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Hitlers kurze Zeit bei den Kommunisten in München war viel komplizierter

Die WELT Online brachte kürzlich einen Artikel über einen aufgefundenen Akten-Eintrag zu Adolf Hitlers kurzem Gastspiel bei kommunistischen Kreisen beim Militär in München kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Nichts wirklich Neues, aber dennoch interessant ist der Vermerk, dass Hitler zur Wahl für einen linken Soldatenrat antrat. Der WELT-Autor schlussfolgert:

„Da Hitler sich unter diesen Bedingungen zur Wahl stellte, muss man darin ein Bekenntnis zur Räterepublik und damit zu einer extrem linken Politik sehen.“

Manche in den rechten Medien nahmen dies zum Anlass, ausführlicher über Hitlers kurze Zeit bei den Linken zu schreiben sowie zu manchen ideologischen Überschneidungen zwischen Teilen der frühen NSDAP und den Linken, wie etwa die Verachtung für das Bürgertum und der Antikapitalismus. Es klingt oft nach einem kindischen „Ätschibätsch“ der rechten Medien in Richtung der linken Medien. Die neue Rechte distanziert sich zwar öffentlich von Hitler, aber überzeugend ist dies nicht. In den USA, wo es legal ist, huldigen manche  Neurechte offen ihrem Führer als Vorkämpfer der Weißen Rasse. Was die Neurechten genausowenig verstehen wie die linken oder der Mainstream ist das Ausmaß der Spionage um Hitler und Nazideutschland. Auch Hitlers Versuch, bei den Kommunisten in München anzubandeln, war in dem Zusammenhang viel komplizierter.

Später erinnerte sich Hitler an diese ungewissen Tage:

„In dieser Zeit jagten in meinem Kopfe endlose Pläne einander. Tagelang überlegte ich, was man nur überhaupt tun könne, allein, immer war das Ende jeder Erwägung die nüchterne Feststellung, daß ich als Namenloser selbst die geringste Voraussetzung zu irgendeinem zweckmäßigen Handeln nicht besaß.“

Wenn man ihn beim Wort nimmt, könnte das bedeuten, dass seine Entscheidung völlig offenstand, welchen Herren er sich künftig anschließen solle. Hitler gab sich zunächst unauffällig und verließ München nicht, obwohl er sich stattdessen wie viele Soldaten der Reichswehr und Offiziere wie Rudolf Heß den verschiedenen Freikorps hätte anschließen können. Eine solide These ist, dass Hitler in München die Kommunisten ausspionierte und relevante Informationen an die rechten Freikorps weiterleitete.
Laut dem Historiker Ernst Deuerlein habe Hitler sogar versucht, sich der USPD oder den Kommunisten fest anzuschließen. War er ein Wendehals oder infiltrierte er eher die Linken, oder ließ er sich gar als russischer Spion anwerben? Erbeuteten russische Geheimdienste Akten, die Hitlers Homosexualität sowie eine Spitzeltätigkeit vor dem Krieg bewiesen und wurde er mit diesem Erpressungsmaterial rekrutiert?
Eigentlich würde man annehmen, dass Hitler und der Rest der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg Rachegelüste hegten gegen Großbritannien, aber die britischen Geheimdienste nutzten geschickt eine Mischung aus Spionage, Logen und völkischer sowie antisemitischer Propaganda, um hier gegenzusteuern. Die gemeinsame nordische Abstammung von Deutschen und Briten wurde dahingehend stark betont, alle großen Übel der Welt wurden den Juden angelastet und sogar für Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg wurden „die Juden“ verantwortlich gemacht. Verdächtige Kreise aus Britannien und den USA verbreiteten fleißig irreführende Verschwörungsliteratur und die Protokolle von Zion und webten die darin enthaltenen Leitmotive auch in theosophische und andere esoterische Bücher ein, die in völkischen Zirkeln Deutschlands begeistert gelesen wurden.

Hitlers Schilderungen aus „Mein Kampf“ und seine späteren Pläne, mit den Briten eine nordischstämmige Allianz zu schmieden, zeigen, dass er nach dem Ersten Weltkrieg nicht Hass gegenüber dem Britischen Imperium empfand, sondern vielmehr einen großen Respekt. Als Unding empfand er es angeblich schon an der Front, dass Deutsche und Briten sich gegenseitig umbrachten. Warum nicht sich den Gewinnern des Krieges, also den Briten, anschließen? Das geschlagene Deutschland konnte alleine ohnehin kaum genügend Widerstand aufbieten gegen Kommunisten und die von Hitler als Strippenzieher einer Weltverschwörung geächteten Juden.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es viele junge deutsche Soldaten in prekärer Situation, die sich bewusst oder unbewusst von britischen oder anderen ausländischen Geheimdiensten anwerben oder zumindest in ihrem Denken beeinflussen ließen. Die Geheimdienste zahlten und hatten immer eine passende Ausrede parat, um den Verrat zu rechtfertigen oder umzuinterpretieren.

Auch Geheimgesellschaften wie der „Germanenorden“ nach freimaurerischem Vorbild und dessen Tarnorganisation „Thulegesellschaft“ rekrutierten fleißig Mitglieder. Der bayerische Logenchef war, wie bereits geschildert, Freiherr von Sebottendorf (geboren als Adam Glauer), der anscheinend in der türkischen Stadt Bursa Freimauer wurde und dort die Grundzüge des Logenwesens lernte, wobei der anerkannte britische Historiker Nicholas Goodrick-Clarke vermutet, dass diese Loge in Bursa eine Tarnorganisation der illegalen Jungtürken-Bewegung war, die den Sultan stürzen wollte. Die Jungtürken waren wiederum das Projekt des Britischen Imperiums, was Sebottendorf recht verdächtig aussehen lässt. Es wäre typisch für die britischen Geheimdienste gewesen, auch in Deutschland allerhand Logen zu etablieren und diese völkisch-esoterisch zu gestalten, um Offiziere und andere Personen von Interesse als Mitglieder an-werben zu können. War Sebottendorf also nur ein neuer Adam Weißhaupt? Wo der Illuminatenorden Ende des 18. Jahrhunderts auf die Trends der damaligen Zeit zugeschnitten war und die französische Monarchie zerstören wollte, so waren Sebottendorfs Organisationen nach dem Ersten Weltkrieg genau passend für das Zielpublikum militanter deutscher Patrioten, die die kommunistischen Räterepubliken bekämpften. Die stark judenfeindlichen Texte, die von den völkisch-esoterischen Logen publiziert und inhaliert wurden, beinhalteten natürlich auch die Protokolle von Zion und Henry Fords Reihe „Der internationale Jude“ aus Amerika. Im Prinzip griff man die Propaganda-Leitmotive der britischen Geheimdienste auf und wähnte hinter allen Übeln wie dem Kommunismus die Juden, obwohl doch das Britische Empire die rote Revolution in Russland gefördert, den Sozialismus im Westen über die Fabian Society aufgebaut und ein paar wenige jüdische Clans als Strohmänner etabliert hatte.

Sebottendorf ließ sich nicht in die Karten schauen, woher das viele Geld stammte, mit dem er Werbung machte für den Germanenorden. Schließlich konnte er mit der Thulegesellschaft einen eigenen Ableger starten und mit dem Geld seiner Frau eine Zeitung kaufen, die er prompt umbenannte in „Völkischer Beobachter“. Er popularisierte das Hakenkreuz, die Losung „Sieg und Heil“, stellte einen Kampfbund auf, der München von den Kommunisten befreite und ließ eines seiner Logenmitglieder die Deutsche Arbeiterpartei etablieren, aus der schließlich die NSDAP wurde. Er leistete sich aber auch, ähnlich wie Adam Weishaupt so viele Jahre zuvor, gewaltige Fehltritte und konnte beispielsweise nicht verhindern, dass Mitgliederlisten in die Hände der Kommunisten fielen. Mehrere Thule-Mitglieder wurden verhaftet und ermordet und des-halb nahm Sebottendorf den Hut, reiste ins Ausland, kam 1933 zurück, wurde abgeschoben und arbeitete zwischen 1942 und 1945 gerüchteweise für den britischen Geheimdienst. Spätere Nazi-Prominente wie Alfred Rosenberg und Rudolf Heß waren Gäste von Thule, Hitler hingegen nicht. Leute aus dem Umfeld von Thule unterwanderten die Münchner Rote Armee und spionierten die Kommunistische Partei aus, was bedeuten könnte, dass auch Hitler eventuell dort als Spitzel fungierte und zu diesem Zweck in München geblieben war.

Bereits vor dem Krieg hatte Hitler schließlich mit Begeisterung Bücher und Pamphlete gelesen, deren Inhalte sich mit Thule und ähnlichen Gruppen überschnitten. Am 26. April 1919 stürmte die kommunistische Polizei das Hotel „Vier Jahreszeiten“, das als Sitz der Thule-Gesellschaft und ähnlicher Organisationen gedient hatte, und machte etwa 20 Festnahmen. Vier Tage später wurden sieben in der Gewalt der Militärpolizei befindliche Thule-Mitglieder, darunter Prinz Gustav Franz Maria von Thurn und Taxis und drei weitere Adlige (Heila Gräfin von Westarp, Franz Freiherr von Teucherl, Friedrich Freiherr von Seidlitz) im Luitpold-Gymnasium erschossen. Gerade Prinz Gustav muss eingehender untersucht werden auf mögliche Spionagetätigkeit im Zusammenhang mit den Briten.

Der Thule-Kampfbund, der außerhalb Münchens Männer und Waffen gesammelt hatte, marschierte fast ungehindert in die bayerische Hauptstadt ein und erschoss dabei 300 Kommunisten. Sebottendorff verfolgte das Geschehen aus sicherer Entfernung und weigerte sich nicht nur, selbst zu kämpfen, sondern war wegen seinem Versagen bei der Geheimhaltung wichtigster Dokumente als Anführer untragbar geworden.
Hitler wurde unmittelbar nach der Rückeroberung Münchens beiseite gezogen, sodass er einzelne Kameraden verraten konnte, die zu sehr mit den Kommunisten kooperiert hatten und dafür prompt erschossen wurden. Die genauen Umstände sind unbekannt, was bedeutet, dass wir nicht genau wissen, ob Hitler tatsächlich über eine signifikante Zeitspanne hinweg seine Kameraden gezielt und systematisch ausgehorcht hatte, oder ob Hitler nach der Rückeroberung Münchens einfach etwas improvisierte, um sich wichtig zu machen und um sich den neuen Machtverhältnissen anzupassen. Es ist auch möglich, dass er zuvor von den Kommunisten als Agent angeworben worden war und nach der Rückeroberung Münchens durch die rechtsnationalen Freikorps bewusst unwichtige Kameraden verriet, um wichtige kommunistische Agenten zu schützen und sich selbst interessanter zu machen für die Freikorps.

Hitler wurde nach der Niederlage der Kommunisten versetzt an die Abteilung I/bP im Reichswehrgruppenkommando 4, die für Aufklärung und Propaganda zuständig war und ihn weiterbildete als V-Mann bzw. Spitzel. Sein Vorgesetzter Karl Mayr beschrieb ihn mit den folgenden Worten:

„Als ich ihm zuerst begegnete, kam er mir vor wie ein umherirrender Hund auf der Suche nach seinem Herrn.“

Hitler sei bereit gewesen,

„sich auf Gedeih und Verderb mit irgendjemandem zu verbünden, der ihm mit Freundlichkeit begegnen würde.“

Zum ersten Mal in seinem Leben durfte Hitler wirklich Student in einer professionellen Ausbildungseinrichtung sein und sich Vorlesungen anhören, wie etwa von Gottfried Feder, der das übliche Brimborium herunterleierte von der jüdischen Weltverschwörung und in Kontakt war mit Thule und dem Esoteriker Dietrich Eckart. Aus dem Umfeld der Thule war bereits die Deutsche Arbeiter-partei (DAP) entstanden und Hitler wurde von seinem Vorgesetzten Mayr vom Geheimdienst dazu gedrängt, in die Partei zu gehen, wofür sogar eine Sondererlaubnis erteilt wurde. Das Redetalent Hitlers, das besonders im Frühstadium noch nichts allzu Besonderes war, aber doch zumindest besser als das seiner Kameraden, war dafür nur ein Grund von mehreren. Hitler stammte aus einfachen Verhältnissen und konnte deshalb beim Volk zusätzliche Glaubwürdigkeit und Sympathien generieren, zu einer Zeit, in der die Deutschen der Ober-schicht aus Adel und höheren Militäroffizieren sehr skeptisch gegenüberstanden. Es zeigt auch, welche Scheindemokratie man den Menschen aus dem Schatten heraus andrehte. Die DAP war im Prinzip eine am Reißbrett zusammengebastelte Konstruktion, die sowohl Deutschlands alte Größe beschwor, aber auch die Masse mit den vermeintlichen Vorzügen eines nationalen Sozialismus lockte. In „Mein Kampf“ schrieb Hitler wenige Jahre später seitenweise über die harten Bedingungen der armen Arbeiter, genauso wie über die Probleme der Mittelschicht und Oberschicht, um den unterschiedlichen Lesern das zu versprechen, was diese hören wollten.

Historiker konzentrieren sich mit einem deutlichen Tunnelblick auf die völkisch-nationalen Aspekte bei der Entstehung der (NS)DAP und betrachten dagegen die geheimdienstlichen Aspekte wie einen unwichtigen Hintergrundaspekt. Nicht nur die bayerischen Behörden hatten das Interesse, die politischen und
mentalen Vorgänge im Volk zu managen, sondern auch die britischen, amerikanischen und russischen Geheimdienste mussten verstanden haben, wie lohnenswert hier eine Einflussnahme sein wird. Es ist sowohl davon auszugehen, dass völkisch-nationale Kreise in Deutschland von britischen, amerikanischen und russischen Agenten infiltriert wurden, als auch, dass britische Propaganda gegen die „jüdische Weltverschwörung“ und für eine deutsch-britische Allianz gezielt zum Einsatz kam. In Amerika, wo den Bürgern ein relativ hohes Maß an Freiheit eingeräumt wurde, wuchsen die Produktivität und die Wissenschaft in hohem Maße, während der Nationalsozialismus als Konzept für Deutschland nur ein Rückschritt war und es deshalb im Interesse der Briten lag, diesen Nationalsozialismus zeitweise zu fördern. Erst mit Hitlers Tätigkeit im bayerischen Geheimdienst wurde bei ihm der militante Antisemitismus und der Kampf gegen eine vermeintlich jüdische Weltverschwörung zum Thema.

Auch die russische Propaganda fand ihren Weg zu dem Umfeld der Thule und der DAP: Alfred Rosenberg, der im Laufe der Zeit zu einer Art Chefideologe der Nationalsozialisten wurde, brachte die gefälschten „Protokolle von Zion“ von Russland nach Deutschland mit und begeisterte damit Eckart und den Rest des Thule-Umfelds. Niemand verdächtigte Rosenberg, der aus Russland stammte, in Moskau studiert hatte und schließlich als mittelloser Migrant angelaufen kam, ein Agent zu sein.

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