Neue Berechnungen zeigen in Deutschland nur Impf-Werte von durchschnittlich 78,9% bei Kleinkindern, also meilenweit entfernt von den immer behaupteten rund 95%. Dazu kommt noch, dass Erwachsene oft nicht geimpft sind oder nie aufgefrischt haben. Und trotzdem ist die Welt nicht untergegangen. Das heißt aber auch, dass der Staat viel mehr BĂŒrger zu einer Impfung zwingen mĂŒsste und dadurch viel mehr Aufwand und Gegenwind hat.

Im Jahr 2017 waren knapp 166.000 ZweijÀhrige gar nicht oder nicht vollstÀndig gegen Masern geimpft.

Die Ergebnisse des aktuellen Arzneimittelreports der Krankenkasse Barmer unterscheiden sich um Welten von den Angaben des Robert Koch-Instituts von 92,8%. Das RKI erweckte den Eindruck, als seien Impfgegner  und Kritiker eine winzige Minderheit und die neue Impfpflicht mĂŒsste nur den Wert auf 95% bringen, um die begehrte „HerdenimmunitĂ€t“ zu erreichen.

Das „Versehen“ vom RKI war bisher, dass Kinder, die keinen Impfpass vorlegten, in der Statistik nicht auftauchten. Bei Kindern im Einschulungsalter sei nach den Barmer-Berechnungen im Jahr 2017 fĂŒr keine der 13 Infektionskrankheiten, gegen die hierzulande geimpft werden soll, ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent erreicht worden.

In den bayerischen Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz und Rosenheim haben anscheinend nur 36 bis 42 Prozent der Kinder die nötigen beiden Impfungen gegen Masern im empfohlenen Zeitraum bekommen. Ging dort die Welt unter? Nein.

Das RKI gab schnell eine PresseerklÀrung heraus:

Die BARMER hat eine grĂŒndliche Auswertung der Daten zum Impfschutz ihrer Versicherten vorgenommen. Sie kommt dabei bezĂŒglich des Masernimpfschutzes bei Kindern in Deutschland zu Ă€hnlichen Schlussfolgerungen wie das RKI regelmĂ€ĂŸig in seinen jĂ€hrlichen Berichten zum Impfschutz.

Warum nutzt dann die Presse immer wieder Zahlen, die nahe an den magischen 95% sind? Warum sind keine grĂ¶ĂŸeren Probleme bisher entstanden, obwohl anscheinend nirgendwo die HerdenimmunitĂ€t erreicht wurde?

Faktencheck Masern der Ärzte fĂŒr individuelle Impfentscheidung

In der aktuellen hysterisierten Diskussion ĂŒber eine Masernimpfpflicht ziehen zunehmend amerikanische VerhĂ€ltnisse in die deutsche Politik ein, frei nach der offenbar zeitgemĂ€ĂŸen Devise: „Was scheren mich die Fakten, wenn ich doch genau weiß, was ich erreichen will“. (Update 07.08.2019)

Diese geistige Grundhaltung zieht sich in der aktuellen Impfpflicht-Diskussion quer durch die Äußerungen der ĂŒblichen VerdĂ€chtigen und der so genannten main-stream-Medien und betrifft vor allem sieben Behauptungen:

  1. Es gÀbe in Deutschland eine Zunahme von MasernfÀllen in den letzten Jahren und Monaten
  2. Es gÀbe in Deutschland eine Zunahme von Menschen, die Schutzimpfungen ablehnten.
  3. Die Durchimpfungsraten in Deutschland wĂ€ren wegen der zunehmenden ImpfmĂŒdigkeit/Impfskepsis zu niedrig und/oder sogar rĂŒcklĂ€ufig.
  4. Der Zeitpunkt, zu dem die Durchimpfungsraten erfasst/erreicht wĂŒrden sei zu spĂ€t, es seien ja vor allem die Kleinkinder, die gefĂ€hrdet seien.
  5. Das Problem wĂ€re vor allem die zweite Masernimpfung, die zu selten/zu spĂ€t verabreicht wĂŒrde und die fĂŒr den Schutz aber unerlĂ€sslich wĂ€re.
  6. Die Impfpflicht wÀre vor allem nötig, um die vielen FÀlle von SSPE (ErklÀrung s. u.) in Deutschland zu verhindern.
  7. An Masern stĂŒrben so viele Menschen, auch deshalb brĂ€uchte es in Deutschland eine Impfpflicht

 

Zu 1.

Bundesgesundheitsminister Spahn hĂ€lt es „fĂŒr einen Skandal, dass immer mehr [!] Kinder [!! s. u.] in Deutschland an Masern erkranken“ (BMG 2019), der Vorsitzende der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung weiss, dass sich „in den Praxen der niedergelassenen Ärzte zurzeit FĂ€lle von Masern hĂ€ufen“ (DÄ 2019) und auch die Tagesschau sieht angesichts der „Masern-Ausbreitung … auch in Deutschland … Grund zur Sorge“(Tagesschau 30.11.2018).

Schaut man jedoch auf die tatsĂ€chlichen, hochoffiziellen Masernzahlen, die das Robert Koch-Institut als zustĂ€ndige Behörde erfasst und veröffentlicht, wird deutlich, wie postfaktisch hier „argumentiert“ wird:

die im laufenden Jahr 2019 bisher erfassten Zahlen entlarven jede Behauptung von „Zunahme“ oder „HĂ€ufen“fĂŒr Deutschland als fake news – im ersten Quartal wurden zwar mehr FĂ€lle gemeldet als im Vergleichszeitraum 2018, aber weniger als in dem von 2017 oder 2015 und vor allem: weniger als im langjĂ€hrigen Durchschnitt in Deutschland in diesem Zeitfenster erfasst wurden (Update 07.08.2019: bis Ende der 29. Kalenderwoche liegen die 2019er Zahlen bei deutlich weniger als 40% des langjĂ€hrigen Durchschnitts fĂŒr diesen Zeitraum…).

 

Masern D nach KW

 

Und auch beim Blick auf den grĂ¶ĂŸeren Maßstab – die Entwicklung der Masernzahlen insgesamt in Deutschland pro Jahr – zeigt beim besten Willen keinen Trend zu irgendeiner, geschweige denn einer dramatischen Zunahme:

 

Masern D pro Jahr

 

Die internationalen Fallzahlen an Masern haben in den letzten Jahren tatsĂ€chlich zugenommen, auch in Europa – ob die Laut-Sprecher dieser hysterisierten Kampagne aber tatsĂ€chlich selber glauben, dass eine Masernimpfpflicht in Deutschland hilft, die Probleme mit den Masern in der Ukraine oder in RumĂ€nien in den Griff zu bekommen?

Der heute so moderne (und leider so oft hochnotwendige) „Faktencheck“ entlarvt alle Behauptungen ĂŒber eine Zunahme der MasernfĂ€lle in Deutschland als (populistische?) fake news  (zur europĂ€ischen Perspektive s.u. unter PS).

 

Zu 2.

Die hochoffizielle Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung BZgA geht der Frage der Einstellung Impfungen gegenĂŒber in einem eigenen Forschungsprojekt alle zwei Jahre nach.

In der aktuellsten Version, die das Jahr 2016 abbildet, heißt es unzweideutig (Hervorhebungen von mir): Der Anteil der Impfbefürworter ist im Vergleich zu den Vorgängerstudien aus den Jahren 2012 und 2014 signifikant gestiegen. Der Anteil der Allgemeinbevölkerung, der Impfungen grundsätzlich befürwortet, stieg um 17 Prozentpunkte, von 37 Prozent im Jahr 2012 auf 54 Prozent in 2016. Ein nahezu identisches Bild ergibt sich für Personen, die nach 1970 geboren worden sind. Hier stieg der Anteil der Impf- Befürworter im gleichen Zeitraum um 19 Prozentpunkte (von 34% in 2012 auf 53% in 2016). Parallel zu dieser Entwicklung ging insbesondere der Anteil derjenigen deutlich zurück, die teilweise Vorbehalte gegen das Impfen haben.

Ebenso eindeutig identifizieren die Forscher die Hauptursache fehlender Masernimpfungen: „Wissensdefizite sind das am häufigsten genannte Hindernis für die Inanspruchnahme einer Masernimpfung.“ (BZgA 2017).

 

Zu 3.

Betrachtet man die folgende Graphik in ihrem grĂŒnen Anteil, wird klar: auch ohne jede Zwangsmaßnahme sind seit mehr als 10 Jahre 97% der Eltern in Deutschland bereit, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen.

 

Masern in D nach Alter mit Impfquote

Diese Quote, die in Deutschland bei der Einschulungsuntersuchung erhoben wird, widerlegt in ihrer Höhe und in ihrer Konstanz jedwede Behauptung ĂŒber (zunehmende) ImpfmĂŒdigkeit in Deutschland.

 

Zu 4.

Der hier hĂ€ufig vorgebrachte Einwand, die Erhebung erfolge zu spĂ€t und es seien ja gerade die Kleinkinder vor der Einschulung, die besonders hĂ€ufig erkrankten und bei diesen sei die Impfquote niedriger, wird durch den SĂ€ulenanteil der oberen Graphik in’s Reich der Fabel verwiesen: auch wenn wir aufgrund des Erfassungssystems in Deutschland keine flĂ€chendeckenden Aussagen darĂŒber machen können, wie gut die Durchimpfungsrate bei 2-, 3-, oder 4-JĂ€hrigen ist, eines ist klar: sie spielen bezogen auf die Gesamtzahl der Masernerkrankung eine völlig untergeordnete Rolle. Masern werden – wie der damalige STIKO-Vorsitzende Jan Leidel schon 2011 feststellte – in Deutschland zunehmend eine Erkrankung Erwachsener (Kutter 2015, Löll 2011). Dies zeigt die folgende Analyse, die klar nachweist, dass sich das VerhĂ€ltnis von MasernfĂ€llen im Kindes- und Jugendlichenalter auf der einen und im Erwachsenenalter auf der anderen Seite in den letzten Jahren in Deutschland eindeutig zuungunsten der Erwachsenen verschiebt. 2018 waren erstmals mehr als die HĂ€lfte aller MasernfĂ€lle 18 Jahre und Ă€lter, 2019 steigt diese Quote mittlerweile auf 60% (Update 07.08.2019). Dabei muss bedacht werden, dass einer Studie des RKI zufolge gerade bei Erwachsenen viele MasernfĂ€lle ungemeldet bleiben (die Rate der Untererfassung von MasernfĂ€llen steigt mit dem Lebensalter der Erkrankten), demnach wĂ€re der Anteil der erwachsenen Masernpatienten an der Gesamtzahl der MasernfĂ€lle in Wirklichkeit noch grĂ¶ĂŸer (Takla 2014).

Dieser Effekt lÀsst sich so auch auf europÀischer Ebene beobachten: auch hier gehen die europÀischen Gesundheitsbehörden davon aus, dass die Krankheitslast an Masern im Erwachsenenalter unterschÀtzt wird und dennoch sind schon nach den gemeldeten Zahlen in 19 der EU/EAA-Staaten Erwachsene die von Masern am stÀrksten betroffen Altersgruppe (ECDC 2019a).

 

Masern D nach Kindern und Erwachsenen 2001 19

 

Eine Impfpflicht fĂŒr Erwachsene allerdings halten selbst Hardcore-Impfeuphoriker in Deutschland fĂŒr nicht durchsetzbar…

 

Zu 5.

Auch wenn die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen unablĂ€ssig das Gegenteil behaupten (zuletzt ein Sprecher des Berufsverbandes der KinderĂ€rzte in der Sendung heute+ vom 28.03.2019): die zweite Masernimpfung (MCV2) ist keineswegs unabdingbar fĂŒr einen sichern Schutz des einzelnen Kindes: 95% der im zweiten Lebensjahr geimpften Kinder sind nach einer Masernimpfung ĂŒber Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte, geschĂŒtzt. Die zweite Masernimpfung ist damit bei der ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrzahl der Geimpften fĂŒr die Schutzwirkung bedeutungslos (s. hier).

Die MCV2 dient einzig und allein dazu, die 5%, die beim ersten Mal keinen Schutz aufgebaut haben, ein zweites Mal zu impfen, und ihnen damit eine zweite Chance zu geben, Antikörper zu entwickeln. Sie erhöht damit natĂŒrlich auch den Anteil derer in der Bevölkerung, die einen Impfschutz gegen Masern haben – ein epidemiologisches Argument, unabhĂ€ngig von der Situation des einzelnen Kindes.

Dass die Impfquote fĂŒr die MCV2 in Deutschland so niedrig scheint, liegt auch an zwei Besonderheiten:

  • zum einen ist die MCV2 in (fast) keinem Land Europas so frĂŒh empfohlen, wie in Deutschland (ab 15. Lebensmonat) – immerhin 13 von 31 von der EuropĂ€ischen Gesundheitsbehörde ECDC erfassten LĂ€nder der erweiterten EU empfehlen die MCV2 ganz regulĂ€r erst nach dem 6. Geburtstag.
  • damit werden zum anderen in Deutschland mit der Erfassung im 6. Lebensjahr (Einschulungsuntersuchung) Kinder als „unzureichend Masern-geimpft“ erfasst und gemeldet, die in vielen anderen europĂ€ischen LĂ€ndern die MCV2 ganz empfehlungskonform noch nicht erhalten hĂ€tten….

Auch die nicht wirklich impfkritische WHO empfiehlt fĂŒr ein Land wie Deutschland (MCV1-Durchimpfung > 90% und Schulbesuch bei > 95% der Kinder) die Gabe der MCV 2 im Schulalter: „If MCV1 coverage is high (>90%) and school enrolment is high (>95%), administration of routine MCV2 at school entry may prove an effective strategy for achieving high coverage and preventing outbreaks in schools“ (WHO 2017). Dieser WHO-Empfehlung folgend dĂŒrfte die Durchimpfungsrate der MCV2 in Deutschland zum Erfassungszeitpunkt (Einschulungsuntersuchung, i. d. R. mehrere Monate, teilweise mehr als ein Jahr vor der Einschulung/school entry) eigentlich null sein….

Das „Problem“ der vermeintlich schlechten Durchimpfung mit der zweiten Masernimpfung entpuppt sich also bei nĂ€herem Betrachten erstens als hausgemacht und hĂ€lt zweitens einem Faktencheck schlicht nicht stand.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die SIKO, also die SĂ€chsische Impfkommission, sich ausdrĂŒcklich zu diesem von der WHO empfohlenen spĂ€teren Zeitpunkt der MCV2 bekennt, diese Empfehlung ausfĂŒhrlich wissenschaftlich fundiert und die STIKO fĂŒr ihre – so wörtlich – „Vorverlegung … ohne wissenschaftliche BegrĂŒndung“ unverblĂŒmt kritisiert (Beier 2017). Die vom BGH ja als „medizinischer Standard“ apostrophierte Impfempfehlung der STIKO ist also nicht einmal unter den deutschen Gesundheitsbehörden unumstritten…

Wie eklatant die Rolle der zweiten Masernimpfung und ihres Zeitpunkts in der aktuellen Diskussion in Deutschland auch fĂŒr die Epidemiologie ĂŒberschĂ€tzt wird, zeigen aktuelle Veröffentlichungen der ECDC (ECDC 2019) und der WHO (WHO 2019). Hier finden sich differenzierte Angaben zur HĂ€ufigkeit der Masern in den letzten 12 Monaten (jeweils bezogen auf 1.000.000 Einwohner), sowie zu Durchimpfungsraten der ersten (MCV 1) und zweiten (MCV 2) Masernimpfung und deren jeweils empfohlenem Zeitpunkt (Update 22.07.2019).

Masern EU 12 Monate Inzidenz MCV1u2

ECDC Measles Incidence Last 12 months

 

ECDC Vaccination Coverage MCV1 2 2017

 

Es fĂ€llt auf: zahlreiche LĂ€nder haben deutlich geringere MCV2-Impfquote als Deutschland und dennoch – bezogen auf ihre Einwohnerzahl – eine deutlich geringere Zahl von MasernfĂ€llen. Dies gilt unter anderem fĂŒr DĂ€nemark, Finnland, die Niederlande und Norwegen.

Es fĂ€llt auch auf: alle diese LĂ€nder impfen spĂŒrbar spĂ€ter, vor allem die MCV2. In den Niederlanden sind selbst nach dem neunten Lebensjahr viel weniger Kinder zweimal gegen Masern geimpft, als in Deutschland schon im sechsten  trotzdem erkrankten dort 2018 viel weniger Menschen an Masern, als im vergleichsweise „besser“, aber eben auch viel frĂŒher geimpften Deutschland (NĂ€heres zur Anzahl der Masernimpfdosen s. hier, zum Impfzeitpunkt hier).

Und es fĂ€llt auf: die Anzahl der LĂ€nder in Europa, die die mystifizierten 95% Durchimpfungsrate fĂŒr die MCV 2 der WHO erreichen, lĂ€sst sich fast an einer Hand abzĂ€hlen (es sind 6…).

Und: anders als aktuell gerne behauptet ist Deutschland bei den Masern keineswegs Schlusslicht in Europa – es liegt mit seiner auf die Einwohnerzahl bezogenen Masernfallzahl auf Platz 13 von 30 – nicht rĂŒhmlich, aber: 6 der 10 LĂ€nder mit einer Masernimpfpflicht liegen (teilweise deutlich) dahinter…

 

Zu 6.

Das vermeintlich ultimative Argument fĂŒr die Impfpflicht ist oft der notwendige Herdenschutz der SĂ€uglinge, die ein besonders hohes Risiko haben, Jahre nach der Masernerkrankung an einer schleichenden, immer tödlichen HirnentzĂŒndung, der so genannten Subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) zu erkranken.

Die tatsĂ€chliche HĂ€ufigkeit dieser Komplikation ist unbekannt –  RKI und WHO schĂ€tzen eine HĂ€ufigkeit von 1 bis 10 auf 10.000 bis 100.000 Erkrankte (WHO 2017, RKI 2010); da die SSPE aber erst Jahre (bis zu 25 Jahren) nach der Maserninfektion auftritt, sind diese Angaben mit einer Restunsicherheit behaftet. (Anders als z.B. verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig banale Erkrankungen wie Windpocken ist die SSPE in Deutschland nicht meldepflichtig…).

Eine Untersuchung der UniversitĂ€t WĂŒrzburg aus dem Jahr 2013 (Schönberger 2013) kam hier zu sehr beunruhigenden Ergebnissen: ausgehend von den deutschen SSPE-FĂ€llen der Jahre 2003 bis 2009 errechnet diese Studie ein Risiko fĂŒr SSPE bei Masern innerhalb der ersten fĂŒnf Lebensjahre von 1:1700 bis 1:3300 – allerdings beruhen diese Zahlen nach der EinschĂ€tzung des industrieunabhĂ€ngigen arznei-telegramm „auf mehreren SchĂ€tzungen, die miteinander verknĂŒpft werden, und ist daher unseres Erachtens weniger zuverlĂ€ssig“ (at 2013). International werden die WĂŒrzburger Zahlen nicht ernst genommen – das WHO Position Paper zur Masernimpfung erschien 4 Jahre nach der WĂŒrzburger Studie und ignoriert diese völlig (WHO 2017). Einer britischen Untersuchung zufolge scheint das SSPE-Risiko umso höher zu sein, je jĂŒnger die betroffenen Masernkranken sind, das höchste Risiko scheint bei einer Masernerkrankung im ersten Lebensjahr zu bestehen (Miller 2004).

In Deutschland erkrankten zwischen 2001 und 2018 an Masern

  • etwa 1200 SĂ€uglinge
  • etwa 26.000 Menschen insgesamt

Legt man also die internationalen SchĂ€tzungen von einem Fall von SSPE auf 10.000 – 100.000 Erkrankungen zu Grunde bedeutete dies fĂŒr Deutschland, dass rein statistisch nicht einmal mit einem Fall von SSPE nach SĂ€uglingsmasern zu rechnen wĂ€re. Selbst bei Annahme der WĂŒrzburger Zahlen fĂŒr SĂ€uglinge blieben die SSPE-FĂ€lle im betrachteten Zeitraum buchstĂ€blich (fraglos tragische) EinzelfĂ€lle. Es stellt sich hier die Frage, ob angesichts der in Deutschland juristisch jedem Rechtsakt zu Grunde liegenden VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit mit diesen Einzelschicksalen eine GrundrechtseinschrĂ€nkung fĂŒr Millionen fĂŒr Menschen gerechtfertigt werden kann.

 

Zu 7.

Die gleiche Überlegung der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit stellt sich auch bei der Betrachtung der TodesfĂ€lle an Masern in Deutschland, denn auch mit diesen wird auch in der aktuellen Diskussion die Forerung nach einer Impfpflicht gerechtfertigt. In der aktuellen Diskussion werden hier gerne absolute Zahlen der WHO ĂŒbernommen, wie viele Menschen weltweit jedes Jahr an Masern stĂŒrben. FĂŒr LĂ€nder wie Deutschland geht die WHO von einer Sterblichkeit von 1: 1000 bis 1 : 10.000 aus (WHO 2017)

Konkret sind in Deutschland folgende SterbefÀlle erfasst (gbe-bund.de (RKI und DeStatis)).

 

Masern   TodesfÀlle D

 

Untersucht man diese TodesfÀlle nÀher, zeigt sich

  • seit 2001 ist in D ein SĂ€ugling an Masern gestorben (2001)
  • seit 2001 sind in D (inklusive dieses SĂ€uglings) 7 Kinder unter 15 Jahren im Rahmen einer akuten Masernerkrankung gestorben.
  • seit 2001 sind in D insgesamt 59 Menschen an der so genannten Subakut sklerosierenden Panenzephalitis SSPE verstorben – fast 25% dieser TodesfĂ€lle betrafen Menschen nicht-deutscher Herkunft. Dies ist deswegen nicht unerheblich, weil die Erhebungsstelle fĂŒr seltene pĂ€diatrische Erkrankungen in Deutschland ESPED bei einer Analyse der SSPE-FĂ€lle in Deutschland schon frĂŒh auf einen hohen Anteil von Patienten mit Migrationshintergrund hinwies und die Möglichkeit, dass die verantwortliche Masernerkrankung unter UmstĂ€nden im Ausland erworben worden sei. DarĂŒber hinaus gibt es – lt. ESPED – auslĂ€ndische Patienten mit SSPE die teilweise eigens zur Therapie der Erkrankung nach Deutschland  gereist seien (ESPED 2007). Die ESPED selber kommt bei Ihren Studien zu einem noch deutlich höheren Anteil von Patienten mit Migrationshintergrund: bei ihrer Erhebung war dieser bei 12 von 17 Kindern mit SSPE vorhanden.
  • (Die Analysen der NationalitĂ€t dienen ausschließlich dazu, den möglichen Effekt einer Masernimpfpflicht in Deutschland auf SSPE-Erkrankungen in Deutschland zu relativieren – denn Fallzahlen von Patienten, die ihre Masernerkrankung  oder gar noch den Beginn der SSPE im Ausland durchlebt haben, wĂŒrde von einer Masernimpfpflicht in Deutschland naturgemĂ€ĂŸ in keiner Weise verringert.)

 

Auch hier kann es nicht darum gehen, die tragischen Einzelschicksale zynisch zu ignorieren, sondern sie ethisch und juristisch auf VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit angesichts der diskutierten EinschrĂ€nkung grundgesetzlich verbriefter Grundrechte fĂŒr die Gesamtbevölkerung zu prĂŒfen.

Ebenfalls nicht ignoriert werden darf hier, dass in Deutschland in den letzten 5 Jahren mindestens 2 Kinder nachweislich und vom zustĂ€ndigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) veröffentlicht an der MMR-Impfung verstorben sind (Mentzer 2016) – weitere, dem PEI gemeldete TodesfĂ€lle nach MMR-Impfung konnten aufgrund unvollstĂ€ndiger Daten in ihrem Zusammenhang zur Impfung nicht abschließend beurteilt werden.

 


PS: nicht einmal im europĂ€ischen Maßstab erweist sich die Behauptung einer Zunahme der MasernfĂ€lle als stichhaltig – eine Analyse der Maserninzidenzen (MasernfĂ€lle pro 1.000.000 Einwohner und Jahr) der letzten 10 Jahre lĂ€sst hier keinerlei, geschweige denn einen dramatischen Anstieg erkennen:

 

Maserninzidenz EU und D 2009 18

 

PPS: die Zunahme der Inzidenz in den LĂ€ndern mit einer Masernimpfpflicht im Jahr 2018 liegt neben einem grĂ¶ĂŸeren Ausbruch in der Slovakei (Inzidenz 105/1.000.000/a) auch an der EinfĂŒhrung dieser Impfpflicht in Frankreich und Italien mit ihren jeweiligen Masernepidemien (Inzidenzen jeweils 43 bzw. 44/1.000.000/a).

 

Literatur

arznei-telegramm 2013. Jahrgang 44, Nr. 10

Beier D. SIKO aktualisiert Impfempfehlungen bei Masern-Mumps-Röteln, Influenza, Hepatitis B und HPV. KVS-Mitteilung Heft 2/2017. Abruf 07.04.2019

BMG. 2019. Spahn offen fĂŒr Impfpflicht. Abruf 29.03.2019

BZgA. 2017. Einstellungen, Wissen und Verhalten von Erwachsenen und Eltern gegenüber Impfungen – Ergebnisse der Repräsentativbefragung 2016 zum Infektionsschutz.

Dt. Ärzteblatt. 2019. Gesundheits­ministerium begrĂŒĂŸt Debatte ĂŒber Impfpflicht gegen Masern. Abruf 29.03.2019

ECDC. 2019. Monthly measles and rubella report. July 2019. Abruf 22.07.2019

ECDC. 2019a. Risk-Assessment – Who is at risk for measles in the EU/EAA. Stockholm 2019.

ESPED. 2007. ESPED-Jahresbericht 2007. Abruf 15.05.2019

Kutter S. 2015. Eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen. WirtschaftsWoche 24.02.2015. Abruf 30.03.2019

Löll C. 2011. Masern auf dem Weg zur Erwachsenen-Krankheit. Die Welt 25.10.2011. Abruf 30.03.2019

Mentzer D. 2016. Daten zur Pharmakovigilanz von Impfstoffen aus dem Jahr 2014. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2016 (2): 12-19. Abruf 24.05.2019

Schönberger K. PLoS ONE 8(7): e68909. doi:10.1371/journal.pone.0068909

Tagesschau. 2018. Masern-Ausbreitung alarmiert WHO. Abruf 29.03.2019

Takla A. 2014. Bull World Health Organ. 92:742–749

WHO. 2017. Measles Vaccines – WHO Position Paper – April 2017.

WHO. 2019. Progress towards measles elimination in the WHO European Region, 2009–2018. 18:213–224. Abruf 03.05.2019

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