Es ist kein allzu großes Geheimnis, dass die US-Regierung Vorläufer-Gruppen von ISIS gegen das syrische Regime finanziert und gerüstet hatte. Warum aber kämpfte der Islamische Staat letztendlich aber nur recht sparsam gegen Assads Truppen, sondern viel eher gegen die US-gestützte Freie Syrische Armee und gegen die Partner der Amerikaner im Irak?

Der unbequeme strategische Analyst Michael Ledeen, der in der Vergangenheit den National Security Council, das US-Außenministerium und das Pentagon beraten hatte, erklärte:

“Ich denke die Russen sind involviert, zusammen mit den Iranern, die jahrelang ihre eigenen Truppen auf dem Schlachtfeld in Syrien hatten.”

Aufgrund der Massenverhaftungen und Ermordungen durch ISIS unter den syrischen Aktivisten und Rebellen, der extremen Islamauslegung sowie der mangelnden Beteiligung an Kämpfen gegen das Regime wurde ISIS von zahlreichen Rebellengruppen unterstellt, von Kräften des Regimes unterwandert zu sein und gegen die Revolution zu arbeiten.

Der Islamische Staat hat einen Mann namens Omar al-Shishani als leitender Anführer für militärische Operationen, der in der Sowjetunion geboren worden war. Darüberhinaus soll es rund 500 russisch-sprechende Männer geben, die bei ISIS mitkämpfen, die besten davon aus Tschetschenien. Diese kampferprobten Guerillakämpfer sollen essentiell gewesen sein bei den militärischen Vorstößen von ISIS.

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Bild: Omar al-Shishani

Es ist möglich, dass sich dieses Kontingent von Russland im Moment noch helfen lässt, später jedoch die muslimischen Gebiete im Süden Russlands “befreien” möchte. Die vielen undurchsichtigen muslimischen Gruppen aus dem Nordkaukasus sind allerdings auch immer wieder von russischen Kräften unterwandert worden. Auch russische Experten sprechen von einem auf höchsten Ebenen abgesprochenen Tschetschenienkrieg.

Interessanterweise verurteilte die russische Regierung kürzlich die Luftbombardements der Amerikaner gegen ISIS. Stattdessen wollen die Russkis einen Deal mit den Amerikanern, der die Interessen Syriens und des Irans einschließt.

Weshalb also stürzt ISIS nicht das Assad-Regime in Syrien, welches mit Russland verbündet ist, sondern das irakische Regime das von den Amerikanern sanktioniert wird? Inzwischen gelang es Assads Truppen, Aleppo einzukesseln. IS kämpft im syrischen Bürgerkrieg nicht nur gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad, sondern zugleich auch gegen die Freie Syrische Armee sowie gegen die kurdische Minderheit im Norden des Landes. Bereits Anfang Februar 2014 hatte ISIS unter den syrischen Rebellengruppen keinen Verbündeten mehr, insbesondere auch unter der Al-Nusra-Front und der islamischen Armee.

Fareed Zakaria spricht schon auf CNN darüber, wie die USA die Kooperation des Iran bräuchten, um ISIS zu bezwingen. Als Gegenleistung für die Hilfe bekämen die Mullahs wohl die Aufhebung der bisherigen Sanktionen. Das Kennan Institute in Washington, D.C., das zu dem Woodrow Wilson International Center for Scholars gehört, plant schon ein Event mit dem Titel “Russland und die USA: ist eine echte Partnerschaft immer noch möglich?” und dem ehemaligen russischen Ausßenminister Iwanow als Gast. Iwanow schrieb zusammen mit der ehemaligen US-Außenministerin Medeleine Albright einen Artikel mit der Überschrift “On Syria and Iran, U.S. and Russia Can Work Together.”

Der iranische Präsident Hassan Rohani bot am 14. Juni dem Irak an, im Rahmen internationalen Rechts beizustehen, und schloss eine Kooperation mit den Vereinigten Staaten im Irak nicht grundsätzlich aus:

„Wenn wir sehen, dass die Vereinigten Staaten gegen terroristische Gruppen im Irak einschreiten, dann kann man darüber nachdenken. Bisher haben wir aber von ihrer Seite keine Handlungen gesehen.“

Zudem dementierte Rohani einen Bericht des Wall Street Journals, wonach bereits mindestens drei Eliteeinheiten der iranischen Revolutionsgarden Al-Quds-Brigaden (Al-Kuds-Brigaden) in den Irak entsandt worden seien. Eine mögliche militärische Zusammenarbeit mit dem Iran wurde von der Sprecherin des US-Außenministeriums dementiert, nachdem Außenminister John Kerry sie zuvor nicht ausgeschlossen hatte.

Die Kehrtwende der Türkei

Die Türkei (seit 1952 NATO-Mitglied) unter Erdogan ließ lange Zeit dschihadistische Gruppen gewähren, wohl um Baschar al-Assad, einen seiner „Intimfeinde“, zu schwächen. Verschiedene Extremistengruppen konnten sich eine Basis innerhalb der Türkei aufbauen. Die Türkei hat wenig Interesse am Erstarken der Kurden in Syrien und im Irak; sie tritt gegen Autonomiebestrebungen der Kurden in der Türkei (ca. 18 Prozent der türkischen Bevölkerung) ein. Die türkische Regierung vermied es, eine eindeutige Position gegenüber IS einzunehmen. Am 22. September wurde bekannt, dass IS-Kämpfer ihre Verletzungen in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen; es kursierten zeitgleich Videos, wie langbärtige Männer mit IS-Logo unbehelligt türkische Straßenbahnen benutzen. Die israelische Zeitung Haaretz berichtete am 23. September, dass syrische Dschihadisten Trainingslager in der Türkei unterhalten.

Nach einem Besuch in den USA sagte Erdo?an Ende September, die Türkei dürfe sich „bei der Gegenoffensive nicht heraushalten“. Dies war ein deutlicher Kurswechsel; bis dahin wollte Erdogan dem Anti-IS-Bündnis nicht beitreten und erlaubte nicht einmal die Nutzung türkischer Luftwaffenstützpunkte, um von dort Angriffe auf IS-Kämpfer zu fliegen. Nun entschied das türkische Parlament, militärisch gegen ISIS vorzugehen.