Image default
Kultur

Der virtuelle KSK-Soldat: Nuoviso und die Propaganda

Hagen Grell von Nuoviso interviewte kürzlich einen jungen Mann der vorgab, Soldat der Elite-Bundeswehreinheit KSK (Kommando Spezialkräfte) gewesen zu sein und sowohl im Irak als auch Afghanistan Missionen erfüllt zu haben. Nun wolle er auspacken und geheime Wahrheiten enthüllen. Einzig seine Militärjacke und das Shemagh-Halstuch, das er trug, wirkten militärisch, er selbst eigentlich überhaupt nicht.

Schnell stürzten sich diverse Blogs auf die Person und unterstellten, es handle sich in Wirklichkeit um einen erfolglosen Musikproduzenten, der womöglich nie gedient hat, zumindest nicht beim KSK. In den Youtube-Kommentaren wurde gespottet, mit KSK sei wohl eher die Künstlersozialkasse gemeint.

Das Video ist erst einmal nicht mehr auf dem offiziellen Nuoviso-Kanal abrufbar, dafür bei diversen anderen Kanälen. Auf Facebook geistert ein Rechtfertigungsversuch herum, der von Grell stammen soll:

Bei NuoViso hat keiner einen militärischen Hintergrund. Insofern konnten wir nicht einschätzen, ob seine Geschichte insgesamt glaubhaft ist.

Wenn ich einen Whistleblower aus der Blumenindustrie interviewen will, muss ich auch kein Botaniker sein. Journalist reicht. Es gehört zum Berufsbild, die Glaubwürdigkeit von Personen und Geschichten einzuschätzen. Interessant auch, dass Nuoviso ständig über Kriegsthemen berichtet, aber anscheinend Probleme eingesteht, militärische Sachverhalte einzuschätzen.

Während sich der Scoop als Rohrkrepierer erwies, sammelt man mit einem anderen “Bundeswehrsoldat” Klicks: Marcel Claus, der bei einer Sonderausbildung verheizt worden und dann entlassen worden sei:

Doch die Odyssee ging noch weiter. Marcel Claus wurde von einer Behörde zur nächsten geschoben, nachdem ihn die Bundeswehr aus Gesundheitsgründen unbehandelt entließ. Er erhielt weder die Gesundheitsleistungen, die ihm zustehen noch die finanzielle Versorgung. Auch das Bundespräsidialamt antwortete ihm nur mit anteilnahmsloser Freundlichkeit.

Es sind schwere Vorwürfe. Nach dem Fail mit dem KSK-Soldaten sollte man also besonders genau hinsehen. Google scheint Marcel Claus praktisch nicht zu kennen, abseits der Postings des Nuoviso-Interviews, insbesondere die Nachrichtensuche nicht. Hat sich vorher nicht eine einzige Zeitung oder ein einziges TV-Magazin dem Fall angenommen? Ist das jetzt echt oder nicht? Der Zuschauer weiß es nicht wirklich. Man kann es glauben oder nicht. Ist Nuoviso überhaupt in der Lage, die Glaubwürdigkeit des Herrn einzuschätzen?

Das Lieblingsthema von Nuoviso ist trotzdem der Krieg. Endlich, so der Tenor, gibt es einen Dokumentarfilm über den Ukraine-Konflikt, der ganz anders sei als die ständigen Lügen des Westens. Er heißt Ukrainian Agony und wurde vor Ort gedreht von einem Herrn namens Mark Bartalmai. Dass der deutsche Ableger von Russia Today den Film bewarb, war allerdings schon mal gar kein gutes Zeichen.

Hinter dem Pseudonym “Mark Bartalmai” verbirgt sich Berichten zufolge ein Mirko Möbius, Berater für Onlinehandel und Suchmaschinenoptimierung für Webshops. Vor seiner Reise 2014 in die Ostukraine schien er nichts mit Journalismus am Hut zu haben, allerdings besitzt er enge Kontakte zu dem Netzwerk aus prorussischen Eurasien-Figuren und der deutschen Mahnwachen-Szene. Seine Darstellungen werden im Netz bereits heftig kritisiert:

Er müsse sich entschuldigen, denn er könne nicht laut reden. Der Krieg sitzt ihm noch zu sehr in den Knochen. So begann Mark Bartalmai seine Rede auf der Braunschweiger ‚Friedensmahnwache‘ am 22.09.14. [1] Dann fand er aber doch seine Stimme und es folgte eine schwülstige Erzählung von Erlebnissen, die der als Kriegsreporter vorgestellte Herr kürzlich in der Ostukraine erlebt und erfahren haben will. Unter anderem behauptete er, die ukrainische Armee habe nach der Einnahme der Stadt Slawjansk ein Kind vor den Augen seiner Mutter gekreuzigt…
Diese krude Geschichte verbreitete der russische TV-Sender „Kanal 1“ Mitte Juli 2014. Sie ist schon damals sofort als frei erfunden entlarvt worden. [2] Nicht nur in westlichen Medien, auch in Russland selbst löste die groteske Propagandalüge massive Proteste aus. [3] Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die ganze Story von einem sehr ähnlichen Gerücht inspiriert worden, das der Rechtsesoteriker Alexander Dugin einige Tage zuvor im sozialen Netz verbreitete. [4]
[1] http://youtu.be/B3Z_JhHoRP0
[2] http://www.n-tv.de/politik/Russischer-Sender-berichtet-von-Kreuzigung-article13210266.html
[3] http://www.tt.com/politik/konflikte/8642410-91/propaganda-bericht-über-gekreuzigtes-kind-empört-russen.csp
[4] http://www.themoscowtimes.com/news/article/state-run-news-station-accused-of-making-up-child-crucifixion/503397.html

Linke Medien behaupten weitere aufschlussreiche Kontakte:

Gleichzeitig wohnte Evelin Pietza, eine Unterstützerung Bartalmais bei seinem pseudo-journalistischen Projekt [7], den Siegsparaden in Moskau bei .[8] Sie reiste gemeinsam u.a. mit der Elsässer-Vertrauten Yasmine Pazio (RT Deutsch und Compact). [9] In der geschlossenen Facebook-Gruppe, die die Fahrt organisierte, war u.a. auch Jurij Kofner aktiv (Compact und Eurasische Jugendbewegung von Alexander Dugin). [10]
[7] https://about.me/pietza
[8] on.fb.me/1So07Rg
[9] https://goo.gl/vbJ6As
[10] Gruppe: facebook.com/groups/377190962405637/ Zu Kofner: facebook.com/kofner?fref=grp_mmbr_list und http://goo.gl/F6BeVW

Der Film beginnt mit einer viel zu langen Reihe an Texttafeln, u.a. über die Maidan-Protste, die sich erwiesen hätten “als geplanter Putsch gegen die legitim gewählte Regierung”.

Ein “blutiger Machtwechsel, der durch die US-Regierung und den Westen geschürt wurde”. Bevor also überhaupt die ersten richtigen Bilder zu sehen sind, gibt es russische Talking Points serviert. Washington sei an allem Schuld, als könnten die Amerikaner einfach nach Belieben in ehemaligen Sowjetrepubliken treiben, was sie wollen. So einfach ist die Welt aber nicht. Der Kontext, dass die überwiegende Mehrheit der Ukrainer und genügend einflussreiche Individuen trotz ihrer KGB- und Kommunisten-Vergangenheit gegen Janukowitsch und die enge Russlandbindung waren, fällt unter den Tisch. Ebenso gibt es keinen aufschlussreichen historischen Kontext über die sowjetische Diktatur bis 1991, oder die Art, wie Russland gegen Tschetschenien Krieg führte.

Auch kein Wort über die russischen Truppen, die ohne Markierungen und ohne formelle Kriegserklärung samt schwerem Gerät einmarschiert sind. Stattdessen soll der Zuschauer glauben, es handle sich um simple Bürger, die in der Rolle des Underdogs alleine gegen die Übermacht Kiew ihre Russischstämmigkeit verteidigen. In der russischen Propaganda war es lange Zeit selbstverständlich, von ganzen Faschistenhorden zu fantasieren, die aus dem Westen angerollt kämen. Auch in “Ukranian Agony” wird bei Minute 42 eingeschoben, dass sich russische Amateure “freiwillig” den Einheiten angeschlossen hätten. Sie hätten den “aufziehenden Faschismus gesehen” und seien gekommen um zu helfen.

Der Moskauer Faschismus mit Führerkult und Kriegs-Geheul und Einheitspartei wird selbstverständlich nicht erwähnt. Auch nicht, wie Neonazis und fanatische Eurasien-Kämpfer unter der russischen Führung gedeihen.

Es wechseln sich wackelige Vor-Ort-Bilder ab mit Erzählungen des Filmemachers. Man erfährt nicht, wie genau er in den Donbass gelangte. Setzte er sich womöglich, wie beispielsweise Abgeordnete der deutschen Partei DIE LINKE, bequem in den Flieger nach in Moskau und tuckerte dann eingebettet bei den Separatisten in den Donbass? Embedded Journalism können die Russen nämlich auch.

Mark Bartalmai trägt anscheinend kein Make-Up, um den dramatischen Effekt zu erhöhen. Er sieht aus, als hätte er 10 Jahre an der Front verbracht. Er guckt betroffen, man sieht Bilder von Leichen, er schluckt zwischendurch, und erzeugt damit Stimmung gegen Kiew, Brüssel und Washington. Nicht aber gegen Russland. Er ist (anscheinend) bei Minute 6 zu sehen, wie er auf einem gepanzerten Fahrzeug mitfährt und filmt. Es sind Kämpfer zu sehen in bunt zusammengewürfelten Tarnuniformen. Wieso trauten diese Männer ihm und seiner Story? War er eingebettet? Wer sind diese Männer wirklich? Kann er überhaupt mit irgendeiner Bestimmtheit sagen, dass keine russischen Profi-Soldaten dabei waren? Glaubte er diesen Typen aufs Wort?

Es folgen Bilder von weinenden Meneschen mit traurigen Gesängen. Würden die westlichen Massenmedien so etwas bringen, würden die Putinistas sofort schreien, so etwas sei manipulativ.

Es geht weiter mit dem Maidan: Bösartige Menschen hätten dort Chaos verursacht.

Gäbe es hingegen einen von Russland geförderten Aufstand in Mexiko-City gegen die pro-amerikanische Regierung dort, dann bezweifle ich dass der Herr Kriegsjournalist große Tränen weinen würde. Bei Minute 18 gibt es prompt Lob für Putin.

Dann wiederholt er die typischen einseitigen Sichtweisen über das Flugzeugdesaster MH 17, obwohl die Faktenlage stark suggeriert, das russische und pro-russische ukrainische Kämpfer versehentlich einen Abschuss durchgeführt hatten.

Schließlich interpretiert er den gesamten Konflikt als Versuch, Russland hineinzuzwingen und zu schwächen. Der Widerstand im Donbass würde paradoxerweise verhindern, dass die ganze Ukraine als Kriegsinstrument gegen Russland eingesetzt wird. Helden im Donbass also, gegen den Satan USA.

“Das muss man wissen.”

Kein Wort, dass Putin dringend neue außenpolitische Abenteuer braucht, um seinen Personenkult und den russischen Imperialismus zu befeuern. Kein Wort, dass Russland fast 100 Jahre lang vom Westen technologisch gefördert und querfinanziert wurde. Zu Beginn des Films heißt es zwar, dass alles nur die Meinung des Filmemachers sei, aber wenn sich seine Meinungen fast deckungsgleich mit der Meinung des Moskauer Regimes überschneidet, werde ich hellhörig.

Liked it? Take a second to support AlexBenesch on Patreon!

Related posts

Peaches Geldof war “besessen” von der Musik des Freundes von O.T.O.-Satanisten

AlexBenesch

LeFloid hetzt gegen GRA und Waffen

AlexBenesch

Deutsche Muslim-Rap-Stars mischen sich in Politik ein

AlexBenesch

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie einverstanden sind, benutzen Sie die Seite weiter und klicken auf „OK“. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung. OK Datenschutz