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Oktober, 6

Der neue SCREAM-Film hat die Franchise ermordet

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Rezension

Der fünfte Teil der SCREAM-Reihe bettelt um unsere Aufmerksamkeit nach einer lang anhaltenden Kino-Flaute während der Corona-Ära. Sicherheitshalber sah ich den Film als Stream-Premiere und nicht in einem Kino, da der Trailer so lustlos und tot wirkte wie die durchschnittliche Eigenproduktion der Streaming-Giganten. Neben meiner Arbeit und meiner Familie bleibt wenig Zeit für Unterhaltung und das damit erhoffte Rausgeholt-Werden aus der Realität, also läuft Popkultur bei mir nicht nebenher, oder auf dem Handy, sondern ich konzentriere mich darauf und nutze angemessene Technik, um das Format Film wirklich auszureizen. In meinem Aufnahmestudio mit komplett schwarzen Wänden stehen genügend Geräte, um mit kommerziellen Kinos mithalten zu können: 3D-fähiger Projektor, Leinwand, ein alter ONKYO-Surround-Receiver mit THX ULTRA 2-Norm, ein 18-Zoll-PA-Subwoofer und Lautsprecher von Accoustic Research und Wharfedale, die ich zum Spottpreis neu auf ebay abgestaubt hatte. Für SCREAM (2022) waren die Erwartungen so niedrig, dass ich ihn auf einem gewöhnlichen Fernseher anschaute.

Das Studio, das Regisseur-Duo und die Drehbuchschreiber sind im Prinzip wie die Killer in der Franchise: Sie ermorden nur keine Personen, sondern eiskalt die Franchise und sie enthüllen sich höchstens noch in Interviews, nicht am Ende des Films. Zuvor rechnete ich mit dem Szenario eines auf Woke gedrehten Soft Reboots, allerdings war ja das Original bereits feministischer als ältere Oldschool-Slasher. Praktisch nichts an dem neuen Film, ohne die Hand von Wes Craven, funktioniert.

Ich sah mit 12 Jahren den ersten Teil 1996 in unserem Kleinstadt-Kino (wo niemand kontrollierte ob die Gäste alt genug waren) und kannte bereits Wes Cravens Nightmare on Elm Street. Der Regisseur hat einen Hintergrund in Psychologie und interessiert sich auf hohem Niveau für das menschliche Böse, also genau mein Interessengebiet. Horrorfilme funktionieren für mich dann, wenn genügend Kunst enthalten ist und moralische Charaktere mit ihren Werten gegen das Böse antreten. SCREAM von 1996 war ein audiovisuelles und philosophisches Konzert. Ähnlich wie Ridley Scotts ALIEN (1979) oder Der Exorzist (1973). Mit diesem Konzept hätte man durchaus eine gelungene SCREAM-Fortsetzung produzieren können. Stattdessen scheint das Ganze von Studio-Leuten mit BWL-Abschlüssen zusammengebastelt worden zu sein: Ein neues Killer-Duo hinter der Ghostface-Maske, ein neues Herumrätseln wer die Killer sind und dann noch das Aufbieten von Schauspielern aus dem Original: Dewey ist kaum widerzuerkennen und sieht aus, als hätte er sich seit damals von Whiskey ernährt. Sidney und Gale haben einen aufdringlichen Botox-Look. Keiner dieser Charaktere hat auch nur annähernd einen vernünftigen Grund, nach Woodsboro zurückzukehren.

Die Reviews zu dem neuen Film sind seltsamerweise überwiegend positiv. Haben die Leute zu viele schlechte Eigenproduktionen der Streaming-Giganten gesehen? Sind die Standards so stark gefallen?

Schauspieler und Charaktere

Der Cast ist teilweise kompetent und teilweise ein Fehlgriff genau da, wo es ankommt. Eine der Figuren ist eine weibliche Version von Randy, die mit schnellem Geplapper ihren Freunden und dem Publikum erklären soll, was das Konzept des Films ist. Während Randy witzig war, nervt die Dame mit überflüssigen Ausführungen, laut denen im Prinzip eine Fortsetzung gegenüber den Fans damit legitimiert wird, dass alte Charaktere aufgeboten werden und die neuen Killer eine Art Origin Story-Verbindung haben zum Original.

Eine der Figuren halluziniert sogar Gespräche mit Billy Loomis (gespielt von demselben Schauspieler wie damals), was an und für sich ein interessantes Konzept ist, aber das Potenzial wurde verschenkt. Bei sehr vielen Horrorfilmen, die funktionierten und dauerhaft Teil der Kultur wurden, funktionierten die Charaktere. In SCREAM (2022) geht einem niemand wirklich nahe und es ist einem vollkommen egal, wer sich letztendlich als Killer entpuppt. Bei der Scream-TV-Serie von MTV vor wenigen Jahren hatte man einen ausgesprochen guten Cast.

Drehbuch

Die mit Abstand größte Schwachstelle des Films. Ein Slasher mit Rätselraten über die Identität des Killers, während alle bedrohten Charaktere theoretisch einfach Woodsboro verlassen können, ist keine Raketenwissenschaft. Es braucht weder Woodsboro als Location, noch alte Charaktere, noch eine komplizierte Origin-Story. Man hätte sogar das Konzept von Stranger Things adaptieren können, bei dem es erwachsene Charaktere gibt, fast erwachsene Teenager und Kids. Für jeden im Publikum gäbe es Identifikationsfiguren und das Rätselraten um die Überlebenden und die Identität der Killer wäre auch spannender.

Regie

Es ist klar, dass Regisseure heutzutage an der kurzen Leine gehalten werden und in einem eng gesteckten Rahmen manchmal wenig mehr tun dürfen als „Action“ und „Cut“ zu rufen am Set. Aber das Endergebnis von SCREAM ist dermaßen schlecht, dass man an dem grundlegenden Talent des Regisseur-Duos zweifeln muss. Wes Craven zeigte bereits 1984 Talent und sogar sein erster Low-Budget-Streifen zeigte im damaligen Kontext Talent. Wenn man sich ans Horror-Genre wagt, sollte man das Genre auch verstehen und bei der Übernahme einer Franchise verstehen, was die Eigenheiten sind.

Look

Der Film sieht wie viele aktuelle Streifen leblos und digital aus. Man vermisst den Look des 35mm-Films der 1990er und 1980er Jahre, der alles zugleich echter und traum-artiger wirken ließ. Der ein oder andere Steady-Cam-Shot sieht aus, wie dem Original von 1996 nachempfunden. Das Editing ist extrem irritierend, springt die ganze Zeit hin und her und lässt nie einen Flow aufkommen. Weder die Kill-Szenen bei Nacht noch bei Tag sind stimmungsvoll.

Sound

Während Marco Beltrami eine Mischung aus unterschiedlichen Songs verwendete, um die verschiedenen Stimmungslagen und kulturellen Befindlichkeiten von High School-Schülern der 1990er Jahren abzubilden, ist der Soundtrack des neuen Films generisch und lahm. Hin und wieder wird ein Stück aus den vorherigen Filmen aufgewärmt.

Magic-Faktor

Der Magic-Faktor beschreibt die Fähigkeit eines Films, das Publikum aus der Realität herauszuziehen und in eine Art Traumwelt zu saugen. Beim Original war dies sehr stark ausgeprägt und es veränderte im Anschluss die Wahrnehmung von abgeschiedenen Landhäusern bei Nacht, oder indoors, wo sich ein Killer verstecken könnte. SCREAM von 2022 wirkt wie eine lustlose, tote „Amazon Originals“- oder Netflix-Produktion.

Ikonografie

Von dem Original blieben das Ghostface-Kostüm im kollektiven Bewusstsein hängen, das gestiegene Interesse an klassischen, älteren Horrorfilmen, der schwarze ironische Humor, die Stalker-Telefonanrufe des Killers und die „Wie überlebe ich einen Horrorfilm“-Regeln. Bei SCREAM (2022) bleibt einem hängen, wie alt die ursprünglichen Schauspieler geworden sind und wie negativ sich Botox auswirkt.

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