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Vor wenigen Jahren noch wollten sogar westliche Polizeibehörden wie Interpol und Europol ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Internetsicherheitskonzern Kaspersky verstärken. Mit diesem Kuschelkurs könnte es sehr bald vorbei sein. Bloomberg will sechs ehemalige und gegenwärtige Mitarbeiter aufgetrieben haben, die unter dem Schutz der Anonymität schwere Vorwürfe erheben.

Über 300 Millionen Kunden weltweit nutzen Produkte des exzentrischen Yevgeny Kaspersky; man hofft darauf zur Nummer zwei weltweit im Bereich Sicherheitssoftware aufzusteigen. Gerade wegen den NSA-Skandalen entschieden sich Scharen von Technikbegeisterten für das russische Produkt. Außerdem enthüllte Kaspersky Labs mehrere ausgeklügelte Hacker-Kampagnen, die wahrscheinlich auf westliche Behörden zurückgehen. Hinter dem trendigen, rebellischen Image verbirgt sich allerdings ein machiavellistischer Boss, der eine neue Art Internet schaffen will, in dem man nur mit digitalen Ausweisen unterwegs sein kann und die Regierung Kontrolle über soziale Netzwerke hat, weil es momentan “zuviel Freiheit” gäbe.

Im vergangenen Herbst erklärte er, die Ukraine-Krise würde die internationale Kooperation von Regierungen im Hinblick auf Internetsicherheit behindern. Ein Jahr zuvor schien alles noch in Butter und er erklärte selbstsicher auf der 82. Generalversammlung von INTERPOL, dass die Partnerschaft seiner Firma mit der mächtigen internationalen Polizeiorganisation zu einer “sichereren Welt” führen werde. Er reiste auch auf Sicherheitskonferenzen der Europäischen Union und nach Straßburg zwecks Schaffung einer “globalen Cyberpolizei”. Man liefert Informationen und Hardware für die Abteilung für digitale Forensik des Interpol Global Complex for Innovation (IGCI) Office in Singapur und bildet Fahnder aus gegen Cybercrime. Ironischerweise stammen viele Bedrohungen aus Russland.

Bloomberg berichtet unter Verweis auf sechs ehemalige und derzeitige Mitarbeiter von Kaspersky, dass 2012 der staatliche Einfluss rapide angestiegen sei. Hohe Manager seien ersetzt worden durch Russen mit engeren Bindungen zu den Sicherheitsdiensten. Fraglich ist, welche Möglichkeiten den russischen Behörden gegeben werden, die Software für eigene Zwecke zu benutzen. Laut Kaspersky würde man lediglich anonymisierte Kundendaten in Einzelfällen weiterleiten, damit auf neue Hacking-Bedrohungen reagiert werden kann.

Der Firmenchef würde sich fast wöchentlich in der Sauna mit Leuten treffen, zu denen auch Geheimdienstler gehören. Der „Chief Legal Officer“ bei Kaspersky, Igor Chekunov, gehöre zur Saunatruppe und soll der zentrale Verbindungsmann zur Regierung sein. Laut der Sprecherin soll er früher als Polizist und beim Grenzschutz des KGB gearbeitet haben.

Kaspersky wurde auf einer vom KGB gesponserten Schule in Kryptologie ausgebildet. Wired Magazine fragte ihn, was genau er im Militär getan und was genau er an dem KGB-gestützten Institut für Kryptografie, Telekommunikation und Computerwissenschaften studiert hatte. Seine Antwort:

“Das war streng geheim, also kann ich mich nicht mehr daran erinnern.”

In der russischen Verfassung wird zwar das Recht auf Privatsphäre, insbesondere der Kommunikationen „garantiert“, aber sobald ein Durchsuchungsbeschluss ausgestellt wird, haben die Schnüffler freie Hand. Es reicht bereits, an einer Demonstration teilzunehmen, in sozialen Netzwerken den Staat zu kritisieren oder mit einer „verdächtigen Person“ zu kommunizieren.

Ein spezieller Regierungs-Router kann sämtlichen Internetverkehr eines Providers über eine gesonderte, speziell geschützte unterirdische Hochgeschwindigkeitsleitung an den Geheimdienst übertragen. Der Provider hat keinen Zugriff auf die KGB-Box, er muss nicht bei einer Abhöraktion informiert werden und er darf auch den Durchsuchungsbeschluss nicht sehen. Der oberste russische Gerichtshof verkündete, dass sich die Häufigkeit der “legalen” Abhöraktionen in den vergangenen fünf Jahren schrittweise auf eine halbe Million pro Jahr vergrößert hat.

Nur fünf Tage nach Amtsantritt unterzeichnete der KGB-Apparatschik Putin die Erweiterung eines Gesetzes, sodass auch die Steuerpolizei, die Polizeieinheiten direkt unter dem Innenministerium, Sicherheitskräfte der Politiker, Zoll und Grenzpolizei Zugriff erhielten auf das neue Überwachungssystem SORM.

Sobald die Telekommunikationsbehörde Roskomnadzor irgendwelche Mängel in den Systemen feststellt, gehen Forderungen zum Nachbessern an ISPs heraus. die Technik kauft man bei “Firmen” wie Digiton und Iskratel.

Zwischen 2009 und 2010 stiegen laut Forbes die Verkäufe von Kaspersky Antivirensoftware um 177 Prozent auf 4.5 Millionen Einheiten pro Jahr, beinahe so viel wie die beiden Rivalen Symantec und McAfee zusammen. Microsoft, Cisco, and Juniper Networks haben alle Code von Kaspersky in ihre Produkte eingebettet.

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