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Nein, John F. Kennedy starb nicht wegen Israels Atomwaffenprogramm

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Kommentar

Thorsten Schultes neues Verschwörungsbuch „Die große Täuschung“ benutzt John F. Kennedy als großen Aufhänger. In seiner Rede vor Zeitungsverlegern hätte er vor der „monolithischen Verschwörung“ gewarnt. Die Rede hätte nicht die UdSSR zum Thema gehabt, denn nirgends in der Rede sei etwas zu lesen vom Kommunismus oder Russland. Wer die Rede tatsächlich gelesen hat, der findet darin alles von Marx über die Revolution, Leninismus, Stalinismus und den Kalten Krieg.

Vielleicht hat Schulte die Rede nie selbst gelesen, sondern nur die Auszüge, die den Kontext weglassen.

Lesern fiel auf, dass Schultes Abhandlung über das JKF-Attentat an das Buch „Final Judgment: The Missing Link in the JFK Assassination Conspiracy“ von Michael Collins Piper erinnert. Der israelische Mossad sei es gewesen, heißt es darin, weil JFK das israelische Atomprogramm stoppen wollte.

Dieser Piper glaubte, im Prinzip alles gehe auf eine jüdische Verschwörung zurück. Seine Beiträge erschienen bei „The Spotlight“ und „American Free Press“. Am 11. September 2013 schrieb er bei AFP, Putin verdiene den Nobelpreis.

Piper war in mehrere islamische Länder gereist, wo Seine Verschwörungserzählungen und seine Kritik am Zionismus haben ein wohlwollendes Publikum gefunden.

Präsident John F. Kennedy befürchtete einst, dass Israels Atomprogramm ein potenziell ernstes Proliferationsrisiko darstellte, und bestand darauf, dass Israel regelmäßige Inspektionen zulässt, um die Gefahr zu mindern. Dies geht aus freigegebenen Dokumenten hervor. Am 30. Mai 1961 traf Kennedy Ben-Gurion in Manhattan. Der Staat Israel war noch sehr jung und darüber hinaus infiltriert durch die Geheimdienste der UdSSR. Stalin hatte Juden erlaubt, nach Israel zu migrieren und versuchte, so viele Agenten wie möglich einzuschleusen.

Kennedy und der designierte Außenminister Dean Rusk treffen sich am 19. Januar 1961 mit Präsident Dwight D. Eisenhower und Außenminister Christian Herter. Bei diesem Treffen warnte Herter Kennedy vor dem israelischen Atomproblem. Es ging nicht darum, dass man an eine jüdische Weltverschwörung glaubte. Es ergibt schlichtweg keinen Sinn, wenn Verschwörungs-Ideologen behaupten, die Sowjetunion sei unter Kontrolle der „Weisen von Zion“ gewesen, aber Israel hätte gleichzeitig JFK umgelegt, um ein Atomprogramm haben zu können. Warum nicht einfach das nötige Wissen und Equipment aus der UdSSR hereinschmuggeln?

Das israelische Programm, so die Kennedy-Administration, würde erhebliche Gefahren für Israel selbst bergen. Man schätzte:

Die Vereinigte Arabische Republik (Ägypten/Syrien) würde sich „am stärksten bedroht fühlen“, könnte sich an die Sowjets wenden, um mehr „entsprechende militärische Hilfe und politische Unterstützung“ zu erhalten, und die arabische Welt im Allgemeinen könnte dazu veranlasst werden, „konkrete Maßnahmen“ gegen westliche Interessen zu ergreifen in der Region.

Der „Atomgipfel“ am 30. Mai 1961 im Waldorf Astoria Hotel in New York City zwischen Kennedy und Ben-Gurion sah eine deutliche Position der USA.

Das National Intelligence Estimate 35-61 (Dokument Nr. 11a) unter der Überschrift „Outlook on Israel“, das erst im Februar 2015 freigegeben wurde zeigt die Einschätzung von US-Geheimdienstexperten, dass die offizielle israelische Darstellung von Dimona zwar als friedlich anerkannt wurde, es aber wirklich um Waffenfähigkeit ging. Frankreich habe den Israelis „Pläne, Material, Ausrüstung und technische Hilfe“ geliefert.

Die USA waren nicht pe se dagegen, dass die jüdische Nation irgendwann einmal Sprengköpfe bauen wird. Es ging eher darum, die Sache so zu handhaben, dass nicht bald arabische Nationen ebenfalls Sprengköpfe bauen und letztendlich auch Israel damit bedrohen.

Der Nationale Sicherheitsberater McGeorge Bundy gab das National Security Action Memorandum (NSAM) 231 heraus, eine formelle Anweisung an den Staat, das Verteidigungsministerium und die CIA, „die nuklearen Fähigkeiten des Nahen Ostens“ zu untersuchen.

Es ging der Kennedy-Administration auch darum, zumindest den Eindruck zu erwecken, den Israelis nur ein ziviles Atomprogramm zu gönnen, damit nicht innerhalb von Jahren die ganze Welt denkt, Amerika hätte bewusst geholfen, israelische Atomwaffen zu ermöglichen.

Ben Gurion erklärte seinen Rücktritt. Für die USA war es praktisch, dass die Israelis sich ihre Materialien aus aller Welt zusammenkauften. So konnte niemand behaupten, die USA seien über das israelische Programm begeistert.

Die Franzosen hatten nicht nur den Israelis geholfen mit Nukleartechnik, sondern auch muslimischen Kreisen. Sechs von sieben Mitgliedern der israelischen Atomenergiekommission traten zurück und protestierten, der Reaktor sei der Vorläufer eines „politischen Abenteurertums, das die Welt gegen uns vereinen wird“.

Streng geheime britische Dokumente, die BBC Newsnight erhalten hat, zeigen, dass Großbritannien in den 1950er und 1960er Jahren Hunderte von geheimen Lieferungen von verbotenem Material nach Israel durchführte.

Die argentinische Regierung stimmte dem Verkauf von Yellowcake (Uranoxid) an Israel zu. 1968 kaufte der Mossad 200 Tonnen von Union Minière du Haut Katanga, einem belgischen Bergbauunternehmen.

Dass Kennedy und viele weitere US-Funktionäre ihr Missfallen ausdrückten gegenüber dem israelischen Programm, heißt nicht, dass sie wirklich komplett dagegen waren. Spannungen zu inszenieren zwischen den USA und Israel ist ein alter, billiger Trick aus der Diplomatie. Sicherlich kein Grund für die hirnverbrannte Idee, Kennedy zu ermorden.

Für Israel war das Atomprogramm keine magische Wunderwaffe, um die Sicherheitsprobleme zu lösen. Laut 2007 freigegebenen Dokumenten der US-Regierung war die Nixon-Regierung über das israelische Atomprogramm besorgt und befürchtete, dass es ein regionales nukleares Wettrüsten auslösen könnte, wobei die Sowjetunion den arabischen Staaten möglicherweise eine Atomgarantie gewähren würde. Zu den Vorschlägen, die Kissinger Nixon unterbreitete, gehörte die Idee, dass die Vereinigten Staaten eine Politik der „nuklearen Ambiguität“ verfolgen oder so tun sollten, als wüssten sie nichts über Israels Atomprogramm.

Laut dem israelischen Historiker Avner Cohen, Autor von „Israel und die Bombe“, deuten historische Beweise darauf hin, dass Nixon bei seinem Treffen mit der israelischen Premierministerin Golda Meir im September 1969 im Weißen Haus eine geheime Übereinkunft darüber erzielte, wie Israel sein Atomprogramm geheim halten würde, und die Vereinigten Staaten würden den Besitz von Atomwaffen durch Israel tolerieren und es nicht dazu drängen, den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen.

Das Buch „Final Judgment: The Missing Link in the JFK Assassination Conspiracy“ von Michael Collins Piper diente letztendlich nur dazu, ein westliches Publikum aufzuhetzen und gleichzeitig bearbeitete Piper auch die muslimische Welt mit seinem Aktivismus.

Die sowjetischen Geheimdienste hatten viele Programme, um klassische Verschwörungserzählungen in der muslimischen Welt zu verbreiten.

https://nsarchive.gwu.edu/briefing-book/nuclear-vault/2019-05-02/battle-letters-1963-john-f-kennedy-david-ben-gurion-levi-eshkol-us-inspections-dimona

https://www.wilsoncenter.org/publication/kennedy-dimona-and-the-nuclear-proliferation-problem-1961-1962

https://www.researchgate.net/publication/233199329_Michael_Collins_Piper_An_American_Far_Right_Emissary_to_the_Islamic_World

AlexBenesch
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