Die wirre Logik von narzisstischen Amokläufern

Hintergrund On nun ein Axt schwingender Killer im Zug, der in seinem Kinderzimmer davon träumte, IS-Kämpfer zu sein, ein gescheiterter Freak der nach einer „Schnell-Radikalisierung“ in Nizza Menschen mit...

Hintergrund

On nun ein Axt schwingender Killer im Zug, der in seinem Kinderzimmer davon träumte, IS-Kämpfer zu sein, ein gescheiterter Freak der nach einer „Schnell-Radikalisierung“ in Nizza Menschen mit einem LKW totfährt, ein Verrückter der in seinem eigenen Gay-Club in Orland ein Blutbad anrichtet, oder der aktuelle Fall bei dem ein 18-jähriger Deutsch-Iraner in München zehn Menschen erschießt. Immer treffen wir dabei auf die die wirre Logik von narzisstischen Serienkillern und Amokläufern.

Bei dem Münchner Fall wurde gefilmt, wie sich der Täter lautstark mit einem filmenden Passanten streitet:

Täter: Wegen Leuten wie euch wurde ich gemobbt. Sieben Jahre lang.

Mann: Du Arschloch, du Wichser.

Täter: Und jetzt muss ich ne Waffe kaufen, um euch abzuknallen.

Der Täter fühlte sich im Recht, weil er jahrelang gekränkt wurde? Dies würde ganz klar einer narzisstischen Argumentation entsprechen. Außerdem liefert das Geschrei einen Hinweis auf psychiatrische Behandlung:

Täter: Ich bin hier aufgewachsen, in der Hartz-IV-Gegend, in der [unverständlich]. Ich war in Giesing in Behandlung.

Mann: Ja, Behandlung. Du gehörst in eine Psychiatrie, du Arschloch.

Narzisstische Täter folgen ihrer ganz eigenen Logik:

  • Bei seiner Tat spielt der Täter eine Rolle, die er sich selbst ausgesucht hat, wie zum Beispiel den Gotteskrieger, den Kommandosoldaten usw. Er schlüpft in ein fiktives Alter Ego, das allmächtig ist. In Wirklichkeit handelt es sich im Kern um kleinkindliches Denken gemischt mit einem kleinkindlichen Wutanfall. Auslöser für eine Gewalttat bzw. einen „erweiterten Suizid“ sind häufig persönliches Scheitern, Versagen, Schicksalsschläge. Alles was den Graben zwischen narzisstischer Fantasie und Realität zu groß werden lässt.
  • Sucht nach absoluter Kontrolle über andere Menschen: Der Killer würde am liebsten die Zeit einfrieren mit seiner Tat, Trophäen sammeln, Monumente schaffen. Der Täter aus München benutzte keine Maske, um sein Gesicht zu verstecken. Oft betrachten Täter ihre Taten als „gerecht“und sich selbst als heldenhaft.
  • Grandiose Fantasien von Machtdemonstrationen: Die Waffe, sei es nun ein Flugzeug, ein LKW, eine Axt oder eine Schusswaffe, ist für einen Narzissten wie ein magischer Gegenstand, der die Umsetzung einer Fantasie möglich macht. Kleidet der Täter seine Tat in ein ideologisches bzw. religiöses Gewand, kann er sich als Teil eines größeren Ganzen oder gar kosmischen Plans betrachten.
  • stark verminderter Sinn für Mitgefühl, behandelt andere Menschen wie Gegenstände
  • Extreme Wutausbrüche wegen intensiv erlebten Kränkungen durch die Außenwelt. Das völlig überzogene Anspruchsdenken führt unweigerlich zu herben Enttäuschungen

Mohamed Lahouaiej Bouhlel soll mit Psycho-Medikamenten behandelt worden sein. Der Vater sprach nun von Nervenzusammenbrüchen, Einsamkeit und Depressionen. Die Familie hätte ihn zum Arzt gebracht, der „Medikamente gegen Depressionen“ verschrieben. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um „Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“ (SSRIS), die gefährliche Nebenwirkungen haben können.

Der deutsche Sender SWR stahlte im Jahr 2013 einen Beitrag aus über den möglichen Link zwischen SSRIS und unkontrollierter Aggression:

„Besonders interessant ist der Einfluss auf die Aggressivität – nach innen als Suizid, nach außen als Fremdaggression“, sagt Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim.

Die Webseite SSRI Stories hat über 6000 Berichte aus den Medien gesammelt, bei denen Gewalttäter oder Amokläufer in Psychotherapie gewesen sind und Mediakmente eingenommen hatten. Mohamed Lahouaiej Bouhlels Ehefrau mit den Kindern hatte ihn anscheinend wegen häuslicher Gewalt verlassen, er beging durch seine Aggressionen strafrechtlich relevante Handlungen in der Öffentlichkeit, wie beispielsweise im Straßenverkehr oder in Pubs und er soll auch in seinem Beruf als Liefer-Fahrer gescheitert sein. Ein gläubiger Muslim sei er nicht gewesen, allerdings gibt es dennoch Hinweise auf Verbindungen zu Radikalen. Nichts was ihn auf dem Radar der Geheimdienste erscheinen ließ, aber dennoch interessant. Der radikale Islam ist Gruppennarzissmus pur und sucht gezielt ausgebrannte Wracks und verlorene Seelen, um diesen dann den Märtyrertod als den einzigen wirklich zuverlässigen, garantierten Weg zu Vergebung und Paradies anzubieten. Jeder andere Weg ins Paradies erfordert quasi eine Perfektion, die niemand wirklich erfüllen kann.

Möglicherweise spielte der radikale Islam aber gar keine Rolle. Dies würde erinnern an den Fall des Germanwings-Piloten, der ebenfalls medikamentös behandelt worden war und keine politische oder religiöse Motivation hatte. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Behörden im Fall Nizza peinliche Dinge vertuschen und den Täter als einen einsamen Verrückten abstempeln.

Was immer bei Gewalttaten ignoriert wird in den Medien, ist das Zusammenspiel von Aggression und Narzissmus.
Schwere Narzissten, die zu Mördern werden, haben ihre eigenen Argumentationsmuster, mit denen sie sich selbst als überlegen und rechtschaffen beschreiben. Sie genießen die Kontrolle über ihre Opfer, die Tatsache dass jene nicht flüchten, ihn nicht verlassen können.

Der Großteil der Diskussion über den Orlando-Killer Omar Mateen drehte sich um den Islam, Schusswaffen und eine wahrscheinliche Homosexualität. In den deutschen, öffentlich-rechtlichen Medien gab es den knappen Hinweis eines US-Korrespondenten auf eine mögliche psychiatrische Behandlung des Täters in der Vergangenheit, allerdings ist dieses Thema schnell wieder verschwunden. Bei praktisch allen solchen Tätern findet man im Nachhinein eine ausführliche Geschichte psychischer Störungen und schwerer Medikamente. Bei dem Todespiloten des Germanwings-Unglücks fand man heraus, dass er von einem Arzt zum anderen gesprungen war und seine psychiatrische Behandlung viele Medikamente einschloss. Bei dem Aurora-Massaker fand die behandelnde Ärztin kurz nach der Tat ein verstörendes Notizbuch von James Holmes. 20 Ärzte erklärten, dass er schizophren war. Der „Virgin Killer“ Elliot Rodger nahm lange Videos auf vor seiner Tat und erklärte, die Frauenwelt dafür bestrafen zu wollen, dass sie ihn bisher ignoriert hätte. Seit seiner frühen Kindheit wurde er von einem Psychotherapeuten zum anderen geschoben. Antipsychose-Medikamente lehnte er ab und den Psychoterror seiner Mitschüler ertrug er nicht. Der norwegische Terrotist Anders Breivik wurde von Fachärzten diagnostiziert mit einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Rund 1% der Bevölkerung hat eine ausgewachsene antisoziale Störung und praktisch keinen Sinn für Gewissen und Empathie. Weitere Teile der Bevölkerung haben stark eingeschränkte Empathie und würden bei Tests auf der Psychopathen-Skala des Forschers Robert Hare irgendwo zwischen 15 und 40 Punkten liegen. Die Verbreitung von Narzissmus ist dermaßen groß, dass es vielen Menschen, die Narzissmus nicht verstehen, gar nicht groß auffällt.

Narzissmus und die antisoziale Störung können zusammen auftreten mit weiteren Erkrankungen wie etwa Depression oder emotionaler Instabilität. Bei Omar Mateen finden wir Beschreibungen über einen wirren, größenwahnsinnigen Vater und eine gewalttätige Mutter. Schon als Kind demonstrierte Omar mangelnde Empathie und machte im Schulbus Witze über die Opfer der Anschläge von 9/11. Ein gewisser islamisch gefärbter Gruppennarzissmus war leicht erkennbar.

Die Antidepressiva vom Typ SSRI werden relativ leichtfertig bei “Burnout”-Diagnosen verschrieben. Oft werden im Rahmen einer Therapie mehrere Präparate durchprobiert, auch gleichzeitig. Manche Experten warnen, dass die immer behaupteten Erfolgsquoten absichtlich von Herstellern übertrieben wurden. Neue Studien legen nahe, dass die Medikamente genausowenig wirksam sind wie ein Placebo, jedoch Nebenwirkungen haben.

Die Ex-Freundin von Germanwings-Pilot Andreas Lubitz erhärtete in einem BILD Plus-Interview den Verdacht auf eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die 26-jährige Stewardess, die mit ihm fünf Monate lang eine Beziehung gehabt haben soll, schilderte ihre Angst vor einem Mann, der regelmäßig ausrastete, nach außen jedoch einen makellosen Eindruck erweckte. Seine Probleme wurden immer deutlicher und waren schließlich der Grund für eine Trennung. Er kündigte ominös an:

„Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“

Sein Hauptproblem waren wahrscheinlich nicht Phasen von Depressionen, sondern eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die FAZ zitierte einen Experten mit exakt dieser vorläufigen Einschätzung:

„Ein solcher erweiterter Suizid auf solch gewalttätige Art und Weise ist nicht typisch für das Krankheitsbild einer Depression.“

Für ihn ähnelt das Vorgehen des Kopiloten eher dem von Amokläufern, einer Personengruppe, die häufig unter einer Persönlichkeitsstörung mit einem hohen Kränkungserleben leidet. Zu einer solchen Persönlichkeitsstörung könne eine Depression hinzukommen.

Für normale Menschen sind beruflicher Stress und scheiternde Liebesbeziehungen kein Grund für mehrfachen Mord. Ein Narzisst jedoch nimmt den herausfordernden Alltag ganz anders war: Als eine Serie von tief schneidenden Kränkungen, die nur schwer aufzuwiegen sind durch “narzisstische Nahrung” in Form von Bewunderung, Aufmerksamkeit, Bekanntheit, Bedeutsamkeit. Sie fühlen sich ständig bedroht, von einem tiefen Loch verschluckt zu werden, eine Leere die in der Regel durch frühen Liebesmangel ausgelöst wurde und durch nichts wirklich jemals wieder aufgefüllt werden kann. Sie stehen manchmal sogar Todesängste aus, Furcht vor einer Auflösung ihrer Persönlichkeit, vor einem Dammbruch der sie überfluten kann mit Schmerz und Gefühlen der Wertlosigkeit.

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Psyche
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