oberflächlich auf die kommunistische Ideologie (die heute in Russland keine nennenswerte Rolle mehr spielt) und betrachtet Russland und China anderweitig als völlig getrennt voneinander.

Abschirmung

Die Frage nach einem heimlichen Kartell der Russen und Chinesen zu untersuchen, führt unweigerlich zu der erweiterten Untersuchung, ob die Briten und Amerikaner ebenfalls Teil des heimlichen Kartells sind. Ob die drei Supermächte gemeinsame Wurzeln besitzen und ohne die andauernde Geheimhaltung der realen Verhältnisse ihren Status einbüßen oder gar zerfallen würden.

Die gewaltigen westlichen Hilfen an den Ostblock wurden bisher auf verschiedene unsinnige und widersprüchliche Weisen „erklärt“:

  • Man hätte beabsichtigt, China zu helfen als Gegengewicht gegen Russland. Dies ergibt per se schon keinen Sinn.
  • Man hätte beabsichtigt, Russland zu helfen als Gegengewicht gegen China. Dies ergibt per se und insbesondere im Hinblick auf den letzten Punkt überhaupt keinen Sinn. Warum zwei Gegner gleichzeitig supporten?
  • Man hätte naiv gehofft auf Wandel durch Handel. Um dies zu glauben, müssten entscheidende Vertreter der angloamerikanischen Supermacht unrealistisch dumm sein.
  • Russland und China seien völlig getrennte Imperien, was das Risiko von Handel vermindere. Man soll sich dabei im Endeffekt auf sowjetische und chinesisch-kommunistische Quellen verlassen.
  • Die „Weisen von Zion“ hätten im Ostblock den Kommunismus angeleiert und über zumeist linke Politiker im Westen zusätzlich den Ostkommunismus gefördert. Es gibt aber keine Weisen von Zion.

Eine Besatzung Chinas durch Stalin

Chinas kommunistische Revolution ist Teil des Staatskultes. Mao gilt als Gründervater und sein „langer Marsch“ als Mythos. Im Endeffekt handelte es sich jedoch um eine von langer Hand durch Russland geplante, finanzierte und überwachte Operation. Alle bedeutenden chinesischen Kommunisten waren in Stalins Institutionen ausgebildet worden. Wer heimlich äußerte, keine Treue zu Moskau zu verspüren, wurde umgehend beseitigt und ausgetauscht. Maos knallhartes Programm war 1:1 von Stalin übernommen. Es war Stalin der die Ausrüstung Maos bezahlte und die Militäraktionen planen ließ. Genau wie die UdSSR Osteuropa einnahm, genauso nahm man China ein und ließ es dann aus strategischen Gründen so aussehen, als gingen die beiden kommunistischen „Bruderstaaten“ getrennte Wege.

Das Buch „Der Meister der Schatten – Kang Sheng und der chinesische Geheimdienst“ liefert einige wichtige Informationen: In den 1920er Jahren hatten verschiedene europäische Mächte unterschiedlich große Einflussgebiete (sogenannte Konzessionen) auf dem Territorium Chinas mit eigener Verwaltung, eigener Polizei und eigenen Geheimdiensten. Dazu kamen noch mehrere einflussreiche Mafia-Geheimbünde, die überall mitmischen wollten. Kang Sheng, der aus dem Landadel stammte, kam Anfang der 1920er Jahre durch seinen Professor in Berührung mit einschlägiger sozialistischer Literatur aus Deutschland von Kautsky, Marx und Engels, die in die chinesische Sprache übersetzt worden war. Wirklich neue Ideen gab es nicht. Alle wichtigen Dinge waren bereits vorgedacht und alle wichtigen Rahmenparameter gesetzt. Bevor es überhaupt eine richtige kommunistische Partei gab, formten sich viele sogenannte „Jugendkorps“ im ganzen Land und Talentsucher rekrutierten junge Männer wie Sheng. Ohne professionelle Anleitung durch etablierte Kreise wäre wohl, wie auch in anderen Ländern, keine nennenswerte kommunistische Bewegung entstanden. Man muss damit rechnen, dass bereits in diesem frühen Stadium der sozialistischen Bewegung Chinas eine Unterwanderung stattfand durch die einheimische Geheimpolizei, Mafia-Bünde, durch die Russen sowie durch die Geheimdienste der europäischen Mächte vor Ort. Zu dem ersten gemeinsamen Kongress der chinesischen sozialistischen Jugendkorps reiste der Russe Sergej Dalin mit einem gefälschten Pass an, der von der französischen Gegenspionage in China identifiziert wurde als ein Agent des russischen Geheimdienstes GPU, ein Vorläufer des KGB. Über den GPU wurden Sonder-Kommandos aufgebaut mit chinesischen Kommunisten. Auch bei der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas im kleinen Kreis waren zwei Personen im Auftrag Moskaus dabei. Beinahe wären alle Teilnehmer von den Franzosen verhaftet worden und nur kurz vor dem Zugriff gelang die Flucht, weil jemand an die Tür geklopft und so etwas wie eine Warnung verkündet hatte. Man sieht, dass generell sehr schwere Ausgangsbedingungen vorherrschten, um eine neue Bewegung zu starten und dass selbst zahlenmäßig kleine Zusammenkünfte in Gefahr waren und abgeschirmt werden mussten durch Methoden des geheimdienstlichen „Tradecrafts“. Wang Jinmei und Deng Enming berichteten nach ihrer Heimreise Kang Sheng über den Gründungskongress. 1922 fuhren Deng und Wang nach Moskau zu einer wichtigen Veranstaltung, an der nicht nur Kommunisten aus China teilnahmen, sondern auch Mitglieder der nationalistischen Kuomintang.

Bereits im Vorfeld der Revolution in Russland waren diverse Figuren wie Lenin oder Trotzki in Europa geparkt worden, um dort ein gewisses Handwerk zu lernen, bevor sie wieder nach Russland einsickerten. Ähnliches ließ sich auch beobachten bei einschlägigen chinesischen Revoluzzern, von denen manche später in die höchsten Ebenen der Macht aufstiegen. Kang Sheng soll laut Zeugenaussagen 1922 ein Praktikum an einer technischen Hochschule in Berlin absolviert haben. Sein Vater soll dafür die entsprechenden Kontakte vermittelt haben. Shandong war einst eine deutsche Kolonie gewesen. Zhou Enlai pendelte zu der Zeit zwischen Berlin und Paris hin und her. Die beiden wurden ziemlich eng. In der Pariser Straße Rue Godefroy und dem dazugehörigen Stadtviertel gab es eine verschworene kommunistische „Chinatown“-Community. Die vom sowjetrussischen Geheimdienst ausgebildete Suzanne Girault aus der Kommunistischen Partei Frankreichs verteilte dort Geld, dass u.a. gebraucht wurde für den Druck einer kommunistischen Zeitung durch Deng Xiaoping, der viel später zum Führer Chinas wurde. Kang hielt sich in Paris auf und soll dort Geheimstrukturen aufgebaut haben, was für einen solch jungen Mann eine auffällig verantwortungsvolle Aufgabe gewesen ist und die sicherlich streng überwacht und angeleitet wurde durch die erfahrenen französischen Kommunisten im Auftrag Moskaus. Denn handwerkliche Fehler hätten schnell dazu führen können, dass das ganze Netzwerk auffliegt und verhaftet wird, oder dass es irgendeinem Gegner gelingt, Agenten einzuschleusen. 1924 gingen die Revoluzzer nach ihrer „Grundausbildung“ heim nach China und ließen sich dort weiter schulen in Tradecraft und kommunistischer Ideologie durch die Werke von Nicholai Bucharin, der bis 1937 an der sowjetischen Tageszeitung Iswestija arbeitete und die stalinistische Säuberungswelle nicht überlebte. Die Moskauer Sun-Yat-sen-Universität war eines von mehreren Trainingslagern für die chinesischen Kommunisten, sowie für die Nationalisten der Kuomintang. Der erste Rektor war Karl Radek, der es zum Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU gebracht hatte aber 1927 aus der Partei geworfen und nach Sibirien verbannt wurde.

Später gab es noch einen Schauprozess und eine Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft. Die eine oder andere Gast-Vorlesung an der Universität wurde gehalten von Leo Trotzki, der 1929 ins Exil ging und 1940 von sowjetischen Agenten ermordet wurde. Es gab auch die „Kommunistische Universität der Werktätigen des Ostens“ die asiatische Kader ausbilden sollte. Michail Borodin etablierte im Auftrag Lenins eine Militärakademie auf einer kleinen Insel in der Nähe von Kanton, um für die chinesischen Kommunisten und Nationalisten neue Offiziere ausbilden zu lassen durch sowjetische Militärberater. Auch Borodin fiel in Ungnade und starb letzten Endes in einem Arbeitslager. Kang Sheng wurde beauftragt mit „Sonderangelegenheiten“ für „politische Sicherheit“, was soviel bedeutete wie Spionageabwehr und Gegenspionage, also Deckadressen beschaffen, Treffpunkte abschirmen, tote Briefkästen etablieren und V-Leute anwerben. Im sowjetischen Konsulat von Shanghai, wo Agenten des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU wie Tschussow und Kojenikow saßen, gingen Chinesen ein und aus. Die beiden Russen waren zuständig für die Kampfabteilungen der Chinesischen Kommunistischen Partei. Kojenikow hatte einst noch unter den Zaren gedient, landete dann im Lager der Kommunisten und entpuppte sich schließlich als britischer Agent, der mindestens seit 1926 für Britannien arbeitete. Über die sowjetische Dalbank, eine Tarnorganisation des sowjetischen Geheimdienstes GPU, floss das benötigte Geld. Moskau schickte Sergej Dalin, der Jahre zuvor schon den Kongress der kommunistischen Jugendkorps beobachtet hatte, sowie den GPU-Agenten Sidorkin. Aus dem Kreml wurde befohlen, dass die chinesischen Kommunisten vorerst mit der nationalistischen Kuomintang zusammenarbeiten mussten.

Der russische Agent Borodin suchte die fähigsten Leute und brachte Gu Shunzhang mit dem GPU in Kontakt, der ihn dann weitervermittelte an eine Schulungseinrichtung in Wladiwostok, wo er eine gründliche Ausbildung bekam in Spionage und bewaffneten Aufständen. Er brachte es sogar zum Stellvertreter von Zhou Enlai, wurde aber verhaftet von der Kuomintang und verriet einige seiner Genossen, was Enlai dazu verleitet haben soll, Shunzhangs Familienangehörige zu töten. Kang Sheng soll das GPU-Training durchlaufen haben und baute dann entsprechende Geheimdienststrukturen auf für die chinesische kommunistische Partei. Er verteilte eine Broschüre an wenige, ausgewählte Personen, die im Prinzip eine Kopie war des GPU-Handbuchs für die Grundausbildung neuer Kader. Selbstverständlich brauchten die Russen nur einen Teil ihrer Geheimdienst-Expertise weitervermitteln, und zwar nur genau so viel, wie die Chinesen für die Erfüllung ihrer Aufgaben unbedingt benötigten. Weder Sheng noch seine Genossen lernten die geheimen Hintergründe der russischen Revolution und wie uralte adelige Geheimdienstnetzwerke den Sozialismus frühzeitig unter Kontrolle hielten. Nein, sie durften nur das Handwerk erlernen, wie die verschlüsselte Kommunikation, tote Briefkästen, Deckadressen, potenzielle Verfolger auf der Straße abschütteln, V-Personen anwerben, Verräter enttarnen und unzuverlässige Genossen an Moskau melden. Die Gefolgschaft der Kommunistischen Partei Chinas war sehr bald enttäuscht von der Parteiführung, die „jederzeit bereit war, ohne Rücksicht auf Verluste schon auf den kleinsten Wink Moskaus hin auf die Barrikaden zu gehen“. Manche übereilten und gescheiterten Operationen waren dem Machtgerangel in Moskau und St. Petersburg geschuldet, denn Stalin war noch nicht der unangefochtene Diktator und servierte selbst seine eigenen Geheimdienstchefs reihenweise ab. Bei den rücksichtslosen Aktionen in China ließen sich immerhin kommunistische Funktionäre daraufhin testen, ob sie Befehle aus Russland auch konsequent umsetzten, ohne irgendwelches Zögern oder Beschwerden. Die kommunistischen Führer Chinas misstrauten sich gegenseitig und lebten in Paranoia, was genau das war, was der Kreml wollte, um sich dagegen abzusichern, dass das Projekt entgleitet. Jeder war austauschbar und konnte theoretisch jederzeit aus dem Weg geräumt werden. Wer gegenüber einem anderen Genossen unter zwei Augen Kritik an den Russen äußerte und irgendwelche Ideen hegte, nach der anvisierten Revolution Russland auszusperren, der lief Gefahr, als unzuverlässig gemeldet zu werden. Irgendwelche Leibwachen, Köche, Haushaltsgehilfen oder Frauen konnten in Wirklichkeit Sowjetagenten sein und jederzeit ein Attentat durchführen. Legte man sich mit dem Kreml an, waren auch die eigenen Frauen und Kinder in Gefahr. Der sechste Kongress der KPCh fand außerhalb Moskaus statt in einem Sanatorium des Geheimdienstes GPU, das gründlich verwanzt war. Die chinesischen Kommunisten sollten einen „eigenen“ Geheimdienst aufbauen und taten dies gemäß ihrer sowjetischen Ausbildung. Die Sowjets bestimmten auch im Wesentlichen die Politbüro-Mitglieder der KPCh. Stalin setzte besonders auf Li Lisan

Lisan hielt sich für den Lenin Chinas und bolschewisierte die Partei nach russischem Vorbild. Seine Genossen wurden konstant gejagt von Franzosen, Briten, Mafiabanden, der Kuomintang und chinesischen Behörden. Der Spionagechef der Roten Armee der Sowjetunion schickte den berüchtigten Agenten Richard Sorge nach China, um ein Geheimdienstnetz aufzubauen. Sorge stammte aus Deutschland und galt als Weggefährte von Karl Marx. Getarnt als Journalist und Korrespondent der „Deutschen Getreide Zeitung“ und Beauftragter der deutsch-chinesischen Gesellschaft agierte er unter dem Decknamen „Johnsen“. Diverse Organisationen wurden als Tarnung benutzt, wie die sowjetische Handelsmarine. Kang Sheng arbeitete möglicherweise direkt für Sorge. Geld kam u.a. über die Metropolitan Trading Company, aber Stalin knüpfte das Geld an konkrete Bedingungen. Auch Ursula Hamburger (Deckname „Sonja“), die später gegen die Nazis arbeitete und kriegsentscheidende Infos nach Russland transportierte, mischte in China mit. Sorge hatte sie angeworben für den GRU. Die sogenannten „28 Bolschewiken“ trafen in China ein; allesamt Absolventen der sowjetrussischen Su Yat Sen-Universität. Wang Ming, der nur 25 Jahre alt und extrem arrogant war, galt als der neue Star am Himmel, Moskaus Favorit, geformt nach russischem Vorbild. Später, im Jahr 1941, verweigerte er die von Mao geforderte Selbstbezichtigung und Loyalitätserklärung. Bald darauf erkrankte er schwer. In seinem später erschienenen Buch „50 Jahre KP Chinas und der Verrat Mao Zedongs“ behauptet Wang, Mao habe versucht, ihn vergiften zu lassen. 1956 ging Wang zur medizinischen Behandlung in die Sowjetunion und kehrte bis zu seinem Tod nicht mehr nach China zurück. Der Sowjetfunktionär Pavel Mif war der Strippenzieher und kam nach Shanghai, um persönlich die Vorgänge zu überwachen und die Gleichschaltung der KPCh zu gewährleisten. Von Scharfschützen umringt gab es ein Meeting, wo alle Entscheidungen unter Dach und Fach gebracht wurden. 1937 wurde Mif vom sowjetrussischen Geheimdienst verhaftet und seine Hinrichtung erfolgte zwei Jahre später. He Mengxiong und seine Leute wollten sich der Gleichschaltung widersetzen und einen Parteikongress einberufen, wurden aber eiskalt ausradiert von einem Killerkommando. Genosse ist eben nicht gleich Genosse. Den Briten und Franzosen gelangen dramatische Enttarnungen und sie konnten somit die KPCh soweit schwächen, dass für jene das städtische Territorium zu heiß wurde und jene umschwenken musste auf die Strategie, im ländlichen Bereich mehr Fuß zu fassen. Kang Sheng ging wieder nach Moskau zur Geheimdienstzentrale, um eine Bestandsaufnahme abzuliefern und sich seine neuen Befehle abzuholen.

Die sowjetrussischen Kaderschmieden waren wie Fabriken, die weiterhin wie am Fließband neues Personal für China hervorbrachten. Exakt wie es die Briten vor langer Zeit perfektioniert hatten, nahmen die Russen eine ganze Reihe an Gesinnungs- und Verlässlichkeitsprüfungen an den jungen chinesischen Probanden vor. Selbst Mädchen wurden eingesetzt, um zu testen, ob es den Studenten wichtiger war, zu prahlen oder die Geheimhaltung zu wahren. Wie in jeder Sekte wurden Neid und Missgunst geschürt, weil es keine richtige Treue und Freundschaft untereinander geben durfte. Einer, der seine Mitstudenten verraten hatte, erhängte sich wegen seinen Schuldgefühlen. Stoyanow vom GRU wählte die geeigneten Chinesen aus, die seinen Vorstellungen entsprachen. Die elitärste der Kaderschmieden war in Moskau und war der Abteilung für internationale Verbindungen der Komintern zugeordnet. Typen wie Zhou Enlai, Chen Yun, Peng Zhen und Kang Sheng hatten Sonderstatus und wurden direkt vom Geheimdienst GPU ausgebildet. An der chinesischen Kitajskaja-Universität wurden auch Koreaner, Mongolen und Japaner ausgebildet. Selbst die Begriffe, die von chinesischen Agenten verwendet wurden, stammen aus dem Russischen. Diverse Truppen wurden zusammengestellt in Russland unter Kangs Führung, die dann zu Maos Guerilla-Truppen dazustoßen sollten. Kang und Mao blieben jahrzehntelang ziemlich enge Verbündete. Es ist gemeinhin bekannt und gut dokumentiert, dass Stalin hinterrücks Sozialisten verraten ließ im Ausland, die nicht auf Moskauer Linie waren. Warum sollte er anders verfahren mit den Sozialisten in China? Mao sei angeblich deutlich unabhängiger gewesen gegenüber Moskau, und zwar relativ frühzeitig als Guerillaführer. Bereits 1929 hatte er Depressionen und diverse physische Krankheitssymptome. Er war nicht von den einschlägigen Elite-Kaderschmieden der Sowjetunion hervorgebracht worden, und hatte eine Schwäche für ausufernde Abenteuer mit Sex und Drogen, aber dennoch hatte er die Unterstützung Stalins, der eigentlich als hyper-paranoid galt und höchste Disziplin verlangte. Stalin und seine Geheimdienste müssen sich sicher gewesen sein, Mao kontrollieren zu können und gleichzeitig wäre Mao auch die geeignete Figur gewesen, um später einen Bruch mit Moskau zu inszenieren. Mao durfte die Lorbeeren einheimsen, ein Anführer des Guerillakampfes zu sein, aber ihm fehlten die Erfolge und der Rückhalt für seine Methoden bei der Komintern. Die echte Expertise lieferte u.a. der deutsche Militärberater Otto Braun, der an der „Allgemeinen Militärakademie der Russischen Streitkräfte“ ausgebildet worden war und zu Mao als Aufpasser geschickt wurde. Der sogenannte „Lange Marsch“ war ein fragwürdiger Rückzug, den man hinterher zum Heldenmythos umdichtete. Mao war also gleich in mehrfacher Hinsicht der ideale Funktionär für Moskau, weil er kein echtes Talent zu haben schien für militärische und geheimdienstliche Belange.

Kang Sheng hatte die Aufgabe, in Maos Umfeld Spionageabwehr zu betreiben und war somit in der Schlüsselposition, um Agenten einzuschleusen, die für einen Sowjetdienst arbeiteten. Man hätte Mao auf Wunsch Moskaus vergiften und dabei falsche Spuren legen können, um irgendwelche abweichlerischen chinesischen Sozialisten verantwortlich zu erklären, die nicht auf Moskau-Linie waren oder alternativ hätte man verbreiten können, dass Spione der Kuomintang dahinterstecken. Mao war absolut austauschbar und es standen mehr als genügend weitere Kommunisten bereit, um seinen Platz einzunehmen. Mao war dauerhaft angewiesen auf sowjetisches Kriegsgerät und diplomatische Deckung und keiner seiner chinesischen Genossen konnte ahnen, wann dieses Abhängigkeitsverhältnis jemals enden würde. Selbst wenn Mao nach der Revolution tatsächlich einen echten Bruch mit der Sowjetunion wagte, wäre er in einer sehr schwachen Position gewesen. Nicht nur die Russen wollten nämlich Chinas Territorium kontrollieren, sondern auch die altbekannten europäischen Mächte wie Britannien und Frankreich hätten jede Schwäche von Maos neuem Staat gnadenlos ausgenutzt. Unter General Joseph Stilwell wollten die USA einen amerikanisch-chinesischen Geheimdienst aufbauen (Operation Drache). Donovan vom Geheimdienst OSS schuf noch eine weitere solche Organisation und durfte dafür das Netz des britischen SIS nutzen (Operation CLAM). Unterstützung gab es von dem OSS-Agenten Cornelius Vander Starr, der weitreichende Handels- und Finanzkontakte hatte. Die von ihm (bzw. möglicherweise vom OSS) gegründete Firma wurde später zur größten Versicherung der Welt. Nach der japanischen Niederlage im 2. Weltkrieg überließ Stalin den chinesischen Kommunisten einen Haufen Waffen, die auch dringend benötigt wurden. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong auf dem Tor des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China und war nun auf dem Papier der Diktator eines Landes in Ruinen ohne moderne Wirtschaft und Technologie. Russland hingegen hatte bereits dank amerikanischer Firmen u.a. eine Automobilindustrie, eine Ölindustrie, moderne Kraftwerke und eine Stahlindustrie. Maos Gesundheit war ziemlich im Eimer und er regierte hauptsächlich von seinem Bett aus im Schlafzimmer. Maos einziger Besuch in Russland wird immer wieder von Historikern hergenommen als Beleg für den großen Bruch zwischen den beiden Ländern. Anstatt aber einen wirklich eigenen Kurs zu fahren, adaptierte Mao die Vorgehensweise Stalins aus den vergangenen Jahrzehnten, mit massiven Säuberungen und Internierungslagern zu arbeiten, um die Landbesitzer zu enteignen, eine Zwangskollektivierung in Windeseile zu erreichen und private Unternehmen en masse zu zerstören. Genau dieses Vorgehen hätte man erwartet von jemandem, der Stalins Wünsche bedingungslos umsetzt. Aber weil Mao angeblich bei seinem Russlandbesuch die kalte Schulter gezeigt bekommen hatte und in einem Landhaus geparkt wurde, wird von gewöhnlichen Historikern der ganze relevante Kontext ignoriert und die Legende vom Bruch zementiert. An und für sich hätte unter Mao der Sozialismus viel humaner und eleganter eingeführt werden können, was auch internationale Firmen und Investoren nicht vergrault hätte. Was nützt es, immer weitere Teile einer Wirtschaft zu kontrollieren, die kaum etwas von Wert hervorbringen und keine Profite mit Verkäufen ins Ausland erzeugen kann? Selbst als Stalin 1953 starb, gab es weiterhin bedeutsame Unterstützung durch die Sowjetunion für China. Der neue Sowjetführer Nikita Chruschtschow warb öffentlich um Chinas Sympathien, aber dieses Mal war es Mao, der theatralisch die kalte Schulter zeigte. 1955, also nur zwei Jahre nach dem Tod Stalins, gab es ein Abkommen, bei dem Sowjetrussland den Chinesen einen atomaren Versuchsreaktor lieferte und 100 chinesische Techniker in der UdSSR eine Ausbildung durchlaufen durften. Chinesische Top-Wissenschaftker, die in die USA gegangen waren, wurden heimgeholt. 1959 sei die Stimmung zwischen Russland und China auf einem Tiefpunkt angekommen und Moskau kündigte das Atomabkommen auf und beorderte Techniker nach Hause. Aber aus der DDR und Ost-Europa wurden genügend alternative Experten bereitgestellt wie Klaus Fuchs, der ursprünglich beim amerikanischen Manhattan-Projekt tätig war zum Bau der ersten Atombombe. Fuchs wäre beinahe noch in die Royal Society aufgenommen worden, aber das FBI erwischte ihn, worauf hin er die übliche Leier eines ertappten Spions herunterbetete, er habe nur den Frieden sichern wollen, indem er mithalf, ein Gleichgewicht der Mächte herzustellen. 1959 wurde er seltsamerweise begnadigt, ging in die DDR und half dann den Chinesen bei der Atombombe. Diverse sowjetische Konsulate in China wurden geschlossen und Kang Sheng, der seine Karriere dem sowjetischen Geheimdienst zu verdanken hatte, ließ Razzien durchführen und zwei Dutzend KGB-Spitzel verhaften.

Nikita Chruschtschow meinte in seinen Memoiren, dass der chinesische Offizier Gao Gang immerzu den sowjetrussischen Geheimdienstchef Berija gründlich informiert hatte, welcher chinesische Revolutionsführer wie dachte. Kang Sheng war Berijas Schüler gewesen. Sheng war auch mitten in den Spanischen Bürgerkrieg gereist, um im Auftrag Moskaus Jagd zu machen auf abweichlerische linke Anarchisten. Gao wurde abgesägt und Kang Sheng erweckte den Eindruck, er tanze nicht länger nach der Pfeife der Sowjets, wohnte aber in Peking in unmittelbarer Nähe der russischen Botschaft. Peng Dehuai besuchte noch 1957 die sowjetische Militärakademie und wollte das chinesische Militär erneuern. Er hielt nichts von Maos Stuss, beschwerte sich bei Chruschtschow und wurde dann abgesägt. Anscheinend war er nicht privilegiert genug, um eingeweiht zu werden in den inszenierten Bruch zwischen den beiden Ländern. Sheng, Zhou Enlai und Liu Xiao nahmen in Moskau teil am Parteitag der KPdSU, wo sie theatralisch einen Haufen Geschrei absonderten, was einzig und allein den Nutzen hatte, die Weltöffentlichkeit zu täuschen. Nicht nur Sheng hatte als ausgebildeter Geheimdienstler genug Grips in der Birne, um zu wissen, dass man Meinungsverschiedenheiten mit den Russen abseits der Öffentlichkeit austragen konnte, und dass es strategisch sinnvoll gewesen wäre, sich gut zu stellen mit den Russen, egal ob man eigene Pläne hintenrum verfolgte oder nicht. Rechte Kreise in den USA waren skeptisch; wie etwa James Jesus Angleton von der CIA-Spionageabwehr, der das naheliegende Szenario befürchtete, dass die Chinesen und die Russen heimlich einen einzigen kommunistischen Block darstellen und versuchen, international Zugeständnisse und Handelsbeziehungen zu erhalten. Unter dem US-Präsident Nixon und unter Henry Kissinger wurde felsenfest argumentiert, dass Hilfen für China ein Gegengewicht schaffen würden zur UdSSR, während Kissinger gleichzeitig involviert gewesen war in Organisationen wie der Bilderberg-Gruppe, wo wichtige Konzerne repräsentiert waren, die Technologie an die Sowjets verkauften. Der amerikanische Medienunternehmer Henry Luce war überzeugt davon, dass Mao von Stalin völlig abhängig war. Luce stand den Republicans nahe und kannte John Foster Dulles, den Secretary of State, und dessen Bruder Allen Dulles, der CIA-Direktor war. Die CIA und der Vorläufer OSS gingen zurück auf die Geheimgesellschaft Skull&Bones und die Yale University, die Organe des britischen Kolonialreichs und des Hochadels aus Welfen, Reginaren und Wettinern waren.

Die Time Magazine-Gründer Briton Hadden und Henry Luce waren beide Mitglieder von Skull & Bones. Auch Alfred Kohlberg sah Stalin hinter Mao. Er war ein Textil-Importeur und Freund des Kommunistenjägers Joseph McCarthy. Milliardäre aus Firmen wie Koch Industries bezahlten die John Birch Society, die gewöhnlichen Antikommunismus verband mit klassischer Verschwörungsliteratur. Eine Reihe an Bestsellerbüchern lieferte dem Leser das irreführende Narrativ, dass „internationale Banker“ und gewisse westliche Industriebosse hinter dem weltweiten Sozialismus stecken und dafür gesorgt hätten, dass China kommunistisch wurde. Diese internationalen Banker, angeführt von dem Rothschild-Clan, hätten vor langer Zeit die Kontrolle über das britische Kolonialreich und dann auch noch über die USA erlangt. Liest man das berüchtigte rote Buch von Mao (die Maoisten-Bibel), stellt man schnell fest, dass es vollkommen substanzlos ist:

„Die marxistische Philosophie, der dialektische Materialismus, weist zwei am meisten hervorstechende Merkmale auf. Zunächst ist sie durch ihren Klassencharakter gekennzeichnet: Sie erklärt offen, daß der dialektische Materialismus dem Proletariat dient: Weiter ist sie gekennzeichnet durch ihre Bezogenheit auf die Praxis. Sie betont, daß die Theorie von der Praxis abhängt, daß die Praxis die Grundlage der Theorie bildet und die Theorie ihrerseits der Praxis dient.“

Es handelt sich um hohles, bedeutungsloses Geschwafel, das nicht nur ideenlos ist und billige Slogans aus älteren sozialistischen Schriften abkupfert, sondern das kaum zu unterscheiden ist von den Bekundungen adeliger Herrscher aus der Ära der Leibeigenschaft. Statt auf Jesus bezieht man sich auf Marx und Lenin. Statt den Erbadel für heilig zu erklären, erklärt man „die Partei“ und das Politbüro für heilig. Rechte und Besitz für die breite Masse gelten als Teufelszeug. Es gibt eine Inquisition gegen diejenigen, die nicht wirklich an den Sozialismus glauben, sondern eine andere Ideologie neben dem göttlichen Sozialismus haben. Bauern müssen genügsam sein, denn die Partei braucht das Geld, um die Bauern zu beschützen. Und aus den Arbeitern und Bauern rekrutiert man Soldaten. Beschwerden sind verboten:

Die zweite Funktion der Diktatur besteht darin, den Staat vor einer Wühltätigkeit und einer eventuellen Aggression der äußeren Feinde zu schützen.

Entgegen Maos Bekundungen ist die Arbeiter- und Bauernklasse keineswegs die revolutionärste Gruppierung an sich, denn hinter praktisch jeder bedeutsamen, großen Revolution steckte in der Geschichte immer eine etablierte, erfahrene Macht mit ihren professionellen Geheimdiensten.

Wir müssen die Parteidisziplin erneut bekräftigen:

1. Unterordnung des einzelnen unter die Organisation;

2. Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit;

3. Unterordnung der unteren Instanzen unter die oberen;

4. Unterordnung der gesamten Partei unter das Zentralkomitee.

Wer gegen diese Regeln verstößt, der untergräbt die Einheit der Partei.

Gerade eben noch wird betont, dass man unbedingt eine klassenlose Gesellschaft anstreben würde, und dann kommt das Bekenntnis, dass man die neu herangezüchteten Parteikader mit Sonderstatus unbedingt bräuchte.

….wir müssen zielbewusst zehntausende Funktionäre heranbilden; wir brauchen Hunderte erstklassiger Führer der Massen.

Nichts anderes tat der Adel einst in Europa mit dem Auswählen besonders vertrauenswürdiger bürgerlicher Familien, die einen Sonderstatus erhielten und u.a. im britischen Freimaurertum organisiert waren, um die Zukunft des Empires zu sichern. Der Gesellschaftsvertrag den Mao hier ankündigt, ist wie Copy & Paste von irgendeinem beliebigen Fürsten in Europa nach dem Untergang des Römischen Reichs. Der Sozialismus hatte auch unter Mao rein gar nichts Neues anzubieten, sondern man musste irgendwie klarkommen mit den Standard-Zutaten eines Staates: Ein begrenztes Staatsgebiet mit einem Staatsvolk darin, das man irgendwie mit irgendeiner Staatsordnung zum Arbeiten und Steuern-Zahlen zwingen muss, ohne dabei Gefahr zu laufen, aus dem Chefsessel gekickt zu werden. Genau wie im Römischen Reich oder irgendeinem noch älteren Reich in Mesopotamien. Die brutalen Taktiken unter Mao sind identisch zu den Methoden von mittelalterlichen Kolonialherren und Sklaventreibern. Einer von tausend Menschen sollte unter irgendeinem Vorwand getötet werden mit möglichst großer Öffentlichkeitswirksamkeit. Es wurden doppelt bis dreimal so viele.

Noch heute verteidigen Kommunisten die Revolution und meinen, sie zählen zu den Vorkämpfern gegen das Böse, das aus jedweder „rechten“ Gesinnung herrührt. Rechte heutzutage nehmen Maos Mordkampagne her als absoluten Beweis dafür, dass das Böse „links“ sei. Und um dieses linke Böse zu bekämpfen, dürfe man nicht tolerieren, dass beispielsweise die Kolonialzeit in ein schlechtes Licht gerückt wird. Denn die Kolonialmächte wie Britannien waren ja rechts und rechts ist gut. In Wirklichkeit sind die Methoden immer die gleichen, egal ob sich die Täter als links oder rechts vermarkten. 1956 wurden alle verbleibenden Privatunternehmen enteignet und im selben Jahr verloren die Bauern das Eigentum an ihren Werkzeugen, ihren Tieren, ihrem Land und sogar das Recht auf Freizügigkeit. Man war gezwungen, auf einem Flecken Land zu arbeiten, der der Partei gehörte, man musste das Getreide zu festgelegten Preisen an den Staat verkaufen und man hatte keine Möglichkeit, an dieser Situation etwas zu verändern. Dies entspricht fast exakt der gültigen Definition der Leibeigenschaft; mit dem Unterschied, dass statt einem Adeligen ein lokaler Parteiführer die Kontrolle ausübt und auf dem Papier sich alles in kollektivem „Volkseigentum“ befindet. Den chinesischen Bauern blieb ein Drittel weniger Lebensmittel übrig für den Eigenkonsum als vor der Revolution, was bedeutete, dass die Bauern keine Energie und keine Vorräte besaßen, um einen Aufstand gegen die herrschende Ordnung zu wagen. Nach dem Sieg der Kommunisten wurden die Bürger dazu gedrängt, ihre Mitmenschen zu melden für alles, was man als verdächtig betrachten könnte, und sei es der Besitz eines Radio-Empfangsgeräts, das natürlich nicht vergleichbar war mit einem Kurzwellen-Transceiver, wie ihn Spione benutzten.

Jemand anderen zu denunzieren war ein Weg, gegenüber dem neuen Regime die Treue zu bekunden. Zunächst war die Säuberung noch eher zaghaft und die Regierung hatte alle Hände voll zu tun damit, das „Lumpenproletariat“ aus den Städten (darunter Millionen Kriegsflüchtlinge) einzusammeln und in den ländlichen Bereich zu deportieren. Arbeiter streikten für bessere Bedingungen, aber die Regierung erklärte Streiks für illegal. Es gab massive Steuerforderungen in Form von Getreide, das Zentrum Shanghai zerfiel, Fabriken schlossen. Nur noch die kommunistischen Einheitszeitungen durften erscheinen, überall hingen Hammer und Sichel und einschlägige Porträts. Die Mode verschwand, weil niemand mehr auffallen wollte, sodass gewöhnliche Bürger nur noch Leinen trugen und kein Makeup wie im Mittelalter. Durch neue Vermessungen und die Bürokratie waren die exakten Ackerflächen endlich bekannt geworden, was eine genauere Besteuerung ermöglichte. In China gab es vor den Kommunisten eigentlich keine typische ausbeuterische Landbesitzer-Klasse. Diese Klasse entstand erst durch die Kommunisten in Form von lokalen Partei-Bürokraten. Früher gehörte den Bauern ihr Land. Nach kommunistischer Logik, die zurückging auf den Schwachsinn von Karl Marx, war es die Aufgabe, ausbeuterische Landbesitzer zu vernichten. Kommunistische Funktionäre veranstalteten in jedem noch so abgelegenen Dorf eine Art Hexenjagd auf die vermeintliche Ausbeuterklasse, die dort gar nicht wirklich existierte. Hauptsache, man hatte eine gewissen Quote an „Schuldigen“ die man öffentlich anschreien, foltern und töten konnte. Kang Sheng beteiligte sich an der Kampagne der sogenannten Landreform und seine Methoden, die 1:1 aus der Sowjetunion stammten, wurden in ganz China verwendet. Vorgegeben von oben war die Quote, dass 10% der Bevölkerung eingestuft werden sollten als Mitglieder einer ausbeuterischen wohlhabenden Bauernklasse. Das Programm lief aber dermaßen außer Kontrolle, dass teilweise doppelt und dreifach so viele Menschen verfolgt wurden. Schätzungen reichen bis zu einer Million Tote. In Taiwan, Korea und Japan hatten wohlhabendere Landbesitzer im Zuge einer Landreform Anteile erhalten an staatlicher Industrie und Zertifikate für Commodities als Gegenleistung für den Grund und Boden, der an Kleinbauern umverteilt wurde. So lief die ganze Sache völlig unblutig ab, während in China krampfhaft eine Klasse an Volksfeinden herbei-halluziniert wurde, die es zu bestehlen, zu bestrafen oder gleich zu töten galt. In der chinesischen Tradition gab es auf dem Land gewisse Hierarchien mit Bürgern in Führungspositionen und man sah es gar nicht gerne, wenn Fremde von weiter entfernten Gebieten, Städter oder Bürokraten eintrafen.

Die Kommunisten setzten es sich zur Aufgabe, diese althergebrachten Hierarchien zu vernichten und zu ersetzen durch kommunistische Parteistrukturen. Aus Angst machten die Bürger mit bei der Hexenjagd und hatten dadurch Blut an ihren Händen. Es gab auch größere Aufstände. Das Konzept ähnelte dem Römischen Reich oder mittelalterlichen Aristokratien: Steuern in Form von Getreide wurden rücksichtslos eingetrieben, weil der Staat damit das stehende Heer von 1,7 Millionen Soldaten füttern und irgendwie die Wirtschaft am Laufen halten musste. Es fehlte aber an modernen Maschinen, Kunstdünger und Werkzeug. Die chinesischen Bauern fürchteten sich davor, produktiver zu sein als andere, und sich beispielsweise Zugtiere leisten zu können, denn so würde man sich der Gefahr aussetzen, als reicher Bauer denunziert zu werden. Je mehr produziert wurde, desto mehr wurde besteuert, also war es lebensgefährlich, sich zu überanstrengen, ohne dass dabei mehr Lebensmittel für den Eigenkonsum heraussprangen. Zudem erklärte die Partei es für glorreich, arm zu sein. Kang Sheng musste zusehen, wie sich in seinem Verwaltungsbereich die landwirtschaftliche Produktivität in freiem Fall befand. Die Kommunisten hatten sich als Befreier vermarktet, aber sie verhielten sich wie Besatzer und im Hintergrund zog das sowjetrussische Reich die Strippen, hinter dem wiederum mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das angloamerikanische Reich stand, angeführt vom Hochadel der Welfen, Wettiner und Reginare. Bei den nordkoreanischen Kommunisten war die russische Kontrolle ebenfalls gegeben; so hatte beispielsweise der künftige Diktator Kim Il-sung viele Jahre in der Mandschurei gelebt und erhielt seine Ausbildung an einer Kaderschule der Roten Armee der Sowjetunion in Wladiwostok. 1950 genehmigte Stalin den Angriff Nordkoreas auf den Süden und bezog auch China in die Angelegenheit mit ein. Mao nutzte den Krieg zuhause propagandistisch als Aufhänger für eine weitere Säuberungsaktion, angeleitet von Luo Ruiqing, der einer echten Großgrundbesitzer-Familie entsprungen war, und somit eigentlich zu den Staatsfeinden hätte zählen müssen.

Aber weil er in der Sowjetunion ausgebildet worden war als zukünftiger Leiter einer kommunistischen Geheimpolizei und in seinem Büro ein Porträt von Felix Dscherschinski hängen hatte, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, galt er als Vorkämpfer gegen die „reichen Bauern“ und „Großgrundbesitzer“, von denen er im Schnitt mindstens einen von 1000 zu töten hatte. Sobald diese Quote erfüllt war, sollten weitere Bürger zu lebenslanger Haft in einem Arbeitslager verurteilt werden. Andere blieben zwar frei, wurden aber zu den sogenannten „schwarzen“ Gesellschaftsklassen gerechnet, die ganz unten in der landesweite Hierarchie des Regimes standen, das sich eigentlich auf die Fahne geschrieben hatte, eine klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Dieser schwarze Status war übrigens vererblich, wie die Leibeigenschaft im europäischen Mittelalter. Für die normalen Gesellschaftsklassen wurde es immer gefährlicher, viele Freunde zu haben und Umgang zu pflegen, denn eine Denunziation konnte das Ende des eigenen Status besiegeln. Doak Barnett berichtete 1949, dass in Peking genauso viele Porträts von sowjetischen Führern wie von chinesischen Führern hingen. Neben der chinesischen Flagge hing die sowjetische. Zeitungen und Radiosender in China priesen Stalin und die UdSSR. Maos rechte Hand, Liu Shaoqi, tourte durch sowjetisches Gebiet, traf sich sechsmal mit Stalin und hatte Meetings mit führenden Ministern. Er brachte hunderte sowjetische „Berater“ (eher Besatzer) mit nach Hause. Selbst der „lange Marsch“, den Mao zu einer Gründungslegende umfunktioniert hatte, war von den Sowjets bezahlt worden mit mexikanischen Silberdollars. Stalin verleibte sich neue Territorien ein in geheimen Anhängen von Abkommen mit China und ließ den chinesischen Steuerzahler/Bauern aufkommen für die Bezahlung von den vielen sowjetischen Beratern. Der Historiker Paul Wingrove schrieb:

„Maos siegreicher, unabhängiger, revolutionärer Staat wurde ziemlich ähnlich behandelt wie die [von Russland] eroberten Gebiete in Osteuropa.“

China schien einfach wie Territorium, dass von den Russen besetzt wurde, allerdings ohne große russische Truppenverbände und Horden von Panzern überall, sondern hauptsächlich mit geheimdienstlichen Netzwerken und vertraglichen Absicherungen. Russische Berater besetzten die luxuriösesten Vorstädte und Clubs, saßen in allen Ministerien als Überwacher an Schlüsselstellen. Diese tiefe Penetration Chinas durch russische Geheimdienste war nicht mehr rückgängig zu machen. Selbst die späteren Säuberungsaktionen waren nicht dazu geeignet, die Situation zu verändern, sondern hatten eher das Potenzial, sie zu verschlimmern und diejenigen Parteifunktionäre zu beseitigen, die sich wirklich von Russland loslösen und/oder einen netteren Sozialismus umsetzen wollten. Nach wenigen Jahren hatten sich die bessergestellten kommunistischen Parteikader an eine gewisse Stabilität und an Privilegien gewöhnt und verloren Biss und Bereitschaft für mehr Brutalität. Solche Kader in China konnte Moskau nicht brauchen.

„In jedem Bereich, von der Staatssicherheit, städtischen Infrastruktur, Kaderausbildung, Wirtschaftsaufbau, ideologischer Arbeit bis hin zur Schwerindustrie, kopierte China die Sowjetunion.“

Warum ging dann kein gewöhnlicher Historiker systematisch der Frage nach, ob China eine russische Kolonie war? Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS wurde zur Haupt-Informationsquelle in China und die sino-sowjetische Freundschaftsgesellschaft wurde mit 120.000 Standorten so etwas wie ein Freimaurerlogen-System, so wie die Kolonialmacht Britannien einst das Freimaurertum samt Schwesterorganisationen bzw. Tarnorganisationen in ihren Kolonien etablierte. Als der Koreakrieg startete, erhöhte sich die Präsenz russischer Truppen und Gerätschaften in China. Die Sowjets lieferten die Panzer, die Militärexperten, die Marionette Kim Il-sung und was sonst noch nötig war für die Invasion Südkoreas. Unter den übelsten Bedingungen wurde gekämpft und Mao opferte bereitwillig hunderttausende Soldaten, von denen so manche der Kälte von bis zu minus 30 Grad Celsius und der Unterernährung zum Opfer fielen. Richtige gefütterte Stiefel oder Schuhe hatten sie nicht. Die Extrakosten wurden abgewälzt auf die chinesischen Bauern, die Getreide als Steuerzahlungen abgeben mussten, wie im alten Römischen Reich oder im mittelalterlichen Europa, um für das stehende Heer zu bezahlen. Der eigene Status in der Parteihierarchie legte fest, welche Menge und Qualität das Essen hatte, das man bekam, der Tabak, das Schreibpapier und die Gesundheitsversorgung. Führende Kader hatten Leibärzte und schickten ihre Kinder nach Moskau. Auf dem Land lebten Familien, deren Oberhäupter der kommunistischen Partei angehörten, wie reiche Farmer und Großgrundbesitzer, heuerten Bauern an, verlangten hohe Zinsen von Bauern und machten sogar Spekulationsgeschäfte. Immer weitere Millionen Bauern lebten am Existenzminimum, was Kalorienzufuhr anbetraf, oder bereits darunter. Der Staat häufte nur mehr Schulden an und wurde noch abhängiger von den Sowjets, die aber auch nicht wirklich produktiv waren unterm Strich. Die nächste Stufe der Landreform war so krass, dass sie einer Art Kriegserklärung an die Bauern gleichkam. Nach Stalins Tod 1953 soll Mao befreit gewesen sein von sowjetischem Einfluss, heißt es von den gewöhnlichen Historikern, was eine ziemlich absurde Vorstellung ist. Niemand war stalinistischer als Mao, niemand kopierte Stalin so wie Mao, niemand sonst agierte so in China, als wenn Stalin und der Kreml für alles die Handlungsanweisungen vorgaben. Ähnlich wie Hitler scheute er einen geregelten Tagesablauf und überließ die zahllosen lästigen Details einer Schar von Parteifürsten und deren untergeordneten Horden von Administratoren. Kang Sheng, der vom sowjetischen Geheimdienst ausgebildet worden war, jagte vermeintliche Verräter an der kommunistischen Sache im Auftrag von Liu Shaoqui, der schon 1921 in die Sowjetunion gegangen war und zum zweithöchsten Funktionär unter Mao wurde.

Der „Vorsitzende“ himself war bereits ein ziemliches Wrack, tablettensüchtig, psychisch krank, geplagt von unregelmäßigem Schlaf und heftigen Stimmungsschwankungen. Falls er urplötzlich an Krebs erkranken würde, einen Herzinfarkt erlitt oder einen Schlaganfall, hätte er problemlos ersetzt werden können. Wäre er für Moskau ein Problem geworden, hätte er dezent vergiftet werden können. Der Staat und der Sicherheitsapparat waren viel zu komplex geworden, als dass Mao auch nur den Hauch eines Überblicks hätte behalten können. Liu Shaoqui war der Ansicht, dass man sich für die Etablierung eines kompletten sozialistischen Systems Zeit nehmen solle. Jeder Trottel hätte wissen müssen, dass die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion ein Rohrkrepierer gewesen war, während die Vereinigten Staaten von Amerika im Wohlstand schwammen, mehr Kriegsgerät im Zweiten Weltkrieg produziert hatten als alle anderen Kriegsteilnehmer zusammengenommen und gewöhnliche Bürger geräumige, ps-starke Autos fuhren. Mao forderte den kompletten Sozialismus, und zwar jetzt gleich und sofort: Zerstörung der letzten Unternehmen, Zwangskollektivierung der Bauern und eine Gehirnwäsche namens „Gedankenreform“. Im Prinzip setzte Mao die Zivilisation in China zurück auf den Stand eines europäischen Kolonialreichs vor den 1800er Jahren, wo Leibeigenschaft herrschte, wo es eine Bevölkerungsklasse an kompletten Sklaven (in den Kolonien) gab und wo immer wieder haufenweise Menschen unnötig sterben mussten. In Europa dezimierte eine Reihe an Kriegen zwischen Fürstentümern und Königreichen die Bürger. In China war es der Krieg zwischen dem Staat und herbeihallunizierten Klassen an Rückständigen, Imperialisten und Spionen. Ein paar Prozent der Chinesen landeten in Arbeitslagern des Laogai und waren somit Sklaven mit hoher Sterblichkeitsrate, genau wie die Afrikanersklaven der europäischen Kolonialmächte. Erst im Laufe von mehreren Jahrzehnten wurden die Zustände in China stufenweise gelockert und eine Art Mittelschicht durfte existieren, neben einem rudimentären Kapitalismus abseits der Schlüsselindustrien. Ähnlich wurden die Zustände in Europa gelockert in den 1800er Jahren und es durften sich kapitalistische Strukturen entwickeln. Vielleicht hatte dieses Stufenmodell für die erfolgreichsten Adelshäuser (Welfen, Wettiner und Reginare) so gut funktioniert, dass man es in der Sowjetunion und dann in China wiederholte. Das chinesische Laogai-System war eine Kopie des sowjetischen Gulags und genauso eine menschliche wie wirtschaftliche Katastrophe. In den USA gelang mit überschaubarem Personalaufwand und neuesten Maschinen viel mehr an Bauprojekten als China mit Millionen Sklaven zustande brachte. Die Kommunisten gaben vor, alles neu und alles anders zu machen als die althergebrachten kapitalistisch-imperialistischen Adels-Kolonialreiche in Europa und Nordamerika. Aber in Wirklichkeit kopierten die Kommunisten praktisch alles, was der Adel in der Vergangenheit erfolgreich erprobt hatte.  

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