Warum geht ein hochintelligenter Student der Neurowissenschaften in ein Kino und schießt auf die Gäste? Ist er verrückt? Verrückt genug um der Todesstrafe zu entgehen? James Holmes, inzwischen 27 Jahre alt, plädierte in seinem Gerichtsprozess auf “nicht schuldig” in 166 Anklagepunkten des Mordes und versuchten Mordes wegen vermeintlicher Schuldunfähigkeit. Damit kam er nicht durch. Jetzt geht es nur noch ums Strafmaß.

Für schuldunfähig erklärt zu werden, ist alles andere als einfach. Sein Anwalt wollte mit Hilfe von Gutachten belegen, dass Holmes nicht mehr fähig war, die Folgen seines Handels abzuschätzen, nicht in der Lage war rationale Entscheidungen zu treffen bzw. nicht verstand, dass seine Handlungen Leid auslösen werden. Ein schwer Schizophreniekranker, der Stimmen hört, wäre beispielsweise unschuldig. Hingegen scheiterten die allermeisten Serienkiller in der Vergangenheit dabei, sich für schuldunfähig erklären zu lassen, selbst dann wenn sie abstruseste Dinge mit ihren Opfern anstellten. Was zählte war, dass sie den Unterschied zwischen richtig und falsch verstanden. Sie ignorierten ihn einfach.

Sein Vater ist ein Mathematiker mit Abschlüssen von mehreren Top-Universitäten, die Mutter eine Krankenschwester. James hatte keinerlei Vorstrafen sondern war ein Musterschüler, der in dem Gebiet der Neurowissenschaft Bestnoten erhielt. Man erkennt also zunächst keine offensichtlichen Risikofaktoren. Nach all dem was wir wissen, hatte er ein stabiles Umfeld. Allerdings manifestieren sich manche schwere geistige Erkrankungen wie etwa Schizophrenie häufig in genau dem Alter, in dem er seine schulischen Aufgaben schleifen ließ und immer abstruser wurde. Im Internet kursieren diverse Theorien, laut denen er von unbekannten Personen hereingelegt wurde und gar nicht selbst geschossen hätte, oder dass er einer Gehirnwäsche unterzogen und quasi für die Tat programmiert wurde. Die Realität ist wahrscheinlich viel simpler.

Die Zeitung Denver Post berichtete, dass die Polizei bei einer Durchsuchung seiner Wohnung vier Fläschchen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten gefunden hatte. Die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung stritten darum, ob genauere Informationen vom Arztgeheimnis gedeckt seien oder nicht. Letztendlich durfte die Öffentlichkeit nicht erfahren, um welche Medikamente es sich handelte, obwohl diese Informationen einen erheblichen Einfluss haben könnten auf die Frage nach der Schuldfähigkeit. Handelte es sich um Antischizophreniemittel? Um Stimmungsaufheller? Antipsychotika? Um etabliertere Präparate oder neuere? Experimentelle?

Diese Substanzen greifen erheblich in die Hirnchemie ein und verändern das Zusammenspiel von Neurotransmittern, die entscheidend sind für Verhalten. Wurde er behandelt wegen Manie, Halluzinationen, bipolare Störung, Wahnvorstellungen? Stoppte er abrupt die Einnahme von Medikamenten und riskierte damit extreme Konsequenzen? Wieviel Druck kann die pharmazeutische Industrie auf die Politik und diese wiederum auf die Gerichte ausüben? Was sagen Gutachter über Holmes’ Psyche? Werden Hirnscans vorgenommen? Tests auf Risikogene?

Sogar der Promi-Kommie Michael Moore gestand ein, dass sein Dokumentarfilm “Bowling for Columbine” keine Einsicht bot, weshalb die jungen Täter eigentlich überhaupt den Amoklauf begingen. Dass Irre keine Schusswaffen besitzen sollten, ist keine sonderlich revolutionäre Erkenntnis. Dass gesunde Menschen die Befähigung zu und das Recht auf Waffenbesitz haben, sollte eigentlich auch klar sein.

Experten schlussfolgerten, dass Columbine-Amokläufer Eric Harris ein Psychopath und Dylan Klebold depressiv gewesen sei. Harris hatte zum Zeitpunkt der Tat das Psychomedikament Fluvoxamine in seinem Körper. Die Industrie zitiert zwar gerne Studien, die eine Ungefährlichkeit solcher Produkte bescheinigen, allerdings sind Studien häufig durch die Industrie finanziert. Nach dem Drehtürprinzip wechseln Manager der Industrie und Amtsträger von regulierenden Behörden hin und her.

Es existieren zwar viele Belege für Gehirnwäscheprogramme amerikanischer Behörden, allerdings gibt es bisher keine wirklich soliden Belege dafür, dass Holmes im Zuge eines solchen Programms zum Opfer wurde.

Im Internet gab es viel Spekulation, die oft in regelrechten Tatsachenbehauptungen resultierten, es handle sich bei Holmes um ein Gehirnwäscheopfer oder die ganze Sache sei eine Inszenierung gewesen:

  • Die Sprengfallen in Holmes’ Wohnung: Berichten zufolge war Holmes’ Wohnung mit Sprengfallen übersät, was manche Blogger oder Nutzer von sozialen Netzwerken für sehr auffällig hielten. Angeblich sei der Student dazu nicht in der Lage gewesen. Reuters berichtete aber weitere Details, die von einem ermittelnden Beamten stammen: Es handelte sich um primitive Vorrichtungen, für die man leicht im Internet Bauanleitungen findet. Holmes war sehr intelligent und benötigte dafür keine besondere Ausbildung.
  • Das LIBOR-Gerücht: Holmes’s Vater, so die Behauptung, hätte im LIBOR-Bankenskandal aussagen sollen. Dies war völlig erfunden, die Falschmeldung verbreitete sich dennoch.
  • Die kurze Reaktionszeit der Polizei: Die ersten Beamten waren 90 Sekunden nach dem Notruf am Ort des Geschehens. Verdächtig? Nein. Es befand sich eine Polizeistation in dem Einkaufszentrum und die Hauptstation von Aurora war nur eine halbe Meile entfernt. Streifenwagen befanden sich wie üblich im Dienst und konnten sofort zu dem Kino beordert werden.

Interessanter sind widersprüchliche Aussagen von Zeugen, allerdings sind solche Aussagen immer mit Vorsicht zu genießen. Darüberhinaus stellten diverse Verrückte aus der Szene der Verschwörungsthoeretiker mehreren Überlebenden der Tat sowie Angehörigen nach. Privatadressen und Telefonnummern seien im Internet veröffentlicht worden. Die Staatsanwaltschaft erklärte, dass sich sogar Leute als Opfer ausgaben, um Gerichtsanträge zu stellen.

Tom Sullivan, dessen Sohn getötet worden war, erhielt beispielsweise wirre Anrufe von Verschwörungsthoeretikern, die über einen finsteren Plot und Space Aliens redeten.

Folgender Antrag wurde unter falschem Namen abgegeben und wirft dem Polizeichef von Aurora vor, zusammen mit den Illuminati zu arbeiten. Außerdem seien alle Opfer nur Schauspieler:

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Wenn irgendwelche Irren die Opfer und Angehörigen kontaktieren, ergeben sich kaum irgendwelchen verwertbaren Erkenntnisse. Was es stattdessen bräuchte, wären gut finanzierte, unabhängige und professionelle Medien die sich ein Bild machen.

Einen tieferen Blick Wert ist auch die Psychiaterin von Holmes, eine Dame namens Lynne Fenton die u.a. auf dem Gebiet der Schizophrenie forscht und über bipolare Störungen und Borderline-Störungen lehrt. Berichten zufolge verschickte er vor der Tat einen Ordner an sie mit allerhand wirren Inhalten und Zeichnungen, wie etwa von einer Schießerei. Angeblich hätte sie es nicht rechtzeitig geöffnet um einzuschreiten. Zuvor soll sie als Ärztin gearbeitet haben in einer Praxis sowie eine Weile bei der Luftwaffe in Texas. Sie geriet in disziplinarische Schwierigkeiten weil sie sich selbst, einem Angehörigen und einem Bekannten Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben haben soll.

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