Psyche

Schizophrenie in den Verschwörungsmedien

Nach dem Hanau-Anschlag könnte eine wahre Lösch- und Zensur-Orgie folgen in den sozialen Medien und generell bei Hosting-Anbietern. Alles, was zum völkischen und verschwörungsinteressierten Spektrum zählt, kann auf Knopfdruck verschwinden, weil Stuss im Internet angeblich Menschen zuverlässig zu Terroristen macht. Zu “rechten” Terroristen versteht sich. Nicht zu linken Terroristen, glaubt man den Massenmedien.

Bei dem Hanau-Killer fällt weniger das faschistische Gedankengut auf, sondern eher die paranoide Schizophrenie. In den Verschwörungsmedien stößt man immer mal wieder auf schizophrene Personen; nicht etwa weil Verschwörungsmedien Schizophrenie auslösen, sondern weil Schizophrene insbesondere mit Verfolgungswahn (der sich auch auf Außerirdische bezieht) sich einfach von Verschwörungsmedien angezogen, bestätigt und verstanden fühlen.

Ich selbst erhielt in 15 Jahren den ein oder anderen Anruf aus einer geschlossenen Psychiatrie oder die ein oder andere Email, die au Schizophrenie hindeutet. Die Personen erhofften sich, durch mich ihre Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen (ohne jede kritische Überprüfung versteht sich). Irgendwo ist es ein bisschen unfair, dass alle möglichen übernatürlichen religiösen Vorstellungen als real akzeptiert werden, aber die schrägen Überzeugungen des Einzelnen als verrückt. Es muss aber eine Eigen- und Fremdgefährdung vorliegen, um jemanden per Zwang zu therapieren.

Der texanische Verschwörungs-Star Alex Jones, inzwischen mit einem Millionenpublikum, beschwerte sich vor Jahren darüber, dass die steigernde Bekanntheit einhergeht mit sporadischen, unerwünschten Kontakten zu gefährlichen Verrückten, die davon überzeugt sind, der wahre Alex Jones zu sein, deren Identität gestohlen wurde.

Komischerweise erwärmte sich Jones zunehmend für die schrägen Ideen von David Icke über interdimensionale Wesen, die die Menschheit versklaven. In dem extrem erfolgreichen Podcast von Joe Rogan erklärte Jones, dass er selbst regelmäßig wahnwitzige Trips erlebe, die dem Rausch der Droge DMT ähneln. Seine Kontakte hätten ihm versichert, dass das US-Militär mit hohen Mengen DMT Kontakt herstelle zu interdimensionalen Wesen. Rogan war wenig beeindruckt, da praktisch jeder DMT-Konsument jederzeit solche Halluzinationen hervorrufen könne.

Inzwischen ist bekannt, dass Jones in seiner Jugend schwere Kopfverletzungen erlitten hat und zudem mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde.

Gerade Halluzinogene bergen außerdem die Gefahr, an Schizophrenie zu erkranken oder schizophrene Anlagen zum Durchbruch zu bringen. Man sieht es der Verschwörungsliteratur, Filmen und anderen Programmen oft an, wenn die Autoren in ihrer Wahrnehmung gestört sind.
Die Welt Online veröffentlichte einen Artikel über die Innenansichten eines Schizophrenen und wie sich in den Wahnvorstellungen Persönliches mischte mit Verschwörungstheorien, politischen Inhalten und Geschichten aus Film und Fernsehen. Immer war der Mann in seinem Kopf Mittelpunkt einer filmreifen Verschwörung, wurde gejagt von den mächtigsten Geheimdiensten der Welt, sagte in „telepathischen Gerichtsprozessen“ gegen Dick Cheney aus, zog sich den Zorn eines außerirdischen Königs zu und wollte sich umbringen, um zu verhindern, dass die Außerirdischen eine Atombombe auf Hamburg-Eimsbüttel schossen. Für ihn fühlte sich der Wahn nicht nur echt an, sondern auch viel spannender als die reale Welt und sein ansonsten langweiliges Leben. Der Vater war früh gestorben, die Mutter ließ ihn viel allein und erkrankte an Multipler Sklerose; er selbst genoss den Alltag eines faulen Kiffers und probierte auch starke halluzinogene Substanzen. Natürlich konsumierte er Verschwörungsliteratur sowie bekannte Filme und Nachrichten, von denen einzelne Fragmente später in seinen Wahnvorstellungen auftauchten. Als er in der Psychiatrie landete, glaubte er, dass ein Spezialkommando gleich die Klinik stürmen würde. Es gibt starke Hinweise darauf, dass sogar der Cannabiswirkstoff THC bei Menschen mit genetischer Disposition eine Schizophrenie auslösen kann oder den Ausbruch in einem jüngeren Lebensalter begünstigt, insbesondere, wenn Cannabis mit Amphetaminen kombiniert wird. Ob jemand die Anlage in sich trägt, ist demjenigen meist unbekannt. Das Auftreten von Schizophrenie in der näheren Verwandtschaft kann jedoch ein starker Indikator sein. Cannabis scheint die Entwicklung von Psychosen im Allgemeinen zu be-günstigen.
Der Science-Fiction-Film Matrix von 1999 erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit in der Szene der Verschwörungstheoretiker und lieferte diverse Redewendungen wie etwa „die rote Pille nehmen“, was in etwa bedeutet, die Realität der Verschwörung zu begreifen. Eine große Inspiration für den Film war ein Comic von Grant Morrison, der viele Drogen konsumierte und sich für okkulte Inhalte interessierte. Auch der berühmte Autor Phillip K. Dick nahm Un-mengen an Drogen und verfasste Kurzgeschichten, die immer wieder verfilmt wurden und die Grenzen zwischen Wahn und Realität vermischten. In „Total
Recall“ spielt Arnold Schwarzenegger einen gelangweilten Bauarbeiter, der sich von einer Firma die Halluzination eines spannenden Abenteuers als Geheimagent auf dem Mars einpflanzen lässt. Die Sache geht schief, der Protagonist bleibt in seiner Wahn-Welt gefangen und glaubt, ein Held zu sein.
Wer sich für mögliches außerirdisches Leben interessiert, der kann sich weiter-bilden mit wissenschaftlicher Literatur. Wer sich für alte Pyramiden interessiert, kann sich mit wissenschaftlicher Literatur weiterbilden. Wer sich für Verschwörungen interessiert, der kann sich in Geschichte, Militärgeschichte, Kriminologie, Psychologie, Geheimdienste usw. einlesen. Dieser Weg kostet jedoch Zeit und Kraft, er ist über weite Strecken sehr trocken. Viele Leute wollen sich aber gar nicht anstrengen, sondern eine bequeme Abkürzung wählen. Und genau an diesem Punkt werden Rauschdrogen und fantastische Behauptungen angeboten.
Schizophrenie kann auch mit diversen anderen Persönlichkeitsstörungen zusammen auftreten und noch gefährlichere Kombinationen erzeugen. Jemand mit narzisstischen Zügen oder einer ausgewachsenen narzisstischen Persönlichkeitsstörung interpretiert dann beispielsweise einen halluzinogenen Trip bzw. eine schizophrene Episode als göttliche Auserwählung, als Beweis für die eigene grandiose Bedeutung. Ein Psychopath meint vielleicht, den Teufel und Dämonen gesehen zu haben und will von diesen dann Befehle entgegennehmen. So entstanden auch die härteren Formen des Okkultismus.
David Icke und Luke Rudkowski (WeAreChange), zwei sehr bekannte Figuren der Verschwörungsszene, sprachen in einem Video über ihre gemeinsamen Erfahrungen mit der halluzinogenen Rauschdroge DMT, in den USA eine verbotene Substanz der Kategorie 1. David nahm es „in Form von Ayahuasca“ und hörte fünf Stunden einer weiblichen Stimme zu, die ihm von der „Realität“ erzählte. Genauso wie sich gewöhnliche luzide Träume echt “anfühlen” können, fühlt sich das DMT-Kopfkino bei klinischen Versuchspersonen manchmal “realer als die Realität” an. Heute, so lamentiert Icke, sei die Praxis des Konsums von Halluzinogenen und esoterischen Schriften unterdrückt. Um sich selbst zu verbessern und glücklicher zu werden, müsse man zurück zu dem, was Menschen vor langer Zeit getan hätten. Das Problem an dieser Argumentation ist, dass Menschen in der Vergangenheit genauso durch ihre psychischen Störun-
gen definiert waren wie heute, und der Rausch diese Probleme nicht notwendigerweise minderte, sondern verstärken konnte. Die Geschichtsbücher sind voll von Aufzeichnungen über alte, grausame (psychopathisch dominierte) Kulturen, in denen die zugedröhnte Priesterklasse ihren Stamm einer konstanten Gehirnwäsche unterzogen hatte. Die Völker, die an Drogen-Ritualen teilnahmen, waren vorher verbal indoktriniert worden und “sahen” im Rausch das was sie sehen sollten. Menschen waren früher nicht wirklich freier oder glückli-cher. Esoteriker benutzen oft klischeehafte Erzählungen über angebliche verlorene Paradiese in der Vergangenheit wie Atlantis, wo die Menschen noch Zauberkräfte gehabt hätten und diese dann im Laufe der Zeit zusammen mit ihrem esoterischen Wissen verloren. Es ist ein billiger Mythos, dass Halluzinogene den Menschen pauschal friedlicher und freundlicher machen würden. Eine reife Persönlichkeit kann sich durch den Rausch zusätzlich bestätigt sehen, genauso wie sich ein fanatischer Kontrollfreak bestätigt sehen kann. David Ickes grundfalsche Ideen beschränken sich nicht nur auf seine Vorstellung von interdimensionalen Reptilien-Wesen, die man Jahre vor seinem ersten Buch schon in der Science-Fiction-Serie “V” fand. Es sind unzählige unwissenschaftliche religiöse Dogmen die er abgekupfert, erweitert und ergänzt hat. Er hielt es vor Jahrzehnten für sinnvoll, im landesweiten britischen BBC-Fernsehen zu erzählen, seine türkisfarbene Kleidung hätte ihn näher an Gott gebracht und all die negativen Energien der Leute würden bald Erdbeben und Flutwellen auslösen. Man findet bei ihm Überzeugungen über den Mond als Raumschiff, die Sonne als Tor zu anderen Sphären, Lemuria, die Erde als Gaia-Lebewesen das sich an den Men-schen rächt, und 500 weitere Nonsens-Lehren, die er von der Theosophie übernommen und nachhalluziniert hat. Immer wieder finden wir bei ihm “Visionen”, also Halluzinationen, als Beweise und Maßstäbe für seine Thesen und Lehren.

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1 comment

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WELTÜBERGANG 21. Februar 2020 at 11:58

Interessant beim Hanauer Täter: Er war anscheinend noch der “alten” rechtsesoterischen Verschwörungsliteratur auf dem Leim gegangen, nach dem die USA ein Opfer ist und, als Teil des Westens, gerettet werden muss. Die neue Rechte sieht ja ihr Heil in Russland und die USA als verkommennen, kranken, großen Satan. So können es sich die Rechtsextremen, ob geisteskrank oder nicht, zwischen Pest und Cholera aussuchen und kommen nie auf den richtigen Pfad. Die Fallen sind gelegt.

Martin Sellner biegt sich in seinem neuesten Video übrigens auch wieder die Fakten zurecht. Der Täter sei ausschließlich geisteskrank. Die rechtsextremen Thesen seien irrelevant. Narzistisches, sektenhaftes Verhalten auf allen Seiten. Auch der Massenmedien, besonders der Staatsmedien. Gestern durfte übrigens die LINKE-Politikerin Janie Wissler in der ZDF Talkshow hetzen, ohne dass ein AfDler als Gegenmeinung eingeladen war. Wissler ist Mitglied bei der linksextremen Gruppe marx21, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Moderatorin war Maybrit Illner, ehemaliges(?) SED-Mitglied.

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