Politik

So war die Impf-Pflicht in der Sowjetunion (mit Hilfe der Amerikaner)

Wenn Sahra Wagenknecht in Deutschland Corona-Aktivismus betreibt, scheint sie es nicht darauf abgesehen zu haben, dass ihr Publikum versteht, wie die Situation in ihrem hochverehrten Russland aussieht: Neue Lockdowns, partielle Impfpflicht für bestimmte Bevölkerungsgruppen und rigorose Verbote von vielen Protestformen und negativen Berichterstattungen über die Handhabung der Pandemie durch die Regierung. Ähnlich läuft es bei RussiaToday, wo dem deutschen Publikum Corona-Aktivismus geboten wird, aber dem russischen Publikum zuhause das genau Gegenteil. Viele Corona-Aktivisten in Deutschland zählen gar nicht zu dem rechten Spektrum oder den Konsumenten klassischer Verschwörungsmedien, sondern zu den Linken. Für Wagenknechts Partei war die Bundestagswahl ein Fiasko und Corona-Aktivismus scheint hier genauso wenig gebracht zu haben wie der AfD. Ist ihr bewusst, dass ausgerechnet Lenin ein Verfechter war von verpflichtenden Impfungen?

„All unsere Entschlossenheit und all unsere Erfahrung aus dem Bürgerkrieg müssen wir auf die Bekämpfung von Epidemien anwenden.“

Lenins Essays, Bd. 40, 1920 http://uaio.ru/vil/40.htm

Die Sowjetunion war einst sehr erfolgreich damit, Seuchen zu bekämpfen. Prominente sowjetische Virologen arbeiteten oft mit amerikanischen Virologen zusammen und waren an der Spitze der Impfstoffentdeckung. Aber davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Selbst HIV ist in Russland heute ein Riesenproblem.

Der Gallup World Poll von 2018 zeigt, dass der durchschnittliche Prozentsatz der Menschen, die Impfstoffe für sicher halten, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bei etwa 53 % liegt. Anscheinend vertrauen Menschen dort eher auf ihre Wodkaflasche, obwohl Alkoholismus dort neben den Erwachsenen auch ungeborenes Leben massiv schädigt. Allein im Jahr 2019 wurden in der Ukraine und Russland über 56.000 bzw. 3.500 Masernfälle gemeldet.

Im zaristischen Russland forderten Pockenepidemien Ende der 1760er Jahre zahlreiche Opfer. Nachdem die dem Großherzog Paul nahestehende Gräfin Sheremeteva an den Pocken gestorben war, suchte Katharina die Große (Schleswig-Holstein-Gottorf) nach einer medizinischen Lösung. Diese Lösung fand Dr. Thomas Dimsdale, ein Fellow der britischen Wissenschaftsvereinigung Royal Society, die unter Kontrolle stand von Adeligen, die mit Katharina verbunden waren. Dimsdale bekam den russischen Adelstitel eines Barons.

Er wurde 1768 nach St. Petersburg gebracht, wo er mehrere Probeimpfungen mit infektiösem Material eines Bauernkindes durchführte. Er impfte Katharina die Große erfolgreich gegen Pocken. Ihr Sohn Paul I. wurde kurz darauf geimpft. Dr. Dimsdale blieb danach vier Monate in St. Petersburg und impfte in dieser Zeit rund 150 Adelige.

Dimsdale gründete auch mit Catherines Sponsoring Impfkliniken in Moskau, St. Petersburg und sogar in Provinzstädten. Die Schriften der Zarin zeigen, dass das Gesundheitswesen eng mit der Wirtschaft und dem Wohl des Staates verbunden ist.

Der Adel spielte eine entscheidende Rolle in der Zemstwo-Medizin, indem er ländliche Krankenhäuser gründete und Land und Geld spendete. Die spätere Sowjetregierung dachte ganz ähnlich und der Rat der Volkskommissare (Sovnarkom) erließ ein Dekret, das die obligatorische Pockenimpfung der gesamten Bevölkerung am 10. April 1919 anordnete. Inklusive Booster-Shots.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in der Sowjetunion zu einem Wiederaufleben der Pocken. Basierend auf den zitierten Zahlen gab es bereits zwischen 1910 und 1914 etwa 200.000 Todesfälle, die auf die Pocken zurückzuführen waren. Es liegt nahe, einen Ausbruch von ähnlichem Ausmaß in der Gesellschaft nach der Revolution und nach dem Ersten Weltkrieg zu schätzen.

Aufzeichnungen über genaue Methoden und Zahlen aus der Sowjetunion für die obligatorische Pockenimpfung in den 1920er und 30er Jahren sind spärlich wegen der Geheimhaltung. Der Epidemiologe O. V. Barioan erklärt, dass während dieser Zeit nur wenige Aufzeichnungen über Infektionskrankheiten geführt wurden, um zu verhindern, dass solche Daten als kapitalistische Propaganda verwendet werden.

Gamaleya

Die sowjetischen Wissenschaftler N. F. Gamaleya und M. A. Morozov waren entscheidend für die Entwicklung, Produktion und Organisation von Impfstoffen. Das N. F. Gamaleya Federal Research Center for Epidemiology & Microbiology in Moskau ist für den russischen COVID-Impfstoff zuständig. Zunächst hatte er unter Louis Pasteur gearbeitet. Ilya Ilyich Mechnikov ist der eigentliche Urvater der russischen Forschung auf diesen Gebieten. Er und Paul Ehrlich erhielten 1908 gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „in Anerkennung ihrer Arbeit über die Immunität“. Sein Hauptbefürworter war Rudolf Virchow (Mitglied der Royal Society of Edinburgh). Mechnikov erhielt den Ehrentitel der University of Cambridge in Cambridge, Großbritannien, und 1906 die Copley-Medaille der Royal Society.

In den späten 1920er Jahren war NF Gamaleya Direktor des Jenner Pockenimpfinstituts in St. Petersburg, wo er eine Methode zur Herstellung und Lagerung von Pockenimpfstoffen entwickelte, die 15-20 Mal wirksamer war als der gemahlener Pockenlymphschorf in Glycerin konserviert. Die meisten Quellen berichten, dass die obligatorische Pockenimpfungskampagne sehr erfolgreich war und die Pocken zwischen 1936 und 1938 eliminierte.

Labore in Kanada, den USA, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und der UdSSR arbeiteten alle zusammen an der Impfstoffproduktion und der Pockenforschung. Die sowjetische Regierung unterhielt seit 1954 eine Forschungs- und Testeinrichtung für Biowaffen, Aralsk-7, die auf einer Insel im Aralsee existierte. Darüber hinaus ist dokumentiert, dass die Sowjets zu dieser Zeit parallel zum Programm zur Ausrottung der Pocken auch offensiv Pocken testeten.

Salk

Jonas Salk gab am 26. März 1953 bekannt, dass er einen sicheren und wirksamen Polio-Impfstoff entwickelt habe. Paralytische Poliofälle bei geimpften Kindern wurden leider zwei Wochen nach der Impfung gemeldet. Der Totimpfstoff von Salk stellte ein unnötiges Risiko dar, insbesondere durch die Verwendung des hochvirulenten Mahoney-Typ-I-Stamms, und wäre nicht so wirksam wie ein abgeschwächtes Lebendvirus.

Albert Sabin wurde 1906 in einem Gebiet des Russischen Reiches, dem heutigen Polen, geboren. 1921 zog er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten, wo er Medizin studierte und auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten bekannt wurde. Er war der lautstärkste Gegner gegen die Verwendung von Salks Totimpfstoff und trat stattdessen für die Entwicklung und Verwendung eines abgeschwächten Lebendimpfstoffs ein. Bis 1956 hatte Sabin einen trivalenten oralen Polioimpfstoff (OPV) entwickelt und getestet. Er brauchte aber viel mehr Tests an Menschen. Die UdSSR hingegen brauchte Zugang zu einem neuen Impfstoff, weil Polio die Autorität des Staates lähmte.

Chumakov lud sowohl Salk als auch Sabin ein, die Moskauer Laboreinrichtungen zu besichtigen und über die Herstellung und Erprobung von Impfstoffen zu diskutieren. Sabin reiste nicht nur nach Moskau, sondern stellte auch Polio-Stämme für die Impfstoffproduktion zur Verfügung. Dragées mit Sabins Impfstoff wurden in der Moskauer Süßwarenfabrik „Marat“ hergestellt. Gleichzeitig wurde in Form von Radio, Fernsehen, Zeitungen, Vorträgen, Flugblättern etc. massenhafte Hygienepropaganda an die lokale Bevölkerung ausgestrahlt.

Anschließend wurden täglich Teams aus zwei Krankenschwestern und einem Assistenzarzt Impfstoffen ausgesandt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen zu immunisieren. Einige Teams gingen von Tür zu Tür, während andere sich an einem Ort, wie einer Schule oder Fabrik, aufstellten und die Patienten zu sich kommen ließen

Nach einiger Überlegung gab die WHO den Bitten nach, einen externen Wissenschaftler zu entsenden, um die Ergebnisse der Sowjetunion zu authentifizieren. Sie wählten Dr. Dorothy Horstmann, eine Epidemiologin aus Yale, deren eigene Polio-Forschung für die Impfstoffentwicklung von entscheidender Bedeutung war. Im Herbst 1959 reiste sie in die UdSSR, wo sie sechs Wochen lang Versuche, Methoden und Ergebnisse beobachtete. Trotz der üblichen Einschränkungen hatte Dr. Horstmann einen akribisch detaillierten positiven Bericht vorgelegt. Eine Konsequenz des Berichts von Dr. Horstmann an die WHO war, dass der Sabin-Impfstoff von der WHO auf internationaler Ebene zugelassen wurde.

Dr. Hilleman, eine absolute Koryphäe bei der Impfstoffentwicklung, fand Simian Virus 40 (SV40), den er mit einem Schnelltest nachweisen konnte, in einem Polio-Impfstoff von Albert Sabin, der früher am Rockefeller Institute for Medical Research gearbeitet hatte und mit dem Robert Koch-Preis ausgezeichnet wurde. Wohlgemerkt war SV40 nur einer von mehreren Affenviren, über die sich Hilleman aufregte in dem Zusammenhang. Hilleman konfrontierte Albert Sabin mit den Befürchtungen, dem vorläufigen Beweismaterial zu der Verunreinigung und darüber hinaus stellte er klar, dass er andere Forscher auf den Sachverhalt aufmerksam machen werde. Irgendwie müsste man einen Weg finden, um SV40 in den Impfstoffen zu vermeiden bzw. abzutöten, und dann wäre alles geklärt. Immerhin stünden ja ganz neue Technologien zur Verfügung, um solche Verunreinigungen festzustellen. Anstatt dankbar zu sein, wurde Sabin sehr wütend und schimpfte, dass man Impfungen keinen schlechten Ruf verpassen und deren Entwicklung bremsen dürfe. Bei einem Meeting mit mehreren Wissenschaftlern bei der „Sister Kinney-Stiftung“ wurden diese Fragen erörtert und manche scherzten, dass die USA künftig bei den olympischen Spielen ständig gegen Sowjetrussland gewinnen würden, weil die Russen alle mit Krebstumoren übersät wären, da man in Russland ja diese riesigen Feldversuche machte mit dem verunreinigten Polio-Impfstoff. Es habe viel Gelächter gegeben bei dem Meeting. Man hatte keine Presseerklärung dazu herausgegeben und die Angelegenheit landete somit nicht in den Medien. Es war eine „wissenschaftliche Angelegenheit innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft“. Das obwohl in Hamstern bei Versuchsreihen haufenweise Tumore entstanden waren. Der Polio-Impfstoff wurde zu einer Sensation. Einige Zeit später kam es dann zum SV40-Skandal.

Untergang

Der Untergang der Sowjetunion brachte einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems mit sich. Aufgrund der turbulenten Zeiten traten viele Infektionskrankheiten wieder auf. Der Einsatz von Kombinationsimpfstoffen, eine erhöhte Masernimpfungsrate in Kliniken und eine verbesserte Überwachung des Auftretens von Einzelfällen ermöglichten es der Russischen Föderation, ihr Ziel 2002 zu erreichen, 95 % der Einjährigen mit ihrer ersten Masernimpfdosis zu schützen. Russland erreichte noch mehr mit dem Nationalen Programm zur Eliminierung der Masern in Russland, das von 2003 bis 2009 lief, also unter Putin. Eines der größten Probleme, war nicht medizinischer Natur, sondern die weitverbreitete Esoterik im Russland.

Es gibt eine Reihe von Gruppen für russische Mütter, die von Websites wie Facebook und VKontakte, dem russischen Äquivalent von Facebook, gehostet werden. Dort werden Impfungen attackiert und gleichzeitig diverse wirkungslose, traditionelle Heilmethoden beworben.

Insbesondere die Verbundenheit mit und das Vertrauen in die Natur- oder Volksmedizin ist ein Aspekt der russischen Kultur. Vor der Esoterik kapitulierten sogar die Sowjets Ende der 1980er Jahre.

Das spätere Ministerium für Gesundheit und medizinische Industrie hat ein Gesetz zur Legalisierung von homöopathischen Ärzten erlassen. Im Jahr 2017 beantragte die russische Akademie der Wissenschaften beim russischen Gesundheitsministerium, die homöopathische Medizin in staatlichen russischen Gesundheitskliniken aufzugeben oder zu verbieten. Am Moskauer Gertsen-Krebsinstitut stellten Ärzte, die noch 2006 informell Patienten befragten, fest, dass 9 von 10 Personen traditionelle Heilmitteln zur Behandlung ihrer Krebserkrankung ausprobiert hatten.

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