Gustave Le Bon

An erster Stelle unter den herrschenden Gedanken unsrer Zeit steht die Idee, der Unterricht habe den bestimmten Erfolg, die Menschen zu bessern und sogar einander ähnlich zu machen. Mehrere hervorragende Philosophen, besonders Herbert Spencer, konnten leicht beweisen, daß der Unterricht den Menschen weder sittlicher noch glücklicher macht, daß er die Instinkte und Leidenschaften des Menschen nicht ändert und, schlecht geleitet, oft mehr Schaden als Nutzen bringt. Die ärgsten Feinde der Gesellschaft, die Anarchisten, gehen oft aus den Besten der Schule hervor. Der Unterricht besteht im Hersagen und Gehorchen. Taine hat geschrieben:

„Die Ideen bilden sich nur in ihrer natürlichen und regelrechten Umgebung. Ihre Keime werden durch die unzähligen Wahrnehmungseindrücke genährt, die der junge Mensch täglich in der Werkstatt, im Bergwerk, beim Gericht, im Arbeitszimmer, auf der Schiffswerft, im Krankenhaus, beim Anblick der Werkzeuge, Betriebsstoffe und Unternehmungen, in Gegenwart der Kunden, der Arbeiter, der Arbeit, des gut oder schlecht ausgeführten, kostspieligen oder gewinnbringenden Unternehmens empfängt. Das sind die kleinen Sonderwahrnehmungen der Augen, des Ohres, der Hände und sogar des Geruchs, die unwillkürlich empfangen und unbewußt verarbeitet werden und sich in ihm ordnen, so daß sie ihm früher oder später die und die neue Verbindung, Vereinfachung, Ersparnis, Vervollkommnung oder Erfindung ergeben. All dieser wertvollen Verbindungen, all dieser für seine Entwicklungen förderlichen, unentbehrlichen Möglichkeiten ist der junge Mensch beraubt, und zwar gerade im fruchtbaren Alter: Sieben oder acht Jahre ist er in einer Schule eingesperrt, fern von unmittelbarer eigener Erfahrung, die ihm einen genauen und lebendigen Begriff von den Dingen, den Menschen und den verschiedenen Umgangsformen gegeben hätte.“

Hand in Hand mit dem Unterricht und der Erziehung veredelt sich die Massenseele oder verdirbt. Es war daher notwendig zu zeigen, wie das gegenwärtige System sie geformt hat und wie die Masse der Unbeteiligten und Gleichgültigen allmählich zu einem riesigen Heer Unzufriedener wurde, das bereit ist, allen Einflüssen der Weltverbesserer und Redner zu folgen. Die Schule bildet heute Unzufriedene und Anarchisten und bereitet für die lateinischen Völker die Zeiten des Niedergangs vor.

Die Philosophen des vergangenen Jahrhunderts widmeten sich mit Eifer der Zerstörung der religiösen, politischen und sozialen Täuschungen, von denen unsere Väter viele Jahrhunderte gelebt hatten. Diese Zerstörung ließ die Quellen der Hoffnung und Ergebung versiegen. Trotz all ihrer Fortschritte hat die Philosophie nicht vermocht, den Massen ein Ideal zu bieten, das sie bezaubern könnte. Da ihnen aber Täuschungen unentbehrlich sind, so wenden sie sich unwillkürlich, wie die Motte dem Licht, den Rednern zu, die sie ihnen bieten. Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum.

Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, so erklärt es sich daraus, daß er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wissenschaftliche Beweisführungen können seine Entwicklung nicht aufhalten. Seine Hauptstärke liegt darin, daß er von Köpfen verteidigt wird, die die Tatsachen der Wirklichkeit genügend verkennen, um es zu wagen, den Menschen kühn das Glück zu versprechen. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.

Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß. Meistens sind die Führer keine Denker sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, der der Scharfblick im Allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. So abgeschmackt auch die verfochtene Idee oder das verfolgte Ziel sein mag, gegen ihre Überzeugung wird alle Logik zunichte. Verachtung und Verfolgung stört sie nicht oder erregt sie nur noch mehr. Persönliches Interesse, Familie, alles wird geopfert. Sogar der Selbsterhaltungstrieb ist bei ihnen ausgeschaltet, und zwar in solchem Maße, daß die einzige Belohnung, die sie oft anstreben, das Martyrium ist.

Nicht die Gelehrten und Philosophen, vor allem nicht die Skeptiker, haben die großen Religionen geschaffen, die die Welt und die riesigen Reiche, die sich von der einen Erdhälfte bis zur anderen erstreckten, beherrscht haben. Die meisten Menschen, besonders in den Massen des Volkes, haben von nichts außerhalb ihres Berufsfaches eine klare und richtige Vorstellung. Sie sind nicht imstande, sich selbst zu leiten; so dient ihnen der Führer als Wegweiser. Er kann zur Not, aber nur sehr unzureichend, durch Zeitungen ersetzt werden, die ihren Lesern Meinungen anfertigen und Redensarten bieten, welche alles Denken ersparen.

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