Alexander Benesch

Mehrere Forscher aus aller Welt versuchen, die Ebola-Epidemie einzudämmen und ihren weiteren Verlauf abzuschätzen. Der optimale Zeitpunkt, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, sei längst überschritten. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob nun eher 20.000 oder mehrere Millionen Tote letztendlich zu beklagen sein werden.

Die Zeitung New York Times berief sich auf mehrere Wissenschaftler, die die US-Behörden und das Verteidigungsministerium beraten und mit mehreren hunderttausend Infektionen rechnen. Statt insgesamt 20.000 Fällen, von der die WHO bisher ausgeht, könnten noch anderthalb Jahre lang 20.000 neue Infektionen pro Monat auftreten.

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Eine Stufe pessimistischer klingt ein Bericht von Jerome Corsi in World Net Daily. Laut Forschern bestehe eine hohe Chance, dass der Virus mutiert und dann wie eine gewöhnliche Erkältung durch die Luft von Mensch zu Mensch übertragen wird. Läuft alles so weiter wie bisher, seien 4,7 Millionen Infektionen und 1,2 Millionen Tote zu erwarten. Dr. Peter Piot, einer der Entdecker des Ebola-Virus, warnte im Magazin Science vor dem “perfektem Sturm”, eine Kombination aus miserablem Gesundheitssystem, wenig Vertrauen in die Regierung, Aberglaube sowie Riten, die Kontakt mit den Toten beinhalten. An Ebola erkrankte Menschen in Liberia fahren mit dem Auto kreuz- und quer durch die Städte in der Hoffnung auf Behandlung und infizieren somit neue Opfer. Andere flüchten möglichst weit weg in Gebiete die noch gar nicht betroffen sind oder halten die Krankheit gar für eine glatte Erfindung.

Am weitesten ging ein deutscher Ebola-Experte und zog sich damit Kritik von Kollegen zu. Die Deutsche Welle berichtete über die Einschätzungen von Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard Nocht-Institut für Tropenmedizinin in Hamburg: Praktisch die gesamte Bevölkerung in den betroffenen afrikanischen Ländern werde sich infizieren und die Hälfte davon sterben.

Der Hersteller für Schutzausrüstung Lakeland Industries forderte Unternehmen in der Branche auf, für zusätzliche Kapazitäten zu sorgen, da das US-Außenministerium einen Auftrag über 160.000 Schutzanzüge ausgeschrieben hat. Diese Art von Anzug wird derzeit weltweit nur in geringen Mengen hergestellt. Außerdem kündigte US-Präsident an, 3000 Soldaten zu senden und 17 Krankenhäuser zu bauen. Diese Maßnahmen bleiben angesichts der Zustände wohl eher symbolische Gesten.

Ausnahmezustand

Ein mit dem Ebola-Virus verwandtes Virus wurde aus Versehen 1967 mit Affen aus Uganda in wissenschaftliche Labors in Marburg in Mittelhessen eingeschleppt. Das Virus wurde zuerst bei Laborangestellten in Marburg, später in Frankfurt am Main und Belgrad gefunden. Als am 25. August 1967 mehrere Personen in Marburg starben, wurde die Stadt in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Alle Infizierten, auch die später verstorbenen, hatten zuvor sehr hohes Fieber und bluteten aus den inneren Organen. Sämtliche bis dahin bekannten Viren konnten ausgeschlossen werden. Spezialisten für Tropenkrankheiten reisten im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, darunter Werner Mohr aus Hamburg und der Virologe George B. Dick aus London.

Insgesamt acht Laboratorien weltweit untersuchten Blut- und Gewebeproben der infektionsträchtigen Tiere. Die Affen wurden inzwischen zusammen mit weiteren 600 aus früheren Lieferungen durch Blausäure getötet. Ein Konsilium der Mediziner Rudolf Siegert, Walter Hennessen und Gustav Adolf Martini gab täglich einen Bericht zur Erforschung des Virus ab. Bis Ende August 1967 starben zwei Tierpfleger und zwei Laborangestellte. 24 Erkrankte lagen in dem Universitätsklinikum Frankfurt am Main und in der Universitätsklinik der Philipps-Universität Marburg auf der Isolierstation. Insgesamt starben später sieben Menschen an dem neuen Virus. Erst Ende November 1967 gelang die eindeutige Identifizierung des bis dahin unbekannten Virus durch Werner Slenczka im Institut für Virologie Marburg, der diese Entdeckung auch als Erster publizierte. Dieses neue Virus ist höchstwahrscheinlich von infizierten Versuchsaffen (Meerkatzen) aus Uganda in die Labore des Pharmakonzerns Behringwerke im hessischen Marburg eingeschleppt worden. Der Pharmakonzern nutzte die Tiere zur Gewinnung von Masern- und Polio-Impfstoff. Deshalb erhielt es auch den Namen Marburg-Virus.

Das Marburg-Virus wurde vom US-amerikanischen CDC als potentieller biologischer Kampfstoff der höchsten Gefahrenklasse eingestuft. Legale Handhabung und Weitergabe des Pathogens ist auf Labore der Schutzstufe 4 beschränkt.

Militärisch wurden die Möglichkeiten als biologischer Kampfstoff vom sowjetischen Kampfstoffprogramm Biopreparat erforscht, das 1967 Proben des Virus während des initialen Ausbruchs erlangte. Soweit bekannt, wurden in Bezug auf das Marburg-Virus insbesondere die Verteilung (Distribution) als Aerosol und die Stabilität gefriergetrockneter Viruspartikel erforscht.

Mit einem simulierten Bioterrorismusangriff wurde 1998 ermittelt, dass eine Variola-Marburg-Chimäre einen ökonomischen Schaden von etwa 26 Milliarden US-Dollar pro 100.000 Infizierten bewirken würde.