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Das Schwarze Reich

StudieDas Schwarze Reich

Unser hypothetischer, 45 Jahre alter AfD-Flügel-Supporter Max Mustermann hatte vor dem Internetzeitalter auch „Das schwarze Reich – Geheimgesellschaften“ von E.R. Carmin gelesen, ein 900 Seiten dicker Wälzer von 1994, von dem knapp 300 Seiten nur aus Quellenangaben und Anmerkungen bestehen. Als Quellen spielen die üblichen Verdächtigen aber nur die zweite Geige: Nesta Webster, Antony Sutton, Gary Allen, Carroll Quigley, das Buch Occult Theocracy, Des Griffins “Die Herrscher. Luzifers 5. Kolonne“, die Protokolle von Zion usw. Die größere Leidenschaft hat der Autor für Schwurbler, die sich mystischem Brimborium widmeten und okkult-esoterischen Märchen, wie Baigent und Leigh über den Gral, Pauwels & Bergier oder Trevor Ravenscroft.

Man kann also vermuten, dass Carmin einen Haufen solcher Werke konsumiert hatte und die Inhalte zusammenfassen wollte. Wer war also E.R. Carmin? Wir wissen es nicht. Nichts ist bekannt über die Person hinter dem Pseudonym. Carmin betrachtet die Hochstaplerin Helena Blavatsky anscheinend als Autoritätsfigur, die in ihren Reisen auf der ganzen Welt okkultes Wissen gesammelt und dieses in der „Theosophie“ vereinigt hätte. Dementsprechend nimmt er auch Guido von List und Lanz von Liebenfels ernst, die frühen „Ariosophen“ die im Prinzip die Masche von Blavatsky übernommen und auf „arisch-germanisch“ gedreht hatten. Die ganze völkische Szene Deutschlands und Österreichs war von den Geheimdiensten des Welfenadels (mit Britannien als Zentrum) infiltriert gewesen. Hitler hatte eine Reihe früher Förderer, die in esoterisches Brimborium involviert waren, aber die Faktenlage zeigt uns keine bedeutsamen okkulten Kräfte oder Zusammenhänge und Hitler merkte nach anfänglichem Interesse an den „Ostara“-Heften, dass völkische Esoteriker Schwächlinge und Schwadroneure waren. Er duldete den Unfug, solange er musste und verbot ihn dann als Führer fast komplett. Carmin hat nichts, aber auch gar nichts Neues anzubieten. Er wirkt wie jemand, der selbst Theosoph oder Ariosoph oder irgendein ander „Soph“ war und die Geschichte dementsprechend interpretierte. Hitler sei nur ein „Medium“ gewesen für dunkle Schwurbel-Kräfte und hinter allem hätte der Thule-Orden gestanden. Diese Ideen hat Carmin anscheinend einfach von Pauwels und Bergier übernommen. In ihrem Buch Le matin des magiciens (1960, deutsch: Aufbruch ins dritte Jahrtausend, 1962) behaupteten Louis Pauwels und Jacques Bergier, dass zwei angebliche Mitglieder der Thule-Gesellschaft, Dietrich Eckart und Karl Haushofer, in den frühen 1920er Jahren Einfluss auf Hitler erlangt hätten, indem sie ihm Kenntnisse über okkulte Kräfte übermittelten, welche ihnen unter anderem durch die Thule-Gesellschaft zugänglich geworden seien. Diese Gesellschaft sei der „magische Mittelpunkt der NS-Bewegung“ und im Geheimen die eigentlich lenkende Kraft des Dritten Reiches gewesen.

Carmin zeigt sogar Respekt für Hanns Hörbiger und dessen idiotische Welteislehre. Hörbiger war nur Maschinenbau-Ingenieur, wurde aber dann zu einer Ikone mit seinen esoterisch-nutzlosen Vorstellungen über den Kosmos, wie zum Beispiel, dass die meisten Körper des Weltalls aus Eis oder Metall bestünden. Er bastelte an seiner Fantasie-Spinnerei weiter, bis sie fast schon die Dimension einer Religion angenommen hatte. Nach Hörbiger befindet sich das Universum in einem ständigen Dualismus von Sonnen- und Eisplaneten. Sein im Jahre 1912 erschienenes 800-seitiges Hauptwerk „Glazial-Kosmogonie“ war grotesker Müll, bot den Anhängern aber eine gewisse Erfüllung quasi-religiöser Sehnsüchte. Bereits 1925 gab Robert Henseling einen Band heraus, in dem fünf Fachautoren die Lehre systematisch und allgemeinverständlich widerlegten. Hörbiger war anscheinend ein glühender Narzisst, hielt sich für ein Genie und betrachtete Ungläubige als Feinde.

Carmin zitiert immer wieder Rauschning, der eine kontroverse Sammlung veröffentlicht hatte mit Gedächtnisprotokollen von Treffen mit Hitler. Es ist davon auszugehen, dass Rauschning auch Erinnerungen anderer Personen an Gespräche mit Hilter verarbeitete, ohne dies so zu kennzeichnen, um diese Quellen zu schützen. Carmin benutzt selektiv Hitler-Zitate, die von Rauschning überliefert sind, die sich irgendwie in das Esoterik-Narrativ hineinkonstruieren lassen. Hitler redete über große Pläne und wie er allen anderen gedanklich weit voraus sei und etwas noch viel Größeres schaffe als nur eine Diktatur. In Wirklichkeit hielt Rauschning Hitler aber für einen narzisstischen Aufschneider und Dummschwätzer, der ständig oberflächlich Aufgeschnapptes wiederkäute, so als wäre es tiefes, altes Wissen.

Und so vergeht eine Seite nach der anderen in Carmins Buch. Man lernt nichts Neues von Wert, sondern er spult eine Sache nach der anderen herunter im Bezug auf das Dritte Reich, was angeblich zeigen soll, dass hinter der Diktatur sich noch etwas viel Größeres und Magisches verborgen hätte. Echte Beweise für Carmins Sicht finden sich auf den 600 Seiten plus 300 Seiten Quellenangaben und Anmerkungen nicht. Falls ein Leser, wie unser Max Mustermann, den groben Unfug des Schwurblers Carmin und dessen unzähligen Quellen glaubt, was geschieht dann? Nun, er wird sich wohl weitere Literatur beschaffen über Hörbigers Welteislehre, Theosophie, Ariosophie und weiteren Schwurbel-Schrott, und immer tiefer in den Bann geraten und sich mit anderen gläubigen zusammentun. Wie erklärt sich Carmin angesichts der angeblichen Mega-Magie hinter den Nazis deren krachende Niederlage? Naja, mit der jüdischen Banker-Weltverschwörung eben, hinter der auch Magie stecken soll. Nach den nutzlosen und in die Länge gezogenen Schilderungen über Nazis macht er einen holprigen Sprung zu dem ausgelutschten Brot-und-Butter-Thema der gängigen Verschwörungsmedien: Zentralbanken (der Juden). Dann geht es wieder weiter über die Nazis; genauer gesagt deren Finanzierung und bemüht dazu auch das Fake um „Syndney Warburg“ auf das bereits sogar der echte Forscher Antony Sutton hereingefallen war. Carmin übernimmt aber auch die besseren Forschungen von Sutton, die es bereits 25 Jahre lang vor Erscheinen von Carmins Buch gab. Wieder einmal bekommt der Leser nur alte Sachen vorgesetzt.

Es geht weiter mit den Illuminaten und Freimaurern, und schließlich den Protokollen von Zion. Dieses Fake wird als „erstaunlich“ bezeichnet und er wirft die absurde These auf, dass die eigentlichen Illuminaten-Verschwörer die Protokolle bewusst in Umlauf gebracht hätten, um die Aufmerksamkeit auf Juden zu lenken. Der Inhalt sei echt, die Illuminaten hätten also tatsächlich ihre eigenen Pläne verraten, und nur jene Details, die auf eine jüdische Urheberschaft hinweisen, seien fake. Wie bereits andere Verschwörungsautoren zitiert Carmin ausgiebig aus den Protokollen und lässt dabei Begriffe wie „Juden“ und „Nichtjuden“ einfach weg. Vielleicht glaubte Carmin wirklich nicht an die explizit jüdische Weltverschwörung; vielleicht wollte er aber einfach nur vermeiden, dass sein Buch verboten wird. Wie dem auch sei, Carmin zeigt die szenetypische Unfähigkeit, sein Quellmaterial zu überprüfen und liefert dem Leser das Fake über den Briefwechsel zwischen dem US-Freimaurer Albert Pike und dem italienischen Revoluzzer Mazzini über drei kommende Weltkriege und das Fake-Zitat, wie man „Atheisten und Nihilisten loslassen werde“. Carmin erzählt die übliche Lüge, dass das Original-Quellmaterial in der Bibliothek des britischen Museums verfügbar gewesen sei, es aber leider „auf mysteriöse Weise aus dem Verkehr gezogen worden ist.“ Das einzige, was in dem Zusammenhang im Museum wirklich zu finden war, waren Bücher des Hochstaplers Leo Taxil. Dann geht es bei Carmin wieder mit den Nazis weiter und Märchen über den heiligen Gral und andere Fantasie-Relikte, die Carmin aufgeschnappt hat bei Autoren wie Ravenscroft. Von Baigent und Leigh übernimmt er den Schrott über die Geheimloge „Prieuré de Sion“. Das Bestseller-Buch „The Holy Blood and the Holy Grail“ verwurstete die Fakes von Plantard und fügte noch das Märchen an von der „Blutlinie Jesu“: Danach sollen Jesus von Nazareth und Maria Magdalena verheiratet gewesen sein und leibliche Nachkommen gehabt haben, zu denen auch die Merowingerkönige gehörten, und aus deren Name „Sangreal“ (frz. sang réal, „königliches Blut“) die Vorstellung vom Heiligen Gral (frz. saint gral) entstanden sei. Plantard wurde als elender Schwindler entlarvt, was aber die Fans und Abschreiber der Fantasiegebäude nicht davon abhielt, weiter zu glauben. Carmin schreibt:

„Die historische Existenz der Prieuré ist unbezweifelbar belegt.“

Wie üblich vertraut Carmin blind seinen Quellen, solange es sich um Schwurbler handelt. Das einzige, das in Carmins Buch überrascht, ist eine verhältnismäßig ausführliche und misstrauische Abhandlung über Neonazi-Netzwerke und die „Neue Rechte“. Er befürchtet, dass Eliten neben linken Gruppen eben auch neurechte Gruppen fördern, um aus dem Konflikt zwischen beiden Seiten und dem entstehenden Chaos Nutzen zu ziehen und eine „Neue Weltordnung“ daraus zu formen. Selbstverständlich sind diese Gedanken völlig untergegangen und dienten somit nicht als Warnung für die Konsumenten der verschiedenen Verschwörungsbücher, die später dann den AfD-Flügel oder die NPD unterstützen und die neurechte Trendwelle mitschwammen.

Max Mustermann dreht sich im Kreis

Es verwundert nicht, dass jemand wie Max Mustermann, unser hypothetischer 45 Jahre alter Anhänger des AfD-Flügels, nach der Lektüre von schlechten Verschwörungsbüchern dann zusätzlich noch ähnlich manipulativen Rechtsrevisionismus konsumierte, der genau auf ihn zugeschnitten war und das erzählte, was er hören wollte. Herr Mustermann geriet in das Fahrwasser der NPD und Kameradschaften, die vom Verfassungsschutz unterwandert waren, und handelte sich dadurch so manchen Ärger ein, der ihn nur noch weiter in die radikale Gesinnung trieb. Wirklich politischen Erfolg hatten die rechtsextremen Gruppen natürlich keinen und so verringerte er seinen Aktivismus, bis dann schließlich 9/11 passierte und die Verschwörungsmedien neuen gewaltigen Auftrieb erhielten, vor allem durch die Verbreitung des Internets. Es lag im Trend, gegen George Bush und die Republicans zu sein, also verbarg Herr Mustermann in seinem Online-Aktivismus zum Großteil seine rechtsextreme Gesinnung. In der Obama-Ära dominierte die Finanzkrise und schließlich kam es zur Flüchtlingskrise, worauf die AfD einen Höhenflug erlebte. Max Mustermann log über seine Vergangenheit, als er sich bei der AfD als Parteimitglied anmeldete und suchte in der Partei dann sofort Kontakt zu anderen Leuten, die eine ähnliche Vergangenheit hatten wie er und dieselben schlechten Bücher gelesen haben. Die Internetpropaganda versprach, das extrem rechte Lager habe den russischen Präsidenten Putin und den US-Präsidenten Trump im Rücken, wodurch alles möglich schien. Trump war wie sein Vater beeinflusst von Büchern der John Birch Society und auch das russische Regime zwinkerte über seine Geheimdienste und Medien den deutschen Rechtsextremen zu. Die russischen Dienste kennen die Verschwörungsmedien ganz genau und hatten beispielsweise im Kalten Krieg massenhaft die Protokolle von Zion in der muslimischen Welt verbreitet.

Und deshalb verachtet Max Mustermann die Gemäßigten in der AfD und alle, die seinen Narrativen widersprechen. Er beteiligt sich am Kampf gegen die Gemäßigten, denn er hat Angst wegen dem Zerfall Deutschlands, den er auf die jüdische Weltverschwörung zurückführt. Das Risiko, das entsteht durch die „Beobachtung“ der Partei durch den Verfassungsschutz, nimmt er in Kauf, weil der Kampf gegen die Weltverschwörung ja für ihn alternativlos ist. Auch das Risiko, dass rund 90% Deutschlands der AfD misstrauen oder sie sogar verachten, nimmt er in Kauf. Denn für ihn wäre die Alternative, den Kampf gegen die Weltverschwörung aufzugeben, völlig inakzeptabel.

Der Verfassungsschutz und vor allem internationale Geheimdienste, die auf deutschem Boden operieren, haben so keine große Mühe damit, das radikale rechte Spektrum zu steuern und als Sammelbecken weiterzuführen. Selbst wenn Max Mustermann noch weitere Jahre Aktivismus betreibt, kommt er seinen Zielen keinen echten Schritt näher. Es sei denn, Geheimdienste schanzen aus taktischen Gründen den Rechtsextremen einen begrenzten Sieg zu, der hinterher alles schlimmer macht für die Rechtsextremen oder irgendeinem strategischen Ziel dient.

Das, und nichts anderes, sind die Verschwörungsmedien und das extreme rechte Lager. Leute, die das organisierte Böse bekämpfen wollen, aber gar nicht wissen, wie man das anstellen soll. Auf groß angelegten Irreführungen basieren natürlich auch das linke Lager und die politische Mitte.

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