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Jürgen Roth

Ein freundlicher kritischer Bürger hat mir dazu folgendes geschrieben:

Der geneigte Fußballfan wirft seit ein paar Jahren ein kritisches Auge auf die zunehmende Anzahl von Großinvestoren, die Vereine kaufen und scheinbar ohne Limit Geld in diese pumpen, als Beispiele sind hier Roman Abramovich (Chelsea London), Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan (Manchester City), aber auch ganz aktuell Scheich Abdullah Bin Nasser Al Thani (FC Malaga) und eine Investorengruppe aus Katar (Paris St. Germain) zu nennen. Allein Abramovich hat in seinen acht Jahren beim FC Chelsea rund 760 Millionen Euro für Ablösesummen und Spielergehälter gezahlt.

Die Beispiele sollen aufzeigen, in welchen Dimensionen wir uns bewegen, wenn wir von Investoren im Fußballgeschäft sprechen. Kommt zu diesen hohen Summen nun kriminelle Energie, wie die einiger Investoren in Bulgarien hinzu, kann man sich vorstellen, dass es um den bulgarischen Fußball nicht nur nicht gut steht, sondern dass das Ankämpfen gegen die Kriminalität ein harter und langwieriger Prozess sein wird, dessen Ende ungewiss ist. Die Wikileaks-Enthüllungen lenken die Aufmerksamkeit nun zum ersten Mal in verschärfter Weise auf die Missstände, und die ersten Schritte der Regierung lassen zumindest darauf hoffen, dass sich etwas im bulgarischen Fußball tut.

Die hiesigen Sportjournalisten interessiert einen Dreck wie tief fas organisierte Verbrechen in den Sport, insbesondere Fussball inzwischen eingedrungen ist. Sie interessiert nur der rollende Ball. Dabei wäre es so wichtig Aufklärung zu leisten.

Das auffälligste sportliche Merkmal des bulgarischen Fußballs ist die Dominanz der beiden Hauptstadtverein ZSKA und Lewski Sofia, die seit der ersten Austragung 1924 57 von 84 Titeln gewinnen konnten. Zieht man die weiteren Titelträger aus Sofia hinzu, so kommt man auf erstaunliche 70 Meistertitel aus der Hauptstadt. Große internationale Erfolge konnten die Vereine hingegen nicht erzielen. Für die Entwicklung der Liga waren die politischen Veränderungen in den 90er Jahren sicherlich das größte Problem.

Zwar fand die bulgarische Nationalmannschaft durch den vierten Platz bei der WM 1994, bei der sie unter anderem Argentinien, Mexiko und Deutschland hinter sich lassen konnten, größere Beachtung, Größen des bulgarischen Fußballs wie Borislaw Michajlow, Krassimir Balakow, Christo Stoitschkow, oder Jordan Letschkow spielten zu dieser Zeit aber bereits bei westeuropäischen Topclubs. Die Entwicklung der bulgarischen Liga stagnierte und versank in der Unterklassigkeit, fehlende Talentförderung führte zum mittlerweile 27. Platz in der UEFA-Fünf-Jahres-Wertung, Tendenz fallend.

Ungeachtet dessen ist der bulgarische Fußball zum Sammelplatz für Geschäftsmänner geworden, die die Vereine für zweifelhafte Geschäftsabwicklungen nutzen. Der bulgarische Fußball ist so zu einem Symbol der organisierten Kriminalität geworden. Genau an diesem Punkt setzt ”Bulgarian Soccer receives red card for corruption” an, und es stellt sich hierbei die Frage, ob die Enthüllungsplattform Wikileaks durch das Veröffentlichen von geheimen Depeschen dazu in der Lage ist, den bulgarischen Fußball zu verändern, oder gar zu säubern.

2.Wikileaks

Am 30.12.2010 veröffentlichte die spanische Tageszeitung ”El Pais” eine Depesche der US-Botschaft in Sofia, die vertrauliche Informationen über Korruption im bulgarischen Fußball enthielt. Empfänger der Depesche war das Außenministerium der Vereinigten Staaten. Wenige Tage später berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP (Agence France-Presse) darüber, ebenso wie Novinite.com, die Internetpräsenz der Sofia News Agency. Die Sofia News Agency veröffentlichte darüber hinaus schon Anfang Dezember 2010 einen Artikel, der auf wikileaks und die Verwicklungen von Todor Batkow, Besitzer von Lewski Sofia, mit der russischen Mafia verwies.

3.Inhalt der Depesche

Wie eingangs bereits erwähnt, ist Fußball die beliebteste Sportart in Bulgarien. Scherzhaft spricht man in Bulgarien über den 4. Platz bei der WM 1994 als die größte Leistung seit dem Fall des Kommunismus.
Laut Depesche gibt es die weit verbreitete Meinung, dass bulgarische Fußball-Clubs direkt oder indirekt, durch das organisierte Verbrechen gesteuert werden. Es geht um Persönlichkeiten, die in den Teams den Weg sehen, sich selbst und ihre Taten zu legitimieren, Geld zu waschen und das schnelle Geld zu machen.

Trotz grassierender Gerüchte über Spielmanipulationen, Geldwäsche und Steuerhinterziehungen gab es bislang aber nur wenige Festnahmen oder erfolgreiche Strafverfolgungen. Das abnehmende Vertrauen der Öffentlichkeit in die mangelnde Glaubwürdigkeit der Liga resultiert in sinkenden TV-Einschaltquoten und Zuschauerzahlen in den Stadien, im weltweiten Vergleich rangiert die ”Liga A” mit durchschnittlich 2.838 Zuschauern pro Partie u.a. hinter der 2. Niederländischen Liga und der zyprischen Division A.

Die jüngsten Skandale unter Einbeziehung der beliebtesten Teams, sowie Massenentlassungen unter den Schiedsrichtern tun dabei ihr Übriges.
Die neue Regierung begann in der Folge, die Steuerhinterziehungs- und Geldwäschevorwürfe gegen einige Fußballvereine zu untersuchen, gegen die tiefverwurzelte organisierte Kriminalität im bulgarischen Fußball hat dies soweit aber nur geringen Einfluss.

Zu Zeiten des Kommunismus waren die populären Teams größtenteils im Besitz der Kommunen und staatlichen Institutionen wie Militär oder Polizei (ZSKA bedeutet übersetzt ”Zentraler Sportklub der Armee”), die beim Übergang in die Demokratie jedoch an die neue Business-Elite verkauft wurden, die für ihre engen Verbindungen zur organisierten Kriminalität und zum ehemaligen Geheimdienst bekannt waren. Die folgende Auflistung ist nur eine kleine Auswahl der bekanntesten Verbindungen:

  • Todor Batkov, Stellvertreter für den berüchtigten russisch-israelischen Geschäftsmann Michael Cherney, ist Besitzer von Levski Sofia.
  • Das Business Konglomerat TIM ist im Besitz des Stadions von PFC Cherno More Varna.
  • Den Marinovs, auch bekannt als ”Margin Brüder”, die wegen Mordes, Erpressung und organisierte Kriminalität vor Gericht standen, gehört der Verein Slawia Sofia
  • Nickolay Gigov, ein angeblicher Waffenhändler, besitzt Lokomotive Sofia.
  • Mit Grischa Ganchev ist Litex Lowetsch im Besitz eines bekannten Geldwäschers.
  • ZSKA Sofia, wie oben genannt eines der wichtigsten Teams, war im Besitz von Vassil ”The Skull” Krumov Bozhkov.
  • Die letzten drei Präsidenten von Lokomotive Plowdiw, das einige Zeit lang von der Verbrechensgruppe ”VIS” geführt wurde, wurden ermordet.

3.1.Skandale

September 2009 kam es im Vorfeld des Spiels Lewski Sofia gegen ZSKA Sofia (das bedeutendste Derby Bulgariens) zu einem handfesten Skandal. Unmittelbar vor dem Spiel wurden vier Lewski-Spieler im Rahmen eines Transfers zu Rubin Kazan in ein Flugzeug gesetzt. Kurz nach dem Spiel (Lewski verlor 0-2) wurde klar, dass der Transfer eine Falschmeldung war und ZSKA-Präsident Todor Baktov 200.000 Euro Transfergebühren unterschlagen hatte.

Die Presse berichtete, dass die Wettquoten für einen ZSKA-Sieg vor der Bekanntgabe der Spielertransfers dramatisch sanken, was darauf hindeutet, dass große Geldbeträge gegen Lewski gesetzt wurden. Die Theorien darüber, was wirklich passierte, variieren. Die populärste Theorie lautet, dass Batkov gegen sein eigenes Team gewettet hatte um Schulden zu tilgen, oder dass die neuen Besitzer von ZSKA den Transfer für ihren Nutzen instrumentalisierten. Trotz Untersuchungen, gab es in diesem Fall noch keine Festnahmen.

Die langjährigen Vorwürfe der Spielmanipulationen innerhalb der bulgarischen Liga haben ihrem Ruf wahrscheinlich den größten Schaden hinzugefügt. Nach Angaben der bulgarischen Sportredakteure Vladimir Pamukov und Krum Savov, geht es in den meisten Fällen entweder um Schiedsrichter- oder Spielerbestechung, um bestimmte Spielergebnisse zu erzielen. Sie behaupten weiterhin, dass dank des Einflusses der organisierten Kriminalität und der ökonomischen Ungleichheit zwischen den Teams, Spielmanipulation zu einer äußerst gängigen Praxis geworden ist.

Obwohl es in den letzten 20 Jahren nur wenige Untersuchungen in diesen Dingen gab, führen Journalisten, Kritiker und Fans als Beweis der Spielmanipulation unlogische Spielergebnisse und unerklärliche Spiele an. Wenn es doch zu Verhaftungen kommt, oder mögliche Beweise für Korruption auftauchen, so die Depesche, führen die in den meisten Fällen zu nichts, oder die Angeklagten werden aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen.

Ivan Lekov, ein bekannter früherer Schiedsrichter und stellvertretender Leiter des staatlichen Amtes für Sport und Jugend, wurde 2008 vor laufenden Kameras wegen angeblicher Spielmanipulation festgenommen. Vier ehemalige Schiedsrichter hatten ihr Schweigen gebrochen und behaupteten, dass Lekov und der Leiter des Bulgarischen Fußball Verbands sie unter Druck setzten, um Spiele zu manipulieren. Nach Lekovs Verhaftung wurde der gesamte Schiedsrichterausschuss entlassen und ein Ethikkodex an die Vereine gesendet. Trotz dieser Änderungen konnten weitere Spielmanipulationen nicht verhindert werden, Lekov wurde schließlich aus Mangel an Beweisen, sowie Verweigerung von Zeugenaussagen, wieder freigelassen.

Zusätzlich zu zwei Schiedsrichtern wurde 2009 der Schiedsrichterausschuss wiederum entlassen, woraufhin sich die UEFA einschaltete und den Fall des Schiedsrichters Anton Genov untersuchte, der beim Freundschaftsspiel zwischen Mazedonien und Kanada vier Elfmeter zugesprochen hatte.

3.3.Fortschritte unter der neuen Regierung

Obwohl die Probleme eigentlich überall gesehen werden, wurde bisher nur wenig dagegen getan. Nach Amtsantritt untersuchte die neue Regierung erst einmal die offensichtlichsten Steuerhinterziehungen und Geldwäsche-”Systeme”. Der bulgarische Fiskus gab daraufhin bekannt, dass acht bulgarische Top-Clubs Steuerausfälle in Höhe von 6 Millionen Dollar verschuldeten. Sie fanden ebenfalls heraus, dass Erstliga-Spieler im Durchschnitt lediglich 170 Dollar pro Monat verdienen, was im totalen Widerspruch zu ihrem auffällig aufwändigen Lebensstil steht. Daher prüfte der Fiskus das Verhältnis zwischen Besitz und Einkommen von 261 Spielern. Darüber hinaus stehen der ehemalige ZSKA-Präsident Alexander Tomow, sowie drei weitere Personen, wegen Unterschlagung von 28 Millionen Dollar unter Anklage.

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4 comments

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Mysterion 1. Juli 2014 at 8:54

Die FIFA ist mitunter der größte Mafiaverein…geh doch mal aktuell auf die WM ein, es ist unglaublich wie sie Brasilien ausbluten lassen, nur damit die Idioten unter uns vier Wochen lang “SCHLAND” brüllen dürfen. Oder wie viel ein Sportler verdient, der für Adidas Werbung macht und was die Näherinnen dabei verdienen…das ist jenseits von Gut und Böse! Aber die Römer machten es vor: Brot und Spiele für die Masse, so dient es sich besser….

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Jim 30. Juni 2014 at 8:34

Wen interessiert der bulgarische Fußball?

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Ingo 28. Juni 2014 at 18:53

Warum heute kein Artikel über Ferdifranz?
Fussball ist so doof!

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ein mensch 28. Juni 2014 at 18:23

“Das auffälligste sportliche Merkmal des bulgarischen Fußballs ist die Dominanz der beiden Hauptstadtverein ZSKA und Lewski Sofia, die seit der ersten Austragung 1924 57 von 84 Titeln gewinnen konnten”

tja, und wenn man sich dann mal den fc bayern so anschaut 🙂

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Fu%C3%9Fballmeisterschaft#mediaviewer/Datei:Karte-Deutsche-Fussballmeister.png

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