Foto: Kinowelt

Laut unzähligen meist geistlosen Rezensionen und Publikumsinterpretationen ist der Streifen von David Fincher aus dem Jahr 1999 ein Trash-Film, eine Glorifizierung von Anarchismus und gesellschaftsfeindlichen und subersiven Tendenzen, eine Zelebrierung von Nihilismus und Gewalt. Der Film beeindruckte nicht durch ein großes Einspielergebnis an den Kinokassen; durch VHS und DVD hat er jedoch mühelos Kultstatus erreicht und sogar einige wenige Nacheiferer ermuntert, selbst ihre Untergrundorganisationen zu gründen und sich mit Gleichgesinnten zu prügeln.

Am 4. November erscheint bei Kinowelt die Remastered Edition dieses Klassikers auf BluRay mit enorm verbesserter Bild- und Tonqualität.

Ein Film wie Fight Club sticht positv hervor, jedoch nur dann wenn man ihn mit einer gewissen Reife betrachtet. Dass gerade instabile Individuen fiktive Vorbilder suchen und in einem Film das sehen was sie sehen möchten, ist bekannt. Für die die den rund 11 Jahre alten Film noch nicht kennen: Diese Rezension konzentriert sich auf den Plot und nimmt Überraschungen vorweg.

Jack alias Travis alias Rupert alias…

Der von dem gewohnt brillianten Edward Norton gespielte Protagonist Jack sucht nach einer Lösung für seine anhaltende Schlaflosigkeit und bringt dadaurch unbeabsichtigt eine Lawine ins Rollen die in einer weitverzweigten terroristischen Bewegung endet, die die moderne Zivilisation zerstören möchte. Er begeht im Laufe der Geschichte all die klassischen Fehler eines frustrierten Durchschnittsmenschen, der über sich selbst hinauswachsen möchte, jedoch keine kompetente Anleitung dafür hat. Jack fehlte wie so vielen Männern in ihrer Kindheit ein Vorbild in Form eines starken, liebenden Vaters und er betrachtet sich selbst nur als einen unreifen, 30-jährigen Jungen. In seinem gutbezahlten Job kalkuliert er regelmäßig für einen großen, zynischen Automobilkonzern, ob es nach tödlichen Unfällen durch fehlerhafte Bauteile nicht etwa billiger ist, sich mit den Opfern außergerichtlich zu einigen anstatt eine Rückrufaktion zu starten. Als mentale Krücke müssen u.a. Sarkasmus, Tagträume über Flugzeugabstürze und exzessives IKEA-Shopping herhalten.

Wir sehen die typischen Ersatzhandlungen eines Neurotikers der sich selbst und seinen eigenen Körper mit seinen banalen Besitztümern gleichsetzt. Der stylische Plunder ist “sein Leben”. Die Schlafprobleme werden jedoch immer schlimmer, die IKEA-Routine hilft auch nicht mehr und so sucht er den nächsten scheinbar leichten Ausweg der die Symptome übertüncht, und bittet erfolglos einen Arzt um Schlaftabletten. Die nächste Krücke für Jack sind diverse Selbsthilfegruppen für Betroffene aller möglichen Krankeheiten wie Hodenkrebs und Multiple Sklerose. Mit erfundenen Namen und erfundenen Erkrankungen erhält er echte Zuneigung, echte menschliche Wärme. Manche dieser Gruppen im Film haben – wie so häufig in der Realität – einen deutlichen New Age-Einschlag und diese Darstellung ist nicht nur Futter für ein paar sarkastische Seitenhiebe. Man bekommt dort eine religiöse Betäubung, Mantras wie “Dein Schmerz ist ein weißer Ball heilenden Lichts” und herbeimeditierte persönliche “Kraft”-Tiere. Gerade New Age-Kulte wie die Transzendentale Meditation machen Jagd auf Leute, die von Schicksalsschlägen gebeutelt wurden oder sich auf der Sinnsuche befinden. In einer der wichtigsten Lektionen, die Jack weitaus später in einer völlig anderen Umgebung erhält, wird er mit brachialen Mitteln dazu gebracht, mit Schmerz nicht so umzugehen “wie diese toten Leute”.

And this is how I met …

Jacks neue Routine wird urplötzlich durch einen Schicksalsschlag durcheinandergebracht: Sein Appartment explodiert und damit auch sein so wertgeschätzter Plunder. Es ist zwar alles versichert, trotzdem scheint ein Lebenswerk, nämlich die Anhäufung von genau den richtigen Möbeln und Kleidung, zerstört. Er befindet sich genau in der Phase, in der zahllose Menschen dazu bereit sind, alte Überzeugungen über den Haufen zu werfen und sie durch neue zu ersetzen. Er klagt sein Leid einem charismatischen Mann namens Tyler Durden, den er im Flugzeug kennengelernt hat.

Tyler handelt mit extrem teurer Seife und ist das Gegenteil von Jack: Sexy, extrovertiert, mitreißend, spontan, er zeigt Initiative und verachtet die Auswüchse der Konsumgesellschaft. Eine spontane und der Unterhaltung dienende Prügelei auf dem Parkplatz einer Bar wird zu einem regelmäßigen Ereignis und zieht immer mehr Teilnehmer an. Man kämpft nicht gegen das verhasste System sondern gegeneinander, aber selbst diese krude Ersatzhandlung übt eine hohe Anziehungskraft aus und verbindet die Teilnehmer wie Jack wieder mit realen menschlichen Emotionen und dem eigenen Körper. Jack selbst weiß genau dass es sich im Grunde wieder nur um eine Notlösung handelt und bringt dies auf den Punkt: Es wird nichts durch die Kämpfe gelöst, aber alles andere verliert an Bedeutung und dies wird als höchst angenehm empfunden. Man zelebriert den Augenblick und schert sich um nichts sonst. Wäre Jack eine reale Person, hätte er genausogut drogen- oder alkoholsüchtig werden können.

Der sogenannte Fight Club wandelt sich unter der Führung von Tyler Durden zuerst in eine reglementierte Untergrundorganisation, dann schießlich in einen klassichen Kult, eine dehumanisierende Sekte. Jack schlittert in eine Situation hinein die viele Menschen aus der realen Welt nur allzugut kennen: Vom Regen in die Traufe. Die Revolution frisst ihre Kinder. Der Fight Club übernimmt schrittweise exakt jene Elemente, die man an der Gesellschaft und der modernen Zivilisation kritisiert hat. Die Dehumanisierung wird zelebriert bis zu dem Punkt, an dem Mitglieder zu namenlosen Drohnen werden die wie Versuchstiere nach Belieben geopfert werden können und auf Tylers Sklavenplantage schuften während der Guru ihnen via Megaphon Mantras zuruft, laut denen sie keine Menschen sind und keinen Wert haben. Blinder Gehorsam ist obligatorisch, es existieren groteske Strafen für Mitglieder die ausscheren, es herrscht ein strikter Geheimhaltungszwang und Wissen in der Organisation ist streng kompartimentiert. Die Regeln Nummer eins und zwei von Fight Club sind identisch: Niemand darf zu einem Nichtmitglied darüber sprechen, es sei denn zur Rekrutierung. Fragen dürfen keine gestellt werden, man empfängt einfach Befehle.

Befreite Sklaven sind oft die schlimmsten Herren. Im alten Rom gab es Haussklaven deren Kinder wiederum Haussklaven wurden. Irgendwann entließ man gönnerhaft ausgewählte Diener mit einer Summe Geld in die Freiheit. Diese waren bekannt dafür, sich zu Tyrannen zu entwickeln die ihre eigenen Diener bei Missfallen unter schallendem Gelächter nach Belieben irgendwelchen Raubtieren zum Fraß vorwarfen.

Der Protagonist Jack erfährt erst sehr spät von den Auswüchsen der Organisation und der Tragweite der Pläne. Tyler schuf heimlich neue Zellen im ganzen Land und organisierte zahllose neue Rekruten wie eine klassische Geheimgesellschaft. Die Erkennungsmerkmale der Eingeweihten von “Project Mayhem” sind nicht geheime Handgriffe oder Symbole, sondern Narben und genähte Platzwunden. Kleinere Akte der Zerstörung und des Vandalismus konditionieren die schwarz gekleideten Soldaten und bereiten sie vor auf größere terroristische Taten: Man überfällt einen leitenden Polizeiermittler, der die Untergrund-Organisation dingfest machen soll und stößt eine Drohung gegen ihn aus im Namen des einfachen Volkes. Die Botschaft lautet: “Wir sind die kleinen Leute, die euren Müll abholen, euer Essen zubereiten und euch nachts bewachen. Wir sind überall. Leg dich nicht mit uns an!”

Tyler Durden hat keine differenzierte, logische Vorstellung davon, welche Organisationsform wohl am geeignetsten ist für das Gemeinwohl des Menschen, sondern er verfolgt einen simplen, infantilen Traum. Der Hass auf jegliche Zivilisation wird zum Extrem getrieben, er strebt einen totalen Rückschritt in vergangene Zeitalter an und glorifiziert dieses “pure” Leben. Zu diesem Zweck sollen u.a. Hochhäuser großer Banken gesprengt werden; der Gedanke dahinter ist dass auf Grund der zerstörten, verlorenen Daten über Schulden und Guthaben eine Art Neuanfang stattfindet. Komplexe Zusammenhänge werden übersimplifiziert für eine infantile Fantasie, die typisch ist für den hirnlosen Terroristen. Behörden werden in Fight Club als relativ hilflos dargestellt, sogar Polizisten werden rekrutiert von Project Mayhem. Was in dem Film völlig unter den Tisch fällt, ist wie Behörden den internationalen Terrorismus kontrollieren und immer wieder Dumme finden, die exakt so simpel denken wie Tyler Durden.

Schließlich wird es Jack zu bunt und er versucht die Notbremse zu ziehen, die Pläne zu stoppen. An diesem Punkt folgt eine gewichtige Überraschung für ihn und den Zuschauer. Tyler ist nur die andere Hälfte von Jacks gespaltener Persönlichkeit, der Ausdruck einer Psychose und gleichzeitig eine filmisch überzeichnete narzisstische Störung: Man stellt sich eine überzogene idealisierte Version von sich selbst vor und redet sich permanent ein, diese Version sei real. Zig Leute in unserer Gesellschaft haben diesen Dachschaden, weil sie irgendwann einmal entschieden haben, nur so mit der Welt fertig werden zu können. Anstatt durch harte Arbeit und Konzentration sich selbst und die Welt zu verbessern, soll diese Manie die eigenen erheblichen Schwächen übertünchen. Narzissten sind charismatisch, manipulativ, behandeln andere Menschen wie Dreck, lügen am laufenden Band und erwarten mit äußerster Selbsverständlichkeit, dass andere ihnen ihren Blödsinn abnehmen. Jack kämpft zum Schluss also nicht gegen die Banken oder einen Kontrahenten im Zuge eines Fight Club-Abends, sondern er kämpft gegen sich selbst, seine ureigensten Schwächen. Zum Schluss bezwingt Jack sein Alter Ego Tyler Durden und übernimmt endlich Verantwortung, muss aber mit den Konsequenzen seiner vergangenen Fehler leben.

Der Zuschauer wird deutlich dazu angehalten, auf der Suche nach Befreiung nicht erst alle klassischen Fehler zu wiederholen, sondern die falschen Gurus links liegen zu lassen und die längst gescheiterten Ideen zu überspringen. Bis sich das jedoch jemals irgendwann herumspricht, werden sich noch viele Narzissten in Tyler Durden verwirklicht sehen. Wenn sie den Film bislang verpasst haben: Holen sie es nach. Wenn er auf sie bisher subversiv und zynisch wirkte: Sehen sie ihn mit neuen Augen.

Bild und Ton

Galt die DVD von Fight Club vor über 10 Jahren noch als das Maß der Dinge, wirkt sie heute gegen über der Blu Ray von Kinowelt wie ein Relikt. Weg sind die Kompressionsartefakte, die künstlichen Schärfeeffekte und die mangelnde Auflösung. Der neue Bildtransfer wirkt enorm räumlich und selbst in den dunkelsten Szenen detailreich. Der Surround- Ton, der schon manche Heimkinoanlage in ihre Grenzen verwiesen hat, wirkt im neuen Format klarer.