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Deutschland, ein Bloggermärchen

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Nie war es leichter, in den Zeiten der universellen Popularität des Internets und des technischen Fortschritts selbst Medien zu machen. Aber wie „leicht“ ist es objektiv betrachtet tatsächlich? Wie sieht die typische Bloggerkarriere tatsächlich aus und welche Phasen durchläuft sie meistens?

1. Die Aufbruchstimmung

Alles – und sei es noch so trivial – scheint neu und spannend, der Blogger fühlt den Drang die Welt zu erobern und das möglichst schnell. Die Kosten und der Zeitaufwand schnellen nach oben, schließlich muss man ja fast bei Null anfangen. Der Blogger ignoriert die negativen Auswirkungen der Bemühungen zunächst, nichts soll zwischen den Blogger und die Welteroberung kommen. Die ersten Erfolge beginnen schleichend, die Realitätswahrnehmung zu vernebeln. Selbst eigentlich langweilige journalistische Routineaufgaben machen in dieser Verliebtheitsphase mit der Aufgabe einen Höllenspaß.

2. Die Wachstumsphase

Man hat einen gewissen, wackeligen Rhytmus gefunden und ein solides Publikum von ein paar Hundert bis ein paar Tausend Lesern aufgebaut. Wie ein Glücksspiel-Süchtiger oder fortgeschrittener Neurotiker liest man mindestens 10 Mal am Tag seine Zugriffszahlen, man fachsimpelt (palavert) mit „Kollegen“ (anderen hoffnungsvollen Betreibern von Klein- und Kleinstprojekten), man postet, wurstelt, startet Aufrufe nach Freiwilligen (hoffnungsvollen Amateuren). Die Medienarbeit beginnt langsam, wie eine Sonnenfinsternis, andere Bereiche des Lebens zu überschatten.

3. Die Größenwahnphase

Hat der GröBaZ (größter Blogger aller Zeiten) erstmal einen Leserstamm im Bereich von wenigen zehntausenden (was leider beim regelmäßigen Posten von braunesoterischen Inhalten und anderem Schwachsinn gar nicht mal sonderlich schwer zu erreichen ist), beginnt die Milchmädchenregion im Gehirn an zu rechnen. „Wenn nur jeder Leser durchschnittlich 1 Euro pro Monat für mich ausgibt …. rein rechnerisch natürlich…“ Schon entstehen wilde Fantasien über ein eigenes Medienkonglomerat mit Außenbüros in Tokio und Washington D.C.

Die Realitätswahrnehmung ist nun völlig hinüber, insbesondere was die eigenen Fähigkeiten anbelangt. Man startet alle möglichen und unmöglichen neuen Ideen und baut selbstverständlich darauf, dass die getreue Leserschaft alles finanzieren wird und dass sich genügend kostenlose Helfer finden die möglichst viel – besser noch ALLE – Arbeit übernehmen.
4. Die  Auf-den-Boden-der-Tatsachen-zurückkomm-Phase

Die leidsame, schrecklich ernüchternde Erfahrung wird gemacht, dass nur ein winziger Bruchteil des Publikums bereit ist, auch nur einen müden Cent abgesehen von den Internet-Gebühren hinaus zu bezahlen. Banner-Werbung spült ein paar einsame Euros in die Kassen (stellen sie sich das Geräusch von drei Münzen vor, die in eine Metallbox fallen), die die Kosten des Projekts niemals auch nur ansatzweise tragen können, während sich Leser auch noch erbost beschweren über die lästigen Banner und die „Kommerzialisierung.“ Der Versuch, die Medien mit E-Commerce querzufinanzieren, öffnet ein ganz neues und extrem anstrengendes Fass mit unzähligen Stolperfallen. Die ersten Abmanungen landen in der Post wegen unerlaubter Benutzung von Bildern und ausladenden Zitaten aus den Massenmedien. Die eine oder andere Unterlassungserklärung wegen Beleidigung ist vielleicht auch dabei. Die Recherchefehler häufen sich, weil es an Zeit fehlt, an Know How und an allem anderen natürlich auch. Leser sind erbost über die eklatanten Mängel und beschweren sich lauthals in E-Mails. Der Nimbus und Rock-Star-Status des Bloggers ist dahin. Apropos E-Mails: Man verbringt inzwischen Extrastunden mit beleidigenden und anderen rechtlich unzulässigen Forenbeiträgen und Kommentaren von Lesern. Trotzdem schreit immer jemand, Kommentar # 5068 auf einem Artikel vom vorletzten Monat verletze seine Rechte und er ziehe rechtliche Schritte in Erwägung. Von durchschnittlich zehn enthusiastischen Zusagen für kostenlose Hilfe entpuppen sich acht als heiße Luft, eine Person stellt sich als exzentrischer Psychotiker heraus der weit mehr Ärger als Nutzen bringt und der zehnte ist zwar nett und solide, muss sich aber bald wieder verabschieden, weil er die Zeit nicht mehr hat und sein Beruf und seine Familie nun mal zuerst kommen. Man kämpft fluchend bis spät nachts mit Computern, Netzwerken, Internetverbindungen, Videoformaten, Audioverbindungen, Steckern, Abstürzen, MySQL, nicht funktionierender Billigausrüstung, endlosen Workarounds für Workarounds. Sollte nicht alles PlugandPlay sein? Scheint bei anderen Medien nicht alles so mühelos? Die Anfrage nach den Preisen professioneller Hilfe führt zum nächsten Schock. Ein einziger bezahlter Mitarbeiter will mindestens rund 1500 Euro Netto im Monat, das heißt mehr als das Doppelte davon entsteht als Kosten für den Arbeitgeber und der Arbeitgeber muss davon wiederum das vierfache an Umsatz einfahren. Also rund 12.000 Euro Umsatz im Monat müssten generiert werden für einen einzigen einsamen Mitarbeiter der weiß was er eigentlich tut. Viel Glück mit Bannerwerbung. In Gesprächen mit Kollegen (anderen armen Schweinen) ergibt sich für den Blogger die gruselige Gewissheit, dass diese Probleme keine Ausnahme sind, sondern die Regel.

Kosten türmen sich inzwischen bedrohlich auf, die Familie beschwert sich immer lauter, die Träume von einst liegen längst begraben und man erinnert sich dunkel, gelesen zu haben, dass Journalismus eine der am schlechtesten bezahlten, riskantesten und unsichersten Tätigkeiten ist.

Ist alles wirklich so deprimierend? Es gibt immer noch Möglichkeiten für neue Medien, die Anforderungen der einzelnen klassischen Mediensparten sind allerdings hoch.

Radio: Der ungebrochene Preis-Leistungs-Schlager. Aufwand und Kosten steigen allerdings exponential an wenn die Ansprüche höher werden an Recherche, Moderation, Klang, Möglichkeiten Anrufer zu screenen und einzubinden, aktuelle Clips einzuspielen etc.   Außerdem ergeben sich bei kleinen und Kleinstprojekten die üblichen Schwierigkeiten der Nichtfinanzierbarkeit durch Werbung, Zeitmangel, und fehlende Rechte an aktuellen Meldungen.

Dokufilme: Aufwändig und teuer, wegen der Umsonstmentalität im Internet nur noch Werbeartikel. Kaum noch selbst in die schwarzen Zahlen zu bekommen. Durch Verbesserung und Verbilligung der Technik sehen sie immer besser aus und können eine sauberer Recherche glänzen und emotional stärker wirken lassen. Aber der Filmemacher hetzt von einem Projekt zum nächsten und betet, zumindest seine Kosten wieder reinzuholen um überhaupt ein weiteres  Projekt in Angriff nehmen zu können. Filme können nicht mithalten mit Büchern im Bezug auf die Faktendichte und Überzeugungskraft. Ein Film dauert i.d.R. allerhöchstens zwei stunden. Bücher fesseln den Leser stundenlang und bilden stärker. Einige Dokuprojekte von Alex Jones liegen seit Monaten und sogar Jahren auf Halde, weil man sich u.a. stärker auf eine tagesaktuelle Nachrichtensendung konzentriert, die Werbeeinnahmen und Pay-Per-View-Einnahmen generieren soll.

Blogging: Außer mit enormem Budget und Fachautoren nicht durch sich selbst finanzierbar. Man kann Stunden in einen einzigen brillianten Artikel investieren, dieser ist aber dann von Lesern in 5 Minuten durchgelesen. Der Leser sagt vielleicht noch Danke und bewegt sich dann weiter. Text gibt es überall ohne Bezahlung im Web wie Sand am Meer; die großen Unternehmen können das querfinanzieren, der einsame Blogger nicht. Wenige Leser sind bereit, im Internet für Text zu bezahlen. Fachautoren, die sich an ein spezifisches Fachpublikum wenden, haben die Chance bezahlt zu werden. Amateure finden im Blogging den ersten, leichtesten Einstieg in Medien. Man stößt aber schnell an die menschlichen Grenzen. Wie soll jemand nach einem 8-Stunden-Arbeitstag noch großartig recherchieren und schreiben? Sobald man ein paar hundert oder ein paar Tausend Leser zusammen hat und ein paar Werbeeinnahmen generiert, muss man schon ein Gewerbe anmelden, den bürokratischen Aufwand stemmen, Steuern zahlen, etc. Professionalisierte Fachleute können nebenher durchaus in ihrem eigenen Wissensbereich etwas bloggen, Amateuren fehlt schlicht die Zeit und Kompetenz für alles.

Nachrichten: Auch Nachrichtenagenturen mit einem Volumen im kleinen Millionenbereich mit unter 50 Mitarbeitern wie Alex Jones‘ Free Speech Productions verfügen nicht über mehr als eine Handvoll Journalisten, der Rest sind Techniker, Buchhalter, Videoeditoren, Producer, usw. Das heißt auf Deutsch: Keine Auslandsbüros, kein breites Korrespondentennetz, keine große Schar an Journalisten die sich auf einzelne Ressorts aufteilen können, keine aktuellen Fotos und Videobilder aus aller Welt aus eigener Erstellung. Man ist bind und taub ohne diverse Partner und eine gewisse Symbiose mit mittelgroßen und großen internationalen Medien. Auch Free Speech Systems hat regelmäßig zu kämpfen mit Copyright-Claims Dritter wegen diversen Zitierungen in Text- und Bildform. Kleine und kleinste Projekte haben schlicht keine Nachrichten. Wie denn auch? Wie soll der Blogger von sich selbst aus erfahren, was gerade im mittleren Osten geschieht? Um aktuelle Meldungen zu veröffentlichen, muss der Hobbyblogger in erheblichem Maße aus den Massenmedien zitieren oder Linklisten erstellen, was höchst abmahngefährdet ist. Bloggerprojekte können sich nicht finanzieren, wie sollen sie also Nachrichten von Agenturen als Ausgangsmaterial lizensieren können? Aus dieser Kernschwäche resultiert, dass selbst auf einigen der populärsten deutschsprachigen politischen Blogs Leser durchschnittlich nur wenige kümmerliche Minute täglich  verbringen. Warum ist klar: Man checkt kurz was Blog XYZ heute so hat und geht dann zurück zu Spiegel-online und sieht die Tagesschau und füttert damit deren Zahlen.

 

AlexBenesch
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