Er gilt als der beste Scharfschütze in der Geschichte des US-Militärs und starb ausgerechnet in der Heimat durch die Kugel eines Kollegen. Die Verfilmung seiner Bestseller-Autobiographie „American Sniper“ räumt gerade mächtig in den US-Kinos ab, dringt bald zu uns nach Europa und ist Anwärter auf mehrere Oscar-Auszeichnungen.

Für die Konservativen gilt Chris Kyle als tragischer Patriot und Held, ähnlich wie die TV-Figur Jack Bauer, während er für die Linken nichts anderes repräsentiert als tödliche und lustvolle Yankee-Gewalt gegen ein Volk, dessen Land unrechtmäßig besetzt wurde. Für seine Gegner war er einfach nur “Al-Shaitan Ramadi”, der Teufel von Ramadi.

Kriegsgeschichten liegen im Trend, das zeigen die kommerziellen Erfolge wie Blackhawk Down, Lone Survivor oder Zero Dark Thirty. Interessanterweise handelt es sich bei diesen Werken durchweg um recht tragische Beschreibungen: Black Hawk Down zeigt die Schlacht von Mogadischu, die völlig als Massaker in die Hose ging, in Lone Survivor sterben alle Mitglieder einer Mission bis auf eines und in Zero Dark Thirty explodiert bei der (angeblichen) Ergreifung von Bin Laden ein Helikopter voller SEALs. Nicht gerade klassische Propaganda wo der Held höchstens einen Streifschuss in die Schulter bekommt.

Die Chance, als Soldat später einmal prominent zu werden und ein Bestseller-Buch zu veröffentlichen und die Filmrechte zu verkaufen, ist ungefähr so groß, wie ein Disney Land im Irak oder eine Gay Pride Parade im Iran zu finden.

Der Promi-Kommie und Agitprop-Dokumentarfilmer Michael Moore wagte sich aus der Deckung heraus und erklärte via Twitter, dass sein Onkel von einem Scharfschützen im zweiten Weltkrieg getötet worden sei. Alle Scharfschützen seien Feiglinge, keine Helden, und außerdem seien Invasoren noch schlimmer.

Das sind die üblichen markigen Worte eines sesselfurzenden Kommunisten und Multimillionärs, der Amerika hasst, denken die Konservativen. Die Linke hat prinzipiell keine Glaubwürdigkeit mehr, da sie nach wie vor kuschelige Gefühle hat für chinesische Diktatoren, sowjetische Nostalgie und waffenstarrende rote Brigaden in warmen Ländern. Die Rechte hat leider auch keine Glaubwürdigkeit mehr, aber dafür spielt ihr der amerikanische Opferritus in die Hände: Amerikaner sind es gewohnt, dass alle Jubeljahre ein Krieg am anderen Ende der Welt geführt wird. Praktisch jeder hat eine Geschichte aus der Familie zu erzählen über Männer, die als Soldaten nach Europa, Asien oder später Vietnam geflogen wurden und ein Trauma erlebten, um irgendwelche Diktatoren zu stürzen. Vergessen wir nicht: Die Besoldung ist misarabel, die Arbeitsbedingungen höllisch und die Gefahr für Rumpf, Kopf und Gliedmaßen erheblich. Eine differenzierte, ausführliche Kritik wäre viel konstruktiver, aber wohl bei weitem nicht so effektvoll wie ein grammatikalisch fehlerhafter Agitprop-Tweet von Michael Moore, der immer noch aussieht, wie ein Schlaganfallpatient in den Klamotten eines Teenagers.

Sind Scharfschützen also per se Feiglinge, weil sie aus der Deckung heraus auf hohe Distanzen schießen? Hätte Moore irgendeine Ahnung, wüsste er dass die Grundregel einer modernen Kampfeinheit ist, fast nur dann zu kämpfen, wenn die Chancen auf Erfolg sehr hoch sind. Wer sich in eine Schlacht stürzt mit einer vorraussichtlichen Erfolgsquote von 50% oder weniger, der hat entweder seine Hausaufgaben nicht gemacht oder einfach keine Wahl. Das ist bei der Luftwaffe genauso wie auf See oder bei Panzern an Land. Aufklärung, Planung im Vorfeld sowie technischer Vorsprung sollen dafür sorgen, dass die Kampfsituation später für den Gegner möglichst unfair ist. Scharfschützen sind seit mindestens hundert Jahren ein fester Bestandteil der Kriegsführung. Der erfolgreichste Scharfschütze der Geschichte war der Finne Simo Hähya, der bestätigte 505 Russen erschoss im sogenannten Winterkrieg gegen Stalin. Unfair? Genauso „unfair“ wie die Tatsache, dass Russland mit einer Übermacht angriff.

Im ländlichen Irak waren für Chris Kyle die Kampfdistanzen zwischen 800 und 1200 Yards. Es wäre oft schlicht idiotisch gewesen, mit einer schlechteren Visierung näher ranzugehen, bzw. er hatte die Aufgabe, Soldaten zu schützen die tatsächlich näher rangingen. Das Buch „American Sniper“ und der gleichnamige Film zeigen schlicht Kyles Job und seine Geschichte. Es handelt sich nicht um eine politisch-historische Abhandlung des Irakkriegs. Das wäre von einem Scharfschützen auch nicht zu erwarten, denn sein Job ist nicht die theoretische Analyse sondern das praktische Töten. Deshalb macht es keinen Sinn, diese biographischen Werke einzig auf einer politisch-ideologischen Ebene zu betrachten, sondern man muss auch die (militär-)historische Einordnung vornehmen, sowie die psychologische Ebene miteinbeziehen. Darüberhinaus lohnt es sich, auch die Mütze des Sozialwissenschaftlers aufzusetzen und zusätzlich die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der Neurologie zu berücksichtigen. Denn die Frage, die den meisten wirklich im Kopf herumgeistert, ist doch die, ob Kyle ein herzensguter Held oder ein blutgeiler Bösewicht war. Eine viel bessere Frage ist: War Kyle ein Krieger, dem es abgesehen von seinem Handwerk an theoretischer Bildung über den Krieg und Kriegspolitik fehlte, oder ein Psychopath der einfach nur einen Job wählte, in dem er legal töten durfte?

Gegen die Psychopathen-These, die mal mehr und mal weniger direkt von der politischen Linken vertreten wird, spricht einiges. So sind Kyles Eltern beispielsweise völlig unauffällige, strebsame Figuren, die ihren Kindern eine schöne Zeit ermöglichten. Dies macht es unwahrscheinlich, dass sonderlich extrem ausgeprägte genetische Faktoren oder Umweltfaktoren für Psychopathie vorliegen. Er stellt auch von Anfang an klar, dass er beileibe nicht der genaueste Schütze war, dass seine „Erfolge“ immer in Teamarbeit entstanden und er nur deshalb soviel Aufmerksamkeit erhielt, weil die Öffentlichkeit von der schieren Zahl seiner „Kills“ fasziniert ist. Hätte er nicht darauf bestanden, soviele Einsätze zu machen, wäre er auch nicht die „Legende“ geworden.

Auf der anderen Seite demonstriert er deutlich, dass er sich emotional vom Durchschnitt unterscheidet. Ihm hätte die Arbeit einen mächtigen Spaß gemacht, er hätte nach dem ersten Kill keine große Reaktion gezeigt und sich weiter in den Job gestürzt. Gerade manche harschen Zitate auf den ersten Seiten des Buches (mehr haben die meisten Rezensenten anscheinend nicht gelesen) werden von Kritikern immer wieder angeführt. Ich wäre nicht überrascht, wenn Gentests bei ihm diverse deutliche Ausprägungen von Risikogenen gezeigt hätten. Das bedeutet eine stark verringerte Angst, erhöhte Risikobereitschaft und abgeschwächte Empathie. Da wir aber weder einen Gentest noch einen Psychotest von ihm vorliegen haben (die Navy hat wohl beides irgendwo in den Akten) müssen wir uns an seine Schilderungen und den Kontext halten. Er war ein Krieger durch und durch, allerdings erfüllt er meiner Ansicht nach mit einer substanziellen Wahrscheinlichkeit nicht die Kriterien für einen Psychopathen oder einen malignen Narzissten. Außerdem wollen die Streitkräfte kaum waschechte Psychos in den normalen Rängen, denn Psychos haben ihre eigene Agenda. Narzissten sind nicht teamfähig und verlässlich.

Um ihn als bluttriefenden Irren abzustempeln, fehlt es an handfesten Belegen. Denn sein Job und seine Haltung allein reichen als Belege nicht aus, auch wenn es auf stärker emotional ausgerichtete oder über Krieg unerfahrene bzw. unbelesene Menschen so wirken mag.

Wer einmal im Schlachtgetümmel steckt, der entwickelt schnell eine harsche und kalte Haltung gegenüber feindlichen Kriegern. Dies ist Teil unserer DNA und entstand in unserer Evolution. Nur mehr Bildung in diversen Bereichen kann jemandem ermöglichen, trotzdem über den Tellerrand zu blicken.

Kyle glänzte in der Highschool hauptsächlich durch Sport und wurde hinterher Bronco Rider. Das Ausmaß seiner Bildung ist also recht überschaubar. Er wuchs auf mit starken Werten über Gott, Vaterland und Familie, aber nicht unbedingt starker Bildung. Ins Militär stieg er letztendlich mit 25 Jahren ein.

Teil 2 folgt…

 

 

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