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Wikileaks: Zwischen Hype und brachialer Kritik

Bis vor nicht allzu langer Zeit schien das Bild wie aus dem Science Fiction-Märchen Star Wars: Auf der einen Seite das übermächtige Imperium, repräsentiert durch räuberische Konzerne, diktatorische Regierungen und perfide Kulte, und auf der anderen Seite die Rebellen, die straff organisierten und hochdisziplinierten Underdogs, repräsentiert durch Wikileaks. Inwiefern das galaktische Imperium mitsamt dem imposanten Kriegsgerät und den zahllosen Sturmtruppen eine Metapher bildet für das gegenwärtig dominierende globale Konglomerat und dessen Ambitionen nach einer Weltregierung, sei dahingestellt. Der Nimbus der Organisation Wikileaks, der so sehr an die hocheffektive und durchorganisierte Rebellion erinnerte und an den man einfach glauben wollte, ist inzwischen stark angeschlagen und verschiedene Rebellen innerhalb und außerhalb von Wikileaks beklagen, dass es an allen Ecken und Enden hapert weil das Unterfangen angeführt wird von einem Opportunisten wie Han Solo, gemeint ist der Gründer Julian Assange.

Zwischen Hype und brachialer Kritik wird klar, dass nun eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig ist um zu klären, welche Fehler begangen wurden und wie zukünftig sensibles Material veröffentlicht werden sollte. Cryptome, eine Wikileaks sehr ähnliche aber weniger in den Massenmedien genannte Plattform, veröffentlichte harsche Kritik an Assange durch einen vermeintlichen Wikileaks-Insider: Assange herrsche wie ein Diktator, fühle sich niemandem Rechenschaft schuldig, veruntreue Geld und führe die Organisation ins Abseits. John Young, der Betreiber von Cryptome, wirft Wikileaks Verhaltensweisen vor, die für Geheimdienste typisch sind:

„Egoistisch, stümperhaft, fehlende Transparenz, übertriebene Zusicherungen von Vertraulichkeit, Unklarheit über innere Angelegenheiten, unverifizierbare Behauptungen und Beteuerungen, Asymetrie bei der Sicherheit (der Spion ist immer wichtiger als der von ihm hinters Licht Geführte), Übertreibung der Bedeutung der dargebotenen Informationen, wenige bis gar keine Eingeständnisse von Fehlern […] und viele weitere Dinge. Völlig überzogene Behauptungen über den Dienst an der Allgemeinheit und den Schutz der Schwachen.“

Gerade wenn es um eine Organisation geht, die dermaßen wenig Transparenz bietet und die laut veröffentlichten Pentagon-Dokumenten Ziel von verdeckten Operationen ist, fällt eine Analyse schwer. Dazu kommen noch die Emotionen und Egos der Beteiligten. Gegen Kritiker von Wikileaks und Assange wurden pauschal die Gegenvorwürfe erhoben, man würde Wikileaks und die dahinterstehende Idee hassen oder einfach nur Desinformation verbreiten. Es ist verständlicherweise verfehlt und kontraproduktiv, sämtliche Kritik von vorneherein abzukanzeln. Gleichzeitig sind reflexartige Distanzierungen  und Verurteilungen von Assange unzulässig, bevor nicht wirklich mehr Fakten einwandfrei bekannt werden. Der Sieg hat bekanntermaßen viele Väter und die Niederlage ist ein Weisenkind.

Die erste gesicherte Aussage ist eigentlich recht simpel: Wikileaks ist den gleichen Gesetzen unterworfen wie jede andere Organisation auch, die sich Aufklärung und Dienst an der Menschheit auf die Fahne schreibt. Überall ist Potential für Spannungen und Fehler. Alle bislang geäußerten Vorwürfe gehen sehr hart mit Assange ins Gericht, sind aber prinzipiell völlig legitim und in einer solchen Organisation zu erwarten.

Politische Ansichten

Die Entscheidung, welche Leaks veröffentlicht werden und in welcher Form, bietet das Potential für politische Voreingenommenheit. Die sensationsumwitterte Veröffentlichung des Videos eines Helikopterangriffs in Bagdad beispielsweise löste u.a. bei dem Cryptome-Betreiber wenig Begeisterung aus. Nicht etwa das unbearbeitete Video der amerikanischen Streitkräfte wurde der Weltöffentlichkeit präsentiert, sondern die Schnittfassung von Assange und linksliberalen Politikern und Aktivisten. Die Ursprungsfassung zeigt schlicht die Komplexität des Krieges; Reporter halten sich in einer heißen Gefechtszone auf und werden irrtümlich als feindliche Kämpfer identifiziert und beschossen. Hätte Wikileaks Material veröffentlicht, das die absichtliche Tötung von kritischen Journalisten beweist, oder die Fabrikation der Kriegsgründe, oder das systematische Folterprogramm oder Operationen unter falscher Flagge, wäre der Welt mehr Nutzen entstanden. Stattdessen bekamen wir einen Hype um eine Tragödie, die Aufnahmen der sarkastischen Kommentare der amerikanischen Bordschützen und eine emotionale, eher hohle Debatte.

Die Beschaffung des Videos und die Enttarnung der Quelle haben darüberhinaus offenbart, wie stark unterschiedlich die Enthüllungen von Aktivisten beurteilt werden. Der Unteroffizier der US Army Bradley Manning vertraute dem Ex-Hacker Adrian Lamo an, neben dem Helikopter-Video auch noch hunderttausende geheime Kommunikationen zwischen dem Truppenverband und dem Außenministerium beschafft zu haben. Lamo, der kein unbeschriebenes Blatt ist was das illegale Beschaffen von Informationen anbetrifft, befürchtete wiederum nach eigenen Angaben, dass durch Mannings Aktion vielen Soldaten dadurch in Lebensgefahr gebracht werden könnten. Ein ernstzunehmender Einwand in einem komplexen moralischen Dilemma. Das Anklageformular der US-Army über Manning beschreibt das Aufspielen nicht genehmigter Software auf ein geheimes Router-System und die Beschaffung von Material, auf das er als Unteroffizier eigentlich keinen Zugriff hat. Es klingt nach Hacking und es ist durchaus denkbar, dass Manning Lamo einfach als Hacker-Kollegen vertraute.
Der „Verrat“ an Manning generierte viel Wut gegenüber Lamo und es wurden Vorwürfe geäußert, dass letzterer seit geraumer Zeit als Informant für Behörden arbeitet um sich ein Zubrot zu verdienen und als Gegenleistung für Strafmilderung in vergangenen Delikten.

Die Spekulationen reichen bis hin zu der These, dass Lamo und Manning zusammen im Zuge einer verdeckten Operation die Weitergabe des Videos und den Verrat inszenierten, um Wikileaks in ein schlechtes Licht zu rücken und um echte Dissidenten im Militär abzuschrecken. Der Investigativreporter Wayne Madsen berichtete von einer weitläufigen Unterwanderung von Wikileaks; auch hier sind die Quellen vertraulich und können nicht überprüft werden. Assange hat bestätigt, dass Wikileaks Manning kein Team aus Anwälten zur Verfügung gestellt hat und dass niemand von Wikileaks sich mit Manning während seiner Haft in Kuwait getroffen hätte. Bei einer Verurteilung in allen Anklagepunkten erwarten ihn zwischen 50 und 70 Jahren Haft, so der Sprecher der US Army Lt Col Eric Bloom.

Geld
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Eine effektive Organisation braucht Geld; eine anoynme Organisation die effektiv sein möchte, ist auf Spenden angewiesen wenn sie nicht aus illegalen Quellen Mittel beschaffen will. Enormes Spannungspotential bietet die mögliche Einflussnahme durch Großspender, die in der Vergangenheit die Aktivitäten von Wikileaks finanzierten. Auch derzeit in der Diskussion: Der Verkauf von Informationen an den Höchstbietenden. Einer der größten Vorwürfe gegenüber Assange betrifft dessen Verwendung von Geldmitteln und die fehlende Transparenz. Wikileaks liegt tatsachlich seit Monaten brach, die von Assange angegebenen 200.000$ Kosten pro Jahr für die grundlegendste Aufrechterhaltung der Seite scheinen übertrieben, die von anonymen Kritikern genannten 55.000$ dagegen weitaus realistischer. Es entsteht ein verheerender  Eindruck auf Mitglieder und potentielle Spender. Jüngst entging Wikileaks die Summe von 537.000$ von der Knight Foundation und die zahlreichen unbezahlten “Fußsoldaten” machen Assanges Management und die fehlenden Nachweise für hohe Ausgaben dafür verantwortlich. Andere Menschenrechtsorganisationen, so heißt es, würden ohne große Probleme unabhängige Buchhalter engagieren um Transparenz zu gewährleisten.

Organisation

Assange, so der Vorwurf, würde autokratisch herrschen. Er hat sich selbst in dieser Richtung geäußert, die letztendliche Entscheidung über die Veröffentlichung von Material liege bei ihm. Außenstehende fragen sich: Wer hat tatsächlich welchen Einfluss? Wie wird rekrutiert? Welche Standards werden gesetzt und wie werden sie überprüft? Gibt es Disziplinarmaßnahmen und verbindliche Strukturen? Viele Aktivisten klammern solche Dinge gerne aus, Ärger ist somit vorprogrammiert.

Fazit

Angesichts immer stringenterer Maßnahmen seitens Regierungen zur ungerechtfertigten Geheimhaltung von Informationen brauchen wir ohne jeden Zweifel Plattformen, die sensibles Material handhaben und veröffentlichen. Niemand mit guten Absichten will ernsthaft einen regelmäßigen Medienhype um wenig aussagekräftiges Material. Stattdessen wünscht man sich einen stetigen Fluss qualitativer Daten, den man einfach nicht stoppen kann.

Assange steht die Möglichkeit offen, seine Kritiker mit Fakten zu entkräften; falls er tatsächlich nicht als leitender Funktionär geeignet ist, steht anderen die Möglichkeit offen sich neu zu formieren. Welche Lehren gezogen werden, steht auf einem anderen Blatt.

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