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Erst idealisierte er die Fliegerei, dann wollte er sie zerstören

PsycheErst idealisierte er die Fliegerei, dann wollte er sie zerstören

Kommentar von AMD 2015

Es scheint mir sehr plausibel, dass die Tat des Andreas L. die typische Wut-Tat eines “verdeckten Narzissten” war, als Folge einer oder mehrerer sog. narzisstischen Kränkungen. Der “covert narcissist” (die schüchterne, eher unauffällige Variante des Narzissten), ebenso wie der “altruistischen Narzisst” stellt eine Sonderform dar und ist noch schwieriger zu entdecken.

Diese Art von Narzissten sind nur so lange “gut” und “nett” und “unauffällig” oder “verantwortungsgewusst”, wie diese Verhaltensweisen ihnen den Zugang zu genügend “narzisstischer Nahrung” sichern. Wenn aber eine oder mehrere ihrer “Quellen” versiegen oder aus dem Gleichgewicht geraten, oder er diese devaluiert, wei sie ihre innere Leere nicht füllen können und keine echten Emotionen ersetzen können (was bei Narzissten immer irgendwann der Fall ist), kann alles kippen.

Ich glaube, dass die “vorrangige narzisstische Quelle” von Andreas L. die Fliegerei und der Pilotenstatus waren. Diese hat er erst idealisiert, dann devaluiert und dann zerstört. Dabei waren die Passagiere und Kollegen für ihn immer nur “Objekte”, Mittel zum Zweck, sie hatten die Funktion, ihn in seinem Pilotenstatus zu stützen. Im Einzelnen:

Laut Medienberichten beschäftigte sich AL seit seiner Kindheit mit dem Traum Fliegen. Das ist allein für sich betrachtet nichts pathologisches. Aber es kommt eine obsessive Komponente dazu: Wir lesen heute, dass sein Zimmer voll mit Objekten/Symbolen/Memorabilia der Fliegerei war, sogar über seinem Bett hatte er diese angeordnet. Diese Art von obsessiver “Objektifizierung” und emotionaler Identifikation mit einer Sache und Objekten, die diese Sache verkörpern, ist typisch für Narzissten

http://www.youtube.com/watch?v=3pXDHKi15hY

Sein ganzes Streben war darauf ausgerichtet, Pilot zu werden, seit er ein Bub war: Das war die “Idealisation phase”. Dann beginnt er die Ausbildung, merkt vielleicht, dass auch als Pilot nicht alles perfekt ist, dass die Tatsache, Pilot zu sein, ihn nicht von seiner (möglichen) inneren Leere/seinen inneren Kindheitswunden befreit und ihn nicht wirklich “größer” macht, als er selbst ist. Vielleicht hatte er sich besonders Ansehen, Erfolg bei Frauen, eine herausragende Stellung, *Besonderheit* davon versprochen, die nicht eingetreten ist – oder die nicht reichte, weil er ein übersteigertes, idealisiertes Bild davon aufgebaut hatte (“gradiose image”). Er erkennt, dass Traum und Realität irgendwie nicht zusammenpassen werden (“gradiosity gap”), dass ihn die Fliegerei möglicherweise nicht “erheben” oder “erfüllen” wird und gerät in eine erste, für Narzissten ganz typische depressive Phase: “depression and mania of the narcissist due to the waxing and waning of narcissistic supply” – Sam Vaknin: https://www.youtube.com/watch?v=b0WKL9oA5XU . Er macht eine Pause, nimmt eine “Auszeit”, die sog. “narcissistic hibernation phase”.

Er fängt sich aber wieder, vielleicht mit Hilfe einer Liebesbeziehung oder einer anderen “narzisstischen Quelle”, auf die er zurückgreifen kann, re-idealisiert die Fliegerei (was auch typisch ist: https://www.youtube.com/watch?v=UTMtunCwnEM , siehe auch “narcissistic hoovering”). Er macht weiter, und 2013 “verwirklicht er seinen Traum” jetzt auch formal – er besteht die Lufthansa-Ausbildung. Aber er muss vlt. erkennen, dass der so viele Jahre angestrebte Status als Pilot ihn nicht zu einem innerlich heilen, “größeren” Mann macht. Vielleicht erkennt er, dass er nach wie vor ein ganz normaler Mann ist. Er muss auch erkennen, dass die anderen Kollegen keine Helden, sondern ganz normale Menschen sind. Dies führt nach und nach dazu, dass er seine zuvor idealisierte/angestrebte Quelle – die Fliegerei/der Pilotenstatus – devaluiert. Und schließlich seine Beziehung zu dem, was er ursprünglich idealisierte, zerstört. Das wäre eine absolut typische narzisstische Reaktion.

Daher: Die Tat des Andreas L. könnte aus meiner Sicht sehr wohl als narzisstische Wut-Tat nach einer oder mehrfacher sog. narzisstischen Kränkung: Der Narzisst schwankt zwischen Selbstüberschätzung/übersteigertem Ego und Selbsthass (“self-loathing”) hin und her. Er baut sich im Laufe der Zeit ein “Falsches Selbst” auf, ist sich aber immer wieder auch des Widerspruchs zwischen dieser “Fassade” und seinem eigentlichen, tief verletzten Ich bewusst. Dieses Spannungsverhältnis (“gradiosity gap”) ist für ihn kaum auszuhalten, führt oft zu Depressionen und Erschöpfungszuständen. Er braucht auch immer eine “Quelle” – narcissistic source of supply” – um sein inneres Gleichgewicht zu halten. Dafür benutzt er meist Menschen, manchmal aber auch eine Sache, eine Tätigkeit, eine Mission oder ähnliches. Auf eine Phase der Idealisierung dieser “Quelle” folgt irgendwann zwangsläufig eine Abwertung und schließlich eine totale Ablehnung, bis hin zur Zerstörung der “Quelle” – d.h. des Menschen, der Berufung, der Mission, was auch immer m Fokus stand, um dem Narzissten sein inneres Gleichgewicht zu ermöglichen: “narcissistic idealisation-devaluation-discard cycle”. Das ist typisch für einen narzisstischen Zyklus: Der Narzisst zerstört, was er zuvor “geliebt” (oder richtiger: idealisiert) hat. Die meisten Narzissten suchen sich allerdings dann eine andere, neue Quelle und zerstören nicht sich selbst, sondern die alte Quelle. Da sie aber durch den Zwang, nach aussen das falsche Selbst zu erhalten, um begabt, grandios, perfekt, gut, toll usw, zu erscheinen, viel Energie verbrauchen (auch, um die Lügen im Griff zu behalten, die sie dafür brauchen), geraten sie zunehmend selbst in einen Teufelskreis von Lügen, Selbstbetruf, Erschöpfung usw. Dann kann es im Extremfall passieren, dass sie nicht nur Angstzustände und Depressionen entwickeln, sondern sogar Paranoia – sie blicken selbst nicht mehr durch ihr eigenes Wirrwarr durch. Wenn dann noch jemand anfängt, ihre Integrität/Genialität/ihr Talent o.ä. anzuzweifeln, hinter die Fassade zu schauen oder sie kritisiert, dann kommt es zu einer narzisstischen Kränkung, die der Narzisst mit einer 100% zerstörerischen narzisstischen Wut zu kompensieren versucht.

Es würde mich nicht wundern, wenn bald herauskäme, dass sich L. in so einem Zyklus befunden hat, als er diesen 149-fachen Mord beging. Denn genau das war es: 149-facher Mord. Dieser Mord ist bar jeglicher Empathie, er ist ein Akt eines Menschen, der die Realität seines Handeln offenbar komplett aus dem Blick verloren hat und er garantiert ihm genau das, was Narzissten anstreben: Unendlich große Aufmerksamkeit (wobei es völlig gleichgültig ist, dass es negative Aufmerksamkeit ist – Sam Vaknin: “ANY attention, good or bad, is narcissistic supply!”), jahrelanges Im-Mittelpunkt-stehen (negative posthume Bekanntheit). Narzissten betrachten Menschen als Objekte, die ihnen entweder Bewunderung/Aufmerksamkeit/ein gutes Gefühl geben, oder zumindest eine (wie auch immer geartete) *Bedeutung* und *Sichtbarkeit* – selbst wenn diese negativer Art ist. Aber: sie haben KEINERLEI Empathie für diese Menschen. Menschen sind nur “narcissistic supply”. Der Narzisst hasst seine Abhängigkeit von Aufmerksamkeit anderer Menschen, er kann sich selbst innerlich keine Ruhe, Bedeutung, Selbstliebe entgegenbringen, weil er in seiner Kindheit keine integre Persönlichkeit entwickeln konnte. Er ist innerlich zerfressen von Selbstzweifeln, Scham, Schuldgefühlen, Zerrissenheit. Sein grandioses, falsches Selbst – die Fassade (z.Bsp. der Pilotenstatus) – kann ihm nur kurzfristige Erleichterung von diesen negativen Gefühlen, diesem inneren Konflikt verschaffen: er ist innerlich eigentlich leer. Er weiß, dass er nicht dem Bild entspricht, dass er nach außen spiegelt. Diese schlechten, inneren Gefühle (“narcissistic shame”) projiziert er daher immer aeirgendwann auf andere Menschen/Systeme/Dinge/Tätigkeiten – typischerweise auf genau die, die er früher idealisiert hat. Im Extremfall muss er daher alles zerstören, was er sich (objektiv betrachtet) Positives aufgebaut hat.

Natürlich sind dies alles nur Vermutungen, es ist noch viel zu früh, diese These komplett abzulehnen oder komplett zu befürworten. Alles, was ich hier schreibe, ist nur meine persönliche, derzeitige Einschätzung der bislang vorliegenden Fakten und Indizien. Ich behaupte nicht, dass L. tatsächlich ein Narzisst war. Ich habe mich lediglich bemüht darzulegen, warum es durchaus möglich bleibt. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass die Ermittler diese Möglichkeit im Blick behalten – und dass in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein entsteht, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung SEHR gefährlich ist, sehr schwer zu erkennen und von anderen Erkrankungen zu unterscheiden ist, da die Betroffenen unglaublich geschickt sind, ihre Fassade, ihr falsches Selbst um jeden Preis aufrecht zu erhalten.

Ich freue mich im übrigen darauf, das Gespräch mit Ihnen fortzusetzen, da ich in deutschen Blogs eher wenige Menschen gefunden habe, die sich (ganz allgemein) mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auseinandersetzen und es daher interessant finde, dass Sie auf dieses Thema in diesem Zusammenhang – so schrecklich er auch ist – eingegangen sind!

Wichtig finde ich auch, sehr genau zwischen Depression als Grunderkrankung und den depressiven Phasen eines Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zu unterscheiden! Sonst entsteht bald ein Generalverdacht gegenüber allen depressiven Menschen, was sehr unfair wäre. Narzissten durchlaufen manisch-depressive Zyklen, die von dem “flow” des “narcissistic supply” abhängen – also von dem, was sie von außen bekommen (oder eben auch nicht) – und hat keine direkte endogene Ursachen, wie bei “normalen” depressiven Erkrankungen. Zwar leiden fast alle Narzissten unter bipolaren Störungen/Depressionen, aber Menschen, die unter Depressionen leiden, sind keinesweg alle Narzissten und sie leiden keinesfalls alle unter einer Persönlichkeitsstörung!

Schließlich: ich denke jeden Tag an die Opfer und ihre Angehörigen, es beschäftigt mich sehr und sie tun mir unendlich leid. Umso wichtiger ist es, dass irgendwann möglichst klar wird, was passiert und und warum. Dazu gehört auch, eine sehr genauen Blick auf die offensichtlich schwer gestörte Persönlichkeit dieses Täters zu werfen. Der Hinweis auf eine “absolute Ausnahme-/Einzeltat”, der jetzt ständig wiederholt wird, hilft m.E. insoweit überhaupt nicht weiter.

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