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Jürgen Roth

Hinter den Kulissen der Perestroika dachte die alte Nomenklatura, nachdem ihr die ideologische Macht endgültig entglitten war, darüber nach, wie sie wieder an die Macht gelangen könnte. In einem Dokument des Zentralkomitees der KPdSU “über unaufschiebbare Maßnahmen zur Organisierung der kommerziellen und außenwirtschaftlichen Tätigkeit der Partei” ist zu lesen:

“Auszuarbeiten sind Vorschläge für die Schaffung neuer ‘vermittelnder’ Wirtschaftsstrukturen (Fonds, Assoziationen…), die bei minimal ‘sichtbaren’ Verbindungen zum ZK der KPdSU zu Zentren der Herausbildung einer ‘unsichtbaren’ Parteiwirtschaft werden können.”

Gazprom wurde 1989 aus dem Ministerium für Erdgasindustrie der UdSSR ausgegliedert und verfügte sofort über das Monopol auf 25% der russischen Erdgasförderung, die gesamte Schwefelerzeugung und die Verwaltung des Rohrleitungsnetzes, über das Erdgas aus allen GUS-Republiken exportiert wurde.

Die Zahlungen für das Erdgas wurden über eine ehemalige sowjetische Auslandsbank in Luxemburg abgewickelt. 1990 erfolgte die Registrierung der Imperialbank, deren Hauptgründer die Gazprom selbst, die zu ihr gehörende Gazexport und das Handelshaus Lukoil waren.

Jan Bisztyga war von 1978 bis 1981 Botschafter Polens in London und danach eine wichtige Person im polnischen kommunistischen Sicherheitsdienst. Er ist der Überzeugung, dass die meisten Menschen bis zum heutigen Tag die Wurzeln der gegenwärtigen Entwicklung in Russland nicht kennen.

“Das war keine unkontrollierte Machtübernahme, keine Revolution. Es gab seit längerer Zeit verschiedene Interessengruppen innerhalb der Sowjetunion, die sich auf den Wandel vorbereitet hatten. Ich bin in dem Moment nach Moskau gereist, als die Sowjetunion zusammengebrochen ist. In einer der Banken bin ich auf einen alten Bekannten gestoßen. Er war, als ich in London Botschafter war, dort stellvertretender Botschafter der UdSSR. Als wir uns über seine neue Funktion in der Bank X unterhalten haben, was nun mit der UdSSR geschehe, sagte er: ‘Bei uns wird Ordnung herrschen, weil wir die wichtigsten Bereiche der Sowjetunion auf drei Gruppen verteilt haben. Banken und Wirtschaftssteuerung haben die Nachrichtendienste übernommen, die Partei die Administration und die Armee die Schwerindustrie. Die Mafiaorganisationen werden in allen Bereichen für die notwendige Ruhe und Stabilität sorgen. Aber es wird eine Zeit kommen, dass wir mit ihnen das machen, was man in Russland mit solchen Leuten macht. Sie werden enthauptet. Danach besteht eine neue Ordnung, bis am Ende die Nachrichtendienste an dem Gipfel angekommen sind.”

Der russische Journalist Wladimir Iwandize kommentierte mir gegenüber die damalige Lage mit den Worten:

“Es fand damals die Konversion des KGB statt, und Putin war ein Teil davon. Sie waren klug, weil sie wussten, dass sie so nicht weitermachen konnten. Sie organisierten alles. Insbesondere die über 600 Firmen, die das Geld der Partei und des Geheimdienstes im Ausland verwalteten. Sie holten Leute aus dem Gefängnis, die wegen Korruption dort saßen, gaben ihnen eine neue Chance, sandten sie nach Österreich, Deutschland, Finnland, Frankreich. Alle diese Leute wurde innerhalb kurzer Zeit extrem reich. Das ist ohne Plan unmöglich.”

Tatsächlich hatte [Roman] Abramowitsch für sein Imperium keinen Rubel bezahlt, stellte sich bei [einer] Gerichtsverhandlung heraus. Den Ölkonzern, den er damals für gerade einmal hundert Millionen Euro kaufte, hatte er 1995 über einen Kredit von Beresowski finanziert. Abramowitsch hat in der Zwischenzeit seinen Ölkonzern Sibneft an Gazprom verkauft – für 13 Milliarden US-Dollar.

An den Schalthebeln des Putin-Systems – und damit auch bei Gazprom – sitzen ungewöhnlich viele ehemalige frühere Kader des Militärs und des KGB beziehungsweise des heutigen FSB. Diese Kader der sowjetischen Sicherheitsstrukturen werden auch Silowiki genannt.

Bis zum heutigen Tag ist der KGB nie zur kriminellen Organisation erklärt worden – niemand für die verbrecherischen Aktivitäten der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen worden. Bereits im Jahr 1999 kam von Wladimir Putin der Befehl, wonach “aktive” Maßnahmen gegen kritische Journalisten durchgeführt werden müssten. Nach seinem Amtsantritt als Präsident war eine seiner ersten Amtshandlungen, seinen langjährigen Vertrauten und Weggefährten Nikolai Patruschew aus Sankt Petersburg zum Chef des FSB zu ernennen. Alle bedeutsamen staatlichen Behörden genauso wie die Staatsunternehmen wurden von diesem Zeitpunkt an von KGB-Veteranen besetzt.