Der Verfassungsschutz-Präsident, der in den Osten überlief

Die Geschichte der deutschen Nachkriegs-Geheimdienste ist eine Aneinanderreihung von Absonderlichkeiten. Eines der schrägsten Kapitel ist Otto John, der erste Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Sein Auftauchen in der DDR im Juli 1954  wurde zu einem...

Die Geschichte der deutschen Nachkriegs-Geheimdienste ist eine Aneinanderreihung von Absonderlichkeiten. Eines der schrägsten Kapitel ist Otto John, der erste Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Sein Auftauchen in der DDR im Juli 1954  wurde zu einem der größten politischen Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Nachdem die Attentatspläne gegen Hitler aufflogen, gelang ihm am 24. Juli 1944 über Madrid und Lissabon die Flucht nach Großbritannien, wo er nach anfänglicher Internierung ab November 1944 unter Sefton Delmer beim Propagandasender „Soldatensender Calais“ des Foreign Office arbeitete. Ob er dort von den britischen Geheimdiensten rekrutiert wurde, ist eine interessante Frage.

Nach Kriegsende fungierte John als Screener in britischen Kriegsgefangenenlagern und u. a. als Zeuge der Anklage bei den Nürnberger Prozessen und beim Prozess gegen den Generalfeldmarschall Erich von Manstein in Hamburg. 1950 wurde er nach anderen vergeblichen Bewerbungen, darunter beim Auswärtigen Amt, auf Vermittlung Jakob Kaisers von Bundespräsident Theodor Heuss zum Präsidenten des neu gegründeten Bundesamts für Verfassungsschutz in Köln ernannt; nach Zustimmung der Alliierten und mit der zögerlichen Zustimmung von Bundeskanzler Adenauer.

Am 20. Juli 1954 fuhr John mit Wolfgang Wohlgemuth nach Ost-Berlin. Wohlgemuth war ein Arzt, den John in der NS-Zeit kennen gelernt hatte. Er arbeitete damals – vermutlich ohne Johns Wissen – für den sowjetischen Geheimdienst KGB. Laut eigener Aussagen wurde John von Max Wonsig, ebenfalls KGB-Agent, während der Fahrt betäubt. Ziel der Fahrt war ein mit dem KGB-Mitarbeiter Oberst Karpow alias Dr. Schneider vereinbarter Treffpunkt vor der Charité. Dass der Chef eines deutschen Geheimdienstes einfach so, umringt von feindlichen Agenten, in die Ostzone fährt, ist an sich schon völlig bizarr. Manche Historiker vertreten die Ansicht, dass John freiwillig in die DDR ging, wie von ihm am 23. Juli und am 28. Juli in Radio DDR und auf einer Pressekonferenz am 11. August erklärt wurde.

Seinen Übertritt in die DDR begründete John selbst z. B. bei der Pressekonferenz in Ost-Berlin mit der Kritik an Bundeskanzler Adenauer, dessen Politik der Remilitarisierung und Westbindung das Ziel der deutschen Einheit gefährde, folgendermaßen:

„Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.“

Außerdem klagte er den wieder wachsenden Einfluss früherer Nationalsozialisten in der Bundesrepublik an; namentlich nannte er Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer und Reinhard Gehlen, den Präsidenten des Bundesnachrichtendiensts und früheren Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ der Wehrmacht. Gehlen seinerseits, der eine „Abneigung gegen Anti-Hitler-Emigranten“ (Der Spiegel) hegte, kommentierte „Einmal Verräter, immer Verräter!“, stellte also einen Zusammenhang mit Johns Beteiligung am Widerstand gegen den Nationalsozialismus her. Der Bundesnachrichtendienst Gehlens war ebenfalls von sowjetischen Agenten durchseucht.

John wurde vom 24. August bis 12. Dezember 1954 von KGB-Offizieren in Moskau mehrfach verhört, was allerdings für die Sowjetunion nicht sehr ergiebig war. Kopien der Protokolle dieser Verhöre wurden damals dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR überlassen. Nachdem er vier Monate lang in Moskau verhört worden war, stellte ihm die DDR zwei komfortable Wohnungen und ein Büro zur Verfügung, und John nahm – ständig unter Bewachung – eine politische Tätigkeit auf, während der er in vielen Vorträgen und Veröffentlichungen die erwähnten Vorwürfe gegen die Bundesrepublik Deutschland wiederholte.

Am 12. Dezember 1955 setzte sich John mit Hilfe des dänischen Journalisten Henrik Bonde-Henriksen wieder von Ost- nach West-Berlin ab, wo er am 22. Dezember verhaftet wurde. In der Bundesrepublik wurde er wegen Landesverrats angeklagt – was ihn anscheinend überraschte – und vom Dritten Senat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe am 22. Dezember 1956 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Karl Richard Albert Wittig, einer der Hauptbelastungszeugen im Verfahren, flüchtete Ende Februar 1962 in die DDR, nachdem gegen ihn selbst ein Ermittlungsverfahren wegen Meineides eingeleitet worden war. Am 27. Juli 1958 wurde John von Bundespräsident Theodor Heuss begnadigt und vorzeitig aus der Haft entlassen. Er zog in der Folge mit seiner Ehefrau Lucie, einer Gesangspädagogin, nach Innsbruck-Igls, wo er Teile der ehemaligen Feste Hohenburg bewohnte, die er unter anderem mit Unterstützung seines Freundes Louis Ferdinand von Preußen (1907–1994) sanierte.

Nach seiner Freilassung bemühte sich John bis an sein Lebensende vergeblich um seine Rehabilitierung, indem er darstellte, er sei nach Verabreichung eines Betäubungsmittels, unter Beteiligung des Arztes Wolfgang Wohlgemuth, in den Ostsektor verschleppt worden. Seine Auftritte vor der Weltpresse seien zur Täuschung der Umgebung erfolgt, welche ihm schließlich später die Flucht ermöglichte.

Der Politikwissenschaftler Hartmut Jäckel kommt aufgrund der inzwischen vorliegenden Stasi-Unterlagen zu folgendem Schluss:

„Gewichtige Indizien besagen: Der Geheimnisträger Otto John hat sich am 20. Juli 1954 freiwillig zu Gesprächen nach Ost-Berlin begeben. Innerlich bewegt von einem naiv-patriotischen Impetus, der deutschen Einheit auf eigene Faust voranzuhelfen, hat er nicht damit gerechnet, dass ihm die Rückkehr in den Westteil Berlins verlegt werden könnte. Als ihm dies bewusst wurde, mag er geglaubt haben, einen groben Fehler durch einen noch gröberen korrigieren zu können.“

 

Auszüge aus wikipedia unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“

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