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Holey Moly

StudieHoley Moly

Stellen wir uns Max Mustermann vor, ein 1975 geborener Flügel-Anhänger, der im Jahr 1995 das Buch „Geheimgesellschaften“ von Jan Holey (alias Jan van Helsing) gelesen hatte, ein Bestseller, von dem zehntausende Exemplare über den Ladentisch gegangen waren. Herr Mustermann war schwer beeindruckt und lieh das Buch mehreren seiner Bekannten. In den Folgejahren konsumierte er ähnliche Bücher sowie Werke aus dem Genre des Nazi-Revisionismus. Alles schien total zusammenzupassen: Die jüdischen Rothschild-Banker hätten die Kontrolle über das britische Kolonialreich und die USA errungen und daraufhin mit verschiedenen Revolutionen (gegen Frankreich, Russland usw). Monarchien gestürzt. Besonders auf Deutschland hätten „die Banker“ es abgesehen, wo die Nazis versucht hätten, gegen die Weltverschwörung zu kämpfen. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg hätte die Verschwörung auch noch den Deutschen den Holocaust angelastet, um ein Wiedererstarken des deutschen Volkes zu verhindern. Dementsprechend glaubt Max Mustermann, bräuchte es eine nationale und internationale rechtsextreme Bewegung, sowie eine neue Machtergreifung in Deutschland. Diesem Ziel müsse alles andere untergeordnet werden und jedes Risiko, durch den Verfassungsschutz oder durch die Gegenreaktion der Linken und der Bürger aus der Mitte usw. müsse eingegangen werden. Max Mustermann hält sich für einen Kämpfer für das Gute und versteht nicht, dass sein ganzes weltanschauliches Fundament von seinen angloamerikanischen (adeligen) Gegnern geschaffen wurde, die er nicht einmal richtig kennt.

Holey war knapp über 20 Jahre alt, als er begann, sein Buch „Geheimgesellschaften“ zu verfassen. Er hat viele szenetypischen Falschinformationen abgeschrieben und verarbeitet: Jüdische Banker hätten bereits unter William III. die Kontrolle über die Finanzen des britischen Reichs besessen, was völliger Unsinn ist. Es klingt so, als sei der Adel komplett unfähig gewesen, ein eigenes Bankensystem und Zentralbankensystem aufzuziehen und Juden wären irgendwie die einzigen gewesen, die größere Kredite bereitstellen konnten. Holey schreibt ab von William Guy Carr, der mit Verschwörungsbüchern wie „Pawns in the Game“ Bestseller geschaffen hatte und zuvor als englisch-kanadischer Marineoffizier und Geheimdienstler der Krone gedient hatte:

1773 soll MAYER AMSCHEL ROTHSCHILD ein geheimes Treffen im Hause der Rothschilds in der Judenstraße in Frankfurt mit 12 wohlhabenden und einflußreichen jüdischen Geldgebern (Die Weisen von Zion) abgehalten haben. Nach den Unterlagen von Dorsey und William Guy Carr »Pawns in the Game« ist dies der Plan, der schließlich als »DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION« bekannt wurde.

Mit diesem Kniff wollte Holey anscheinend die Tatsache umschiffen, dass der Text der Protokolle von Zion eindeutig aus älteren und sogar themenfremden Texten zusammengefälscht worden war. Es fehlt den Protokollen an innerer Struktur und sie verraten kein einziges nachvollziehbares Geheimnis. Jeder x-beliebige Konsument von Verschwörungsmedien hätte so einen Text vor über 100 Jahren innerhalb von ein paar Tagen zusammenschreiben können. Holey argumentierte genau so, wie seine Leser es später nachplapperten: Man könne in der Welt sehen, wie die Pläne der Protokolle umgesetzt wurden und deshalb seien die Protokolle irgendwie echt. In Wirklichkeit sind die Protokolle komplett schwammig und die darin beschriebenen Bereiche gesellschaftlicher Kontrolle sind universal, soll heißen, jedes Reich der damaligen Zeit wollte verdeckte Kontrolle über Geld und die Presse. Holey versäumt es, die Narrative, die er abschreibt von Typen wie William Guy Carr, kritisch zu hinterfragen, zu überprüfen und nach alternativen Narrativen überhaupt zu forschen. Er tut so, als hätte das britische Kolonialreich keine nennenswerten Geheimdienste besessen, um die Weltherrschaft anzustreben und um sich zu wehren gegen die Infiltrationsversuche durch jüdische Kleinstfamilien aus einem Frankfurter Krämer-Ghetto. Als nächstes wiederholt Holey das abgedroschene und komplett falsche Waterloo-Märchen, wie Nathan Rothschild nach der Schlacht von Waterloo ein Vermögen verdient und den britischen Aktienmarkt abgezockt hätte. In Wirklichkeit war Rothschild-Banking nur die Tarnorganisation des Adelshauses Hessen-Kassel und des britischen Throns. Holey hat sogar behauptet, dass sich das Rothschild-Vermögen „verzwanzigfacht“ hätte. Diese Angabe hat er wohl aus dem Buch „Die Absteiger“ von Des Griffin abgeschrieben. Es folgt das nächste Märchen, dass Holey aus vielen älteren, vor allem amerikanischen (Bestseller-) Verschwörungsbüchern der John Birch Society abschreiben konnte: Die heldenhaften (in Wirklichkeit hoch korrupten) US-Gründerväter hätten gegen eine Rothschild-Verschwörung um die ersten beiden amerikanischen Zentralbanken gekämpft. Lincoln hätte sich später im Bürgerkrieg mit seinen Greenback-Dollars der Judenverschwörung widersetzt und sei ermordet worden. Bei Karl Marx übernimmt Holey das Narrativ, dass er vielleicht von dem amerikanischen JBS-Autor Gary Allen und dessen Buch „Die Insider“ übernommen hat: Die Judenverschwörung, die schon Weishaupts Illuminaten gestartet hätte. Von dem Buch „Occult Theocracy“ (und wohl auch von Carr) übernimmt er den gefälschten Briefwechsel zwischen dem US-Freimaurer Albert Pike und dem italienischen Revoluzzer Mazzini über drei geplante „Weltkriege“ und die „luziferische Doktrin“. Diese Falschinformationen gehen weit zurück auf den Hochstapler Taxil und werden bis heute noch in Verschwörungsmedien verwurstet und abgeschrieben. Holey machte sich nicht die Mühe, das britische Kolonialreich zu erforschen, sondern schrieb einfach von „Des Griffin“ ab, der wiederum bei älteren Verschwörungsbüchern abschrieb, ohne die Informationen wirklich zu überprüfen:

Nach den Ausführungen von Des Griffin wird die CITY [of London, der Finanzbezirk] durch das Rothschild-Imperium kontrolliert.

In Wirklichkeit hatten weder Holey noch Des Griffin eine Ahnung von der City of London und dem britischen Empire. Die EAST INDIA MERCHANT COMPANY (BEIMC) soll laut Holey 1729 das geheime „Komitee der 300“ geschaffen haben, eine völlig unbewiesene Organisation, über die Holey wohl im gleichnamigen Buch von Coleman gelesen hatte. „Dr. John Coleman“ ist nichts weiter als ein Pseudonym, ein Künstlername, eine Fantasiefigur. Nach eigenen, nicht überprüfbaren Angaben war er beim britischen Geheimdienst MI6 tätig und habe so Zugang zu Geheiminformationen erhalten. Weder seine angebliche frühere Geheimdiensttätigkeit noch sein Name und sein Doktortitel lassen sich verifizieren. Der bekannte Verschwörungsautor Eustace Mullins war mit ihm darüber in einen Streit verwickelt und Coleman weigerte sich, irgendwelche verifizierbaren persönlichen Informationen über sich selbst preiszugeben. Coleman habe 30% seines Materials von Mullins, und die anderen 70% von Publikationen der LaRouche-Organisationen abgekupfert wie dem Magazin „Executive Intelligence Review“, so die Vorwürfe. Natürlich ist es notorisch schwierig, in der Verschwörungsliteratur originelle Ideen zu finden, die nicht schon früher irgendwo veröffentlicht worden waren. Graf Tscherep-Spiridowitsch, der unter den Zaren als General gedient hatte, ist wohl der Ursprung des 300-Märchens. Der Graf schrieb auch das Buch “Secret World Government or The Hidden Hand” in dem er 300 jüdische Familien als den Kern der Verschwörung benannte. Holey zitierte direkt aus der Zeitung „Neue Solidarität“ der LaRouche-Bewegung, in derem Umfeld sich Coleman herumgetrieben hatte. Von Gary Allen kupfert Holey dann noch kurz und knapp die Geschichte ab über die US-Zentralbank Federal Reserve und die russische Revolution. Es folgen ganze übersetzte Absätze aus Allens Buch über die angebliche Kontrolle der Rothschilds über die britischen Rountable-Gruppen. Die Birch-Society, zu der Allen gehörte, fehlrepräsentierte die Roundtable-Gruppen und lieferte zur Untermauerung auch noch eine grob fehlerhafte Interpretation über die Beschreibungen von Professor Carroll Quigley.

Es folgt ein Narrativ nach dem anderen bei Holey, das von Gary Allen, Des Griffin oder Coleman stammt. Es ist wie eine Art Mixtape, ohne einen einzigen relevanten eigenen Gedanken. Zwischendrin erkennt man noch die Arbeiten von Antony Sutton (ein echter Akademiker, der tatsächlich echte, eigene Forschungen betrieb), allerdings ist nicht unbedingt klar, ob Holy die Werke von Sutton direkt gelesen hatte, oder nur Sutton-Zitate übernimmt über den Umweg von Verschwörungsbüchern wie „Die Absteiger“ von Des Griffin. Auch das Geschwafel über die „Vril-Gesellschaft“ und die angeblichen Verstrickungen der Thule-Gesellschaft gab es schon vor Holeys Buch. Bei den Schilderungen über den Zweiten Weltkrieg werden immer wieder Hinweise auf die Fake-Protokolle von Zion eingestreut. Für Holey war die ganze Thematik um Krieg und Frieden völlig abhängig von der vermeintlichen Judenverschwörung:

Rothschild hatte nicht umsonst eine Bank im Kreml. Deswegen heißen sie ja INTERNATIONALE Bankiers. Wollen diese Bankiers keinen Krieg, gibt es keinen Kredit und somit keine Waffen. So einfach ist das. Will also ein Land einen Krieg führen, muß es zuerst einmal die Bankiers fragen, ob sie diesem Krieg zustimmen. Tun sie es, wird die Rüstung mit deren finanzieller Unterstützung aufgebaut und es kann losgehen. Stimmen sie jedoch nicht zu, da dies möglicherweise nicht mit ihren eigenen Plänen übereinstimmt, gibt es keinen Kredit und ohne Geld gibt es keine Waffen und ohne Waffen auch keinen Krieg.

Als Lösungen für die große Verschwörung bietet Holey dann noch altbekannte Esoterik an, die es so schon seit langer Zeit gab und oftmals (wie bei der Theosophie) auf britische Kontrolle zurückgeht. Zusätzlich stützte er sich in seinen Werken auf den amerikanischen Autor und Hochstapler Milton William Cooper, den er auch persönlich kannte. Cooper hatte allerhand Dokumente gefälscht über Verschwörungen der Eliten mit außerirdischen Mächten. Ein weiterer Einfluss auf Holey war Trevor Ravenscroft, der esoterische britische Autor von „Der Speer des Schicksals“ und „Die heilige Lanze“, wo allerhand haltlose Mysterien über die Nazis dargelegt wurden. 1996 wurden beide Bücher „Geheimgesellschaften“ nach einem Beschlagnahmebeschluss des Amtsgerichts Mannheim wegen Volksverhetzung vom Markt genommen. 2001 hob das Landgericht Mannheim den Beschlagnahmebeschluss wieder auf. Holeys Bücher sind ein Mixtape aus Versatzstücken älterer Bücher aus der Ära der John Birch Society, die wiederum ihre Kernideen übernommen hatten von noch älteren Verschwörungs-Bestsellern, die auf den britischen Geheimdienst zurückgehen (Robison, Barruel, von Starck usw.) Diejenigen Leser, die Holeys Buch toll fanden, hatten in den 1990er Jahren die Möglichkeit, weitere deutschsprachige bzw. ins Deutsche übersetzte Bücher und Pamphlete zu konsumieren, von Coleman, Allen, David Icke und weiteren Autoren. Der eine schrieb vom anderen ab, ohne die Informationen wirklich zu überprüfen, es wurden immer wieder ein paar Dinge dazugefügt (UFOs, Reichsflugscheibe, Echsenwesen, Hohle Erde) und auch neue Fakes wie vor allem beim US-Bestsellerautor Milton Cooper. Dieser Unfug, und nichts anderes, sind die Verschwörungsmedien. Die Autoren und späteren Internet-Influencer, die Ideen von den älteren Büchern übernommen hatten, sind keine Experten für Verschwörungen. Sie sind Abschreiber und Multiplikatoren von Dingen, die sie nicht einschätzen können.

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