Das Interesse der Öffentlichkeit an der Amokfahrt von Jens R. am 7. April in Münster geht bereits fast gegen null. Nur langsam tröpfeln neue Informationen an die Öffentlichkeit, wie etwa der folgende Hinweis:

„Im Tatfahrzeug des Amokfahrers von Münster hat die Polizei drei weitere Projektile gefunden.“

Genauer gesagt wurden drei Schusslöcher in der Lehne und Sitzfläche der Rückbank entdeckt. Ob die Projektile von der Waffe von Jens R. abgefeuert wurden, ließe sich leicht überprüfen und eine solche Überprüfung ist noch nicht abgeschlossen. In der Presse war die Rede davon, dass Jens’ Pistole das Kaliber 7,65 mm Browning gehabt hätte und dass nach seinem Selbstmord noch sieben Patronen im Magazin steckten. Oftmals verstehen Reporter aber sehr wenig von Schusswaffen allgemein und machen deshalb Fehler in ihren Berichten. Hatte Jens R. nur ein ein einzelnes Magazin oder Ersatzmunition dabei? Wir wissen es noch nicht. Je weniger Munition er mitbrachte, umso geringer erscheint seine Bereitschaft gewesen zu sein, Menschen nach der Fahrt zu erschießen. Wir können nicht posthum in seinen Kopf hineinblicken und wissen, was darin vorging, nachdem er Menschen umgefahren hatte.

Möglicherweise hatte er die Pistole kurz zuvor auf Funktionsfähigkeit testen wollen, feuerte dreimal in seine Rücklehne und lud dann das Magazin nach. Möglicherweise ist die Pistole Jahrzehnte alt. Vielleicht wollte er (mit Gehörschutzstopfen im Ohr) testen, wie laut die Waffe ist, wenn er sie vom Auto aus auf Menschen abfeuert. Vielleicht hatte er mit dem Gedanken gespielt, nach der Autoattacke zu fliehen, entschied sich dann aber für Selbstmord.

Zahlreiche Pistolen in dem Kaliber haben tatsächlich nur einreihige Magazine und es handelt sich um eine etwas schwächere Patrone als die gängige 9mm. Dennoch ist auch 7,65 sehr laut und ohne Gehörschutz besonders in einem Fahrzeug sofort extrem schädigend für das Gehör. Wie wissen noch nicht, ob er irgendeine Form von Gehörschutz dabei hatte.

Der aktuelle Hinweis auf drei Einschusslöcher in der Rücklehne des Fahrzeugs nährt Spekulationen über mögliche Mittäter oder andere Täter. Augenzeugenberichte, die von möglichen fliehenden Männern handeln, konnten bisher von niemandem verifiziert werden. Wenn theoretisch jemand anderes Jens R. im Fahrzeug erschossen hat, warum sollte derjenige dann dreimal daneben treffen? Wenn jemand Jens R. von außerhalb des Fahrzeugs erschossen hat, müssten auch Einschusslöcher existieren in Fenstern oder der Karrosserie oder ein Fenster müsste offen gestanden haben. Ballistische Untersuchungen können recht genau klären, aus welcher Distanz und welcher Richtung ein Geschoss abgefeuert wurde. Außerdem wurden das Fahrzeug und die Umgebung garantiert auf Patronenhülsen abgesucht. Theoretisch könnte jemand anderes einen Revolver verwendet haben ohne Hülsen am Tatort zu hinterlassen.

Und was soll das Motiv sein von unbekannten Personen, um Jens R. ein Verbrechen anzuhängen? Manche Rechtskonservative hatten gemutmaßt, dass damit Stimmung gegen rechts geschaffen werden solle, während die Massenmedien kurz spekulierten, dass Jens R. Kontakte zur rechtsextremen Szene gehabt hätte. Schnell aber verlief sich jede Spur nach rechts ins Nichts.

Fälle wie der NSU mit zahlreichen krassen Ungereimtheiten und Widersprüchen und sterbenden Zeugen haben zu gewaltigem Misstrauen in die Behörden und die Politik geführt. Bei Münster sind wir aber noch meilenweit entfernt von einem Skandal.