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Auszüge aus “Wer Hitler mächtig machte” von Guido Preparata, Ökonom und Professor in den USA

Insgesamt bestand das Wesen all des endlosen diplomatischen Hin und Her in dem ungelösten politischen Minderwertigkeitskomplex der Deutschen gegenüber den Briten. Kaiser Wilhelm II., der Enkel Königin Victorias, Bismarck, Admiral Tirpitz, der künftige Vater der deutschen Reichsflotte, und eine Großzahl der deutschen Granden sprachen fließend Englisch und waren nach dem Vorbild des englischen Gentlemans erzogen worden. Die Anziehungskraft Englands, die Faszination seiner Machtausübung auf die Deutschen war stark. Doch war das Deutsche Reich insgesamt ein „ganz anderes“ Geschöpf.

Nach Bismarcks Entlassung kam mit Wilhelm II. der neue Kurs. Aber dieser „neue Kurs“ war eigentlich nur die Fortsetzung des alten. Er machte die frühere Ausrichtung nur noch deutlicher und legte sein verschwommenes, mittelfristiges Ziel offen dar: Kurz gesagt war das die Auseinandersetzung mit England – eine Auseinandersetzung die durch Flottengeplänkel, forsche Diplomatie und wirtschaftliceh sowie technologische Prahlerei gelöst werden sollte.

Es wurde viel Aufhebens um Wilhelms II. infantile Eskapaden und seine launische Oberflächlichkeit gemacht. Wie ein deutscher Historiker kürzlich beobachtete, war Wilhelm II. nicht der Schöpfer deutscher Hybris, sondern nur ihr auffälligster Vertreter. Im Inneren warnten natürlich die Kosmopoliten, sozialisten und Liberalen, dass ein solcher Kurs eine Konfrontation mit England nach sich ziehen würde.

Das deutsche Vordringen in die Gewässer der Nordsee und von dort aus der vorhersehbare Ausgriff der neuen Flotte auf die Ozeane der Erde weckte, gelinde gesagt, in Großbritannien schwerwiegende Besorgnis. Diesmal war das deutsche Reich zu weit gegangen. Es war bis zu dem Werkzeug zur Handhabung der britischen Imperialpolitik selbst vorgedrungen, zur geheiligten königlichen Marine, Großbritanniens Hauptinstrument zur Eroberung der Welt seit den prophetischen elisabethanischen Tagen des John Dee, des Astrologen, Kartographen, Okkultisten und Geheimdienstchef der Königin.

Die Deutschen verstanden allmählich, dass sie, wenn es ihnen gelang, ihre Kontinentalmacht  – die sie leicht ausüben konnten, da die preußischen Divisionen im Herzen Euroipas die besten der Welt waren – mit einer mächtigen Flotte zu verbinden, ihre militärische force de frappe dann mit Sicherheit derjenigen Großbritanniens überlegen wäre. Damit rückte also sie Frage der Allianzen in den Vordergrund. Instinktiv wussten die Deutschen seit Bismarcks Zeit, das sie sich unmöglich in eine Falle zwischen den „hoffnungslosen“ Franzosen und den unschlüssigen Russen setzen durften.

Doch die plumpen antislawischen Intrigen des österreichischen Partners im Balkan waren ein Problem. Der deutsche Generalstab war sich dieses Problems bewusst, sie klagten „Wir sind an eine Leiche gefesselt.“ Die Deutschen glaubten, sie könnten die beträchtlichen militärischen Unzulänglichkeiten des Habsburgerreiches reichlich wettmachen.

Der Beweis dafür, dass die Zerstörung Deutschlands nach 1900 das Hauptziel Großbritanniens war, liefern die komplexen diplomatischen Aktivitäten, die England entfaltete, um den Weltkrieg auszulösen. In der Tat ist es eines der Grunddogmen des angloamerikanischen Geschichtskatechismus, dass Deutschland immer der unverbesserliche Aggressor gegen die Pax Britannica gewesen sei.

Die In Deutschland im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vorherrschende Rhetorik von der Einkreisung  und der demzufolge populäre aufruf, einen „gerechten Verteidigungskrieg“ führen zu müssen, um diese „Einkreisung“ aufzubrechen, begleitet von der unverantwortlichen Großtuerei der militärisch-industriellen und imperialen Cliquen um Wilhelm II., sowie die trunkenen Ansprüche vieler Nationalisten auf „Deutschlands historische Mission“ und seine „Pflicht zum Kriegführen“ – all das wurde summarisch zusammengetragen als endgültige und schreienede Beweise der unbestreitbaren Schuld Deutschlands, den ersten Weltkrieg ausgelöst zu haben.

Eine längere Konfrontation mit der Welt hatte niemals die Vorstellung einer isolierten und wenig erfahrenen deutschen Regierung sein können. Deutschlands Ungebärdigkeit war kaum mehr als das Geschrei, mit dem es sich angesichts der eigenen Unsicherheit Mut machen wollte. Fünf Jahre nach ende des Ersten Weltkriegs führte US-Senator Robert Owen eine tiefschürfende Studie über die Ursprünge des Kriegs durch und legte am 18. Dezember 1923 seine Erkenntnisse dem amerikansichen Volk vor:

Weder die russische noch die französische Regierung glaubte wirklich, dass die deutsche Regierung einen Angriffskrieg gegen sie beabsichtigte. 1914 hatte Deutschland keinen Grund, einen Krieg anzufangen, beanspruchte keine Lände, hatte keine Rachegelüste und wusste, dass ein allgemeiner europäischer Krieg leicht seine Handelsmarine und seinen Handel zerstören könnte.

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