Der schwäbische Waffenhersteller Heckler und Koch steckt tief im Schlamassel: Das Traditionsunternehmen wurde von Ratingagenturen herabgestuft, man wurde international mehrfach bei Großaufträgen übergangen, und nun behauptet einer der wichtigsten Großkunden, das deutsche Verteidigungsministerium, dass man nach 18 Jahren (!) erhebliche Mängel am Gewehr G36 der Bundeswehr bemerkt hätte.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), von der bezweifelt werden darf, dass sie jemals eine Waffe in ihrem Leben abgefeuert hat, meint das G36 sei nicht treffsicher, wenn es heißgeschossen oder durch Sonneneinstrahlung angewärmt ist. Neue Tests hätten dieses Problem gezeigt, während Vergleichswaffen wesentlich besser abgeschnitten hätten. Kann man wirklich glauben, dass das Verteidigungsministerium das Gewehr vor über 18 Jahren nicht einfachen Prüfungen unterzogen hatte? Kann man wirklich glauben, dass H&K trotz ihres Rufs als Qualitätshersteller nicht selbst einfache Tests vorgenommen hat?

H&K ist den Vorwürfen entgegengetreten und verlautbarte, das G36 habe bei “sachgerechtem Gebrauch keine maßgeblichen Einschränkungen der Einsatztauglichkeit”. Eigene Tests widersprächen diametral den Ergebnissen der Bundeswehr. Die Schwaben haben nicht nur die modernsten Entwicklungs- und Produktionsanlagen, sondern auch jede vorstellbare Testumgebung:

Einer der beliebtesten Youtube-Channels zum Thema Waffen, Iraqveteran8888, testete das G36 gründlich, auch “heißgeschossen”. Der Waffenhändler und Veteran war auch nach längeren Tests begeistert.

In der Pressemitteilung von HK heißt es:

Im Gegenteil kommuniziert die Bundeswehr zum Thema G 36 seit rund einem halben Jahr nicht mit Heckler & Koch über die konkret untersuchten Vorwürfe zum G 36 als weltweit anerkanntes, technologisch führendes Sturmgewehr. Die jetzt verbreiteten Ergebnisse widersprechen diametral den umfangreichen und aufwendigen Prüfungen, die Heckler & Koch angesichts aufkommender Gerüchte über eine angeblich gravierende Zielabweichung der heißgeschossenen oder durch Witterungseinflüsse erhitzten Waffe selbst durchgeführt hat. Heckler & Koch liegen keinerlei Unterlagen zu den aktuellen Vorwürfen vor. Eine dringend gebotene sachliche Prüfung und Stellungnahme zu den angeblichen Ergebnissen der Untersuchungen ist hier insofern nicht möglich.

Das G36 besteht zum Großteil aus Polymer. Feuert man aber 90 Schuss durch ein G36 (das sind drei 30er-Magazine die in wenigen Sekunden durch sind) soll die Waffe laut den kritischen Stimmen einen Streukreis von 50 bis 60 Zentimetern aufweisen. Das heißt, wenn der Schütze völlig akkurat zielt, könne der Schuss einen halben Meter abweichen.

Heckler & Koch veröffentlichte bereits in der jüngeren Vergangenheit Stellungnahmen, in denen man die Berichterstattung „als Teil einer mittlerweile über zwei Jahre andauernden und äußerst vielschichtigen Kampagne gegen das Unternehmen“ bezeichnete. Die Waffen seien vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung abgenommen worden, von einem Mangel könne keine Rede sein. In über 10 Jahren Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan sei Heckler & Koch keine einzige Beschwerde der kämpfenden Truppe in Bezug auf die Treffleistung des Gewehres G36 im heißgeschossenen Zustand bekannt geworden.

Ist “made in Germany” einfach politisch nicht mehr gefragt? Dagegen spricht, dass von 2001 bis 2011 über 900 Direktaufträge und elf Forschungsaufträge der Bundeswehr an H&K gingen. Die Höhe der dazu bereitgestellten Finanzmittel wird nicht bekannt gegeben. Insgesamt soll das G36 in 35 Staaten geliefert worden sein. Man beliefert mindestens 88 Staaten direkt mit Waffen. Nichtsdestotrotz wurde H&K gerade bei den lukrativen Großaufträgen für Sturmgewehre übergangen. Den Amerikanern bot man den G36-Nachfolger XM8 an. Obwohl die XM8 in Rekordzeit fertiggestellt wurde und sie die Anforderungen der US Army vollumfänglich erfüllte, wurde sie von dem Verantwortlichen James R. Moran mit der Begründung abgelehnt, dass sie zu sehr nach dem deutschen G36 aussähe. Alles klar?

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Eine leichtere und nochmals 300$ günstigere Version wurde ebenfalls abgelehnt, obwohl ein Vergleichstest zwischen dem XM8, dem HK416, dem FN SCAR und dem Colt M4 Ende 2007 von der US Army unter schweren Wüstenbedingungen zu deutlichen Ergebnissen führte: Während das M4 882-mal versagte, schnitten HK416 und FN SCAR mit 233 und 226 Ladehemmungen wesentlich besser ab. Das HK XM8 erzielte mit nur 127 Ladehemmungen das beste Ergebnis. Trotzdem blieb das Pentagon bei der M4 des amerikanischen Herstellers Colt, ein Design aus dem Vietnamkrieg.

2001 bemängelte das Oberkommando der US-Spezialeinheiten offiziell die geringe Zuverlässigkeit des M4. Die Spezialeinheit Delta Force stieg 2004 vom M4 auf das Heckler & Koch 416 um.

Am 30. Oktober 2009 legte die Army dem Kongress eine Reihe von Änderungswünschen für das M4 vor. So sollen ein elektronischer Schusszähler, ein schwererer Lauf und ein indirektes Gassystem eingebaut sowie eine beidseitige Bedienbarkeit ermöglicht werden.

Der Lauf eines M4 ist nach nur 7000 bis 8000 verschlissen. Der Lauf eines G36 macht 30.000 mit.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Bundeswehr rund 176.000 Sturmgewehre vom Typ G36 eingekauft. Aufgrund der jüngsten Tests will von der Leyen die Gewehre nun in den Einsätzen nur noch eingeschränkt benutzen und langfristig vielleicht sogar ganz aus dem Verkehr ziehen. Was wird die Bundeswehr stattdessen anschaffen? Das traditionelle G3 das man vorher hatte? Amerikanische M4s? Kalaschnikows aus Russland? Megafone zur Kommunikation mit dem Feind?

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9 comments

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bal 3. April 2015 at 8:11

H&K ist sicher technik die begeistert!! Doch wie sieht es moralisch aus? Was ist H&K in den letzten Jahren widerfahren? War da nicht irgendwas in Mexico? Agypten?Lybien?Saudi Arabein? Sind investoren auf den Zug aufgesprungen?Wird H&K jetzte vom Investor diktiert? Hat das etwas mit der schlechten Presse zu tun,die von der BRD Regierung verbreitet wird?Blasen da ins selbe Horn um H&K unter der neuen egiede platt zu ziehen?gute technik hin oder her. Ist H&K den Heuschrecken aufgesen.Nix mehr los mit tradition?Globalistose im palativen endstadium? seht selber: http://aufschrei-waffenhandel.de/Heckler-Koch.127.0.html

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Soeren Schmidt 1. April 2015 at 8:03

Na zumindest in Sachen Durchschlagskraft hätte der Wechsel auf das G3 ja was für sich. Ist natürlich etwas schwerer… Alternativ würde mir das Sig 550 einfallen. Das dürfte in Sachen Präzision keine Wünsche mehr offen lassen.

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rob_111 31. März 2015 at 13:22

das G3 war nicht schlecht und wird tw.in Afghanistan wieder eingesetzt (wegen der z.T. hohen Schussentfernungen) ist aber sicher keine Komplettlösung.Meine BW Kontakte meinen: “keine Probleme mit dem G36 bekannt” hatte das vor rund 2 Jahren schonmal nachgefragt.Als diese Gerüchte aufkamen die jetzt gerade in den Medien sind.

Aber es gibt auch noch Ausschreibungen die HK für sich entscheiden konnte:
hk-usa.com/wp-content/uploads/HK_M27.pdf
Marine Corps ergänzt das teilweise unpraktische M249SAW mit dem HK M27

und mit ihrem M4 und M16A4 sind sie auch nicht wirklich zufrieden:
http://www.marinecorpstimes.com/story/military/tech/2015/02/16/deadlier-rifles-ammo-may-way/23369675/

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Bradbury 31. März 2015 at 11:48

Haben H&K die MP5 nicht auch an russische Spezialkräfte und Polizeieinheiten verkauft?
Weitere Kunden sind die Regierungen von: Weißrussland, Saudi-Arabien, China, Kongo, Irak, Kuwait, Jordanien, Nigeria, Pakistan, Sudan, Türkei, uvm.

Rheinmetall wirft man “Vaterlandsverrat” vor, aber H&K sind die Unschuldsengel?

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AlexBenesch 31. März 2015 at 12:35

Es gibt einen riesen Unterschied zwischen MPs und einem der modernsten Gefechtsübungszentren der Welt.

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Bradbury 31. März 2015 at 18:18

Stimmt, eine Zivilbevölkerung kann man mit einem Gefechtsübungszentrum schlecht in Schach halten oder massakrieren.
Mit MPs von H&K soll das allerdings ohne Kompromisse möglich sein.

Mich würde mal interessieren, was kampferfahrene Soldaten zum G36 sagen. Dass der Hersteller sein Produkt über den Klee lobt und sich keiner Fehler bewußt sein will, sagt erstmal nichts. Auch das Youtube-Video simuliert kein stundenlanges Feuergefecht in der afghanischen Mittagshitze.
H&K schreibt das G36 habe bei “sachgerechtem Gebrauch keine maßgeblichen Einschränkungen der Einsatztauglichkeit”. Was steht denn im G36 Handbuch über den “sachgerechten Gebrauch”? Läßt sich ein “sachgerechter Gebrauch” auch in einem hitzigen, langen Feuergefecht stets gewährleisten?

Mal ein Artikel von 2013, als die Politik noch fast geschlossen hinter dem G36 stand und man den Soldaten riet, den Lauf im Gefecht doch bitte auf handwärme abkühlen zu lassen bevor man weiterkämpft.
http://www.tagesspiegel.de/politik/standardgewehr-g36-mit-maengeln-ministerium-will-aus-dem-einsatz-lernen-aber-was/8272606.html

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H0L0gr4mm 31. März 2015 at 12:39

Also sobald eine Firma Waffen an diese ganzen “Krisengebiete” liefert, dann find ich das fragwürdig. Waffenfirmen sind nicht einfach nur edle und gute Leute, nur weil sie halt Waffen liefern, Waffen werden meistens eher missbraucht als das man sie zur Verteidigung einsetzt. Oft wird ja gerade in liberitären Kreisen so getahen, als seihen die Waffenfirmen die Retter und alles Helden, die dem Volk die Waffen geben damit sie sich verteidigen können. Und überhaubt sind Waffen nur gut, je mehr Waffen, desto freiher und friedlicher wirts. Dann gibt es die andere Gruppe für die jeder Waffenhersteller ein Monster ist, (selbst jemand der Sport und Sammlerwaffen herstellt) sowie Leute die total gegen eine Volksbewaffnung sind.

Was jetzt speziell H&K angeht, da kenn ich mich zu wehnig aus, aber ich sags mal so: Wenn eine Firma bewusst in Regionen Waffen liefert, von der sie weiss das sich dann dort in babarischen Bürgerkriegen mit ihren Waffen die Menschen gegenseitig umbringen, dann kommt in mir der Verdacht auf, das es in jener Firma wohl jede Menge Narzisten geben muss. Ausserdem ist ja nicht zu vergessen, das diese Firmen ja auch unsere Regierung mit Waffen beliefert, also der Verein der uns mit genau diesen Waffen unterdrückt.

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AlexBenesch 31. März 2015 at 16:14

Es geht nicht darum, den Konzern als stereotypen “good guy” zu porträtieren, sondern um die konkreten Fragen: wie glaubwürdig ist es, erst das G36 zu kaufen und dann 18 Jahre später das Ding schlechtzureden, während alle möglichen Special Forces gierig die teuren HKs (und FN SCARs) nehmen. Irgendwas ist da im Busch.

Um die Besitzer von HK gibt es genug Kontroversen.

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H0L0gr4mm 1. April 2015 at 17:11

Ja stimmt, da hast du recht. Von Leuten die beim Bund sind, hab ich auch nur vermehrt gutes über das G-36 gehört, nur was ich so gehört hab, sei das es als LMG Variante eher unbrauchbar ist, auch soll hinn und wieder mal was kaputt gehen, aber nicht an “wichtigen” Teilen des Gewehrs. Ausserdem soll es sich bissel wie ein Spielzeuggewehr anfühlen, da halt sehr viel Plasik verbaut ist, aber das ist ja auch das Konzept dahinter, dadurch wird es halt sehr leicht und lässt sich sehr leicht umrüsten. Ich mein es kann sein, das es, wenn es heisgeschossenn ist , ungenau wird, aber man schiest ja mit einem Gewehr auch nicht im Dauerfeuer. Es wäre ja auch unsinn, wenn jemand ein Schwarzschützengewehr mit nem anderen Sturmgewehr vergleicht und dann sagt :” Ja das Scharfschützengewehr der marke xxx hat ja nur 5 Patronen im Lauf, das andere Gewehr hinngehen 30 Patronen”

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