Die rund 100 Jahre alte Völkermord-Debatte im Hinblick auf die Türkei und Armenier war eigentlich nie ein Thema in der modernen deutschen Politik, denn die Türkei war ein hochgerüsteter NATO-Bündnispartner an der Flanke der Sowjetunion. Erst jetzt, da Erdogan mit der Vermischung von Staat und Religion die „Regeln gebrochen hat“, gräbt die deutsche Politik die Sache mit den Armeniern wieder aus, ohne dabei natürlich den wichtigen Kontext, insbesondere die Beteiligung der damaligen Schattenmächte zu erwähnen.

Was wir heute als Türkei kennen, machte alleine in den letzten über 150 Jahren seit dem großen Krimkrieg gewaltige Veränderungen durch:

  • Das alte osmanische Reich hatte seine erfolgreichsten Jahre hinter sich, war militärisch und organisatorisch weit hinter konkurrierende Großmächte zurück gefallen.
  • Russland gab sich zwar als Schutzmacht der Osmanen, hatte aber eigentlich die Absicht, die Osmanen letztendlich zu erobern und das russische Zarenreich zu vergrößern
  • In dem gewaltigen Krimkrieg von 1853 bis 1856 zwischen Russland auf der einen und dem Osmanischen Reich auf der anderen Seite kamen Frankreich und Großbritannien aus eigennützigen Motiven dem Osmanischen Reich zu Hilfe.
  • Nach dem Krieg gewann das Osmanische Reich zwar die Garantie territorialer Unabhängigkeit, dennoch versuchten die anderen Mächte nach Kräften, die Osmanen zu destabilisieren. Die Sultane wollten durch ein moderneres Staatswesen nichtmuslimische Bevölkerungsteile besser integrieren, um die Stabilität zu erhöhen.
  • Die Russen griffen in den 1870er Jahren erneut an und besetzten einen großen Teil des Osmanischen Reichs. Die Osmanen verloren einige Gebiete, die zu unabhängigen Staaten wurden, wie etwa Rumänien.
  • Die finanzielle Kontrolle der europäischen Mächte über das Osmanische Reich stieg rasant an.

Die Dönmeh-Sekte und die Jungtürken 

Die Dönmeh sind eine jüdisch-kabbalistische Religionsgemeinschaft in der Türkei. Nach außen hin praktizierten sie seit Jahrhunderten den Islam, allerdings nur als Scharade. Die Gemeinschaft geht auf Schabbtai Zvi (1626–1676) zurück, dessen Tradition einige hundert Familien nach seinem Tod weiterführten. Sie gelten als treibende Macht hinter der Revolution von 1908 und dem Sturz des ottomanischen Sultans.

Die Jungtürken-Bewegung, in der die Dönmeh eine große Rolle spielten, entstand 1889 mit der Gründung der Geheimorganisation „Verein für die Einheit der Osmanen“. Sie rekrutierte vielfach unter den gebildeten jungen Männern im Land. Ein weiterer wichtiger Faktor in der Revolution war die Verbreitung von Freimaurer-Logen, die im Verborgenen an „aufklärerischen“ Plänen werkelten, was jedoch nach einem Plot der britischen Krone riecht. Denn trotz all der Beteuerungen, Monarchien und religiöse Kontrolle eindämmen zu wollen, ist die Zentrale der Geheimgesellschaft in London. Die wichtigsten Funktionäre waren immer aus dem europäischen Adel.

 

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Im Nachhinein wurden diese Zusammenhänge vernebelt durch antisemitische Verschwörungstheorien, schlampige Geschichtsforschung, staatliche Verbote und wilde Gerüchte. Außerdem heirateten die Dönmeh in den 1920er Jahren außerhalb ihres klassischen sektiererischen Umfeld und verschwanden somit aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Völkermord an Armeniern, die mit Russland verbündet waren

Einem der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts fielen bei Massakern und Todesmärschen, die im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916 stattfanden, je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer.

Ganz wichtig: Der Völkermord an den Armeniern geschah während des Ersten Weltkrieges nicht unter Verantwortung der althergebrachten muslimischen Sultane, sondern unter Verantwortung der „jungtürkischen“, von der Organisation „Komitee für Einheit und Fortschritt“ gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs.

Vor dem Ersten Weltkrieg stellten die Armenier mit 1,7 Millionen Menschen noch ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung Anatoliens. Sie konnten ihren Glauben zwar ohne wesentliche Einschränkungen ausüben und hatten innerhalb des osmanischen Staates durchaus Möglichkeiten, Ehre, Wohlstand und Status zu erwerben, gleichwohl waren sie – wie andere religiöse Minderheitenauch – nicht mit den Muslimen gleichgestellt. Sie mussten gemäß dem Koran eine zusätzliche, nach dem Vermögen abgestufte, cizye genannte Kopfsteuer zahlen, die 1856 durch eine „Militärbefreiungssteuer“. Sie waren rechtlich unterprivilegiert und mitunter diskriminierender Behandlung ausgesetzt.

Die armenische Elite suchte zunehmend den Schutz durch europäische Mächte und strebten Unabhängigkeit an. Die europäischen Reiche sowie Russland sahen dies wiederum als Gelegenheit an, die Osmanen zu destabilisieren. Die Armenier formten diverse Parteien, unter anderem auch die Glocken-Partei, die selbst den Einsatz terroristischer Mittel für gerechtfertigt hielt, und die kommunistische Daschnak-Partei, die den Volkskrieg gegen die Osmanische Regierung propagierte. Noch im selben Jahr begannen armenische Terroristen auch mit der gezielten Ermordung osmanischer Beamter.

Neben den politischen Parteien entstanden ab 1885 durch Eid verschworene Kampfgruppen der armenischen Landbevölkerung, die sich als „Selbstschutzverbände“ verstanden. Im Gegenzug schuf der osmanische Sultan ab 1891 irreguläre Kavallerieeinheiten. Sie rekrutierten sich vorwiegend aus regierungsloyalen kurdischen Stämmen und wurden mit Steuerfreiheit sowie dem Recht auf Plünderung belohnt. Bis heute ist unklar, ob Abdülhamid II. die Massaker der ihm unterstehenden Hamidiyean an armenischen Aufständischen befürwortet oder gar befohlen hat. Sicher ist, dass viele Pogrome gegen die Armenier folgten.

Am 14. November 1914 trat das Osmanische Reich an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg gegen die Entente ein, zu der auch Russland gehörte. Getrieben vor allem von pantürkischen Vorstellungen eines neuen Riesenreichs, befahl die osmanische Regierung Ende 1914 eine groß angelegte Offensive im Kaukasus. Diese endete jedoch bereits um die Jahreswende 1914/15 mit einer verheerenden Niederlage in der Schlacht von Sar?kam??. Im Zuge der russischen Gegenoffensive gingen dem Reich weitere Gebiete verloren.

Der russische Zar hatte bei dem ersten Weltkrieg eine Abmachung mit den Briten und Franzosen, um Deutschland und dessen Partner zu vernichten. Die Osmanen stellten sich auf Seiten Deutschlands und die Armenier wurden in der Folgezeit zerrieben.

Einige Armenier unterstützten die russische Armee in der Hoffnung auf Unabhängigkeit, und armenische Freiwilligenbataillone kämpften auf russischer Seite. Obwohl die Mehrheit der armenischen Zivilisten und Soldaten gegenüber dem Osmanischen Reich loyal geblieben waren, machte die Staatsführung die Armenier nun kollektiv für die militärischen Probleme in Ostanatolien verantwortlich. Sie nahm den russischen Einmarsch als Vorwand, das Gros der armenischen Bevölkerung zu deportieren, was unter den gegebenen Umständen einem „Massenmord gleichkam“.

Der erste Schritt bestand in der Entwaffnung der armenischen Soldaten der osmanischen Armeen, die zum Teil anschließend getötet, zum Teil in Arbeitsbataillonen zusammengefasst wurden. Wenig später folgte die Hinrichtung mehrerer dieser Bataillone. Bei diesen und auch den folgenden Aktionen waren hauptsächlich die aus Kurden, freigelassenen Strafgefangenen und Flüchtlingen aus dem Balkan- und Kaukasusgebiet bestehenden Angehörigen der von Bahattin ?akir geleiteten Spezialeinheit Te?kilat-? Mahsusabeteiligt, der vermutlich noch weitere Freiwilligenbanden (Çete) aller Art zugerechnet werden müssen.

Im April 1915 erhoben sich die Armenier in Van und ließen sich nach erfolgreichem Widerstand „zahlreiche Schandtaten gegen die wehrlose muslimische Bevölkerung zuschulden kommen“. Dieser Aufstand und die revolutionäre Gewalt der Huntschak-Aktivisten galten der Zentralregierung als durchaus willkommene Rechtfertigung für ihr weiteres Vorgehen gegen das armenische Volk. Die armenisch-sozialistische Huntschak-Partei praktizierte indes die Beseitigung all jener armenischen und nichtarmenischen Repräsentanten, die ihren Zielen im Wege standen, und wollte damit staatliche Repressionen gegen die armenische Bevölkerung provozieren, um insbesondere Russland zum Eingreifen zu bewegen. Eine verheerende Taktik.

Am 27. Mai 1915 wurde von der Regierung ein Deportationsgesetz erlassen. Mit diesem Gesetz wurden die Sicherheitskräfte angewiesen, die Armenier einzeln oder insgesamt zu deportieren. Die Armee wurde verpflichtet und beauftragt, Opposition oder bewaffneten Widerstand gegen Befehle der Regierung, gegen die Landesverteidigung oder gegen die öffentliche Ordnung unverzüglich mit militärischer Gewalt in härtester Form „zur Raison zu bringen“ und Übertretungen und Widerstand von „Grund auf zu vernichten“. Im Einzelnen liegen Berichte darüber vor, dass Grundstücke von Deportierten per Gesetz zwangsübertragen, Barmittel und zurückgelassene bewegliche Habe „vereinnahmt“ wurden.

Fazit

Bei der erneut aufgeflammten Diskussion über den Völkermord an den Armeniern wird das allermeisten ausgeklammert: Die Einmischungen der Franzosen, Briten und Russen, sowohl die gravierenden taktischen Fehler der armenischen Führung. Viele Geheimnisse wurden mit ins Grab genommen. Es ist längst an der Zeit, diese Geheimnisse wieder auszugraben, ohne die Falle der Desinformation und Gerüchte zu tappen.

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