marx-640

Von Alexander Benesch

Der neue Klassenkampf

Oliver Janich stimmt mit Hans Hermann Hoppe überein, dass die

„Kernthesen der marxistischen Geschichtstheorie weitgehend korrekt sind. Marx hat dabei nur die Klassen verwechselt und den Mechanismus der Ausbeutung missverstanden.“

Hierin liegt eine der Ursachen, warum viele Anarchokapitalisten aussehen wie Che Guevaras und vorgestern noch Linke waren: Ihre Ideologie ist Marx 2.0 reloaded. Janich erwähnt, dass auch Hoppe in seiner Anfangszeit Marxist war. Freilich lassen sich elitäre Ausbeuter als „Ausbeuterklasse“ bezeichnen und Sozialhilfeempfänger sowie manche Staatsbeamte als „unproduktive“ Klasse. Damit aber die Geschichte und die Konflikte zu erklären, ist zu schwammig. Denn Ausbeutung setzt den Willen zur Ausbeutung voraus, und der entsteht nun einmal zuallererst im Kopf des Menschen. Auch die „produktive“ Klasse kann ganz ohne staatliche Hilfe ihre produktiven Klassengenossen wie Dreck behandeln, belügen und reinlegen. Das zu unterschlagen, und gleichzeitig die eigene „Produktiv-Klasse“ zu glorifizieren und zu verallgemeinern, ist der Grund, warum Liberale politisch erfolglos sind und die Linken erfolgreich.

Marxisten wollen die von ihnen selbst definierte Ausbeuterklasse, die Kapitalisten und Besitzer von Produktionsmitteln, verschwinden lassen durch Enteignung, Umerziehung oder gar Ermordung. Auf die Art solle es dann am Ende nur noch eine einzige Klasse gleicher Menschen geben. Um die Kapitalistenklasse zu zerstören, brauchten die Marxisten/Leninisten/Maoisten/Stalinisten aber wieder Sonderklassen mit mehr Rechten, mehr Mitteln und Befugnissen als die Arbeiterklasse. Diese Sonderklasse war die Partei, die Soldaten, Polizisten und Verwaltungsbeamten. Diese logischen Widersprüche sind den Linken aber heute noch herzlich egal. Denn sie sind eine Sekte. Ihre oberflächliche Ideologie ist nur die Tarnung für die Wünsche, Träume, die Gier, Rachsucht, Kontrollsucht, Neid und Missgunst.

Anarchokapitalisten wollen hingegen die „unproduktive Klasse“ loswerden. Das sind zum einen arbeitslose Empfänger von Sozialleistungen, andererseits auch alle Staatsbeamten. Wie will man diese Massen an Leuten unterhalb und oberhalb der „produktiven“ Klasse zu Mitgliedern der produktiven Klasse machen? Indem man den Unproduktiven alle Unterstützung kündigt und sich dann gegen die wütende Reaktion dieser  Gruppen zur Wehr setzt. Die Anarchokapitalisten haben nicht nur eine modifizierte Klassenkampftheorie von den Marxisten übernommen, sondern auch modifizierte revolutionäre marxistische Taktiken, um ihren Klassenkampf zu führen.

Die Marxisten haben offensive Gewalt von Anfang an befürwortet und beispielsweise Banken überfallen um ihre Kassen zu füllen. Die Anarchokapitalisten sind sich dafür zwar (zumindest offiziell) zu gutmenscherisch, sie fordern aber (nach Hoppe) masochistische Märtyrer um die Republiken zu destabilisieren. Linke provozieren die Staatsmacht und lassen sich dann dabei filmen wie sie selbst verprügelt und verhaftet werden, um Sympathien im Volk und eine Wut auf die Beamten zu generieren. Auch Anarchokapitalisten wie Adam Kokesh beherrschen diese Nummer im Schlaf.

Mit unsicheren Innovationen wie Bitcoin alleine lässt sich die „unproduktive Klasse“ aber nicht entmachten und abschneiden von Steuerzahlungen. Eine Verweigerungshaltung, Steuerflucht, Hasch rauchen usw. kennt man auch von den Linken, die sich damit selbst behindern. Und genau wie die linke Gegenkultur vergraulen die Anarchokapitalisten wertvolle Mitglieder der Gesellschaft aus Polizei, Militär, Geheimdiensten und anderen Behörden. Auch die Konservativen und die Linken werden vergrault. So macht man keine Revolution. Da nützt es auch nicht viel, den Konservativen zu versprechen, in einer Privatrechtsgesellschaft endlich so zu können wie sie wollen und den Linken zu versprechen, dass sie die Konkurrenz auf dem freien Markt besser finden werden als Sozialleistungen zu kassieren. Da nützen auch die Versuche, winzige John Galt-Kommunen zu gründen, nicht viel.

Leider ist Lobaczewskis psychologische Geschichts- und Politik-Theorie noch nicht wirklich bei den Liberalen angekommen und spielt nur eine untergeordnete Rolle zu der modifizierten Klassenkampftheorie die auf Marx zurückgeht.

„Die Lösung dieses Problems – und da sind wir wieder bei Marx – besteht darin, dass sich die ausgebeutete Klasse ihrer selbst bewusst wird. Hans-Hermann Hoppe ruft folgerichtig zum Klassenkampf der Produzenten gegen die Parasiten auf.“

Ich denke eher, die Anarchokpitalisten lähmen und schwächen mit ihrer Klassenkampf-Theorie und ihrer revoluzzerischen Vergraulung von Beamten, Konservativen und Linken die gesamte liberale Strömung. Sorry. Der Roman Atlas Shrugged von Ayn Rand ist halt doch nur eine unrealistische narzisstische Rachephantasie.

Psychopathen

In Kapitel 5 geht es weiter mit der Psychologie der Massen nach Gustave LeBon, natürlich wieder durch die anarchokapitalistische Brille. Sorry, schon wieder damit nerven zu müssen, aber es geht nicht anders. Das Kernargument im Kapitel lautet: In der Masse ist der Mensch weit weniger rational als individuell, deshalb sei die Republik schlecht.

Vergessen wird dabei, dass in einer Republik per Zwang verhindert werden kann, dass die schlimmsten Rattenfänger die Massen aufwiegeln und zum Sturz der Rechts-Grundordnung aufrufen. Bei LeBon fehlt das Wissen, warum Menschen den falschen Anführern hinterherlaufen. LeBon widmet den halbverrückten Führungsfiguren sogar ein eigenes Kapitel. Er kann sie von außen beschreiben, aber nicht wirklich von innen. Arbeitet man auf Janichs/Hoppes Privatrechtsordnung hin, die auch in diesem Kapitel seines Buches wieder die Paraderolle spielt, d.h. schwächt man die Republik zunehmend, dann gibt man all den psychopathischen Rattenfängern und auch den leicht Verführbaren aus der Bevölkerung mehr und mehr Spielraum.

Kapitel 6 bringt dem Leser dann das psychologische Verständnis über Psychopathen in der Gesellschaft näher. Auch das Thema in Kapitel Nummer sechs muss sich wieder der anarchokapitalistsichen Ideologie unterwerfen:

„Da eine Privatrechtsgesellschaft wesentlich effizienter in der Verfolgung von Straftaten ist, werden die weniger intelligenten Psychopathen schneller gefasst und überdies zur Wiedergutmachung des Schadens herangezogen. Das schränkt ihre Möglichkeiten deutlich ein.“

Wenn ich überhaupt nicht die Prämisse akzeptiere, dass in einer Privatrechtsordnung die Strafverfolgung und der Krieg „wesentlich effizienter“ sei, dann kaufe ich auch die Schlussfolgerung nicht ab, dass deshalb Psychopathen schlechte Karten hätten.

„Aber auch die Psychopathen in Nadelstreifen haben einen wesentlich schwereren Stand.“

Denn sie hätten ja keinen Staat zur Hilfe und könnten niemanden zwingen, die eigenen Produkte oder Dienstleistungen zu kaufen. Das Problem ist: Wenn eine Republik sich sukzessive auflöst und alternative Rechtsordnungen und freie Immigration zulässt, dann ist man sehr schnell umgeben von vielen Menschen, die eine andere Sprache sprechen und aus einem völlig fremden, diktatorischen Raum stammen, der von psychisch defomierten Figuren dominiert ist. Die Immigranten sind dann in vielfältiger Form negativ vorbeeinflusst, haben oft eine sektiererische Ideologie und freheitsfeindliche Absichten.

Auch Freiheitsfeinde im Inland, wie die Kommunisten oder Faschisten, können ihren neuen Freiraum nutzen um die Privatrechtsgrundordnung zu sabotieren und zu stürzen.

Man bekommt da nicht so einfach einen Einblick, wie die Türken, Chinesen, Scientologen oder Russen ticken, wenn man die nicht kennt. In einer Republik lässt sich überwachen, wer einreisen darf. Es lässt sich verhindern, dass zuviele Mitglieder einer Gruppe mit zweifelhaften Absichten einwandern, sich etablieren und eingraben. Es ließen sich psychologische Screening-Verfahren entwickeln für Einwanderer. Wer heute nach Kanada oder Südamerika ausreisen möchte, muss heute schon AIDS-Tests vorlegen, eine perfekte Strafakte, aktuelle Thorax-Röntgenaufnahmen, Geldreserven, Nachweise für sehr gute Sprachkenntnisse, und vieles mehr. Anstatt also Deutschlands Grenzen zu behalten, Überprüfungen von Immigranten nach kanadischem Vorbild durchzusetzen und obendrauf die Applikanten auf Psychopathologien zu testen, sollen wir erlauben, dass Radikale sich Land kaufen und dorthin jeden aus dem Ausland einladen dürfen den sie wollen???

Das, was der Urheber der Ponerologie, der polnische Psychologe Lobaczewski fordert, und was auch u.a. der Psychologe und Narzissmus-Forscher Hans Joachim Maaz fordert, nämlich ein Screening-Prozedere auf gefährliche psychische Aberrationen für staatliche Funktionäre, hält Oliver Janich für lächerlich, „fast schon Realsatire“. Janich ordnet also deutlich das Thema Psychopathologie in seinem neuen Buch seiner anarchokapitalistischen Ideologie unter. Er zitiert absatzweise Hans Hermann Hoppes „Der Wettbewerb der Gauner“ um seine Haltung zu untermauern.

Lobaczewski betont in seinem Buch über Ponerologie, dass längst in der Politik ein Screening-Verfahren existiert: Ein pro-pathologisches. Das heißt: Psychopathen wählen andere Psychopathen für wichtige Positionen aus und verdrängen normale Menschen. Der Ausweg aus der Misere lautet: Den Spieß umdrehen, ein Screening auf Pathologien etablieren und solche Individuen von Ämtern ausschließen. Screening betreibt bereits in weniger wissenschaftlichem Umfang jeder, der einen Geschäftspartner richtig einschätzen will, jeder der beim ersten Date beim Gegenüber Warnzeichen erkennen kann.

Schätzt man einen vermeintlich netten Typen falsch ein, was bei Psychopathen besonders häufig ist wegen deren Charisma, hat man schnell irgendeinen Knebelvertrag unterschrieben und der Ausbeuter kann sich rechtssicher hinter dem privaten Vertrag verstecken. Anarchokapitalisten sind nicht einmal in der Lage, Ayn Rand zu durchschauen, Stefan Molyneux oder Adam Kokesh. Gute Nacht. Kokeshs Anarcho-Dream-Team waren Diebe, Gang-Mitglieder und Drogenabhängige. Gemerkt hat man es erst als alles auseinandergebrochen und die Illusion dahin war.

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