Kommentar

Moskau und Washington werden wohl nach den Anschlägen in Paris ihren angestrebten Deal bekommen, um die zukünftige Kontrolle über den Irak und Syrien untereinander aufzuteilen. Es war abzusehen, dass der Konflikt mit ISIS und dem Assad-Regime nicht mehr lange so weitergehen würde: Die USA mussten nur Geld und Waffen in die Region pumpen, während Russland die Kosten für größere Bombardements und weitere Engagements nicht längerfristig tragen wollte und der Iran zu schnell zu viele wichtige Offiziere verlor bei dem Versuch, dass Assad-Regime zu stützen. Es wurden immerzu behauptet, die Amerikaner hätten keine richtige Strategie. In Wirklichkeit war die Strategie simpel und brutal: Hochkochen lassen und warten, bis den anderen Beteiligten die Luft ausgeht, und dann einen neuen Deal machen über die Zukunft der Region.

Nachdem es Moskau misslungen war, auch nur eine einzige Revolution des arabischen Frühlings aufzuhalten, wurde schweres Geschütz aufgefahren, um nicht auch noch das Assad-Regime in Syrien als Partner zu verlieren. Der Bürgerkrieg war längst zu einem Stellvertreterkrieg der Supermächte geworden, denn die “Freie Syrische Armee” und andere syrische Oppositionsgruppen erhalten wiederum Unterstützung aus den USA und diversen arabischen Nationen.

Das russische Imperium hatte in den vergangenen hundert Jahren meistens nur dann Erfolg bei der Ausweitung des eigenen Machtbereichs, wenn massenhaft Bodentruppen zum Einsatz kamen. Manchmal schlug aber diese Strategie fehl wie im Winterkrieg gegen Finnland oder in Afghanistan. Nun will Moskau in Syrien beweisen, dass die Großmachtsambitionen nicht nur auf das Nuklearwaffenarsenal beschränkt sind, sondern dass der russische Bär tatsächlich auch in der Lage ist, schlappe 1500 Kilometer von zuhause entfernt seinen Willen durchzusetzen.

Moskau hat bereits mehrfach durchscheinen lassen, dass man zunächst das Assad-Regime retten, dann aber eine neue Regierung installieren will. So oder so, die Tage der Assads sind gezählt. Es geht nur noch darum, welche Gruppierungen die Nachfolge antreten und welcher Großmacht gegenüber sie loyaler sein werden.

Die Rebellen in Syrien wussten, dass die russische Hilfe für Assad den Bürgerkrieg noch viele Jahre hinauszögern könnte. Eventuell lassen sich Rebellengruppen deshalb von Moskau überzeugen, in das prorussische Lager überzuwechseln, im Gegenzug für eine Beteiligung an der neuen syrischen Regierung.

Der Wust aus Kampfgruppen und die letztendlichen Loyalitäten sind schwer überschaubar. Während die USA versuchen, die Destabilisierung in die Kaukasus-Region zu verlagern um Russland dort ein Problem einzuschenken, versucht Moskau wiederum, möglichst viele islamistische Gruppen zu kontrollieren um diese dann gegen die US-freundliche Regierung im Irak zu benutzen. Der Putin-treue tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow forderte unlängst, islamische Kämpfer aus Tschetschenien “gegen ISIS” kämpfen zu lassen. Während dem kalten Krieg kontrollierte Moskau diverse radikalmuslimische Organisationen und bildete diese in Lagern aus.

Putin hat unterdessen russische Bodentruppen in Syrien zunächst ausgeschlossen und begnügt sich mit Luftschlägen. Der US-Senator John McCain forderte jüngst, moderne Luftabwehrsysteme an syrische Rebellen zu liefern, um die russischen Flugzeuge abzuschießen, die derzeit Luftschläge durchführen.

Die Parallelen zu dem Afghanistan-Fiasko im kalten Krieg werden deshalb immer deutlicher: Ziel der Invasion Afghanistans sollte im jahr 1979 sein, ein sowjetfreundliches, moskauhöriges Regime in Kabul einzusetzen und das Land gewaltsam zu befrieden, um so zugleich die Südflanke der Sowjetunion zu sichern. Am 25. Dezember 1979 überschritten die ersten Einheiten der für den Afghanistan-Einsatz neu gebildeten sowjetischen 40. Armee die Grenze nach Afghanistan. Den sowjetischen und afghanischen Regierungstruppen gelang es trotz ihrer militärischen Überlegenheit und Lufthoheit nicht, den Widerstand der Mudschahedin zu brechen. Zwar konnten sie schnell wichtige Städte und Straßen besetzen, über weite Gebiete außerhalb der großen Städte hatten sie jedoch keine Kontrolle.

Im Jahr 1982 wurde schließlich eine militärische Pattsituation erreicht, während der Kampf auf beiden Seiten immer brutaler geführt wurde. Auf die Guerillataktik der Mudschahedin, die in der Regel keine Gefangenen machten, reagierte die Rote Armee unter anderem mit Terror gegen die Zivilbevölkerung. Außerdem verloren die sowjetischen Truppen infolge der Lieferung von hochmodernen Stinger-Raketen an die Mudschaheddin durch die CIA die Luftüberlegenheit im Land.

Die sowjetische Führung gelangte zu der Einsicht, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, und suchte fortan nach einem Weg, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen, ohne das Gesicht zu verlieren.

Führende Mitglieder der CIA, einschließlich ihres Direktors William Joseph Casey, betrachteten einen Krieg jedoch bald nicht nur als Möglichkeit zum Kampf gegen den Kommunismus im Allgemeinen. Es bot sich die Gelegenheit, den verlorenen Vietnamkrieg in Afghanistan vergessen zu machen. Die Rolle der CIA lag sowohl in der Bereitstellung von Waffen als auch in der Unterstützung Pakistans durch Geheimdienstinformationen wie Satellitenaufnahmen und abgehörte Funksprüche der Sowjetischen Armee.

Die Waffen stammten aus China, Ägypten, Israel, den USA, Großbritannien und weiteren Staaten. Sie wurden von der CIA nach Pakistan geliefert, von wo die ISI sie an die Stützpunkte der Mudschahedin-Führer verteilte.

Der afghanische Krieg war in der Sowjetunion selbst äußerst unpopulär. Viele wehrpflichtige Jugendliche aus der gesamten Sowjetunion, die als Soldaten in diesem Krieg kämpfen mussten, erkrankten, erlitten Verwundungen und/oder Kriegstraumata oder starben. Außerdem wirkte der Afghanistankrieg als Katalysator für die wachsende Drogenproblematik und -kriminalität innerhalb der Sowjetunion, denn die Verbreitung von Rauschmitteln wie Heroin wurde durch ihn enorm gefördert. Auch insofern besteht eine Parallele zum Vietnamkrieg der USA. Wegen der Geheimhaltung, die alle militärischen Angelegenheiten umgab, und der Zensur der Medien waren Berichte über diese Aspekte des Krieges nicht möglich. Die sowjetische Bevölkerung konnte sich nicht mit den Zielen des Einsatzes „in der fremden Wüste“ identifizieren; das Vertrauen der sowjetischen Bevölkerung zur politischen Führung schwand weiter. Der Afghanistankrieg und seine enormen Kosten beschleunigten den Prozess, der schließlich zur Auflösung der Sowjetunion führte. Angriffe der Mudschaheddin auf sowjetisches Territorium blieben die Ausnahme. Der russische Staat kümmert sich kaum um die Veteranen, von denen viele Kriegsversehrte sind.

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