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Germanwings-Copilot: Behandlung gelungen, Patient tot und 149 Kollateralschäden

PsycheGermanwings-Copilot: Behandlung gelungen, Patient tot und 149 Kollateralschäden

bellena / Shutterstock.com

Der Copilot der in den südfranzösischen Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine ist nach wie vor im Fokus der Ermittlungen. Wahrscheinlich wird die Krankengeschichte von Andreas Lubitz der zentrale Punkt sein bei den gegenseitigen Schuldzuweisungen von Konzernen, Ärzten und Behörden. Niemand will den schwarzen Peter haben, jeder wird erklären, die Standards eingehalten zu haben. Anscheinend passte Lubitz aber nicht ins Schema und 150 Leute sind tot. Lässt sich letztendlich einfach alles auf ihn abwälzen?

Wegen einer suizidalen Phase vor Jahren unterbrach er seine Ausbildung und er galt nach einer Behandlung als soweit kuriert, dass er die Karriere fortsetzen durfte. Lubitz basaß „während seines Einsatzes am 24. März 2015 ein voll gültiges Tauglichkeitszeugnis der Klasse 1“. Der Lufthansa-Sprecher betonte:

„Wenn die Flugtauglichkeit vorliegt, sehen wir keinen Grund, den Piloten nicht fliegen zu lassen. Sollen wir das Urteil der Ärzte anzweifeln?“

Geben die Ärzte das Plazet, ist die Lufthansa nicht verantwortlich, schließlich reicht laut EU-Verordnung 1178/2011 eine „zufriedenstellende psychiatrische Beurteilung“ um nach einer Therapie Pilot zu werden. Die Zeitung „Welt“ berichtet aber, dass die Airline Lubitz danach einer zusätzlichen psychiatrischen Begutachtung unterzogen habe. Die Lufthansa will das auf Anfrage nicht bestätigen. In seiner Lizenz soll der Vermerk SIC gestanden haben, nicht aber im Tauglichkeitszeugnis. Die Lufthansa und das Luftfahrtbundesamt haben Meinungsverschiedenheiten.

Was haben also die Ärzte getrieben und was Lubitz? Wie wird eine Depression mit Suizidalität standardmäßig behandelt? Mit Gesprächstherapie und ggf. Medikamentierung, sogenannte Stimmungsstabilisierer und Antidepressiva, sedierenden Neuroleptika bzw. Benzodiazepinen. Können die verantwortlichen Ärzte nachweisen oder zumindest so tun als ob sie ihm die Standardbehandlung angedeihen ließen, wären auch sie aus dem Schneider. 

Die Medikamente gelten als “Goldstandard” und als “wirksamste Mittel zur Suizidprophylaxe”. Die Tabletten wurden von den Behörden genehmigt, also sind die Hersteller auch aus dem Schneider, es sei denn man weist ihnen im Nachhinein Manipulation bei den Studien für die Zulassung nach. Antidepressiva vom Typ SSRI werden relativ leichtfertig bei “Burnout”-Diagnosen verschrieben. Oft werden im Rahmen einer Therapie mehrere Präparate durchprobiert, auch gleichzeitig. Manche Experten warnen, dass die immer behaupteten Erfolgsquoten absichtlich von Herstellern übertrieben wurden. Neue Studien legen nahe, dass die Medikamente genausowenig wirksam sind wie ein Placebo, jedoch Nebenwirkungen haben.

Also wandert der schwarze Peter an Lubitz. Der ist zwar mausetot und kann sich nicht mehr äußern, trotzdem gibt es auch die ganzen Fahnder und Angehörigen, die ihn verteidigen werden. Hat er am Ende auch die „Standards“ eingehalten? Wahrscheinlich nicht. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf fand in der Wohnung des 27-jährigen „zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen“. Sichergestellt wurden Dokumente, „die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinweisen“. Details sind noch geheim. Lubitz suchte also Hilfe für irgendetwas, ohne seinen Arbeitgeber ins Bild zu setzen, und ging zu zugelassenen Ärzten die ihm die Standardbehandlungen angedeihen ließen, evtl. inklusive der „Goldstandard“-Medikamente. Er sei am betreffenden Tag flugunfähig gewesen.

Die BILD will wieder einmal aus informierten Kreisen Näheres erfahren haben: Lubitz habe Ärzten erzählt, er sei derzeit nicht als Pilot aktiv und möchte wieder in Form kommen. Er nehme ein Antidepressivum und das Beruhigungsmittel Lorazepam. Erst am 10. März war er in einer Düsseldorfer Klinik. Allerdings soll er über Augenprobleme geklagt haben. Ende 2014 sei er in einen Autounfall verwickelt gewesen, deshalb würde er manchmal nicht mehr richtig sehen können. Untersuchungen mit einem MRT hätten aber keinen Befund ergeben. Französische Medien berichteten gar über eine verminderte Sehkraft. Wurde die Ursache für ein physisches Augenleiden nicht oder nicht rechtzeitig entdeckt, was zu erheblichen Druck auf den labilen Lubitz führte? Dachten Ärzte, es seien echte Augenprobleme, aber mit psychosomatischen Ursachen? Oder bildete sich Lubitz die Augenprobleme nur ein und litt unter einer Organneurose? Lauteten so die Krankschreibungen, die bei ihm zerrissen gefunden worden sein sollen? Oder erfand er bewusst Augenprobleme, um Krankschreibungen zu erhalten, die seine weitere Karriere nicht gefährden würden? Wollte er so seine dringend benötigte Auszeit bekommen? Freunden erzählte er von zuviel Stress und einer angestrebten Auszeit.

Manche Psychiater kommentierten, dass er einfach eine Art Filmriss im Cockpit erlebt haben könnte, einen sogenannten „Ruptus“. Mit dieser Erklärung wären die Ärzte aus dem Schneider. Aber die neuesten Ermittlungsergebnisse sprechen eine andere Sprache: Lubitz hat sich laut Staatsanwaltschaft vor dem Absturz der Germanwings-Maschine im Internet über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten eines Selbstmordes informiert, sowie über Sicherheitsmechanismen von Cockpit-Türen. Das deutet auf ein gerüttelt Maß an kalter Planung und Vorsatz hin.

Andere Psychiater vermuteten eher eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Wäre diese bei seinen Untersuchungen aufgefallen? Sie gilt als nicht heilbar, nur die schlimmsten Auswüchse könne man managen. Narzissmus geht einher mit depressiven Phasen und regelmäßigen Auszeiten, mit denen die betroffene Person ihren Energiehaushalt regulieren will. Alltagsstress, Routine und gewöhnliche Herausforderungen wirken auf den Narzissten wie schlimme Kränkungen, die sich nur Mühsam ausgleichen lassen mit Hilfe von Zuspruch, Aufmerksamkeit, Gefühlen der Kontrolle und Lobhudeleien.

Wenn die unheilbare Persönlichkeitsstörung vor Jahren übersehen und nur eine depressive Episode behandelt wurde, war weiterer Ärger vorprogrammiert. Denn der Narzisst lebt die Fantasie der Allmacht und der Perfektion. Wenn aber der berufliche Alltag schlaucht und nicht erfüllt, wächst der Druck und die Aggression. Kamen dann noch Sehstörungen dazu, ob psychosomatischer Natur oder physischer, ist der Druckkessel fast am Platzen. Dies würde seine Karriere beenden, womöglich seine Beziehung und seine Arbeitsfähigkeit. Er würde den Albtraum der Hilflosigkeit erleben, so ziemlich das Schlimmste für einen Narzissten.

In einzelnen Fällen, besonders bei Patienten mit krankhaften Persönlichkeitsstörungen, können Mittel wie Lorazepam auch das Gegenteil der gewünschten Wirkung haben und enthemmend wirken. Wuchs in ihm der Wahn, dass sich alle gegen ihn verschworen, alle ihn verraten haben? Der Arbeitgeber, die Ärzte, das „System“ und sein eigener Körper? War da der Hass auf Flugzeugpassagiere, die das hatten was ihm weggenommen wurde, nämlich eine Zukunft? Die mit den Billig-Flügen den Preisdruck und letztendlich den Druck auf ihn vergrößerten? Wollte er selbst entscheiden, mit einer Machtdemonstration aus dem Leben zu scheiden, anstatt andere über ihn entscheiden zu lassen?

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