Nach der konventionellen Sichtweise sind Russland und China separate Imperien, die nur begrenzt miteinander kooperieren. So sei die Regierung in Peking beispielsweise nur Wochen vorab informiert worden ĂŒber den Angriff Russlands gegen die Ukraine. Das Dauerfeuer mit ArtilleriegeschĂŒtzen und Mehrfach-Raketenwerfern habe die russischen Arsenale geleert und Putin soll tatsĂ€chlich die Illusion geglaubt haben, ein Land von der GröĂe Frankreichs mit nur 200.000 schlecht motivierten Soldaten und minimalen Luftwaffe-Operationen einnehmen zu können. Die NATO versuche, die Ukraine lange genug zu stĂŒtzen bis zu einer Art Friedensvertrag, und zusĂ€tzlich irgendeinen Deal zu bekommen, bei dem China sich nicht in die Ukraine einmischt und gleichzeitig Taiwan in Ruhe lĂ€sst. Einige US Republicans und entsprechende Medien erzĂ€hlen bereits dem konservativen Zielpublikum, dass man besser die Ukraine opfern soll, weil man Russland als Partner brauche gegen die kommunistischen Chinesen.
Was ist aber, wenn Russland und China bereits vor Jahren miteinander koordinierten und planten im Hinblick auf einen kommenden Ukrainekrieg? Was ist, wenn der Ukrainekrieg nur Teil eines mehrstufigen Plans ist, um die NATO in mehrere KriegsschauplĂ€tze weltweit gleichzeitig zu verwickeln? Jeglicher Versuch der NATO, Russland und China gegeneinander auszuspielen, oder den beiden Imperien ZugestĂ€ndnisse zu machen, wĂ€re ein Eigentor. China könnte ĂŒber die selbst geschaffene Infrastruktur der Handelsrouten hunderttausende Truppen und massig AusrĂŒstung bis in die Ukraine bringen und dort die Entscheidung erzwingen.
Im Kalten Krieg war der Kommunismus oberflĂ€chlich betrachtet das verbindende Element und gleichzeitig der Auslöser von Spannungen zwischen Russland und China. Die westliche Welt fragte sich: Dominiert Russland die Kommunistische Partei Chinas? Wird China dies tolerieren? FĂŒr wen spielt die kommunistische Ideologie angesichts von gravierenden Effizienzproblemen welche Rolle? Wachsen die Partner im Laufe der Zeit auseinander? WĂŒrde der eine Partner den anderen hintergehen? Sind die Chinesen mit ihrer Ethnie und ihrer mehrtausendjĂ€hrigen Kultur einfach zu anders als die Russen? Diese Zweifel fĂŒhrten immer wieder dazu, dass insbesondere die USA wichtige Technologie an den Ostblock verkauften und weitere Handelsbeziehungen intensivierte; jeweils mit der ErklĂ€rung, man wolle die Chinesen als Gegengewicht zu Sowjetrussland fördern und umgekehrt. Das Ende der Sowjetunion schien Russland und China noch viel weiter auseinanderzutreiben.
Manche Konservative und sowjetische ĂberlĂ€ufer warnten wĂ€hrend des Kalten Kriegs vor einer Langzeitstrategie der Kommunisten; dass jene irgendwann zusammen gegen den Westen zuschlagen. Aber selbst diese Stimmen waren zu schwach, weil nicht einmal sie wirklich verstanden, wie nahe sich die Russen und die Chinesen an der Spitze waren.
Nachdem der KGB-Agent Anatoliy Golitsyn in den Westen ĂŒberlief, veröffentlichte er ein Buch, welches angeblich die ungefilterte Wahrheit enthĂŒllt, mit dem Titel âNEW LIES FOR OLD – The Communist Strategy of Deception and Disinformation. Der berĂŒchtigte CIA-Spionageabwehrdirektor James Angleton betrachtete Golitsyn als âden wertvollsten ĂberlĂ€ufer, der jemals den Westen erreicht hatâ und Britannien verlieh ihm den „Orden des britischen Imperiums“. Er mag Informationen von Wert geliefert haben ĂŒber KGB-Agenten und Operationen, aber gerade bei dem fĂŒr uns heute so wichtigen Thema China scheint er eher einen gefĂ€hrlichen Mythos zu fördern als zu entkrĂ€ften. Er verrĂ€t nur das, was man sich ohnehin zusammenreimen konnte, nĂ€mlich dass Sowjetrussland und das kommunistische China hin und wieder aus strategischen GrĂŒnden in der Ăffentlichkeit gezielt ihre Differenzen beklagten, anstatt konstant das Bild von harmonischer unerschĂŒtterlicher kommunistischer Bruderschaft nach auĂen zu tragen. Dennoch stellt Golitsyn die Lage so dar, als hĂ€tten die beiden Imperien sich tatsĂ€chlich sehr frĂŒh voneinander getrennt und wĂŒrden nur miteinander kooperieren. UnzĂ€hlige Informationen aus verschiedenen Quellen ergeben jedoch ein gewaltiges MaĂ an Kontrolle Moskaus ĂŒber die chinesischen Kommunisten von Anfang an; selbst vor der Revolution unter Mao. Die Chinesen durchliefen russische Ausbildungseinrichtungen und wurden stĂ€ndig auf ihre Moskautreue hin getestet und notfalls ausgetauscht. Das Geld kam aus Russland, das entscheidende KriegsgerĂ€t und die MilitĂ€rberater. Nach gelungener Revolution erfolgte die Sowjetisierung Chinas exakt nach den WĂŒnschen Stalins; genauso wie osteuropĂ€ische Staaten von Moskau völlig vereinnahmt worden waren. Nach strikter imperialer und geheimdienstlicher Logik hĂ€tte Russland die maximale Kontrolle angestrebt und durch eine geheimdienstliche Saturation dauerhaft beibehalten. Nach dem Ende der Sowjetunion lieĂ man in Osteuropa locker, aber in China und Nordkorea (wo Beria und Stalin höchstpersönlich Kim Il Sung als Marionette installiert hatten) gab es keine Befreiung von der Diktatur. Warum soll ausgerechnet China eine EigenstĂ€ndigkeit erlaubt worden sein, inklusive Atomwaffen? Warum wird nie auch nur die Möglichkeit gezielt öffentlich angesprochen und untersucht, dass Moskau China komplett kontrolliert seit Mao? Warum gilt die EinschĂ€tzung des KGB-ĂberlĂ€ufers Anatoliy Golitsyn als die tiefst-mögliche? Man muss die bedeutenden ĂberlĂ€ufer gelesen haben, aber sich immerzu dabei bewusst sein darĂŒber, dass jene nie Zugang zu den höchsten Levels an Geheimhaltung hatten, selbst auf ihrer Ebene nur einen Teil der Operationen einsehen konnten, und dass jene nach dem Ăberlaufen allesamt informationstechnisch abgeschöpft wurden durch westliche Geheimdienste und nur ausgewĂ€hlte Informationen in den BĂŒchern landen durften. Von echten EnthĂŒllungen erwarten wir, dass tatsĂ€chliche Geheimnisse verraten werden und wir wirklich neue Sichtweisen erhalten.
Golitsyn „enthĂŒllt“ lediglich Dinge, die kaum verhĂŒllt waren:
Von Zum Beispiel sagte Stalin im Juni 1944 zu Averell Harriman, dem damaligen US-Botschafter in Moskau, dass die chinesischen Kommunisten keine echten, sondern „Margarine“-Kommunisten seien. Im August 1944 sagte Molotow, der damalige sowjetische AuĂenminister, Patrick Hurley und Donald Nelson, den beiden persönlichen Vertretern von PrĂ€sident Roosevelt in Chungking, dass viele der sogenannten chinesischen Kommunisten einfach verzweifelt arme Leute seien, die diese politische Neigung vergessen wĂŒrden, wenn sich ihre wirtschaftliche Lage verbessert. Im Sommer 1945 sagte Stalin, der chinesische Kommunismus tauge nicht viel.
Weitere Fake-Zusicherungen, dass chinesische Kommunisten keine echten Kommunisten seien, wurden von der sowjetischen FĂŒhrung in Potsdam im Juli 1945 und in Moskau im September 1945 verlautbart. Mao habe gleichzeitig öffentlich gelogen, zuwenig Hilfe von Sowjetrussland erhalten zu haben.
Der Autor [Golitsyn] erfuhr von einer sowjetischen Entscheidung, die nach geheimen Verhandlungen mit einer hochrangigen KPCh-Delegation in Moskau im Herbst 1946 getroffen wurde, die sowjetische MilitĂ€rhilfe fĂŒr die KPCh zu verstĂ€rken; Der sowjetische Generalstab, der militĂ€rische Geheimdienst und das Verkehrsministerium wurden alle angewiesen, der kommunistischen Armee Chinas Vorrang einzurĂ€umen.
FĂŒr die westlichen Geheimdienste war es ein Kinderspiel, die öffentlichen Aussagen Stalins und Maos zu durchschauen. Golitsyn verrĂ€t ĂŒberhaupt nichts Besonderes und verbreitet darĂŒber hinaus eine verheerende FalscheinschĂ€tzung:
Mao wurde von Stalin mitgeteilt, dass die gesamte sowjetische Geheimdienstarbeit in China eingestellt worden sei und dass die Namen ehemaliger sowjetischer Agenten in China dem chinesischen Geheimdienst bekannt gegeben wĂŒrden.
Russland gab nur ein paar Agenten auf, um den Anschein zu erwecken, China in eine Art UnabhÀngigkeit zu entlassen. Genauso verrÀt Golitsyn nur ein paar Belanglosigkeiten, um den Anschein zu erwecken, ehrlich die Beziehung zwischen Russland und China zu beschreiben:
Es wĂ€re völlig falsch, China damals als sowjetischen Satelliten zu betrachten. Das AusmaĂ der sowjetischen Infiltration und Kontrolle ĂŒber die chinesische Partei und Regierung war gering im Vergleich zu dem ĂŒber die osteuropĂ€ischen Satelliten; es war im GroĂen und Ganzen auf Sinkiang und die Mandschurei beschrĂ€nkt.
Warum soll es gering gewesen sein? Erstens widerspricht es zahllosen Fakten und zweitens widerspricht es grundlegender imperialer und geheimdienstlicher Logik. Laut Golitsyn wĂ€re Moskau ein gewaltiges Risiko eingegangen, ohne dabei das eigene Investment abzusichern. Völlig fremden Asiaten, aus einer völlig fremden Kultur, mit einer fremden wirtschaftlich-gesellschaftlichen Tradition und Ausgangslage, seien in einem flĂ€chenmĂ€Ăig und bevölkerungsmĂ€Ăig gigantischen Land an die Macht gebracht worden, in der Hoffnung, dass jene nicht nach kĂŒrzester Zeit den Kommunismus links liegen lassen und nur noch das tun, was ihrem neuen Empire nĂŒtzt.
Golitsyn „enthĂŒllt“, dass Stalin nicht ganz ehrlich gewesen sei und ein paar Agenten und Tarnadressen in China behielt, anstatt jene abzuziehen und/oder gegenĂŒber den Chinesen zu enttarnen.
Die schwerste aller Meinungsverschiedenheiten entstand ĂŒber den Koreakrieg, den Stalin begann, ohne Mao vollstĂ€ndig ins Vertrauen gezogen zu haben.
Es ist keine simple „Meinungsverschiedenheit“ wenn Stalin vor Chinas HaustĂŒr einen Krieg beginnt, die FĂ€den zieht bei den Nordkoreanern und dann verlangt, dass China auf eigene Kosten hunderttausende wertvolle Truppen bereitstellt und deren Komplettverlust riskiert. Inzwischen wissen wir, dass Mao mit der SowjetfĂŒhrung (wie ĂŒblich) auf einer Linie war und brav die Soldaten mobilisierte. Es ist unklar, ob Stalin wirklich vor dem Koreakrieg den Amerikanischen Beteuerungen geglaubt hatte, die USA habe kein Interesse sich in Asien einzumischen. So oder so war Stalin verantwortlich und chinesische Truppen waren entscheidend. Daten aus offiziellen chinesischen Quellen berichteten, dass die Chinesen wĂ€hrend des Krieges 114.000 TodesfĂ€lle im Kampf, 34.000 TodesfĂ€lle auĂerhalb des Kampfes, 340.000 Verwundete und 7.600 Vermisste zu verzeichnen hatten.
Golitsyn erzÀhlt eine manipulative Darstellung:
Die Sowjets schlugen vor, dass die Chinesen den Nordkoreanern Truppen zu Hilfe schicken sollten. Wenig ĂŒberraschend weigerten sich die Chinesen zunĂ€chst. Erst nachdem massiver sowjetischer Druck ausgeĂŒbt worden war, der in einem geheimen und persönlichen Brief Stalins an Mao gipfelte, erklĂ€rten sich die Chinesen bereit, „Freiwillige“ nach Korea zu schicken.
Die sowjetische Wirtschafts- und MilitĂ€rhilfe fĂŒr China wurde verstĂ€rkt. Am 17. Januar 1955 kĂŒndigte die Sowjetregierung an, China beim Aufbau von Kernforschungseinrichtungen zu unterstĂŒtzen. SpĂ€ter verpflichtete sich die UdSSR zum Bau eines Kernreaktors in China, der bis MĂ€rz 1958 betriebsbereit sein sollte.
Es gab zwar durchaus erhebliche Bedenken bei chinesischen GenerÀlen, aber Golitsyn zementiert hier die Legende, dass Russland und China völlig voneinander getrennte Imperien waren, die ganz und gar nicht begeistert miteinander kooperierten und dass Russland Zuckerbrot und Peitsche in erheblichem Umfang einsetzen musste.
Die frĂŒhere Entscheidung, alle ehemaligen sowjetischen Agenten in China gegenĂŒber den Chinesen offenzulegen, wurde ohne Ausnahmen vollstĂ€ndig in Kraft gesetzt.
VollstÀndig ohne Ausnahmen? Wie kann sich Golitsyn so sicher sein? Er war nur Major im KGB. Es deutet viel darauf hin, dass Russland nur ein paar eigene Agenten enttarnte als symbolische plakative Geste.
Danach entsandte der sowjetische Geheimdienst auf chinesischen Wunsch hin eine Reihe seiner fĂŒhrenden Experten zu Themen wie wissenschaftlicher AufklĂ€rung, dem Eindringen in westliche Botschaften in Moskau, dem physischen Schutz von Nuklear- und Raketenanlagen und der Herstellung von AudioĂŒberwachungsgerĂ€ten , und die DurchfĂŒhrung von Sabotage- und Attentatsoperationen. Der Status und die Funktionen der sowjetischen Berater, einschlieĂlich der Geheimdienst- und Sicherheitsberater, wurden zur chinesischen Zufriedenheit geregelt.
Woher will sich der ehemalige KGB-Major so sicher sein? Warum soll China einen Sonderstatus auf Augenhöhe erhalten haben, wĂ€hrend in Osteuropa Staaten völlig unter Kontrolle waren? Es ist bekannt, wie viele SĂ€uberungen unter Maos Herrschaft stattfanden und wie praktisch alle bedeutenden chinesischen Revoluzzer russische Ausbildungslager durchlaufen hatten. Es wĂ€re völlig naheliegend gewesen fĂŒr Moskau, den chinesischen Regierungsapparat zu durchseuchen mit Agenten, die voneinander nichts wissen. Auf diese Weise lieĂen sich die VerrĂ€ter im Bezug auf Moskaus Interessen schnell identifizieren und beseitigen. Golitsyn entlarvt kein russisch-chinesisches TĂ€uschungsmanöver, sondern beteiligt sich wissentlich oder unwissentlich an einem russisch-chinesischen TĂ€uschungsmanöver.
Die Rolle der Berater beschrÀnkte sich auf Beratung und Koordinierung. Eine Einmischung in die internen Verwaltungsangelegenheiten der chinesischen Dienste wurde ausgeschlossen. Die Sowjets behandelten die chinesischen Dienste wirklich als gleich im Status, wenn nicht in der Erfahrung.
Schon wieder macht der KGB-Major definitive, umfassende Aussagen mit Worten wie „ausgeschlossen“ und „wirklich“. 1958 soll der neue KGB-Chef Schelepin laut der Darstellung von Golitsyn nach einem China-Besuch dermaĂen beeindruckt gewesen sein von den chinesischen Geheimdiensten und deren „geschickten“ Umgang mit Dissidenten, dass er empfohlen hĂ€tte, dass der KGB sich davon eine Scheibe abschneidet und von den Chinesen lernt. In Wirklichkeit hatten die Chinesen nur Basis-Training vom KGB erhalten, ohne dass ihnen beigebracht wurde, wie man die russische Kontrolle abschĂŒttelt und Russland ausspioniert. Golitsyn wirft dem Leser ein paar letztendlich wertlose Brocken an Informationen hin, um glaubwĂŒrdiger zu wirken:
Mehr als ein Jahr nach dem gemeldeten Abzug sowjetischer Wirtschafts- und Technikspezialisten aus China, im Juli/August 1960, waren zumindest einige der KGB-Berater dort immer noch vor Ort. Ein ehemaliger Kollege und Freund des Autors, der nach China geschickt worden war, um ĂŒber den physischen Schutz chinesischer Nuklearanlagen zu beraten, hielt sich im November 1961 noch in China auf.
Es ist die gröĂtmögliche Ironie, dass Golitsyn AufklĂ€rung darĂŒber verspricht, dass Russland und China Spannungen zwischen einander vorgetĂ€uscht oder ĂŒbertrieben hĂ€tte, aber letztendlich selbst irrefĂŒhrende Informationen liefert ĂŒber vermeintliche, erhebliche Spannungen.
Die fehlende SensibilitĂ€t von Stalins Umgang mit den chinesisch-sowjetischen und anderen Beziehungen innerhalb des Blocks hĂ€tte, wenn sie nicht korrigiert worden wĂ€re, zu einer echten chinesisch-sowjetischen Spaltung analog der Spaltung mit Tito gefĂŒhrt. TatsĂ€chlich wurden aber rechtzeitig die notwendigen KorrekturmaĂnahmen ergriffen. Bis Ende 1957 gab es keine offenen Differenzen mehr zwischen den Mitgliedern des Blocks.
Beinahe sei es also zu einer echten Spaltung gekommen, die nur durch „korrekturmaĂnahmen“ abgewendet werden konnte. Das ist ebenso absurd, als wenn jemand behaupten wĂŒrde, es sei beinahe zu einem russisch-polnischen Bruch gekommen wegen Stalins Grobheit, aber nach Stalins Tod hĂ€tten die Sowjets die Wogen geglĂ€ttet zur polnischen Zufriedenheit. Stalin hin oder her; Moskau gab die Linie vor und die anderen LĂ€nder hatten zu folgen. Echte Opposition wĂ€re durch die Spionage schnell aufgeflogen.
Golitsyn rattert alle möglichen Scheinbeweise herunter dafĂŒr, wie geteilt Russland und China gewesen wĂ€ren:
Diese inoffiziellen Beweise, viele davon rĂŒckblickend, deuteten auf eine Verschlechterung der Partei- und diplomatischen Zusammenarbeit im Jahr 1959 hin, sowie auf eine Beendigung der sowjetischen militĂ€rischen und nuklearen Zusammenarbeit in diesem Jahr und auf die Einstellung der sowjetischen Wirtschaftshilfe fĂŒr China im Jahr 1960 hin.
Ab Ende 1961 tauchten sogar in den offiziellen kommunistischen Quellen Hinweise auf chinesisch-sowjetische Differenzen auf.
Reibereien und Konkurrenzkampf zwischen der sowjetischen und der chinesischen Delegation bei den Treffen internationaler Frontorganisationen wurden auffĂ€llig. […] WĂ€hrend der zweiten Periode der Spaltung wurde die Existenz von Differenzen voll anerkannt. Ein angeblicher Versuch, sie beizulegen, wurde unternommen, als eine hochrangige chinesische Parteidelegation im Juli 1963 Moskau zu GesprĂ€chen besuchte. Die GesprĂ€che scheiterten offenbar und es begann eine öffentliche Polemik zwischen den Parteien. Bislang geheime Parteibriefe, die Differenzen zwischen den Parteien offenbarten, wurden in der sowjetischen und chinesischen Presse veröffentlicht. Einige chinesische Diplomaten wurden aus der Sowjetunion ausgewiesen, weil sie FlugblĂ€tter verteilt hatten.
Golitsyn ist kein EnthĂŒller, sondern hĂ€lt sich ziemlich eng an der gewöhnlichen Sichtweise, Russland und China seien separate und zerstrittene Imperien, die sich kĂŒnftig entweder zusammenraufen können oder eben nicht.
In der dritten Periode, die ungefĂ€hr 1969 begann, drĂŒckte sich die offensichtliche Verschlechterung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen sowohl in Taten als auch in Worten aus. An der chinesisch-sowjetischen Grenze wurden TruppenstĂ€rken aufgebaut.
Zwischen den beiden LĂ€ndern kam es vor dem Hintergrund gegenseitiger VorwĂŒrfe des âHegemonismusâ zu GrenzzwischenfĂ€llen. China begann öffentlich und systematisch, eine entgegengesetzte Position zur Sowjetunion in Bezug auf die NATO, den Warschauer Pakt, die EWG, die Entspannung, die AbrĂŒstung, die europĂ€ische Sicherheit und viele Dritte-Welt-Fragen, einschlieĂlich der sowjetischen Intervention in Afghanistan, einzunehmen.
Dass Russland und China nicht gar ihre diplomatischen Beziehungen abbrachen oder anfingen, aufeinander zu schieĂen, sondern zĂ€hneknirschend nebeneinander vor sich hinlebten, sei quasi das groĂe kommunistische TĂ€uschungsmanöver, dass Golitsyn hier zu enthĂŒllen vorgibt.
Auch der chinesisch-sowjetische Vertrag ĂŒber Freundschaft, gegenseitige Zusammenarbeit und Beistand wurde nicht aufgehoben. Bis 1980 verpflichtete sich jede Seite, die andere im Notfall zu unterstĂŒtzen.
Wo genau in Golitsyns Buch wird ĂŒberhaupt ein nennenswertes Geheimnis verraten?
Warum sollten die sowjetischen und chinesischen FĂŒhrer die westliche Aufmerksamkeit absichtlich auf die Existenz eines Streits lenken, den sie sich bemĂŒhten, vor ihren eigenen Parteien und der Bevölkerung zu verbergen, es sei denn, sie könnten damit ihren gegenseitigen Interessen bei der Förderung ihrer kĂŒrzlich vereinbarten langfristigen Politik dienen?
Nach Golitsyns Darstellung wĂ€re aber der Pakt zwischen Russland und China nur ein gewöhnlicher Pakt zwischen zwei völlig separaten Imperien und bekanntermaĂen können sich solche Kalkulationen ja stĂ€ndig Ă€ndern, je nachdem was beispielsweise die USA anbieten. Und dann sind wir wieder genau bei den idiotischen Vorstellungen, man könne doch vielleicht Russland mit ZugestĂ€ndnissen gegen China ausspielen und umgekehrt. Auf genau diesen Vorstellungen basierten die erheblichen TechnologieverkĂ€ufe der USA an den Ostblock und gewaltiges Appeasement. Auf diesen Vorstellungen basierten auch letztendlich die Probleme, die Deutschland nun hat, nĂ€mlich die EnergieabhĂ€ngigkeit von Russland und die Handels-Verstrickungen mit China. FĂ€llt China als Handelspartner aus wegen internationalen Spannungen, wĂŒrde dies die deutsche Wirtschaft gefĂ€hrden. WĂ€re man sich frĂŒhzeitig öffentlich darĂŒber bewusst gewesen, dass Russland und China womöglich ein- und dasselbe Empire sind, hĂ€tten wir uns nicht so abhĂ€ngig gemacht.
Golitsyn akzeptiert praktisch jeden einzelnen Punkt angeblicher InkompatibilitĂ€t zwischen Russland und China: Das wirtschaftliche Ungleichgewicht ĂŒber einen langen Zeitraum, die Einstellung von sowjetischen Wirtschaftshilfen, das Scheitern der kommunistischen Ideologie in der Praxis unter Mao, starke kulturelle und historische Unterschiede, und sogar klassicher Streit um Territorium:
Die Geltendmachung nationaler chinesischer Interessen zeigt sich in chinesischen AnsprĂŒchen auf taiwanesisches, indisches und Ă€uĂeres mongolisches Territorium und in Forderungen nach Revision âungleicher VertrĂ€geâ aus dem 19. Jahrhundert, die bestimmte chinesische Territorien Russland zusprachen. Sowjetisches nationales Selbstbewusstsein zeigte sich in sowjetischen Versuchen, eine Revolte in Sinkiang und unter Stammesgruppen an der Grenze zu China anzuzetteln, und in sowjetischen Beschwerden ĂŒber chinesische Grenzverletzungen, die sich nach offiziellen sowjetischen Quellen allein im Jahr 1962 auf fĂŒnftausend beliefen.
Golitsyn warnt zwar, dass „zu einem spĂ€teren Zeitpunkt den kommunistischen Strategen die Option bleibt, die Spaltung zu beenden und die Strategie der geballten Faust zu ĂŒbernehmen“, aber er fokussiert nur oberflĂ€chlich auf die kommunistische Ideologie (die heute in Russland keine nennenswerte Rolle mehr spielt) und betrachtet Russland und China anderweitig als völlig getrennt voneinander.
Abschirmung
Die Frage nach einem heimlichen Kartell der Russen und Chinesen zu untersuchen, fĂŒhrt unweigerlich zu der erweiterten Untersuchung, ob die Briten und Amerikaner ebenfalls Teil des heimlichen Kartells sind. Ob die drei SupermĂ€chte gemeinsame Wurzeln besitzen und ohne die andauernde Geheimhaltung der realen VerhĂ€ltnisse ihren Status einbĂŒĂen oder gar zerfallen wĂŒrden.
Die gewaltigen westlichen Hilfen an den Ostblock wurden bisher auf verschiedene unsinnige und widersprĂŒchliche Weisen „erklĂ€rt“:
- Man hÀtte beabsichtigt, China zu helfen als Gegengewicht gegen Russland. Dies ergibt per se schon keinen Sinn.
- Man hĂ€tte beabsichtigt, Russland zu helfen als Gegengewicht gegen China. Dies ergibt per se und insbesondere im Hinblick auf den letzten Punkt ĂŒberhaupt keinen Sinn. Warum zwei Gegner gleichzeitig supporten?
- Man hĂ€tte naiv gehofft auf Wandel durch Handel. Um dies zu glauben, mĂŒssten entscheidende Vertreter der angloamerikanischen Supermacht unrealistisch dumm sein.
- Russland und China seien völlig getrennte Imperien, was das Risiko von Handel vermindere. Man soll sich dabei im Endeffekt auf sowjetische und chinesisch-kommunistische Quellen verlassen.
- Die „Weisen von Zion“ hĂ€tten im Ostblock den Kommunismus angeleiert und ĂŒber zumeist linke Politiker im Westen zusĂ€tzlich den Ostkommunismus gefördert. Es gibt aber keine Weisen von Zion.
Eine Besatzung Chinas durch Stalin
Chinas kommunistische Revolution ist Teil des Staatskultes. Mao gilt als GrĂŒndervater und sein âlanger Marschâ als Mythos. Im Endeffekt handelte es sich jedoch um eine von langer Hand durch Russland geplante, finanzierte und ĂŒberwachte Operation. Alle bedeutenden chinesischen Kommunisten waren in Stalins Institutionen ausgebildet worden. Wer heimlich Ă€uĂerte, keine Treue zu Moskau zu verspĂŒren, wurde umgehend beseitigt und ausgetauscht. Maos knallhartes Programm war 1:1 von Stalin ĂŒbernommen. Es war Stalin der die AusrĂŒstung Maos bezahlte und die MilitĂ€raktionen planen lieĂ. Genau wie die UdSSR Osteuropa einnahm, genauso nahm man China ein und lieĂ es dann aus strategischen GrĂŒnden so aussehen, als gingen die beiden kommunistischen âBruderstaatenâ getrennte Wege.
Das Buch âDer Meister der Schatten â Kang Sheng und der chinesische Geheimdienstâ liefert einige wichtige Informationen: In den 1920er Jahren hatten verschiedene europĂ€ische MĂ€chte unterschiedlich groĂe Einflussgebiete (sogenannte Konzessionen) auf dem Territorium Chinas mit eigener Verwaltung, eigener Polizei und eigenen Geheimdiensten. Dazu kamen noch mehrere einflussreiche Mafia-GeheimbĂŒnde, die ĂŒberall mitmischen wollten. Kang Sheng, der aus dem Landadel stammte, kam Anfang der 1920er Jahre durch seinen Professor in BerĂŒhrung mit einschlĂ€giger sozialistischer Literatur aus Deutschland von Kautsky, Marx und Engels, die in die chinesische Sprache ĂŒbersetzt worden war. Wirklich neue Ideen gab es nicht. Alle wichtigen Dinge waren bereits vorgedacht und alle wichtigen Rahmenparameter gesetzt. Bevor es ĂŒberhaupt eine richtige kommunistische Partei gab, formten sich viele sogenannte âJugendkorpsâ im ganzen Land und Talentsucher rekrutierten junge MĂ€nner wie Sheng. Ohne professionelle Anleitung durch etablierte Kreise wĂ€re wohl, wie auch in anderen LĂ€ndern, keine nennenswerte kommunistische Bewegung entstanden. Man muss damit rechnen, dass bereits in diesem frĂŒhen Stadium der sozialistischen Bewegung Chinas eine Unterwanderung stattfand durch die einheimische Geheimpolizei, Mafia-BĂŒnde, durch die Russen sowie durch die Geheimdienste der europĂ€ischen MĂ€chte vor Ort. Zu dem ersten gemeinsamen Kongress der chinesischen sozialistischen Jugendkorps reiste der Russe Sergej Dalin mit einem gefĂ€lschten Pass an, der von der französischen Gegenspionage in China identifiziert wurde als ein Agent des russischen Geheimdienstes GPU, ein VorlĂ€ufer des KGB. Ăber den GPU wurden Sonder-Kommandos aufgebaut mit chinesischen Kommunisten. Auch bei der GrĂŒndung der Kommunistischen Partei Chinas im kleinen Kreis waren zwei Personen im Auftrag Moskaus dabei. Beinahe wĂ€ren alle Teilnehmer von den Franzosen verhaftet worden und nur kurz vor dem Zugriff gelang die Flucht, weil jemand an die TĂŒr geklopft und so etwas wie eine Warnung verkĂŒndet hatte. Man sieht, dass generell sehr schwere Ausgangsbedingungen vorherrschten, um eine neue Bewegung zu starten und dass selbst zahlenmĂ€Ăig kleine ZusammenkĂŒnfte in Gefahr waren und abgeschirmt werden mussten durch Methoden des geheimdienstlichen âTradecraftsâ. Wang Jinmei und Deng Enming berichteten nach ihrer Heimreise Kang Sheng ĂŒber den GrĂŒndungskongress. 1922 fuhren Deng und Wang nach Moskau zu einer wichtigen Veranstaltung, an der nicht nur Kommunisten aus China teilnahmen, sondern auch Mitglieder der nationalistischen Kuomintang.
Bereits im Vorfeld der Revolution in Russland waren diverse Figuren wie Lenin oder Trotzki in Europa geparkt worden, um dort ein gewisses Handwerk zu lernen, bevor sie wieder nach Russland einsickerten. Ăhnliches lieĂ sich auch beobachten bei einschlĂ€gigen chinesischen Revoluzzern, von denen manche spĂ€ter in die höchsten Ebenen der Macht aufstiegen. Kang Sheng soll laut Zeugenaussagen 1922 ein Praktikum an einer technischen Hochschule in Berlin absolviert haben. Sein Vater soll dafĂŒr die entsprechenden Kontakte vermittelt haben. Shandong war einst eine deutsche Kolonie gewesen. Zhou Enlai pendelte zu der Zeit zwischen Berlin und Paris hin und her. Die beiden wurden ziemlich eng. In der Pariser StraĂe Rue Godefroy und dem dazugehörigen Stadtviertel gab es eine verschworene kommunistische âChinatownâ-Community. Die vom sowjetrussischen Geheimdienst ausgebildete Suzanne Girault aus der Kommunistischen Partei Frankreichs verteilte dort Geld, dass u.a. gebraucht wurde fĂŒr den Druck einer kommunistischen Zeitung durch Deng Xiaoping, der viel spĂ€ter zum FĂŒhrer Chinas wurde. Kang hielt sich in Paris auf und soll dort Geheimstrukturen aufgebaut haben, was fĂŒr einen solch jungen Mann eine auffĂ€llig verantwortungsvolle Aufgabe gewesen ist und die sicherlich streng ĂŒberwacht und angeleitet wurde durch die erfahrenen französischen Kommunisten im Auftrag Moskaus. Denn handwerkliche Fehler hĂ€tten schnell dazu fĂŒhren können, dass das ganze Netzwerk auffliegt und verhaftet wird, oder dass es irgendeinem Gegner gelingt, Agenten einzuschleusen. 1924 gingen die Revoluzzer nach ihrer âGrundausbildungâ heim nach China und lieĂen sich dort weiter schulen in Tradecraft und kommunistischer Ideologie durch die Werke von Nicholai Bucharin, der bis 1937 an der sowjetischen Tageszeitung Iswestija arbeitete und die stalinistische SĂ€uberungswelle nicht ĂŒberlebte. Die Moskauer Sun-Yat-sen-UniversitĂ€t war eines von mehreren Trainingslagern fĂŒr die chinesischen Kommunisten, sowie fĂŒr die Nationalisten der Kuomintang. Der erste Rektor war Karl Radek, der es zum Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU gebracht hatte aber 1927 aus der Partei geworfen und nach Sibirien verbannt wurde.
SpĂ€ter gab es noch einen Schauprozess und eine Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft. Die eine oder andere Gast-Vorlesung an der UniversitĂ€t wurde gehalten von Leo Trotzki, der 1929 ins Exil ging und 1940 von sowjetischen Agenten ermordet wurde. Es gab auch die âKommunistische UniversitĂ€t der WerktĂ€tigen des Ostensâ die asiatische Kader ausbilden sollte. Michail Borodin etablierte im Auftrag Lenins eine MilitĂ€rakademie auf einer kleinen Insel in der NĂ€he von Kanton, um fĂŒr die chinesischen Kommunisten und Nationalisten neue Offiziere ausbilden zu lassen durch sowjetische MilitĂ€rberater. Auch Borodin fiel in Ungnade und starb letzten Endes in einem Arbeitslager. Kang Sheng wurde beauftragt mit âSonderangelegenheitenâ fĂŒr âpolitische Sicherheitâ, was soviel bedeutete wie Spionageabwehr und Gegenspionage, also Deckadressen beschaffen, Treffpunkte abschirmen, tote BriefkĂ€sten etablieren und V-Leute anwerben. Im sowjetischen Konsulat von Shanghai, wo Agenten des sowjetischen MilitĂ€rgeheimdienstes GRU wie Tschussow und Kojenikow saĂen, gingen Chinesen ein und aus. Die beiden Russen waren zustĂ€ndig fĂŒr die Kampfabteilungen der Chinesischen Kommunistischen Partei. Kojenikow hatte einst noch unter den Zaren gedient, landete dann im Lager der Kommunisten und entpuppte sich schlieĂlich als britischer Agent, der mindestens seit 1926 fĂŒr Britannien arbeitete. Ăber die sowjetische Dalbank, eine Tarnorganisation des sowjetischen Geheimdienstes GPU, floss das benötigte Geld. Moskau schickte Sergej Dalin, der Jahre zuvor schon den Kongress der kommunistischen Jugendkorps beobachtet hatte, sowie den GPU-Agenten Sidorkin. Aus dem Kreml wurde befohlen, dass die chinesischen Kommunisten vorerst mit der nationalistischen Kuomintang zusammenarbeiten mussten.
Der russische Agent Borodin suchte die fĂ€higsten Leute und brachte Gu Shunzhang mit dem GPU in Kontakt, der ihn dann weitervermittelte an eine Schulungseinrichtung in Wladiwostok, wo er eine grĂŒndliche Ausbildung bekam in Spionage und bewaffneten AufstĂ€nden. Er brachte es sogar zum Stellvertreter von Zhou Enlai, wurde aber verhaftet von der Kuomintang und verriet einige seiner Genossen, was Enlai dazu verleitet haben soll, Shunzhangs Familienangehörige zu töten. Kang Sheng soll das GPU-Training durchlaufen haben und baute dann entsprechende Geheimdienststrukturen auf fĂŒr die chinesische kommunistische Partei. Er verteilte eine BroschĂŒre an wenige, ausgewĂ€hlte Personen, die im Prinzip eine Kopie war des GPU-Handbuchs fĂŒr die Grundausbildung neuer Kader. SelbstverstĂ€ndlich brauchten die Russen nur einen Teil ihrer Geheimdienst-Expertise weitervermitteln, und zwar nur genau so viel, wie die Chinesen fĂŒr die ErfĂŒllung ihrer Aufgaben unbedingt benötigten. Weder Sheng noch seine Genossen lernten die geheimen HintergrĂŒnde der russischen Revolution und wie uralte adelige Geheimdienstnetzwerke den Sozialismus frĂŒhzeitig unter Kontrolle hielten. Nein, sie durften nur das Handwerk erlernen, wie die verschlĂŒsselte Kommunikation, tote BriefkĂ€sten, Deckadressen, potenzielle Verfolger auf der StraĂe abschĂŒtteln, V-Personen anwerben, VerrĂ€ter enttarnen und unzuverlĂ€ssige Genossen an Moskau melden. Die Gefolgschaft der Kommunistischen Partei Chinas war sehr bald enttĂ€uscht von der ParteifĂŒhrung, die âjederzeit bereit war, ohne RĂŒcksicht auf Verluste schon auf den kleinsten Wink Moskaus hin auf die Barrikaden zu gehenâ. Manche ĂŒbereilten und gescheiterten Operationen waren dem Machtgerangel in Moskau und St. Petersburg geschuldet, denn Stalin war noch nicht der unangefochtene Diktator und servierte selbst seine eigenen Geheimdienstchefs reihenweise ab. Bei den rĂŒcksichtslosen Aktionen in China lieĂen sich immerhin kommunistische FunktionĂ€re daraufhin testen, ob sie Befehle aus Russland auch konsequent umsetzten, ohne irgendwelches Zögern oder Beschwerden. Die kommunistischen FĂŒhrer Chinas misstrauten sich gegenseitig und lebten in Paranoia, was genau das war, was der Kreml wollte, um sich dagegen abzusichern, dass das Projekt entgleitet. Jeder war austauschbar und konnte theoretisch jederzeit aus dem Weg gerĂ€umt werden. Wer gegenĂŒber einem anderen Genossen unter zwei Augen Kritik an den Russen Ă€uĂerte und irgendwelche Ideen hegte, nach der anvisierten Revolution Russland auszusperren, der lief Gefahr, als unzuverlĂ€ssig gemeldet zu werden. Irgendwelche Leibwachen, Köche, Haushaltsgehilfen oder Frauen konnten in Wirklichkeit Sowjetagenten sein und jederzeit ein Attentat durchfĂŒhren. Legte man sich mit dem Kreml an, waren auch die eigenen Frauen und Kinder in Gefahr. Der sechste Kongress der KPCh fand auĂerhalb Moskaus statt in einem Sanatorium des Geheimdienstes GPU, das grĂŒndlich verwanzt war. Die chinesischen Kommunisten sollten einen âeigenenâ Geheimdienst aufbauen und taten dies gemÀà ihrer sowjetischen Ausbildung. Die Sowjets bestimmten auch im Wesentlichen die PolitbĂŒro-Mitglieder der KPCh. Stalin setzte besonders auf Li Lisan
Lisan hielt sich fĂŒr den Lenin Chinas und bolschewisierte die Partei nach russischem Vorbild. Seine Genossen wurden konstant gejagt von Franzosen, Briten, Mafiabanden, der Kuomintang und chinesischen Behörden. Der Spionagechef der Roten Armee der Sowjetunion schickte den berĂŒchtigten Agenten Richard Sorge nach China, um ein Geheimdienstnetz aufzubauen. Sorge stammte aus Deutschland und galt als WeggefĂ€hrte von Karl Marx. Getarnt als Journalist und Korrespondent der âDeutschen Getreide Zeitungâ und Beauftragter der deutsch-chinesischen Gesellschaft agierte er unter dem Decknamen âJohnsenâ. Diverse Organisationen wurden als Tarnung benutzt, wie die sowjetische Handelsmarine. Kang Sheng arbeitete möglicherweise direkt fĂŒr Sorge. Geld kam u.a. ĂŒber die Metropolitan Trading Company, aber Stalin knĂŒpfte das Geld an konkrete Bedingungen. Auch Ursula Hamburger (Deckname âSonjaâ), die spĂ€ter gegen die Nazis arbeitete und kriegsentscheidende Infos nach Russland transportierte, mischte in China mit. Sorge hatte sie angeworben fĂŒr den GRU. Die sogenannten â28 Bolschewikenâ trafen in China ein; allesamt Absolventen der sowjetrussischen Su Yat Sen-UniversitĂ€t. Wang Ming, der nur 25 Jahre alt und extrem arrogant war, galt als der neue Star am Himmel, Moskaus Favorit, geformt nach russischem Vorbild. SpĂ€ter, im Jahr 1941, verweigerte er die von Mao geforderte Selbstbezichtigung und LoyalitĂ€tserklĂ€rung. Bald darauf erkrankte er schwer. In seinem spĂ€ter erschienenen Buch â50 Jahre KP Chinas und der Verrat Mao Zedongsâ behauptet Wang, Mao habe versucht, ihn vergiften zu lassen. 1956 ging Wang zur medizinischen Behandlung in die Sowjetunion und kehrte bis zu seinem Tod nicht mehr nach China zurĂŒck. Der SowjetfunktionĂ€r Pavel Mif war der Strippenzieher und kam nach Shanghai, um persönlich die VorgĂ€nge zu ĂŒberwachen und die Gleichschaltung der KPCh zu gewĂ€hrleisten. Von ScharfschĂŒtzen umringt gab es ein Meeting, wo alle Entscheidungen unter Dach und Fach gebracht wurden. 1937 wurde Mif vom sowjetrussischen Geheimdienst verhaftet und seine Hinrichtung erfolgte zwei Jahre spĂ€ter. He Mengxiong und seine Leute wollten sich der Gleichschaltung widersetzen und einen Parteikongress einberufen, wurden aber eiskalt ausradiert von einem Killerkommando. Genosse ist eben nicht gleich Genosse. Den Briten und Franzosen gelangen dramatische Enttarnungen und sie konnten somit die KPCh soweit schwĂ€chen, dass fĂŒr jene das stĂ€dtische Territorium zu heiĂ wurde und jene umschwenken musste auf die Strategie, im lĂ€ndlichen Bereich mehr FuĂ zu fassen. Kang Sheng ging wieder nach Moskau zur Geheimdienstzentrale, um eine Bestandsaufnahme abzuliefern und sich seine neuen Befehle abzuholen.
Die sowjetrussischen Kaderschmieden waren wie Fabriken, die weiterhin wie am FlieĂband neues Personal fĂŒr China hervorbrachten. Exakt wie es die Briten vor langer Zeit perfektioniert hatten, nahmen die Russen eine ganze Reihe an Gesinnungs- und VerlĂ€sslichkeitsprĂŒfungen an den jungen chinesischen Probanden vor. Selbst MĂ€dchen wurden eingesetzt, um zu testen, ob es den Studenten wichtiger war, zu prahlen oder die Geheimhaltung zu wahren. Wie in jeder Sekte wurden Neid und Missgunst geschĂŒrt, weil es keine richtige Treue und Freundschaft untereinander geben durfte. Einer, der seine Mitstudenten verraten hatte, erhĂ€ngte sich wegen seinen SchuldgefĂŒhlen. Stoyanow vom GRU wĂ€hlte die geeigneten Chinesen aus, die seinen Vorstellungen entsprachen. Die elitĂ€rste der Kaderschmieden war in Moskau und war der Abteilung fĂŒr internationale Verbindungen der Komintern zugeordnet. Typen wie Zhou Enlai, Chen Yun, Peng Zhen und Kang Sheng hatten Sonderstatus und wurden direkt vom Geheimdienst GPU ausgebildet. An der chinesischen Kitajskaja-UniversitĂ€t wurden auch Koreaner, Mongolen und Japaner ausgebildet. Selbst die Begriffe, die von chinesischen Agenten verwendet wurden, stammen aus dem Russischen. Diverse Truppen wurden zusammengestellt in Russland unter Kangs FĂŒhrung, die dann zu Maos Guerilla-Truppen dazustoĂen sollten. Kang und Mao blieben jahrzehntelang ziemlich enge VerbĂŒndete. Es ist gemeinhin bekannt und gut dokumentiert, dass Stalin hinterrĂŒcks Sozialisten verraten lieĂ im Ausland, die nicht auf Moskauer Linie waren. Warum sollte er anders verfahren mit den Sozialisten in China? Mao sei angeblich deutlich unabhĂ€ngiger gewesen gegenĂŒber Moskau, und zwar relativ frĂŒhzeitig als GuerillafĂŒhrer. Bereits 1929 hatte er Depressionen und diverse physische Krankheitssymptome. Er war nicht von den einschlĂ€gigen Elite-Kaderschmieden der Sowjetunion hervorgebracht worden, und hatte eine SchwĂ€che fĂŒr ausufernde Abenteuer mit Sex und Drogen, aber dennoch hatte er die UnterstĂŒtzung Stalins, der eigentlich als hyper-paranoid galt und höchste Disziplin verlangte. Stalin und seine Geheimdienste mĂŒssen sich sicher gewesen sein, Mao kontrollieren zu können und gleichzeitig wĂ€re Mao auch die geeignete Figur gewesen, um spĂ€ter einen Bruch mit Moskau zu inszenieren. Mao durfte die Lorbeeren einheimsen, ein AnfĂŒhrer des Guerillakampfes zu sein, aber ihm fehlten die Erfolge und der RĂŒckhalt fĂŒr seine Methoden bei der Komintern. Die echte Expertise lieferte u.a. der deutsche MilitĂ€rberater Otto Braun, der an der âAllgemeinen MilitĂ€rakademie der Russischen StreitkrĂ€fteâ ausgebildet worden war und zu Mao als Aufpasser geschickt wurde. Der sogenannte âLange Marschâ war ein fragwĂŒrdiger RĂŒckzug, den man hinterher zum Heldenmythos umdichtete. Mao war also gleich in mehrfacher Hinsicht der ideale FunktionĂ€r fĂŒr Moskau, weil er kein echtes Talent zu haben schien fĂŒr militĂ€rische und geheimdienstliche Belange.
Kang Sheng hatte die Aufgabe, in Maos Umfeld Spionageabwehr zu betreiben und war somit in der SchlĂŒsselposition, um Agenten einzuschleusen, die fĂŒr einen Sowjetdienst arbeiteten. Man hĂ€tte Mao auf Wunsch Moskaus vergiften und dabei falsche Spuren legen können, um irgendwelche abweichlerischen chinesischen Sozialisten verantwortlich zu erklĂ€ren, die nicht auf Moskau-Linie waren oder alternativ hĂ€tte man verbreiten können, dass Spione der Kuomintang dahinterstecken. Mao war absolut austauschbar und es standen mehr als genĂŒgend weitere Kommunisten bereit, um seinen Platz einzunehmen. Mao war dauerhaft angewiesen auf sowjetisches KriegsgerĂ€t und diplomatische Deckung und keiner seiner chinesischen Genossen konnte ahnen, wann dieses AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis jemals enden wĂŒrde. Selbst wenn Mao nach der Revolution tatsĂ€chlich einen echten Bruch mit der Sowjetunion wagte, wĂ€re er in einer sehr schwachen Position gewesen. Nicht nur die Russen wollten nĂ€mlich Chinas Territorium kontrollieren, sondern auch die altbekannten europĂ€ischen MĂ€chte wie Britannien und Frankreich hĂ€tten jede SchwĂ€che von Maos neuem Staat gnadenlos ausgenutzt. Unter General Joseph Stilwell wollten die USA einen amerikanisch-chinesischen Geheimdienst aufbauen (Operation Drache). Donovan vom Geheimdienst OSS schuf noch eine weitere solche Organisation und durfte dafĂŒr das Netz des britischen SIS nutzen (Operation CLAM). UnterstĂŒtzung gab es von dem OSS-Agenten Cornelius Vander Starr, der weitreichende Handels- und Finanzkontakte hatte. Die von ihm (bzw. möglicherweise vom OSS) gegrĂŒndete Firma wurde spĂ€ter zur gröĂten Versicherung der Welt. Nach der japanischen Niederlage im 2. Weltkrieg ĂŒberlieĂ Stalin den chinesischen Kommunisten einen Haufen Waffen, die auch dringend benötigt wurden. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong auf dem Tor des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China und war nun auf dem Papier der Diktator eines Landes in Ruinen ohne moderne Wirtschaft und Technologie. Russland hingegen hatte bereits dank amerikanischer Firmen u.a. eine Automobilindustrie, eine Ălindustrie, moderne Kraftwerke und eine Stahlindustrie. Maos Gesundheit war ziemlich im Eimer und er regierte hauptsĂ€chlich von seinem Bett aus im Schlafzimmer. Maos einziger Besuch in Russland wird immer wieder von Historikern hergenommen als Beleg fĂŒr den groĂen Bruch zwischen den beiden LĂ€ndern. Anstatt aber einen wirklich eigenen Kurs zu fahren, adaptierte Mao die Vorgehensweise Stalins aus den vergangenen Jahrzehnten, mit massiven SĂ€uberungen und Internierungslagern zu arbeiten, um die Landbesitzer zu enteignen, eine Zwangskollektivierung in Windeseile zu erreichen und private Unternehmen en masse zu zerstören. Genau dieses Vorgehen hĂ€tte man erwartet von jemandem, der Stalins WĂŒnsche bedingungslos umsetzt. Aber weil Mao angeblich bei seinem Russlandbesuch die kalte Schulter gezeigt bekommen hatte und in einem Landhaus geparkt wurde, wird von gewöhnlichen Historikern der ganze relevante Kontext ignoriert und die Legende vom Bruch zementiert. An und fĂŒr sich hĂ€tte unter Mao der Sozialismus viel humaner und eleganter eingefĂŒhrt werden können, was auch internationale Firmen und Investoren nicht vergrault hĂ€tte. Was nĂŒtzt es, immer weitere Teile einer Wirtschaft zu kontrollieren, die kaum etwas von Wert hervorbringen und keine Profite mit VerkĂ€ufen ins Ausland erzeugen kann? Selbst als Stalin 1953 starb, gab es weiterhin bedeutsame UnterstĂŒtzung durch die Sowjetunion fĂŒr China. Der neue SowjetfĂŒhrer Nikita Chruschtschow warb öffentlich um Chinas Sympathien, aber dieses Mal war es Mao, der theatralisch die kalte Schulter zeigte. 1955, also nur zwei Jahre nach dem Tod Stalins, gab es ein Abkommen, bei dem Sowjetrussland den Chinesen einen atomaren Versuchsreaktor lieferte und 100 chinesische Techniker in der UdSSR eine Ausbildung durchlaufen durften. Chinesische Top-Wissenschaftker, die in die USA gegangen waren, wurden heimgeholt. 1959 sei die Stimmung zwischen Russland und China auf einem Tiefpunkt angekommen und Moskau kĂŒndigte das Atomabkommen auf und beorderte Techniker nach Hause. Aber aus der DDR und Ost-Europa wurden genĂŒgend alternative Experten bereitgestellt wie Klaus Fuchs, der ursprĂŒnglich beim amerikanischen Manhattan-Projekt tĂ€tig war zum Bau der ersten Atombombe. Fuchs wĂ€re beinahe noch in die Royal Society aufgenommen worden, aber das FBI erwischte ihn, worauf hin er die ĂŒbliche Leier eines ertappten Spions herunterbetete, er habe nur den Frieden sichern wollen, indem er mithalf, ein Gleichgewicht der MĂ€chte herzustellen. 1959 wurde er seltsamerweise begnadigt, ging in die DDR und half dann den Chinesen bei der Atombombe. Diverse sowjetische Konsulate in China wurden geschlossen und Kang Sheng, der seine Karriere dem sowjetischen Geheimdienst zu verdanken hatte, lieĂ Razzien durchfĂŒhren und zwei Dutzend KGB-Spitzel verhaften.
Nikita Chruschtschow meinte in seinen Memoiren, dass der chinesische Offizier Gao Gang immerzu den sowjetrussischen Geheimdienstchef Berija grĂŒndlich informiert hatte, welcher chinesische RevolutionsfĂŒhrer wie dachte. Kang Sheng war Berijas SchĂŒler gewesen. Sheng war auch mitten in den Spanischen BĂŒrgerkrieg gereist, um im Auftrag Moskaus Jagd zu machen auf abweichlerische linke Anarchisten. Gao wurde abgesĂ€gt und Kang Sheng erweckte den Eindruck, er tanze nicht lĂ€nger nach der Pfeife der Sowjets, wohnte aber in Peking in unmittelbarer NĂ€he der russischen Botschaft. Peng Dehuai besuchte noch 1957 die sowjetische MilitĂ€rakademie und wollte das chinesische MilitĂ€r erneuern. Er hielt nichts von Maos Stuss, beschwerte sich bei Chruschtschow und wurde dann abgesĂ€gt. Anscheinend war er nicht privilegiert genug, um eingeweiht zu werden in den inszenierten Bruch zwischen den beiden LĂ€ndern. Sheng, Zhou Enlai und Liu Xiao nahmen in Moskau teil am Parteitag der KPdSU, wo sie theatralisch einen Haufen Geschrei absonderten, was einzig und allein den Nutzen hatte, die Weltöffentlichkeit zu tĂ€uschen. Nicht nur Sheng hatte als ausgebildeter Geheimdienstler genug Grips in der Birne, um zu wissen, dass man Meinungsverschiedenheiten mit den Russen abseits der Ăffentlichkeit austragen konnte, und dass es strategisch sinnvoll gewesen wĂ€re, sich gut zu stellen mit den Russen, egal ob man eigene PlĂ€ne hintenrum verfolgte oder nicht. Rechte Kreise in den USA waren skeptisch; wie etwa James Jesus Angleton von der CIA-Spionageabwehr, der das naheliegende Szenario befĂŒrchtete, dass die Chinesen und die Russen heimlich einen einzigen kommunistischen Block darstellen und versuchen, international ZugestĂ€ndnisse und Handelsbeziehungen zu erhalten. Unter dem US-PrĂ€sident Nixon und unter Henry Kissinger wurde felsenfest argumentiert, dass Hilfen fĂŒr China ein Gegengewicht schaffen wĂŒrden zur UdSSR, wĂ€hrend Kissinger gleichzeitig involviert gewesen war in Organisationen wie der Bilderberg-Gruppe, wo wichtige Konzerne reprĂ€sentiert waren, die Technologie an die Sowjets verkauften. Der amerikanische Medienunternehmer Henry Luce war ĂŒberzeugt davon, dass Mao von Stalin völlig abhĂ€ngig war. Luce stand den Republicans nahe und kannte John Foster Dulles, den Secretary of State, und dessen Bruder Allen Dulles, der CIA-Direktor war. Die CIA und der VorlĂ€ufer OSS gingen zurĂŒck auf die Geheimgesellschaft Skull&Bones und die Yale University, die Organe des britischen Kolonialreichs und des Hochadels aus Welfen, Reginaren und Wettinern waren.
Die Time Magazine-GrĂŒnder Briton Hadden und Henry Luce waren beide Mitglieder von Skull & Bones. Auch Alfred Kohlberg sah Stalin hinter Mao. Er war ein Textil-Importeur und Freund des KommunistenjĂ€gers Joseph McCarthy. MilliardĂ€re aus Firmen wie Koch Industries bezahlten die John Birch Society, die gewöhnlichen Antikommunismus verband mit klassischer Verschwörungsliteratur. Eine Reihe an BestsellerbĂŒchern lieferte dem Leser das irrefĂŒhrende Narrativ, dass âinternationale Bankerâ und gewisse westliche Industriebosse hinter dem weltweiten Sozialismus stecken und dafĂŒr gesorgt hĂ€tten, dass China kommunistisch wurde. Diese internationalen Banker, angefĂŒhrt von dem Rothschild-Clan, hĂ€tten vor langer Zeit die Kontrolle ĂŒber das britische Kolonialreich und dann auch noch ĂŒber die USA erlangt. Liest man das berĂŒchtigte rote Buch von Mao (die Maoisten-Bibel), stellt man schnell fest, dass es vollkommen substanzlos ist:
âDie marxistische Philosophie, der dialektische Materialismus, weist zwei am meisten hervorstechende Merkmale auf. ZunĂ€chst ist sie durch ihren Klassencharakter gekennzeichnet: Sie erklĂ€rt offen, daĂ der dialektische Materialismus dem Proletariat dient: Weiter ist sie gekennzeichnet durch ihre Bezogenheit auf die Praxis. Sie betont, daĂ die Theorie von der Praxis abhĂ€ngt, daĂ die Praxis die Grundlage der Theorie bildet und die Theorie ihrerseits der Praxis dient.â
Es handelt sich um hohles, bedeutungsloses Geschwafel, das nicht nur ideenlos ist und billige Slogans aus Ă€lteren sozialistischen Schriften abkupfert, sondern das kaum zu unterscheiden ist von den Bekundungen adeliger Herrscher aus der Ăra der Leibeigenschaft. Statt auf Jesus bezieht man sich auf Marx und Lenin. Statt den Erbadel fĂŒr heilig zu erklĂ€ren, erklĂ€rt man âdie Parteiâ und das PolitbĂŒro fĂŒr heilig. Rechte und Besitz fĂŒr die breite Masse gelten als Teufelszeug. Es gibt eine Inquisition gegen diejenigen, die nicht wirklich an den Sozialismus glauben, sondern eine andere Ideologie neben dem göttlichen Sozialismus haben. Bauern mĂŒssen genĂŒgsam sein, denn die Partei braucht das Geld, um die Bauern zu beschĂŒtzen. Und aus den Arbeitern und Bauern rekrutiert man Soldaten. Beschwerden sind verboten:
Die zweite Funktion der Diktatur besteht darin, den Staat vor einer WĂŒhltĂ€tigkeit und einer eventuellen Aggression der Ă€uĂeren Feinde zu schĂŒtzen.
Entgegen Maos Bekundungen ist die Arbeiter- und Bauernklasse keineswegs die revolutionĂ€rste Gruppierung an sich, denn hinter praktisch jeder bedeutsamen, groĂen Revolution steckte in der Geschichte immer eine etablierte, erfahrene Macht mit ihren professionellen Geheimdiensten.
Wir mĂŒssen die Parteidisziplin erneut bekrĂ€ftigen:
1. Unterordnung des einzelnen unter die Organisation;
2. Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit;
3. Unterordnung der unteren Instanzen unter die oberen;
4. Unterordnung der gesamten Partei unter das Zentralkomitee.
Wer gegen diese Regeln verstöĂt, der untergrĂ€bt die Einheit der Partei.
Gerade eben noch wird betont, dass man unbedingt eine klassenlose Gesellschaft anstreben wĂŒrde, und dann kommt das Bekenntnis, dass man die neu herangezĂŒchteten Parteikader mit Sonderstatus unbedingt brĂ€uchte.
âŠ.wir mĂŒssen zielbewusst zehntausende FunktionĂ€re heranbilden; wir brauchen Hunderte erstklassiger FĂŒhrer der Massen.
Nichts anderes tat der Adel einst in Europa mit dem AuswĂ€hlen besonders vertrauenswĂŒrdiger bĂŒrgerlicher Familien, die einen Sonderstatus erhielten und u.a. im britischen Freimaurertum organisiert waren, um die Zukunft des Empires zu sichern. Der Gesellschaftsvertrag den Mao hier ankĂŒndigt, ist wie Copy & Paste von irgendeinem beliebigen FĂŒrsten in Europa nach dem Untergang des Römischen Reichs. Der Sozialismus hatte auch unter Mao rein gar nichts Neues anzubieten, sondern man musste irgendwie klarkommen mit den Standard-Zutaten eines Staates: Ein begrenztes Staatsgebiet mit einem Staatsvolk darin, das man irgendwie mit irgendeiner Staatsordnung zum Arbeiten und Steuern-Zahlen zwingen muss, ohne dabei Gefahr zu laufen, aus dem Chefsessel gekickt zu werden. Genau wie im Römischen Reich oder irgendeinem noch Ă€lteren Reich in Mesopotamien. Die brutalen Taktiken unter Mao sind identisch zu den Methoden von mittelalterlichen Kolonialherren und Sklaventreibern. Einer von tausend Menschen sollte unter irgendeinem Vorwand getötet werden mit möglichst groĂer Ăffentlichkeitswirksamkeit. Es wurden doppelt bis dreimal so viele.
Noch heute verteidigen Kommunisten die Revolution und meinen, sie zĂ€hlen zu den VorkĂ€mpfern gegen das Böse, das aus jedweder ârechtenâ Gesinnung herrĂŒhrt. Rechte heutzutage nehmen Maos Mordkampagne her als absoluten Beweis dafĂŒr, dass das Böse âlinksâ sei. Und um dieses linke Böse zu bekĂ€mpfen, dĂŒrfe man nicht tolerieren, dass beispielsweise die Kolonialzeit in ein schlechtes Licht gerĂŒckt wird. Denn die KolonialmĂ€chte wie Britannien waren ja rechts und rechts ist gut. In Wirklichkeit sind die Methoden immer die gleichen, egal ob sich die TĂ€ter als links oder rechts vermarkten. 1956 wurden alle verbleibenden Privatunternehmen enteignet und im selben Jahr verloren die Bauern das Eigentum an ihren Werkzeugen, ihren Tieren, ihrem Land und sogar das Recht auf FreizĂŒgigkeit. Man war gezwungen, auf einem Flecken Land zu arbeiten, der der Partei gehörte, man musste das Getreide zu festgelegten Preisen an den Staat verkaufen und man hatte keine Möglichkeit, an dieser Situation etwas zu verĂ€ndern. Dies entspricht fast exakt der gĂŒltigen Definition der Leibeigenschaft; mit dem Unterschied, dass statt einem Adeligen ein lokaler ParteifĂŒhrer die Kontrolle ausĂŒbt und auf dem Papier sich alles in kollektivem âVolkseigentumâ befindet. Den chinesischen Bauern blieb ein Drittel weniger Lebensmittel ĂŒbrig fĂŒr den Eigenkonsum als vor der Revolution, was bedeutete, dass die Bauern keine Energie und keine VorrĂ€te besaĂen, um einen Aufstand gegen die herrschende Ordnung zu wagen. Nach dem Sieg der Kommunisten wurden die BĂŒrger dazu gedrĂ€ngt, ihre Mitmenschen zu melden fĂŒr alles, was man als verdĂ€chtig betrachten könnte, und sei es der Besitz eines Radio-EmpfangsgerĂ€ts, das natĂŒrlich nicht vergleichbar war mit einem Kurzwellen-Transceiver, wie ihn Spione benutzten.
Jemand anderen zu denunzieren war ein Weg, gegenĂŒber dem neuen Regime die Treue zu bekunden. ZunĂ€chst war die SĂ€uberung noch eher zaghaft und die Regierung hatte alle HĂ€nde voll zu tun damit, das âLumpenproletariatâ aus den StĂ€dten (darunter Millionen KriegsflĂŒchtlinge) einzusammeln und in den lĂ€ndlichen Bereich zu deportieren. Arbeiter streikten fĂŒr bessere Bedingungen, aber die Regierung erklĂ€rte Streiks fĂŒr illegal. Es gab massive Steuerforderungen in Form von Getreide, das Zentrum Shanghai zerfiel, Fabriken schlossen. Nur noch die kommunistischen Einheitszeitungen durften erscheinen, ĂŒberall hingen Hammer und Sichel und einschlĂ€gige PortrĂ€ts. Die Mode verschwand, weil niemand mehr auffallen wollte, sodass gewöhnliche BĂŒrger nur noch Leinen trugen und kein Makeup wie im Mittelalter. Durch neue Vermessungen und die BĂŒrokratie waren die exakten AckerflĂ€chen endlich bekannt geworden, was eine genauere Besteuerung ermöglichte. In China gab es vor den Kommunisten eigentlich keine typische ausbeuterische Landbesitzer-Klasse. Diese Klasse entstand erst durch die Kommunisten in Form von lokalen Partei-BĂŒrokraten. FrĂŒher gehörte den Bauern ihr Land. Nach kommunistischer Logik, die zurĂŒckging auf den Schwachsinn von Karl Marx, war es die Aufgabe, ausbeuterische Landbesitzer zu vernichten. Kommunistische FunktionĂ€re veranstalteten in jedem noch so abgelegenen Dorf eine Art Hexenjagd auf die vermeintliche Ausbeuterklasse, die dort gar nicht wirklich existierte. Hauptsache, man hatte eine gewissen Quote an âSchuldigenâ die man öffentlich anschreien, foltern und töten konnte. Kang Sheng beteiligte sich an der Kampagne der sogenannten Landreform und seine Methoden, die 1:1 aus der Sowjetunion stammten, wurden in ganz China verwendet. Vorgegeben von oben war die Quote, dass 10% der Bevölkerung eingestuft werden sollten als Mitglieder einer ausbeuterischen wohlhabenden Bauernklasse. Das Programm lief aber dermaĂen auĂer Kontrolle, dass teilweise doppelt und dreifach so viele Menschen verfolgt wurden. SchĂ€tzungen reichen bis zu einer Million Tote. In Taiwan, Korea und Japan hatten wohlhabendere Landbesitzer im Zuge einer Landreform Anteile erhalten an staatlicher Industrie und Zertifikate fĂŒr Commodities als Gegenleistung fĂŒr den Grund und Boden, der an Kleinbauern umverteilt wurde. So lief die ganze Sache völlig unblutig ab, wĂ€hrend in China krampfhaft eine Klasse an Volksfeinden herbei-halluziniert wurde, die es zu bestehlen, zu bestrafen oder gleich zu töten galt. In der chinesischen Tradition gab es auf dem Land gewisse Hierarchien mit BĂŒrgern in FĂŒhrungspositionen und man sah es gar nicht gerne, wenn Fremde von weiter entfernten Gebieten, StĂ€dter oder BĂŒrokraten eintrafen.
Die Kommunisten setzten es sich zur Aufgabe, diese althergebrachten Hierarchien zu vernichten und zu ersetzen durch kommunistische Parteistrukturen. Aus Angst machten die BĂŒrger mit bei der Hexenjagd und hatten dadurch Blut an ihren HĂ€nden. Es gab auch gröĂere AufstĂ€nde. Das Konzept Ă€hnelte dem Römischen Reich oder mittelalterlichen Aristokratien: Steuern in Form von Getreide wurden rĂŒcksichtslos eingetrieben, weil der Staat damit das stehende Heer von 1,7 Millionen Soldaten fĂŒttern und irgendwie die Wirtschaft am Laufen halten musste. Es fehlte aber an modernen Maschinen, KunstdĂŒnger und Werkzeug. Die chinesischen Bauern fĂŒrchteten sich davor, produktiver zu sein als andere, und sich beispielsweise Zugtiere leisten zu können, denn so wĂŒrde man sich der Gefahr aussetzen, als reicher Bauer denunziert zu werden. Je mehr produziert wurde, desto mehr wurde besteuert, also war es lebensgefĂ€hrlich, sich zu ĂŒberanstrengen, ohne dass dabei mehr Lebensmittel fĂŒr den Eigenkonsum heraussprangen. Zudem erklĂ€rte die Partei es fĂŒr glorreich, arm zu sein. Kang Sheng musste zusehen, wie sich in seinem Verwaltungsbereich die landwirtschaftliche ProduktivitĂ€t in freiem Fall befand. Die Kommunisten hatten sich als Befreier vermarktet, aber sie verhielten sich wie Besatzer und im Hintergrund zog das sowjetrussische Reich die Strippen, hinter dem wiederum mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das angloamerikanische Reich stand, angefĂŒhrt vom Hochadel der Welfen, Wettiner und Reginare. Bei den nordkoreanischen Kommunisten war die russische Kontrolle ebenfalls gegeben; so hatte beispielsweise der kĂŒnftige Diktator Kim Il-sung viele Jahre in der Mandschurei gelebt und erhielt seine Ausbildung an einer Kaderschule der Roten Armee der Sowjetunion in Wladiwostok. 1950 genehmigte Stalin den Angriff Nordkoreas auf den SĂŒden und bezog auch China in die Angelegenheit mit ein. Mao nutzte den Krieg zuhause propagandistisch als AufhĂ€nger fĂŒr eine weitere SĂ€uberungsaktion, angeleitet von Luo Ruiqing, der einer echten GroĂgrundbesitzer-Familie entsprungen war, und somit eigentlich zu den Staatsfeinden hĂ€tte zĂ€hlen mĂŒssen.
Aber weil er in der Sowjetunion ausgebildet worden war als zukĂŒnftiger Leiter einer kommunistischen Geheimpolizei und in seinem BĂŒro ein PortrĂ€t von Felix Dscherschinski hĂ€ngen hatte, dem GrĂŒnder der sowjetischen Geheimpolizei, galt er als VorkĂ€mpfer gegen die âreichen Bauernâ und âGroĂgrundbesitzerâ, von denen er im Schnitt mindstens einen von 1000 zu töten hatte. Sobald diese Quote erfĂŒllt war, sollten weitere BĂŒrger zu lebenslanger Haft in einem Arbeitslager verurteilt werden. Andere blieben zwar frei, wurden aber zu den sogenannten âschwarzenâ Gesellschaftsklassen gerechnet, die ganz unten in der landesweite Hierarchie des Regimes standen, das sich eigentlich auf die Fahne geschrieben hatte, eine klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Dieser schwarze Status war ĂŒbrigens vererblich, wie die Leibeigenschaft im europĂ€ischen Mittelalter. FĂŒr die normalen Gesellschaftsklassen wurde es immer gefĂ€hrlicher, viele Freunde zu haben und Umgang zu pflegen, denn eine Denunziation konnte das Ende des eigenen Status besiegeln. Doak Barnett berichtete 1949, dass in Peking genauso viele PortrĂ€ts von sowjetischen FĂŒhrern wie von chinesischen FĂŒhrern hingen. Neben der chinesischen Flagge hing die sowjetische. Zeitungen und Radiosender in China priesen Stalin und die UdSSR. Maos rechte Hand, Liu Shaoqi, tourte durch sowjetisches Gebiet, traf sich sechsmal mit Stalin und hatte Meetings mit fĂŒhrenden Ministern. Er brachte hunderte sowjetische âBeraterâ (eher Besatzer) mit nach Hause. Selbst der âlange Marschâ, den Mao zu einer GrĂŒndungslegende umfunktioniert hatte, war von den Sowjets bezahlt worden mit mexikanischen Silberdollars. Stalin verleibte sich neue Territorien ein in geheimen AnhĂ€ngen von Abkommen mit China und lieĂ den chinesischen Steuerzahler/Bauern aufkommen fĂŒr die Bezahlung von den vielen sowjetischen Beratern. Der Historiker Paul Wingrove schrieb:
âMaos siegreicher, unabhĂ€ngiger, revolutionĂ€rer Staat wurde ziemlich Ă€hnlich behandelt wie die [von Russland] eroberten Gebiete in Osteuropa.â
China schien einfach wie Territorium, dass von den Russen besetzt wurde, allerdings ohne groĂe russische TruppenverbĂ€nde und Horden von Panzern ĂŒberall, sondern hauptsĂ€chlich mit geheimdienstlichen Netzwerken und vertraglichen Absicherungen. Russische Berater besetzten die luxuriösesten VorstĂ€dte und Clubs, saĂen in allen Ministerien als Ăberwacher an SchlĂŒsselstellen. Diese tiefe Penetration Chinas durch russische Geheimdienste war nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Selbst die spĂ€teren SĂ€uberungsaktionen waren nicht dazu geeignet, die Situation zu verĂ€ndern, sondern hatten eher das Potenzial, sie zu verschlimmern und diejenigen ParteifunktionĂ€re zu beseitigen, die sich wirklich von Russland loslösen und/oder einen netteren Sozialismus umsetzen wollten. Nach wenigen Jahren hatten sich die bessergestellten kommunistischen Parteikader an eine gewisse StabilitĂ€t und an Privilegien gewöhnt und verloren Biss und Bereitschaft fĂŒr mehr BrutalitĂ€t. Solche Kader in China konnte Moskau nicht brauchen.
âIn jedem Bereich, von der Staatssicherheit, stĂ€dtischen Infrastruktur, Kaderausbildung, Wirtschaftsaufbau, ideologischer Arbeit bis hin zur Schwerindustrie, kopierte China die Sowjetunion.â
Warum ging dann kein gewöhnlicher Historiker systematisch der Frage nach, ob China eine russische Kolonie war? Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS wurde zur Haupt-Informationsquelle in China und die sino-sowjetische Freundschaftsgesellschaft wurde mit 120.000 Standorten so etwas wie ein Freimaurerlogen-System, so wie die Kolonialmacht Britannien einst das Freimaurertum samt Schwesterorganisationen bzw. Tarnorganisationen in ihren Kolonien etablierte. Als der Koreakrieg startete, erhöhte sich die PrĂ€senz russischer Truppen und GerĂ€tschaften in China. Die Sowjets lieferten die Panzer, die MilitĂ€rexperten, die Marionette Kim Il-sung und was sonst noch nötig war fĂŒr die Invasion SĂŒdkoreas. Unter den ĂŒbelsten Bedingungen wurde gekĂ€mpft und Mao opferte bereitwillig hunderttausende Soldaten, von denen so manche der KĂ€lte von bis zu minus 30 Grad Celsius und der UnterernĂ€hrung zum Opfer fielen. Richtige gefĂŒtterte Stiefel oder Schuhe hatten sie nicht. Die Extrakosten wurden abgewĂ€lzt auf die chinesischen Bauern, die Getreide als Steuerzahlungen abgeben mussten, wie im alten Römischen Reich oder im mittelalterlichen Europa, um fĂŒr das stehende Heer zu bezahlen. Der eigene Status in der Parteihierarchie legte fest, welche Menge und QualitĂ€t das Essen hatte, das man bekam, der Tabak, das Schreibpapier und die Gesundheitsversorgung. FĂŒhrende Kader hatten LeibĂ€rzte und schickten ihre Kinder nach Moskau. Auf dem Land lebten Familien, deren OberhĂ€upter der kommunistischen Partei angehörten, wie reiche Farmer und GroĂgrundbesitzer, heuerten Bauern an, verlangten hohe Zinsen von Bauern und machten sogar SpekulationsgeschĂ€fte. Immer weitere Millionen Bauern lebten am Existenzminimum, was Kalorienzufuhr anbetraf, oder bereits darunter. Der Staat hĂ€ufte nur mehr Schulden an und wurde noch abhĂ€ngiger von den Sowjets, die aber auch nicht wirklich produktiv waren unterm Strich. Die nĂ€chste Stufe der Landreform war so krass, dass sie einer Art KriegserklĂ€rung an die Bauern gleichkam. Nach Stalins Tod 1953 soll Mao befreit gewesen sein von sowjetischem Einfluss, heiĂt es von den gewöhnlichen Historikern, was eine ziemlich absurde Vorstellung ist. Niemand war stalinistischer als Mao, niemand kopierte Stalin so wie Mao, niemand sonst agierte so in China, als wenn Stalin und der Kreml fĂŒr alles die Handlungsanweisungen vorgaben. Ăhnlich wie Hitler scheute er einen geregelten Tagesablauf und ĂŒberlieĂ die zahllosen lĂ€stigen Details einer Schar von ParteifĂŒrsten und deren untergeordneten Horden von Administratoren. Kang Sheng, der vom sowjetischen Geheimdienst ausgebildet worden war, jagte vermeintliche VerrĂ€ter an der kommunistischen Sache im Auftrag von Liu Shaoqui, der schon 1921 in die Sowjetunion gegangen war und zum zweithöchsten FunktionĂ€r unter Mao wurde.
Der âVorsitzendeâ himself war bereits ein ziemliches Wrack, tablettensĂŒchtig, psychisch krank, geplagt von unregelmĂ€Ăigem Schlaf und heftigen Stimmungsschwankungen. Falls er urplötzlich an Krebs erkranken wĂŒrde, einen Herzinfarkt erlitt oder einen Schlaganfall, hĂ€tte er problemlos ersetzt werden können. WĂ€re er fĂŒr Moskau ein Problem geworden, hĂ€tte er dezent vergiftet werden können. Der Staat und der Sicherheitsapparat waren viel zu komplex geworden, als dass Mao auch nur den Hauch eines Ăberblicks hĂ€tte behalten können. Liu Shaoqui war der Ansicht, dass man sich fĂŒr die Etablierung eines kompletten sozialistischen Systems Zeit nehmen solle. Jeder Trottel hĂ€tte wissen mĂŒssen, dass die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion ein Rohrkrepierer gewesen war, wĂ€hrend die Vereinigten Staaten von Amerika im Wohlstand schwammen, mehr KriegsgerĂ€t im Zweiten Weltkrieg produziert hatten als alle anderen Kriegsteilnehmer zusammengenommen und gewöhnliche BĂŒrger gerĂ€umige, ps-starke Autos fuhren. Mao forderte den kompletten Sozialismus, und zwar jetzt gleich und sofort: Zerstörung der letzten Unternehmen, Zwangskollektivierung der Bauern und eine GehirnwĂ€sche namens âGedankenreformâ. Im Prinzip setzte Mao die Zivilisation in China zurĂŒck auf den Stand eines europĂ€ischen Kolonialreichs vor den 1800er Jahren, wo Leibeigenschaft herrschte, wo es eine Bevölkerungsklasse an kompletten Sklaven (in den Kolonien) gab und wo immer wieder haufenweise Menschen unnötig sterben mussten. In Europa dezimierte eine Reihe an Kriegen zwischen FĂŒrstentĂŒmern und Königreichen die BĂŒrger. In China war es der Krieg zwischen dem Staat und herbeihallunizierten Klassen an RĂŒckstĂ€ndigen, Imperialisten und Spionen. Ein paar Prozent der Chinesen landeten in Arbeitslagern des Laogai und waren somit Sklaven mit hoher Sterblichkeitsrate, genau wie die Afrikanersklaven der europĂ€ischen KolonialmĂ€chte. Erst im Laufe von mehreren Jahrzehnten wurden die ZustĂ€nde in China stufenweise gelockert und eine Art Mittelschicht durfte existieren, neben einem rudimentĂ€ren Kapitalismus abseits der SchlĂŒsselindustrien. Ăhnlich wurden die ZustĂ€nde in Europa gelockert in den 1800er Jahren und es durften sich kapitalistische Strukturen entwickeln. Vielleicht hatte dieses Stufenmodell fĂŒr die erfolgreichsten AdelshĂ€user (Welfen, Wettiner und Reginare) so gut funktioniert, dass man es in der Sowjetunion und dann in China wiederholte. Das chinesische Laogai-System war eine Kopie des sowjetischen Gulags und genauso eine menschliche wie wirtschaftliche Katastrophe. In den USA gelang mit ĂŒberschaubarem Personalaufwand und neuesten Maschinen viel mehr an Bauprojekten als China mit Millionen Sklaven zustande brachte. Die Kommunisten gaben vor, alles neu und alles anders zu machen als die althergebrachten kapitalistisch-imperialistischen Adels-Kolonialreiche in Europa und Nordamerika. Aber in Wirklichkeit kopierten die Kommunisten praktisch alles, was der Adel in der Vergangenheit erfolgreich erprobt hatte.
