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Christchurch-Killer trollt die Identitären und die ganze Welt mit einer Geldspende

Kommentar

Der Christchurch-Killer soll vergangenes Jahr rund 1500€ an Martin Sellner von der neurechten „Identitären Bewegung“ gespendet haben und ratterte in seinem Manifest einen Haufen Überzeugungen herunter, die seit Jahrzehnten im gesamten konservativen Spektrum zirkulieren. Die linken Massenmedien werten dies als deutlichen Hinweis auf eine rechte internationale Verschwörung, die Behörden spielen die großen Aufklärer mit einer erneuten Hausdurchsuchung bei Sellner und neuen Ermittlungen, und die rechten Medien fühlen sich vom Christchurch-Killer getrollt, gebremst und reingelegt.

Sellner benutzt das offensichtlichste Argument, dass er ja nicht wissen konnte, was ein einzelner seiner Spender später noch so alles treiben wird. Die berüchtigten linken RAF-Terroristen aus dem Kalten Krieg hatten auch jede Menge Kontakte mit Menschen und Organisationen, bevor sie den bewaffneten Kampf aufnahmen, Flugzeuge entführten und Bomben legten. Trotzdem sperrte man nicht jeden retroaktiv in den Kerker, der früher einmal Kontakt hatte mit Baader und Ensslin vor deren Terror-Aktionen. Manche, die sehr enge Kontakte hatten mit RAF-Terroristen nach und während dem Terror machten leider sogar große Karriere in der Politik der Bundesrepublik.

Man wirft nun Sellner vor, dass er zumindest sehr ähnliche Ideen propagiert wie der Christchurch-Killer über einen Bevölkerungsaustausch durch Migration, den es zu bekämpfen gelte, um die weiße Rasse zu schützen. Genauso verhielt es sich aber mit der gesamten linken Sphäre. Praktisch alle vertraten die Ideen von Lenin, Stalin, Mao und verteidigten die Aktionen von real existierenden sozialistischen Staaten wie u.a. auch brutale Überfälle auf Nachbarstaaten.

Gemeinschaftshaftung?

Ideologische Gemeinschaftshaftung ist eine heikle Angelegenheit. Aus juristischer Sicht ist es Schwachsinn, aber aus geheimdienstlicher Sicht ist es leider nun mal so, dass man genauer hinsehen muss, wenn es ideologisch-personelle Überschneidungen gibt. In jedem Fachbuch und jeder Studie über subversive, revolutionäre Gruppierungen wird vorausgesetzt, dass solche Gruppen sich gerne aufteilen in seriös wirkende politische Parteien, Aktivistengruppen, Untergrundorganisationen und eben auch einen militärisch-terroristischen Arm. Das gilt sowohl für Linke, als auch Rechte oder Muslime. Dazu kommt noch, dass revolutionäre Gruppen immer versuchen, offen und konspirativ Hilfe zu bekommen aus dem Ausland von Regierungen. Im Kalten Krieg betrachteten sich Linke bei uns als Brüder und ideologisch-politische Partner der Sowjetunion. Heute betrachten sich die (Neu-)Rechten als Brüder des Putin-Regimes und dessen Satellitenstaaten.

Deswegen haben Sellner und die Identitären jetzt ein erhabliches PR-Problem. Weil die linken Massenmedien die Frage stellen: Was unterscheidet die Identitäre Bewegung vom Christchurch-Killer und anderen Rechtsterroristen abgesehen von den terroristischen Mitteln? Diese Frage ist aber viel zu vereinfacht und dadurch irreführend. Rechte sind nicht alle gleich, genausowenig wie Linke alle gleich sind, auch wenn die allermeisten sich bei denselben ideologischen Quellen bedienen.

Man bekommt bei Sellner und der IB keinen einzigen originellen Gedanken, der nicht schon seit Jahrzehnten durch die Bücherregale geistert, genausowenig wie die Linken seit Jahrzehnten sich irgendwie vom Fleck bewegt hätten. Immer nur wird uraltes Zeug leicht adaptiert und etwas peppig trendy aufbereitet für das heutige Publikum.

Die kommunistische internationale Verschwörung im Kalten Krieg war leider nicht nur ein Hirngespinst paranoider rechter Kreise, sondern die Fachliteratur über die Sowjets und die sowjetischen Geheimdienste ist mehr als eindeutig. Ja, es gab eine internationale kommunistische Verschwörung und viele Linke standen in einem unterschiedlichen Verhältnis zu dieser Verschwörung. Der Westen war lange stramm rechts und förderte rechte Regime weltweit, die Linken sahen sich und ihre Ideen existenziell bedroht und deshalb waren die Linken bereit, die linke Weltverschwörung direkt und indirekt zu fördern und zu tolerieren. RAF-Anschläge fanden in Westdeutschland Millionen stille und weniger stille Sympathisanten. Selbst als die Gulags in der UdSSR enthüllt wurden durch Solschenizyn, murmelten die Linken bei uns im Westen in ihren Bart und solidarisierten sich weiterhin mit dem Ostblock. Die Ideologie ist alles, der Mensch nichts.

Heute sind es die (Neu-)Rechten, die sich mit dem russischen Regime anfreunden und sich alles Mögliche an Hilfe erhoffen. Konservative fühlen sich heute existenziell bedroht und sind deshalb dazu verleitet, sich an allen möglichen ideologischen und anderweitigen Projekten zu beteiligen. Und genau wie die Linken haben die Rechten zu wenig Ahnung und genau wie damals scheinen die Geheimdienste die Initiative zu haben an Stelle von Bürgern.

Wenn die Linken jetzt also meinen, dass Sellner von den Identitären und jeder andere konservative Migrationskritiker irgendwie gemeinschaftlich haftet für den Anschlag des Christchurch-Killers, hat dies vorhersehbare Konsequenzen: Konservative schlussfolgern daraus, dass die Linken keine nennenswerte Unterscheidung treffen zwischen all den verschiedenen rechten Strömungen und Individuen. Jeder Rechte steht unter Generalverdacht und wird genauso negativ beäugt. So lief das auch in real existierenden sozialistischen Höllen-Regimen, wo jede rechten Umtriebe bekämpft wurden, egal ob es sich nur um sinnvolle Meinungsäußerungen handelte. Die linken Medien scheinen mit ihrem verlogenen Verhalten wiederum die Vorurteile der Rechten zu bestätigen, wonach Linke alle irgendwie gleich seien und an der gleichen Verschwörung beteiligt seien. Jede Seite bedroht die andere. Jeder linke Migrations-Versteher und Refugees-Welcome-Beklatscher ist in den Augen der Rechten Teil der linken Verschwörung zum Austausch der weiße europäischen Bevölkerung.

Sellner will zufällig bei seiner Durchsicht von Steuerunterlagen die Spende des Christchurch-Killers entdeckt haben, nur Stunden bevor die österreichischen Behörden zufällig die gleiche Entdeckung machten und einen Durchsuchungsbeschluss bekamen von einem Richter wegen dem Verdacht, Sellner könnte an einer terroristischen Vereinigung beteiligt sein. Nicht gerade eine überzeugende Darstellung.

Der Christchurch-Killer behauptete in seinem Manifest (wobei der Link noch nicht 100% ist), dass er jahrelang in der Welt herumgereist sei und viele rechte Individuen und Gruppen getroffen habe. Sellner meint, er hätte mit ihm nichts weiter zu tun gehabt. Dennoch wurde berichtet, der Killer habe auch Österreich bereist.

Der Autor des Manifests gibt zu, keine signifikante Bildung zu besitzen. Von Büchern hielt er offenbar nichts, sondern bediente sich aus dem Internet, wo man angeblich die Wahrheit erfährt. Es überrascht nicht, dass das Manifest klingt wie eine Rundschau durch neurechte Blogs und Youtube-Kanäle und das eben auch starke Überschneidungen vorhanden sind mit der IB. Die RAF-Terroristen bekannten sich auch zum Sozialismus und viele Linke, die keine Terroristen waren, kamen deswegen ins Fadenkreuz der Behörden. Die Linken hatten nämlich ein klares Ziel, nämlich die Errichtung eines linken Regimes und die Ausschaltung ihrer Gegner. Manche Linke bevorzugten für dieses Ziel die Parteiarbeit, andere infiltrierten alle möglichen Ebenen der Gesellschaft und manche bastelten Sprengsätze.

Die Linken scheinen Sellner und anderen Rechten zu unterstellen, mit Youtube-Videos auf ein rechtes Regime hinzuarbeiten, in dem dann alle Gegner ausgeschaltet werden sollen. Also hin zur Macht auf die nette Tour und erst dann folgt der rechte Terror. Genauso befürchten die Rechten, dass die Linken nur einen auf seriös machen, um später in einem linken Regime die Gegner auszuschalten.

Ohne professionelle Geheimdienste gelangen aber keine stümperhaften Revolutionäre zur Macht. Die ganze linke Sphäre war einst direkt und indirekt in der Hand des KGB. Die Neonazi-Sphäre war immer in der Hand der Geheimdienste. Der Einfluss ausländischer Dienste auf das Dritte Reich ist ein Thema, dass niemand anfassen will, erst recht nicht die gewöhnlichen Rechtsrevisionisten.

Sellner und die Dienste

Nach dem Christchurch-Massaker murmelten die Rechten, dass da vielleicht eine linke Verschwörung dahintersteckt, um die Rechten schlecht aussehen zu lassen. Wie üblich, wird das Thema Geheimdienste nur kurz und oberflächlich angerissen, um einen PR-Talking Point gegen den ideologischen Gegner zu konstruieren. Eine echte Untersuchung müsste aufdröseln, wo der Killer überall war, mit wem er zu tun hatte und welchen Behörden er vielleicht aufgefallen war. Vor allem ist interessant, ob er mit Ostblock-Diensten und deren Frontorganisationen zu tun hatte. Und genau hier kriegen die (Neu-)Rechten Angst und weichen aus. Auch wenn es darum geht, wie stark westliche Dienste die rechte Szene im Griff haben, kommt bei den (Neu-) Rechten Meinungsführern die Panik auf und sie weichen aus auf ihre Standard-Angriffe gegen Links und ihre Dogmen.

Zum Thema Spionageabwehr hatte Sellner nicht nur nichts anzubieten, sondern schien den Behörden sogar noch die Spionage zu erleichtern mit öffentlichen Statements:

„EBENSO IST ES RATSAM UND VERSTÄNDLICH, ZU PARTEIFREIEN PATRIOTISCHEN BEWEGUNGEN, WIE UNTER ANDEREM DER IB, AUF EINE FUNKTIONELLE DISTANZ ZU GEHEN. OFFENE SOLIDARITÄTSBEKUNDUNGEN UND VERBRÜDERUNGEN SIND NICHT NOTWENDIG. DIE DURCHSETZUNG DER GEMEINSAMEN POLITISCHEN ZIELE IST ES. ES LEBE DAS HINTERZIMMER UND PRIVATE TREFFEN!“

Kaum zu fassen dass Sellner hier ein Sprungbrett liefert an diverse Dienste, gegen seine Organisation und rechte Parteien zu spionieren und sogar sein Privatleben auszuwerten. Die Zeitung “der Standard” enthüllte, dass die IB-Organisation in erheblichem Umfang von verschiedenen Geheimdiensten unterwandert ist, deren Informanten und Agenten sich schon gegenseitig auf die Füße traten.

Das Abwehramt des Bundesheers hat mindestens eine Person aus der Identitären Bewegung unter dem Decknamen Sandro als Quelle angeworben und will dadurch an “sehr gute Informationen” gelangt sein. Sandro, der zum organisatorischen Mittelfeld gezählt haben soll, hätte u.a. an der Aktion teilgenommen während dem Präsidentschaftswahlkampf 2016, als die Idenitären auf dem Dach der Parteizentrale in der Grünen in Graz ein Banner aufhängte mit der “Islamisierung tötet”.

Ein Bericht des Verteidigungsministeriums zeigt, wie Sandro sich immer weiter in rechtsextreme Kreise vorarbeitete. Er war an der Schändung einer Moschee beteiligt und wurde festgenommen, worauf sich ein Kompetenzgerangel ergab zwischen Abwehramt und dem Verfassungsschutz. Die Spionagebehörden traten sich gegenseitig auf die Füße.

Wieviele weitere Quellen das Abwehramt bei den Identitären hat, ist momentan noch unbekannt. Die Zeitung Standard will zudem erfahren haben, dass der Verfassungschutz mehrere Infomanten “im Umfeld” der Organisation führt.

„Dabei kommt der Behörde gelegen, dass Identitäre Kontakte zu militanten Neonazis unterhalten, die in den vergangenen Jahren bei ihren Demonstrationen als Ordner in Erscheinung traten und von Ermittlungsbehörden unterwandert sind.“

Die Behörden schweigen naturgemäß zu der Frage, ob man eventuell auch Spitzel und Agenten in der Führungsebene der Identitären hat.

Agententhriller

Ein Mitglied der französischen “Identitären Bewegung” wurde zu sieben Jahren Haft und 30.000 Euro Bußgeld verurteilt, weil er über 500 Waffen verkauft hatte, u.a. an die muslimischen Terroristen des Anschlags in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Der 54 Jahr alte Rechtskonservative Claude Hermant argumentierte vor Gericht, dass der Waffenhandel Teil seiner Tätigkeit als V-Mann für die französischen Behörden gewesen sei, während die Behörden nur die Informantentätigkeit bestätigten, nicht aber die Aufforderung zum Waffenhandel.

Der Identitären-Chef Martin Sellner selbst tummelte sich vor Jahren im Umfeld des mehrfach verurteilten Neonazis und Polit-Clowns Gottfried Küssel, der absurdes Nazi-Gelaber mit Patriotismus verwechselte und sich Zeit seines Lebens als berufsmäßiger Provokateur betätigte. Sein Verhalten war ein gefundenes Fressen für die Behörden. Sellner redete sich später damit heraus, dass seine Beziehung zu Küssel nur eine pubertäre Jugendsünde gewesen sei.

Küssel allerdings wurde für seine Organisation “Volkstreue außerparlamentarische Opposition (VAPO)” wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt. Ein bekannter Forscher vermutete, dass Sellner zu dem Umfeld von alpen-donau.info gehörte, einer rechtsradikalen Webseite, hinter der auch Küssel vermutet wurde. Bewiesen ist das nicht, aber wir erkennen zumindest Sellners höchst unvorsichtiges Verhalten. Hätte er rein theoretisch eine signifikante Rolle gespielt bei der Seite, wäre es hypothetisch ein Leichtes gewesen, ihn zur Zusammenarbeit mit den Behörden zu motivieren. Es war natürlich ein Spitzel gewesen, der die Seite hat hochgehen lassen:

IN MEHREREN BUNDESLÄNDERN WURDEN INSGESAMT 18 WOHNUNGEN DURCHSUCHT UND COMPUTER, LAPTOPS, SPEICHERKARTEN, MOBILTELEFONE, GEWEHRE, MUNITION, MESSER UND SCHLAGRINGE, SOWIE NS-DEVOTIONALIEN SICHERGESTELLT. EINE DER HAUSDURCHSUCHUNGEN FAND BEI GOTTFRIED KÜSSEL STATT. EIN INFORMANT DES ABWEHRAMTES HATTE IM ZUSAMMENHANG MIT DER WEBSITE BEREITS IM APRIL 2009 DEN VERFASSUNGSSCHUTZ AUF KÜSSEL UND DEN „BUND FREIER JUGEND“ (BFJ) AUFMERKSAM GEMACHT. – WIKIPEDIA

Es sieht auch so aus, als gäbe es bei den österreichischen Behörden Doppelagenten, die gegenüber den Rechten so tun, als seien sie auf deren Seite. Ist Sellner nach diesem Fiasko vorsichtiger und professioneller geworden? Nein. Inzwischen macht Sellners Gruppe mit ein paar äußerst gruseligen Russen herum und setzt sich ein für “Eurasien”: Da netzwerkt man mit Igor Belov, einem russischen “Journalisten” der für die Kreml-Papptrompete Sputnik in Wien arbeitet, und beim Suworow-Institut war. Alexander Markovic von den deutschen Identitären wurde vom Kreml-Sender RT Deutsch beworben und hielt einen Vortrag vor Mitgliedern des “Zentrums für Kontinentale Zusammenarbeit”, das den Thinktank RIAC als Partner listet, der wiederum vom russischen Außen- und dem russischen Bildungsministerium betrieben wird. Man interviewte den einflussreichen radikalen Spinner und Eurasier Alexander Dugin. Jurij Kofner, Absolvent der staatlichen “Universität für internationale Beziehungen in Moskau” veröffentlicht regelmäßig im “Compact”-Magazin und ist im Umfeld der Identitären. Fotos zeigen Kofner mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow.

Martin Lichtmesz schreibt in Sezession über den Faschisten, Nationalbolschewisten, Wirrkopf, Eurasier und Okkultisten Alexander Dugin:

“DAGEGEN WIRD DUGIN VOR ALLEM IN DER IDENTITÄREN SZENE BESONDERS GESCHÄTZT, DIE SEIN BUCH “DIE VIERTE POLITISCHE THEORIE” ZUR PFLICHTLEKTÜRE ERHOBEN HAT.”

Dugin erkklärte, dass die sogenannte “neue Rechte” in Europa das Werk der russischen Geheimdienste sei.

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