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Eine neue Studie von Amnesty International scheucht den Weltfußballverband Fifa auf: Es geht um massive Verletzungen der Menschenrechte auf Baustellen in Katar für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Migrantenarbeiter ackern in der Wüstenhitze ohne genügend Essen, oft Monate ohne Lohn und wohnen in stockdunklen Massenunterkünften.

„Viele Arbeiter erhalten oft monatelang keinen Lohn und werden trotzdem zur Arbeit gezwungen, indem man ihnen mit einem kompletten Lohnausfall oder der Abschiebung droht“,

erklärte eine Expertin von Amnesty International in Deutschland. Die britische Tageszeitung „Guardian“ berichtete zuvor, dass 44 nepalesische Gastarbeiter in nur zwei Monaten wegen Herzinfarkts oder Arbeitsunfällen in Katar gestorben seien.

Am 2. Dezember verkündete FIFA-Präsident Joseph S. Blatter mit strahlendem Lächeln das Endergebnis für die WM 2022: Katar.

„Die Chance, dass jemals Beweise vorgelegt werden können, wie sich Russland und Katar Stimmen erkauften, tendiert gegen null. Diese Sieger garantieren Verschwiegenheit.“

schrieb nach der Vergabe Jens Weinreich. [1]

Im Wüstenstaat Katar, mit seinen 11.586 Quadratkilometern halb so groß wie Hessen, war seit Wochen im Al Corniche Club alles für die Siegesfeier vorbereitet worden. Die Einladung war bereits 14 Tage vorher verschickt worden. Anwesende im Al Corniche Club am Jumeirah Strand, erinnert sich ein Teilnehmer, der namentlich nicht als Quelle zitiert werden wollte, „waren faktisch alle Minister und sonstige Persönlichkeiten einschließlich Gäste der Nachbarländer, darunter außergewöhnlich viele Gäste aus Bahrein und Saudi-Arabien. Denn seit mindestens einem Monat war in Katar bekannt, wie das Ergebnis aussehen wird. Wahl hin, Wahl her.“

Zur Beantwortung dieser Frage, ob das so gewesen sein könnte, kann ein Experte aus Katar, der dort im internationalen Fußballgeschäft eine zentrale Rolle spielt und derzeit aktiv bei den Vorbereitungen der WM beteiligt ist, Auskunft geben. Er behauptete gegenüber dem Enthüllungsjournalisten Jürgen Roth im November 2010 bei einem Gespräch in einem Berliner Hotel, drei Wochen vor der Entscheidung, wer nun die Fußballweltmeisterschaft zugesprochen bekommt:

„Die machen am 2. Dezember in Katar eine große Festveranstaltung. Ich bin eingeladen. Da wird die WM 2022 gefeiert. Das ist in drei Wochen. Das wird als Initiative genommen, um Katar neu zu bauen.“

Mohamed Bin Hammam, der Präsident der Asiatischen Fußballkonföderation, ist einer der einflussreichsten Fußballfunktionäre des FIFA-Exekutivkomitees. Der Experte aus Katar erinnert sich an sein Gespräch mit ihm:

„Der sagte mir, ich schenke meinem Scheich (er meinte das Staatsoberhaupt Scheich Hamad Bin Khalifa Al-Thani, den Emir von Katar, d. Autor) die Fußballweltmeisterschaft 2022. Das ist meine letzte Aktion, die ich für mein Land machen kann.“

Diese Aussage deckt sich mit dem, was bereits in einigen Medien zu lesen war.

„Bin Hammam wusste, dass Blatter seinerseits 2011 zum vierten Mal für den Vorsitz des Weltverbandes kandidieren würde und sah seine Felle davonschwimmen. Blatter machte dem Emir nun klar, dass Katar nur die WM 2022 bekommen könnte, wenn Bin Hammam sich beruhige. Das weiß jeder in der Branche. Verschiedene FIFA-Mitarbeiter, die nicht zitiert werden wolle, haben das auch bestätigt. Blatter aber behauptete Ende April, als er von Katar zu einem Treffen des Internationalen Olympischen Komitees in Dubai weitergejettet war: ,Ich habe keinen Deal gemacht. Als FIFA-Präsident werde ich mein Amt doch nicht missbrauchen.‘“ [2]

Eine andere Quelle aus dem direkten Umfeld des Emirs von Katar sah es so:

„Alle, die es kennen, sagen, Katar bekommt die Weltmeisterschaft, damit Blatter noch einmal gewählt wird. Weil der Bin Hammam alle asiatischen Verbände hinter sich hat und werden die ihn dann auch wählen.“

Dagegen sagt der Schweizer Ex-FIFA-Funktionär Guido Tognoni:

„Bin Hammam braucht den Blatter überhaupt nicht mehr. Wenn er will, dann wird er einfach FIFA-Präsident. Das müssen wir lernen. Katar kann die Credit Suisse aufkaufen, wenn sie wollen, sie können Volkswagen aufkaufen. Ich sage immer, Katar hat eine ganz eigene Ökonomie. Die ist entfernt von jedem normalen Gesetz der Ökonomie.“

Bekannt ist, dass Mohamed Bin Hammam in der Vergangenheit ein eher kritisches Verhältnis zu Blatter hatte. Für die Wahl im Sommer 2011 drohte er sogar mit einer Gegenkandidatur.

„Blatter machte sich klein, betrauerte eine zerbrochene Freundschaft und flog im April pflichtschuldig zum Friedensgespräch nach Doha. Und seitdem riecht alles nach einem Deal: Blatters Alleinherrschaft gegen den WM-Zuschlag.“ [3]

Tatsächlich erklärte Bin Hammam am 18. März 2011, dass er sich nach langen Überlegungen entschieden habe, bei den nächsten FIFA-Wahlen am 21. Juni 2011 gegen Joseph S. Blatter zu kandidieren.

„Ich möchte mehr Transparenz in der FIFA sehen.“

Um gewählt zu werden, muss er die Mehrheit der 208 Verbandsdelegierten des FIFA-Kongresses hinter sich bringen. Der 75-jährige Blatter hat auf der anderen Seite nicht die Absicht, freiwillig zurückzutreten. Bin Hammam, schreibt Andrew Jennings in seinem Buch Foul, war einer der Katalysatoren für Blatters Inthronisierung im Jahr 1998 in Paris. Ohne ihn wäre Blatter verwundbar. Deshalb wundert sich auch Thomas Kistner:

„Und ausgerechnet der bösen BBC beichtete er, was seine FIFA-Ethiker noch im Herbst nicht beweisen konnten: Katar habe einen Wahlpakt mit Spanien geschmiedet.“[4]

Ende November 2010 meldete sich Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam aus Katar zu Wort.

„Er beurteilt einen möglichen Deal zwischen Katar und Spanien/Portugal keineswegs kritisch. Angeblich soll es Absprachen zwischen ihm und dem spanischen FIFA-Vizepräsidenten Angel Maria Villar Llona geben: Spanien soll zusammen mit Portugal die WM 2018 erhalten, Katar für die Endrunde 2022.“[5]

Anscheinend gab es tatsächlich diesen Deal. Eine Holding schloss einen Sponsoringvertrag für fünf Jahre mit einer Gesamtsumme von 200 Millionen US-Dollar (circa 137,8 Millionen Euro) für den FC Barcelona ab. Das zumindest behauptete mir gegenüber eine vertrauenswürdige Quelle aus Katar:

„Vorher war doch ständig im Gespräch, die Kataris kungeln mit Spanien. Wer kann schon etwas gegen Sponsoring haben? Die erste Maßnahme ist erfolgt: 200 Millionen US-Dollar an den FC Barcelona.“

Ein weiteres Indiz für die These einer Abstimmungsfarce nennt mir ein ehemaliger führender Mitarbeiter der FIFA, der nicht genannt werden wollte:

„Die deutsche Bundesregierung wusste zwei Tage vorher Bescheid, das hatte mir ein zuverlässiger Informant gesagt.“

Die FIFA hingegen antwortete auf die Frage von Jürgen Roth, was sie zu den Behauptungen führender Fußballfunktionäre sage, dass schon Wochen vor der Entscheidung zur Fußballweltmeisterschaft 2022 und 2018 klar gewesen sei, dass sowohl Katar wie Russland die Zuschläge erhalten werden und die entsprechende Galaveranstaltung bereits in Katar vorbereitet war:

„Zu solchen Behauptungen nehmen wir keine Stellung. Wir können aber festhalten, dass es Usus geworden ist, dass sich die bewerbenden Länder in ihren jeweiligen Ländern auf eine entsprechende Entscheidung vorbereiten, ob im positiven oder aber auch im negativen Fall. Dies ist von den vielen TV-Bildern sehr klar ersichtlich (siehe Public Viewings).“ [6]

(1) Jens Weinreich: Judo-Lektionen vom Meister, Frankfurter Rundschau, 3. Dezember 2010

(2) Jens Weinreich, Berliner Zeitung, 3. Dezember 2010

(3) Wigbert Loer: Schattenmann, Der Stern, Heft 50/2010, S. 30

(4) Thomas Kistner, Süddeutsche Zeitung, 10. Februar 2011

(5) Thomas Kistner, Süddeutsche Zeitung, 30. November 2010

(6) E-Mail-Nachricht der FIFA, Betr. Fragenkatalog an den Präsidenten Blatter, vom 20. Dezember 2010

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