Kommentar

De facto gibt es unzählige verschiedene islamische Auslegungen und Lebensweisen. De jure gibt es aber nur einen Islam, der geregelt ist durch Koran, Hadithe (Überlieferungen) und moderne Rechtsgutachten von Islamgelehrten, die sich wiederum streng nach Koran und Hadithe richten müssen. Wenn sich Hadithen oder Koransuren in ihrer Botschaft bzw. in ihren Handlungsanweisungen widersprechen, dann gelten nach islamischen Regeln die neueren. Die zeitlich neueren und heikleren Texte und Überlieferungen stammen aus der kriegerischen Expansionsphase von Mohammeds Wirken und heben quasi die früheren toleranten Aussagen auf. Das Material aus Koran und Hadithe erhebt Anspruch auf ewige Gültigkeit und gilt als das letzte Testament Gottes. Der Kampf gegen die Ungläubigen mit verschiedenen Mitteln, Rekrutierungen und Beutezüge sind explizit geregelt.

Es gab nie ein „Neues Islamisches Testament“ und auch keine Generalversammlung der muslimischen Führer weltweit, die einen neuen Kurs offiziell hätten beschließen können.

Man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass westliche (zumeist christliche) Imperien mit äußerster Härte und Brutalität gegen die muslimische Welt vorgegangen sind und damit verhinderten, dass die Muslime sich weltweit stark weiterentwickeln, sodass sie eine ernsthafte Konkurrenz zur christlich-westlichen Dominanz darstellen würden. Immer wieder wurden Fortschritte in der muslimischen Welt zunichte gemacht, indem westliche Imperien sich einmischten, Kriege anzettelten, fanatische Diktatoren förderten usw. Natürlich ist das keine retrograde Entschuldigung für Anschläge wie nun in Berlin, allerdings darf man den Kontext nicht vergessen und man sollte nicht den Fanatikern auf allen Seiten in die Hände spielen. In den USA gibt es beispielsweise einige mächtige und gewaltbereite christliche Sekten, die den Rechtsstaat ablehnen und eine Theokratie installieren wollen. Auch in größere Kirchen lehnen Gläubige den Rechtsstaat ab. In Europa nutzen neurechte Figuren immer häufiger christlich-templerische Fassaden.

In der Ära von George W. Bush galt es als normal für die alternativen Medien, bei islamistischen Anschlägen Hintermänner aus dem amerikanischen Machtapparat zu vermuten und auch in diese Richtung zu forschen. Wenn es Bush und den Neocons nützte, waren wir misstrauisch. Heute aber, wenn islamistische Anschläge Putin und den europäischen Neurechten (i.e. Neocons) politisch nützen, dann interessieren sich die alternativen Medien nicht im Geringsten für die Möglichkeit russischer bzw. neurechter Hintermänner. Im Endeffekt repräsentieren die „alternativen“ Medien heute nichts anderes mehr als den östlichen Mainstream. Die Alternativen sind genau zu dem geworden, was sie immer verabscheut hatten: Neokonservative Agitierer, die einem neokonservativen Cowboy-Präsidenten hinterherlaufen. Putin ist der George W. Bush des Ostblocks.