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Ein Benesch, dem die Partei und Ideologie über alles ging (und nichts davon verstand)

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Kommentar

Mein Vater wuchs eine Weile bei seinem Onkel auf, Theo Benesch, und fand diese Erfahrung anscheinend traumatisierend.

Theo war 1899 geboren in der Stadt Holitz, die ursprünglich unter Kontrolle war von Johann von Luxemburg, Sohn des römisch-deutschen Königs (Kaisers) Heinrich VII. Später geriet Tschechien unter Kontrolle der Habsburger. Bei der Volkszählung im Jahre 1930 betrug der sudetendeutsche Bevölkerungsanteil auf dem Gesamtgebiet der heutigen Tschechischen Republik 29,5%.

Theo war bei bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 15 Jahre alt und meldete sich während des Kriegsverlaufs als Freiwilliger. Er kämpfte mit dem württembergischen Gebirgsregiment in Rumänien, Mazedonien, Italien und an der Westfront.

Für viele Soldaten, darunter auch Adolf Hitler, fand die Fanatisierung erst nach dem Krieg statt. Die seit der zweiten Hälfte der 1800er Jahre zirkulierende Propaganda in der Völkischen Szene hatte 1:1 den älteren Unsinn der französischen Frühsozialisten über eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung übernommen. Die Völkischen waren infiltriert von adeligen Geheimdienstnetzwerken mit Verbindung zum britischen Kolonialreich. Nach dem Ersten Weltkrieg lief die Agitation im Overdrive: Das deutsche und österreichische Zielpublikum sollte nicht wütend sein auf die Briten, sondern auf die non-existenten „Weisen von Zion“. Entgegen der lange verbreiteten Sichtweise, Hitler sei im Krieg bereits sehr politisch gewesen, spricht neuere Forschung eine andere Sprache. Erst hinterher, in den Seminaren in Bayern zur Ausbildung für politische Spitzel, vermittelten die Ausbilder Hitler die entsprechenden Sichtweisen.

Theo wurde 1923 Mitglied der NSDAP, also drei Jahre nach der Gründung. In mehreren deutschen Ländern war die Partei bereits verboten und 1923 erfolgte das reichsweite Verbot. Wer früh dabei war, und ggf. noch in den Freikorps tätig war, hatte bessere Chancen auf einen Aufstieg.

In den Akten heißt, er sei wegen politischen Tätigkeiten mehrfach inhaftiert worden.

Von 1927 bis 1933 war er Stadtrat in Erlangen und von 1929 bis November 1933 beim Gau Mittelfranken Geschäftsführer und Organisationsleiter.

Der Stürmer

Zwischen Oktober 1930 und Oktober 1932 war Theo Benesch zudem bei der Zeitschrift Der Stürmer beteiligt; ein Projekt das komplett durchdrungen war von der gängigen Verschwörungsideologie: Jüdische Geheimlogen hätten in den 1800er Jahren die Kontrolle über das britische Kolonialreich und die USA übernommen. Auch in Europa sei diese Struktur maßgeblich. Wirklich Ahnung besaß Theo keine, sondern er übernahm alles aus der gängigen Literatur.

Theodor Fritsch veröffentlichte bereits  1887 der „Antisemiten-Katechismus: eine Zusammenstellung des wichtigsten Materials zum Verständniss der Judenfrage“. Fritsch gründete 1902 den Hammer-Verlag und veröffentlichte deutsche Übersetzungen der Protokolle der Weisen von Zion und der von Henry Ford unter dem Titel „Der internationale Jude“ herausgegebenen Zeitschriftenaufsätze des Dearborn Independent. Nach dem eigentlichen Text der Protokolle gibt es in der Fritsch-Veröffentlichung noch ein langgedehntes Schlusswort. Der deutsche und britische Adel sei praktisch zu keinerlei Spionageabwehr fähig gewesen und hätte sich kinderleicht hereinlegen lassen von den Juden:

„Die alten Fürsten ahnten gar nicht, wie sie von schlauen Gauklern mißbraucht und genarrt wurden. Mit den Augen des Diebes verfolgte der listige Einbrecher die täppischen selbstgefälligen Gebahrungen der „Machthaber“ und lenkte sie durch heuchlerische Gebärden zu seinem Nutzen. Mögen heute die gestürzten Großen aus den „Protokollen“ erfahren, welch unwürdige Rolle sie gespielt haben.“

Es handelt sich um die zentrale Falschinformation, die ungeprüft von der NS-Bewegung übernommen wurde. Dementsprechend einfach war es dann für Britannien, ein massives Täuschungsmanöver gegen die Nazis zu implementieren (siehe Lou Kilzer, Carroll Quigley.) Der zentrale Rothschild-Mythos ist an Dämlichkeit nicht zu übertreffen. Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte den ersten Rothschild von Belang rekrutiert als Dienstleister und jenen dann durchgereicht an die britische Krone. Weder wurde der Landgraf bestohlen, noch verdienten die Rotschilds später durch Trickserei ein Vermögen an der Londoner Börse nach der Schlacht von Waterloo. Fritsch veröffentlichte das „Handbuch der Judenfrage“, das eine Art kompakte Zusammenfassung des Weltverschwörungsmärchens und der Rassenkampf-Ideologie war. Hitler bezog seine Pseudo-Bildung daraus, wie auch viele andere Zeitgenossen. Der Stürmer-Herausgeber Julius Streicher beschrieb das Buch als Erweckungserlebnis, das ihn zu einem „Wissenden“ gemacht habe.

Streicher wurde im Zuge der Nürnberger Prozesse mit einem IQ von nur 106 gemessen. Einzig dessen verbissene Loyalität gegenüber Hitler sicherte seine Position.

Das Blatt lieferte die Dauer-Berieselung, um die geforderte Stimmung zu erzeugen für die Nürnberger Rassengesetze von 1935.

Parteikarriere

Um in der NSDAP aufzusteigen, brauchte es blinde Loyalität gegenüber Hitler und der stupiden Ideologie, sowie persönliche Beziehungen.

In Horst Wessels Unterlagen findet sich eine Postkarte mit Hitler-Foto. Hinten steht handschriftlich drauf: „In freundlicher Erinnerung: Theo Benesch.“ Wessel und Theo Benesch lernten sich beim Radfahren kennen. Wessel war Verfasser des Horst-Wessel-Lieds, das kurz nach seinem Tod zur Parteihymne der NSDAP wurde.

Benesch vertrat die NSDAP bei Kundgebungen in Mittelfranken und seit 1932 als MdL im Landtag von Bayern. Im November 1933 wurde er Geschäftsführer der NSDAP-Fraktion im Bayerischen Landtag. Am 12. November 1933 erfolgte seine Wahl in den nationalsozialistischen Reichstag.

Die NSDAP betrieb Judenvernichtung statt Spionageabwehr gegen uralte adlige Netzwerke mit Bezug zu Großbritannien. Auch die US-Konzerne hatten bereits vor dem Dritten Reich Spionageringe etabliert. Praktisch kein Geheimnis des NS-Staats blieb den Gegnern verborgen.

Ein Jahr nach Theos Geburt kam Martin Bormann zur Welt. Mit 18 Jahren wurde jener zu den Streitkräften eingezogen, ohne jedoch an Kampfhandlungen teilzunehmen. Er radikalisierte sich, war Teil der Freikorps-Bewegung und hatte adlige Förderer. 1927 trat er der NSDAP bei und gelangte schnell in das nächste Umfeld von Hitler. Jahrzehnte nach dem Krieg enttarnte der zweifach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Lou Kilzer den mysteriösen Bormann als den Spion, der alle militärischen Geheimnisse an die Sowjetunion verraten hatte.

Nach dem Krieg wurde sichergestellt, dass es keine nachrichtendienstliche Aufarbeitung der Vergangenheit in der Öffentlichkeit gibt. Dem rechtsextremen Zielpublikum wurde vermittelt, dass die Niederlage begründet gewesen sei in mangelndem Fanatismus, mangelnder Hitler-Treue und der Passivität rechter, hoher amerikanischer und britischer Kreise. Dementsprechend glauben die Rechtsextremen heute immer noch an das Märchen der „Weisen von Zion“, wollen die Machtergreifung der NSDAP wiederholen und suchen naiv Hilfe bei Russland und den US Republicans.

AlexBenesch
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