Ein Kommentar von Alex Benesch

Die „alternative“ Medienwelt erscheint oft wie ein wirrer Zirkus der Verrückten und Freiheitsfeinde: Sozialisten, Nationalsozialisten, New-Age-Sekten, Scharlatane und geistig Labile aller Art buhlen um Aufmerksamkeit und Anhänger, schrecken aber meist weitaus mehr Leute ab als sie rekrutieren können. Da wird Mao und dem heutigen China zugejubelt, woanders feiern Menschen Adolf Hitler wie den ans Kreuz genagelten Heiland der weißen Rasse und ständig sehnen New Ager das  „reinigende Armageddon“ herbei, bei dem alle Nichtgläubigen hinweggefegt und das von einer erleuchteten Priesterklasse administrierte, goldene Utopia eingeläutet wird. Betrüger verkaufen überall esoterische Zauberprodukte mit traumhaften Gewinnspannen, selbsternannte MKULTRA-Klonkrieger wähnen sich als größte Bedrohung für die Illuminati und auch die psychisch krankesten Mediziner, deren Weg mit Leichen gepflastert ist und die eigentlich als Serienkiller im Gefängnis sitzen müssten, erlangen noch Berühmtheit.

Selbstverständlich benötigen wir eine Analyse freiheitsfeindlicher und irrationaler Ideologien, selbstverständlich brauchen wir ein wissenschaftliches Verständnis davon, wie Freiheit und Tyrannei funktionieren. Wer soll diese Arbeit leisten? Unsere Akademiker? Ein Leser von uns verlinkte in unserer Kommentarsektion eine Magisterarbeit mit dem Titel

„Zur soziologischen Topographie von ‚Verschwörungstheorien‘ und ‚Verschwörungstheoretikern‘ unter besonderer Berücksichtigung der Anschläge vom 11. September“

Wer wissen will, warum der investigative Journalismus in den Massenmedien vom Aussterben bedroht ist, braucht nur diesen Text zu lesen. Im Hauptfach Soziologie und den Nebenfächern Psychologie und Geschichte machte also ein gewisser Carsten P. mit dieser Abhandlung  seinen Magister-Titel. Wie wertlos die moderne Akademikerausbildung in vielerlei Hinsicht ist, lässt sich an Textstellen wie den folgenden festhalten:

„Bzgl. des Intentionalismus lässt sich sagen, dass Verschwörungstheoretiker Ereignisse beschreiben, als seien sie das Resultat von Absichten bzw. Intentionen.“

Solche Sätze muss man dreimal lesen bevor man wirklich realisiert, wie offensichtlich unsere Steuergelder für nichts und wieder nichts verblasen werden. Die Gilde der Zufallstheoretiker und Unfalltheoretiker sieht ungern ihre Felle davonschwimmen, immerhin beansprucht sie ja die Deutungshoheit über jeden Mist den das Establishment verbrochen hat.

Sogar der Reichstagsbrand – laut der heutigen ins Gewand der Wissenschaftlichkeit gekleideten Folklore – sei den Nationalsozialisten als willkommener Zufall in den Schoß gefallen, und zwar genau dann als sie ihn am nötigsten hatten. Dieser brüllende Unfug impliziert, dass die Nazi-Führung entweder zu dumm gewesen wäre, selbst auf die Idee zu kommen, eine der ältesten überlieferten Methoden der psychologischen Kriegsführung einzusetzen, oder dass irgendwelche andersgearteten Hemmnisse sie davon abgehalten hatten.Welche Hemmnisse sollen das gewesen sein? Moralische? Eine solche dummdreiste These wird kaum jemand versuchen. Praktische Hemmnisse etwa?

Was hätte man denn noch alles gebraucht, neben dem unterirdischen Tunnel zum Reichstag, dem Phosphor-Brandbeschleuniger, motivierten Akteuren und einem minderbemitttelten kommunistischen Sündenbock den verdeckte SA-Spitzel angeworben hatten? Hätte man international den Reichstagsbrand im Detail verstanden, könnte kaum eine Regierung noch irgendwen irgendwo mit ähnlichen Operationen hinter dem Ofen hervorlocken. Wäre das Reichstagsbrand-Buch von Alexander Bahar ein Bestseller geworden anstatt das vom SPIEGEL und ihrem Amateurhistoriker Tobias beworbene Werk, würde ein Student heute mit einer solchen Magisterarbeit über „Verschwörungstheorien“ vom Campus gejagt werden. Es kommt noch härter:

„Bzgl. der dritten Eigenschaft dieses Weltbildes […] äußert CUBITT, dass Verschwörungstheoretiker die Existenz einer strikten Unterscheidung zwischen der Erscheinung menschlicher Angelegenheiten (Schein) und deren wahrer hintergründiger Natur (Sein) unterstellen, also die Existenz einer verborgenen Realität, die durch die Verschwörungstheorie gelüftet werde, behaupten.“

Also soll ich jetzt automatisch schlussfolgern, dass die „Volksrepublik China“ ein Rechtsstaat ist nur weil ihre Verfassung auf dem Papier gut klingt und Rechte wie Meinungsfreiheit garantiert? Die Verfassung der Sowjetunion beschrieb auch ausführlich die „Rechte“, die den Bürgern von den bolschewistischen Terroristen verliehen wurden. Zahllose feige Würmer unter den westlichen Akademikern, Intellektuellen und Journalisten deckten jahrzehntelang die Gulags und die Millionen Toten, genauso wie diese Zünfte uns heute erklären, China hätte halt eben „ein paar Demokratiedefizite“. Schein und Sein? Die Toten würden sich im Grabe herumdrehen.

Der ehemals streng geheime NORTHWOODS-Plan des US-Generalstabs beschrieb Schwarz auf Weiß in umissverständlichen Worten einen strikten Unterschied zwischen dem beabsichtigten „Schein“ (Kuba schießt amerikanische Flugzeuge ab, sprengt amerikanische Schiffe und führt eine Terrorkampagne an der Ostküste durch) und dem eigentlichen „Sein“ (amerikanische Einheiten inszenieren die Taten und man lastet sie in der Öffentlichkeit Kuba an). Die meisten Akademiker schweigen über solche bestätigten Verschwörungen oder sie spielen sie soweit herunter, als handle es sich nicht um arglistige Täuschung zur Legitimierung eines Angriffskrieges, sondern um ein langweiliges Kavaliersdelikt. Warum? WEIL LEUTE SICH SONST FRAGEN WÜRDEN WO SIE SONST NOCH BELOGEN WERDEN.

Die Magisterarbeit wiederholt ständig grob falsche Annahmen als allgemeingültige Axiome:

„Komplexe Systeme können der Überlegung GROHS zufolge nicht durch Handlungssubjekte gelenkt werden, weshalb er meint, dass zur Geschichte immer nur Referenzsubjekte und nicht Handlungssubjekte gehören. Weiterhin weist er darauf hin, dass Geschichten Prozesse sind, die nicht nach standardisierten Regeln ablaufen, sondern sich evolutiv entwickeln, so dass es keine ableitbaren Handlungsregeln gibt, die es einem Subjekt ermöglichen könnten, zukünftige Abläufe und zugleich retrospektiv Geschichte nach eigenen Vorstellungen bzw. Intentionen zu lenken. Aus dem Geschilderten folgt, dass Verschwörungstheorien systematisch und in vergleichbarer Weise diese Bedingungen – insbesondere den der Evolution innewohnenden Faktor „Zufall“ – unberücksichtigt lassen und dadurch eine verzerrte Realität beschreiben.“

Warum funktioniert denn bitte ein Personenkult in einem stalinistischen Höllenloch wie Nordkorea genausogut wie in der Sowjetunion oder in Nazi-Deutschland? Warum sind Geheimpolizeien und andere Organe des Staatsterrors immer sehr ähnlich organisiert? Warum glichen sich kommunistische Versuche der Destabilisierung, Spionage und Umstürzung weltweit bis auf Haar? Warum wiederholten US-Administrationen das Modell der fremdgesteuerten Pseudo-Volksrevolution im Ausland nachdem Operation TP AJAX im Iran in den 1950ern ein so großer Erfolg war? Warum studieren Despoten die Schriften und Handbücher anderer gegenwärtiger und vergangener Despoten? Warum ähneln sich Mafia-Organisationen aus verschiedenen Kontinenten in ihrer Handlungsweise und Organisationsstruktur so stark? Warum sind Verschwörungen so populär?

WEIL SIE FUNKTIONIEREN.

Das heißt man bekommt mit einer ähnlichen Herangehensweise ähnliche Ergebnisse. Es ergibt sich eine gewisse Vorhersagbarkeit und Prognostik, die umso besser ist umso mehr Informationen und Kompetenz die handelnde Partei besitzt. Ist das so verdammt schwer zu verstehen? Selbst kleine Kinder hängen gerne ihren Blödsinn anderen Kindern an um sich zu entlasten, manche Kinder gehen sogar soweit und demolieren mit einem festen Plan irgendwelche Gegenstände um ihre Geschwister zu belasten. Es gibt Leute die sich selbst verletzen und behaupten, von jemandem überfallen worden zu sein, weil sie z.B. im Casino ihr Gehalt verzockt haben und dies vertuschen wollen. Menschen und Regierungen lügen aus den gleichen, altbekannten Gründen und Motiven. Sollte das jemand nicht wissen der Psychologie studiert hat?

„Als einziger unwiderlegbarer Beweis für die Nichtexistenz von Verschwörern, wie Verschwörungstheorien sie zeichnen, könne das Überleben der Menschheit trotz der ungeheuren Masse an angeblichen Verschwörungen und die heutige Möglichkeit, einen Aufsatz über Verschwörungstheorien zu veröffentlichen, gelten.“

Was soll denn das für eine Argumentation sein? 200 Millionen Menschen durch Regierungen im 20. Jahrhundert getötet und das reicht diesen Bücherwürmern nicht, um irgendeine Planmäßigkeit zu entdecken? In China genügt heute ein wenig lauwarme Regierungskritik in einem Online-Chat um von der Geheimpolizei verhaftet, gefoltert und in ein Arbeitslager verfrachtet zu werden. So etwas ist in der Menschheitsgeschichte leider die Norm, nicht die Ausnahme. Seit geraumer Zeit verfügen Regime über biologische, chemische und nukleare Waffen, selbst rassenspezifische Biowaffen sind laut dem ehemaligen US-Vizeminister Dick Cheney in Planung. Sollen wir ernsthaft weniger Interesse daran haben, Regierungen auf den Zahn zu fühlen, weil wir glücklicherweise noch leben? Und nein, ich unterstelle dem Autor der Magisterarbeit nicht, Mitglied einer düsteren Verschwörerbande zu sein. Ich unterstelle ihm nur, seinen Beruf verfehlt zu haben.

„So kämen Verschwörungen, deren Existenz POPPER i.A. nicht leugnen will, nicht sehr häufig vor und würden, wenn sie denn stattfinden, nicht den Charakter des sozialen Lebens verändern, wie es die Verschwörungstheoretiker schildern. Zudem seien sie fast nie erfolgreich, was sich daran zeige, dass es eine große Spanne zwischen den angestrebten und den erreichten Zielen gäbe.“

Aus meinem Blickwinkel waren die Bolschewisten recht erfolgreich, die Nationalsozialisten auch, genauso wie zahllose andere kriminelle Banden die das Leben auf dem Planeten maßgeblich beeinflusst haben. Ich weiß nicht auf welchem Planeten diese Akademiker leben.

„Bislang wurde stets entweder relativ allgemein von bestimmten angeblichen Verschwörergruppierungen, denen in den verschiedenen Verschwörungstheorien konspirative Absichten bzw. Tätigkeiten unterstellt werden, gesprochen oder vereinzelt diese beim Namen erwähnt, z.B. Juden, Freimaurer und Illuminaten.“

Eine Verschwörung ist definiert als 2 oder mehrere Personen die heimlich planen, Gesetze zu brechen. Das amerikanische Rechtssystem verwendet den Begriff „Verschwörung“ in vielen, vielen Straftatbeständen, vom Diebstahl, Mord bis hin zu größeren Aktionen wie Anlegerbetrug. Ist dem Autor Kenneth Lay ein Begriff? Bernie Maddoff? Verschwörungen gibt es wie Sand am Meer. Selbst moderne Geheimdienste wie die CIA gingen aus bizarren Geheimgesellschaften wie Skull & Bones hervor. Gottseidank gibt es noch echte Historiker wie Antony Sutton die ihren Job ernst nehmen und etwas Bedeutsames niederschreiben.

„Des Weiteren ist dieser Zusammenstellung zu entnehmen, dass prinzipiell jede gesellschaftliche Gruppe oder Institution Objekt von Verschwörungstheorien werden kann, bspw. aus dem Wirtschaftssystem die Banken und Verbände, aus dem politischen System Regierungen und Oppositionen, zusätzlich Beratungseinrichtungen usw.“

Wie soll das auch anders sein, wenn prinzipiell jede Gruppe und jeder individuelle Akteur potentiell Gesetze brechen kann? Sollen wir etwa davon ausgehen dass sämtliche Obrigkeit sakrosankt und unantastbar ist?

Der Autor betreibt eine eigene Webseite, auf der er seine Motivation darlegt:

„Warum sollen meine Geschichtshausarbeiten, in die ich nicht wenig Arbeit investiert habe, bei mir zu Hause im Schrank vor sich hingammeln, wenn möglicherweise jemand anderes zu dem gleichen oder zu einem ähnlichen Thema forschen will und von meinen Zusammenfassungen, Analysen u.ä. profitieren kann? Wer weiß, ob dieses Angebot in Anspruch genommen.“

Die Seite existiert mindestens seit 2006 und kann laut dem Zähler bislang kaum Seitenaufrufe oder Besucher verzeichnen. Ob der „Magister“ nach seinem Studium einen hochtrabenden Job gefunden oder sich in die Flotte der Taxi fahrenden Studierten eingereiht hat, ist unbekannt.

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