Kommentar

Würden Sie einem promovierten Raketenwissenschaftler Vorträge halten über Physik, obwohl Sie keine Ahnung von dem Fach haben und nur ein wenig Oberflächliches im Netz dazu gelesen haben? Wohl kaum. Das wäre sinnlos. Wenn Sie darüberhinaus versuchen würden, sich Ihre eigene Rakete zu basteln und damit ins Weltall zu fliegen, verschwenden Sie bestenfalls Ihre Zeit und ihr Geld oder jagen sich schlimmstenfalls selbst in die Luft.

So in etwa ist die Situation mit den Reichsbürgern. Sie verstehen das äußerst komplizierte Recht gar nicht (welches absichtlich so gestaltet wurde, dass nur wenige studierte Profis es verstehen können), glauben aber sie hätten genug Durchblick, um bewaffnet mit Schrieben, die sie aus dem Internet kopiert haben, das Monstrum Staat angreifen zu können und um dabei zu gewinnen.

Die Besatzermächte und die Nachkriegsregierungen konnten sich immer genug Top-Juristen leisten, um die Bundesrepublik wasserdicht zu gestalten. Einen formellen Friedensvertrag? Brauchte es gar nicht, weil die Juristen das auch anders regeln konnten. Geltungsbereich der Gesetze? Wurde immer wieder angepasst; natürlich schön kompliziert und an verschiedenen Stellen im Recht. Grundgesetz als Provisorium? Die Juristen konnten das so kontruieren, sodass das Grundgesetz die dauerhafte Verfassung wurde. Nie hat man was anbrennen lassen. Wozu auch? Die paar Millionen, die für die Anwälte draufgingen, sind für das Establishment nur Kleingeld. Die Besatzer sind allesamt Staaten, die die Souveränität anderer nicht sonderlich ernst nehmen. Aber ihre Kontrollmechanismen sind zu gut versteckt und es gibt praktisch keine Spuren davon in dem juristischen Bollwerk, das für Deutschland geschaffen wurde.

Und dann kamen die Reichsbürger, die das Recht nicht wirklich blicken, sondern ständig Dinge übersehen und fehlzitieren/fehlinterpretieren. Und dann glaubten die Reichsbürger, sie hätten unzählige Schlupflöcher und gravierendste (Form-)Fehler im Recht gefunden. Praktisch das gesamte Recht der Bundesrepublik ließe sich einfach aushebeln, glaubten sie. Man müsse sich nur zum “Selbstverwalter” erklären, oder zur “natürlichen Person” oder sich einen “gelben Schein” holen oder sich an das “russische Generalkonsulat wenden” oder seinen eigenen Staat auf dem eigenen Grundstück ausrufen, oder sich zum “Bürger Preußens” erklären. Außerdem müsse man Briefe schicken an die Ämter und Gerichte der Bundesrepublik, in denen beispielsweise steht, dass das Deutsche Reich nach wie vor existieren würde, die BRD eine private Firma oder Treuhandgesellschaft sei, dass die BRD-Gesetze keinen Gültigkeitsbereich mehr hätten usw.

Wenn man dies tut, so die Erwartung der Reichsbürger, dann müssten die BRD-Behörden einknicken, klein beigeben, und peinlich gerührt eingestehen, dass der Reichsbürger Recht hätte. Aber das sinnlose Geschreibsel der Reichsbürger an Behörden und Gerichte bietet keinen Schutz. Null. Viele Leute reiten sich damit nur selbst tief in die Misere und geben dem System, alles was es braucht, um zu vollstrecken. Wenn das sinnlose Geschreibe der Reichsbürger nicht den gewünschten Effekt hat, dann versuchen die Reichsbürger es oft mit Drohungen oder mit mehr Geschreibsel oder mit Youtube-Videos. Alles sinnlos. Der Reichsbürger reitet sich immer tiefer in die Misere hinein. Je tiefer, umso weniger kann er sich eingestehen, falsch gelegen zu haben und auf die falschen Ideen hereingefallen zu sein. 

Profi-Revoluzzer oder Mafias oder Großkonzerne haben immer gut studierte Juristen, die alle echten Tricks und Schlupflöcher kennen. Die zahlen dann legal fast null Steuern und sind rechtlich nur sehr schwer greifbar. In dem Dickicht aus GmbHs, Holdings, Beteiligungsgesellschaften, Stiftungen und stillen Teilhabern von irgendwelchen Briefkastenfirmen in der Karibik blickt keiner von Außen mehr durch.

Das ist der Unterschied. Reichsbürger hingegen kopieren einfach sinnlose Texte aus dem Netz mit dem Ergebnis, dass sie in Teufels Küche kommen.

Die Leute müssen sauber unterscheiden: Dinge wie sie wirklich sind und Dinge, wie man sie gerne haben will. Die Mittel/Werkzeuge die man einsetzen möchte, muss man realistisch betrachten. Die Werkzeuge, die die Reichsbürger empfehlen, sind nutzlos und kontraproduktiv. Die Reichsbürger-Schriebe und Argumente haben keine Auswirkungen vor Gericht oder bei Ämtern. Kürzlich wieder so ein Fall: Strafzettel nicht bezahlt und alle Ämter zugemüllt mit nutzlosen Schrieben, dann nicht vor Gericht erschienen, dann verurteilt. Wenn er sich noch weigert, die Strafe anzutreten, wird er per Haftbefehl gesucht.

In der ganzen Welt verstehen es erfolgreiche Dissidenten und Revoluzzer, sich gekonnt abzuschirmen und den Rechtsrahmen zu kennen, die Lücken auszunutzen. Die Reichsbürger hingegen geben dem System alles was es braucht, um knallhart zu vollstrecken. Peter Fitzek fuhr immer wieder ohne Führerschein Auto und erklärte, er brauche halt keinen weil er ein Staatsoberhaupt sei. Niemand könne ihm was. Er habe schließlich die tollen Werkzeuge und Kniffe, um sich abzuschirmen. Die Behörden hatten sich zwar Zeit gelassen, aber letztendlich keine großen Schwierigkeiten, ihn einzukassieren.