Gesundheit

Brian Deers Buch “The Doctor who fooled the World” über Andrew Wakefield

Rezension

Der Brite Andrew Wakefield sorgte in den 1990er Jahren für einen riesigen Aufruhr um einen spekulierten Zusammenhang zwischen der MMR-Dreifachimpfung und Erkrankungen des Austismus-Spektrums sowie schweren Darmerkrankungen. Nach einem zunächst für ihn positiven Medienrummel folgte die Enttäuschung über seine Studie und Interessenkonflikte, und er galt bei seinen schärfsten Kritikern als eine Art „Relotius“ der Medizin, also jemand, der Sensationen mehr oder minder herbeikonstruierte, um Karriere zu machen. Er ging nach Amerika, ließ sich sponsern von einem New Yorker Hedge-Fund-Giganten, heiratete ein wohlhabendes Model und ist seither Aktivist, der zeitweise von der Trump-Administration hervorgehoben wurde. Inzwischen empfahl Trump aber mehrfach die COVID-Impfung sowie die Masernimpfung und der Abstand zu Wakefield wurde größer.

Einer von Wakefields Erzfeinden ist der Journalist Brian Deer, dessen Buch „The Doctor who fooled the World“ seit Ende letzten Jahres als Paperback und ebook erhältlich ist. Deer war spezialisiert auf Korruption im medizinischen Bereich und brachte u.a. eine Pharma-Firma zu Fall wegen einem gefährlichem Antibiotika-Cocktail. Als Profi war sich Deer aber darüber bewusst, dass nicht jede Anschuldigung unbedingt stimmen muss und dass nicht jeder vermeintlich Geschädigte ein David ist, der gegen Goliath kämpft.

Wakefield kannte sich mit Viren nicht aus und war eine völlig unbedeutende Figur gewesen. Dann stellte er die Hypothese auf, dass Masern (bzw. die Masern-Impfung) die Darmerkrankung Morbus Crohn auslösen könnte. Er bekam viel Aufmerksamkeit und erhielt sogar Geld von dem Pharma-Giganten Merck. Er bastelte eine wackelige Studie zusammen, laut der masern-geimpfte Leute dreimal häufiger Crohns bekämen und wurde dafür in einer Top-Publikation veröffentlicht, aber mit einer Reihe Disclaimern, dass noch keinerlei konkrete, kausale Zusammenhänge bewiesen seien.

Eltern mit Autismus-Kindern taten sich mit Anwälten zusammen: Der MMR-Impfstoff sei der Auslöser der Gehirnschädigung. Auf Wakefield stieß man anscheinend wegen seine arbeiten zu Crohns Disease und Masernimpfungen. Er meinte zunächst, er wisse gar nichts über Autismus. Aber dann ließ er sich breitschlagen, mitzumachen. Je mehr Familien man finden kann, umso eher bekommt man die Anwaltskosten bezahlt durch die Regierung. Man erzählte den Eltern, es gäbe da Tests um Klarheit zu gewinnen. Die Eltern meinten, dass ihre Kinder ab und an mal Durchfall hätten und schon wurden die Kinder zu Versuchspersonen in der Studie gemacht. Gefährliche invasive Tests zeigten bei zwei von 12 Kindern kleine Auffälligkeiten im Darm, die sich später als nicht bedeutsam herausstellten. Die Forscher hofften, in Proben aus dem Darmgewebe Hinweise auf Masern-Viren zu finden und man bastelte die erweiterte Hypothese, dass die Problem im Darm zu Problemen im Gehirn führen und Austismus auslösen. Wakefield und die anderen Forscher hatten eigentlich nichts Konkretes in der Hand. Trotzdem wurde ein Medien-Hype gestartet über eine PR-Firma. 1998 kam der große Auftritt von Wakefield. Eine Studie mit nur 12 Patienten, ohne Kontrollgruppe, ohne dass man konkrete Darmerkrankungen zeigen, geschweige denn mit Masernviren aus der MMR-Impfung in der Verbindung bringen konnte. Die Studie wurde in The Lancet veröffentlicht, einer Top-Publikation, aber eben auch eine ausführliche Gegendarstellung. Wakefield hatte schon hochtrabende Träume über Diagnose-Produkte und Medikamente, die sich entwickeln und vermarkten ließen. Eine Reihe an Anwälten bereiteten Klagen vor gegen Impfstoffhersteller. Solche Klage-Versuche gab es bereits in der Vergangenheit. Brian Deer, der den Fall Wakefield untersuchte, hatte Erfahrung mit solchen Dingen. Er besuchte Margaret Best, die 2,75 Millionen britische Pfund Schadensersatz von einem Impfstoffhersteller bekommen hatte. Laut ihrer Geschichte hatte ihr Sohn 1969 nach einer DTP-Dreifachimpfung den ersten von vielen schweren Anfällen und war danach behindert. Ihre Geschichte war aber voller Widersprüche und Deer beschaffte sich die Transkripte des Gerichtsprozesses und fand noch mehr Widersprüche. Die medizinischen Akten zeigten, dass sie nach der angeblichen Impfreaktion ihres Kindes eine zweite DTP-Impfung machen ließ. Der Arzt des Kindes hatte keine Aufzeichnungen über Anfälle, die angeblich ständig passierten. Best hatte einfach Glück vor Gericht, und gute Anwälte. Es gab weitere Fälle von Klagen auf Schadensersatz, wo herauskam, dass die Eltern bzw. Mütter logen in den den USA und Britannien. Auf Anraten der Anwälte behaupteten die Eltern, die Probleme seien innerhalb von 14 Tagen nach der Impfung aufgetreten, obwohl sie teils vorher begonnen hatten, teils erst viele Monate später.

Die Interessenkonflikte von Wakefield und den Anwälten waren riesig; die Aussagekraft der Studie mit 12 Kindern dagegen fast null. Das Royal Free Hospital wurde regelrecht eine Fabrik, um genügend Belege zu suchen für die Hypothese. Die Anwälte hatten von vorneherein keine gute Aussicht eine Klage zu gewinnen, aber immerhin Honorare zu kassieren, bezahlt vom Steuerzahler.

Japanische und amerikanische Forscher versuchten ähnliche Darm-Studien wie Wakefield, aber fanden nichts. Die Japaner hatten sogar ultra-sensible PCR-Technik, um Masern aufzuspüren in Darmgewebe. Aber ohne Ergebnis. Wakefield meinte, er hätte Masernviren gefunden mit nur einem Mikroskop (!) und Antigen-Tests. Sogar einer der forscher neben bzw. unter Wakefield widersprach Wakefield. Wakefield mochte anscheinend Daten, die seine Hypothese stützten, und verwarf, was widersprach. Bei einem Meeting mit vielen hochrangigen Wissenschaftlern meinte jemand, Wakefield habe bei der Benutzung von Antikörpern nicht die empfohlenen vier Negativ-Kontrollmethoden verwendet. Man fand in Wakefields Studie nur eine Kontrollmethode. Dann kam die heikle Frage: Woher habt ihr die Kinder? Selection bias? Es war sogar noch schlimmer: Es waren Kinder von Eltern die klagen wollten und Wakefield sollte dafür die passenden Belege liefern.

Vier große Zeitungen und TV-Sender berichteten zunächst positiv und regelmäßig über Wakefield. 1800 Familien hatten sich gemeldet bei den Anwälten. Eine Koryphäe von der Royal Society mit ritter-Titel wurde Wakefields neuer Vorgesetzter und wollte jenen loswerden. Es gab sogar das Angebot, eine ausführliche Studie zu finanzieren, die Wakefields These entweder bestätigen oder verwerfen würde. Wakefield nutzte das Angebot nicht, denn er wollte unter eigenen Vorstellungen mit seinen eigenen Kontrollmethoden arbeiten. Er lieferte dünne Papers ab, laut denen angeblich Masernviren im Darmgewebe nachgewiesen worden seien. Viele Forscher vermuteten aus guten Gründen eine Kontamination der Proben und konnten selbst die Ergebnisse nicht replizieren.

Mit einer Abfindung verschwand er in die USA, stilisierte sich zum Opfer einer Verschwörung und die groß geplanten Klagen scheiterten. Die Anwälte wurden reich und der wichtigste davon gründeten dann noch eine Homöopathie-Organisation.

Ein reicher New Yorker Hedge Fund-Typ (Abschluss von Elite-Unis, Ausbildung bei den Lazard-Bankern und Homöopathie-Fan) gab 3 Millionen $ an Wakefield für den Film Vaxxed und Klagen gegen Brian Deer und das British Medical Journal. Wirklich neue, belastbare Erkenntnisse über MMR und Zusammenhänge mit Darmerkrankungen oder Autismus gab es keine.

Deers Buch ist wirklich lohnenswert. Hätte er geglaubt, dass Wakefield ein Held sei und die Hersteller der MMR-Impfung die Bösewichter, hätte sich dies in seiner Berichterstattung und in einem Buch sicherlich widergespiegelt.

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4 comments

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Leif 13. April 2021 at 13:59

Sonja, das mit der eigenen stimme geht jedem so, nach einer zeit gewöhnt man sich daran, der klang und die rethorik von dir sind super ganz zu schweigen vom inhalt sowie der erweiterung/bereicherung zu alex sichtweisen! Bitte mehr..

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WELTÜBERGANG 11. April 2021 at 17:22

Angenehm, mal die Stimme von Sonja zu hören.

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AlexBenesch
AlexBenesch 11. April 2021 at 18:05

Man muss sie fast schon dazu zwingen und sie hasst es, ihre eigene Stimme als Aufnahme zu hören.

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Leif 11. April 2021 at 14:11

Wahrscheinlicher scheint ein zusammenhang zwischen morbus crohn und pestiziden, sowie früher antibiotika gabe bei neugeboren und zusätzlicher genetischer disposition, ob aber impfschäden anderer ausprägung dadurch unwahrscheinlich sind stelle ich in frage!

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