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„Daniel Schmidt“ verlässt Wikileaks

Eines der wichtigsten Mitglieder der Aktivistenplattform Wikileaks, Daniel Schmidt alias Daniel Domscheit-Berg, hat sich von der Organisation zurückgezogen und gab in einem SPIEGEL-Interview einen Einblick, der die Kritik der letzten Wochen und Monate an Gründer Julian Assange substanziell zu bestätigen scheint.

Cryptome, eine Wikileaks sehr ähnliche aber weniger in den Massenmedien genannte Plattform, veröffentlichte ein Foto des bislang unter einem Pseudonym auftretenden Aktivisten Daniel Berg mit seiner Frau Anke Domscheit, ausgerechnet Direktorin für Regierungsbeziehungen bei Microsoft Germany in Berlin. Cryptome veröffentlichte vor mehreren Wochen harsche Kritik an Assange durch einen vermeintlichen Wikileaks-Insider: Assange herrsche wie ein Diktator, fühle sich niemandem Rechenschaft schuldig, veruntreue Geld und führe die Organisation ins Abseits. John Young, der Betreiber von Cryptome, wirft Wikileaks Verhaltensweisen vor, die für Geheimdienste typisch sind:

“Egoistisch, stümperhaft, fehlende Transparenz, übertriebene Zusicherungen von Vertraulichkeit, Unklarheit über innere Angelegenheiten, unverifizierbare Behauptungen und Beteuerungen, Asymetrie bei der Sicherheit (der Spion ist immer wichtiger als der von ihm hinters Licht Geführte), Übertreibung der Bedeutung der dargebotenen Informationen, wenige bis gar keine Eingeständnisse von Fehlern […] und viele weitere Dinge. Völlig überzogene Behauptungen über den Dienst an der Allgemeinheit und den Schutz der Schwachen.”

Herr Domscheit-Berg teilte im SPIEGEL die Kritik an dem autokratischen Führungsstil Assanges:

„Wir sind in den letzten Monaten wahnsinnig schnell gewachsen und müssten uns dringend in allen Bereichen professionalisieren und transparenter werden. Diese Entwicklung wird intern blockiert. Selbst mir ist nicht mehr klar, wie bei uns eigentlich Entscheidungen getroffen werden und wie diese zu verantworten sind.“

„Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein. Vor vier Wochen hat er mich suspendiert – als Ankläger, Richter und Henker in einer Person. Seither habe ich beispielsweise keinen Zugriff mehr auf meine WikiLeaks-Mail. Damit bleibt viel Arbeit liegen, andere Helfer werden blockiert. Ich weiß, dass niemand aus unserem Kernteam damit einverstanden war. Aber das scheint keine Rolle zu spielen.“

Ab dem 30. März dieses Jahres mietete Assange ein Haus in Island und editierte zusammen mit u.a. der Politikerin Birgitta Jonsdottir das berüchtigte Video des Helikopterangriffs in Bagdad. Andere Wikileaks-Aktivisten kritisierten das Sicherheitsrisiko der Kungelei mit den Politikern sowie die Entscheidung, nicht das uneditierte Video zu veröffentlichen sondern stattdessen eine Schnittfassung, die eine politische Voreingenommenheit zeige. Auch die Frage, ob man nicht zuviele Ressourcen verwendet und gleichzeitig anderes Material vernachlässigt hatte, wurde gestellt. Herr Domscheit-Berg sprach diesen Bereich ebenfalls an:

„WikiLeaks war beispielsweise immer diskriminierungsfrei. Wir haben kleinere Einsendungen, die nur lokal wichtig waren, immer genauso bearbeitet und veröffentlicht wie umfangreiche Dokumente, die national oder sogar international wichtig sind.“

„Zuletzt haben wir uns allerdings nur auf die großen Themen konzentriert und praktisch alle Ressourcen darauf verwendet, zum Beispiel auf die Afghanistan-Dokumente der US-Armee Ende Juli.“

„…diese eindimensionale Konfrontation mit den USA ist nicht das, wofür wir angetreten sind.“

Es gäbe eine Menge Unmut, wie er meinte, und viele wie er würden aussteigen. Trotzdem hält er an der Grundidee fest:

„Am Ende muss es tausend WikiLeaks geben.“

Wikileaks-Gründer Julian Assange scheint auf die linksliberale Medienlandschaft und die Mainstream-Antikriegsbewegung gesetzt zu haben. Seine Fähigkeiten als Hacker und Informationsaktivist sind unbestritten, es mehren sich jedoch die Hinweise darauf dass seine Fachkenntnisse über Politik und Geschichte nicht über das Niveau eines Noam-Chomsky-Lesers hinausreichen. In einem Interview mit Matthew Bell vom Belfast Telegraph äußerte er sich abfällig über Verschwörungstheorien wie etwa über 9/11; jene seien “durchgeknallt” und nichts weiter als eine “Ablenkung” von echten Verschwörungen. Die elitäre Bilderberg-Organisation, über die investigative Reporter wie Jim Tucker und Daniel Estulin seit langem bedeutende Insiderinformationen beschaffen, hält Assange für “geringfügig verschwörerisch”.

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