Aus dem Recentr-Forum

Das Krisenfahrrad hat gegenüber Fahrzeugen die mit Benzin oder Diesel betrieben werden in einer Situation wo dieses nicht mehr, sehr schwer oder nur zu extremen Preisen verfügbar ist zahllose Vorteile. (Sog.) fossile Brennstoffe sind dann für den Betrieb von Generatoren reserviert um Strom für dringend benötigtes (zB med. oder mil.) Gerät zu erzeugen. Hier ist der Brennstoff unersetzlich, für die meisten Mobilitätsbedürftnisse nicht. Motorgetriebene Fahrzeuge haben zwar eine höhere Transportkapazität und Geschwindigkeit, sind aber fast immer auf Strassen oder wenigstens Wege angewiesen, haben einen rel. hohen Verbrauch und verursachen starken Lärm – gerade wenn sonst fast nix mehr fährt kann das recht ungünstig sein. Vom Stauproblem im Bug-out Szenario mal ganz abgesehen. Ist dann der Sprit alle oder die Fahrbahn blockiert, sind auch die ganzen Resourcen im Auto weg, weil man die meisten zu Fuss nicht mitnehmen kann und sie sich jemand anders holt. Auch ein PKW-Anhänger ist dann nicht unbedigt hilfreich, da er nicht zu Fuss über längere Strecken bewegt werden kann.

Aber auch im Bug-In Szenario ist Mobilität extrem Wichtig, um zB zum Schwarzmarkt/ Bauern/ Quelle zu kommen oder im Falle eines Stromausfalls eine Mindestversorgung mit zB Informationen aufrecht zu erhalten.

Ein Rad, das ich durch meine Berufliche Erfahrung als Krisentauglich einschätzen würde, müsste in etwa folgendes zu bieten haben:

  • Ungefederter Rahmen, höchstens Federgabel. Rahmen wenn mgl aus Stahl (Stabil, meist älter und seltener), sonst Aluminium (billig, etwas leichter und Standard)
  • Wenn Kettenschaltung, dann nach Möglichkeit eine mit 21(3×7) bis höchstens 24 Gängen (3×8) wegen größerer Langlebigkeit von Kette und Ritzeln.
  • Die aktuellen 27-30Gang Räder sind einfach zu kompliziert für die meisten Leute und die Kraftübertragenden Teile erstaunlich schnell verschlissen.
  • Zahnräder und Kette MÜSSEN in einem guten Zustand sein, fortgeschrittener Verschleiss wird zum Ausfall führen! Das gilt eigentlich für den gesamten technischen Zustand, denn im Zweifelsfall ist die Reparaturannahme im Fahrradladen an der Ecke zu.
  • Bei den Nabenschaltungen (mein Tip!) ist die gute alte 3Gang mit Rücktritt immer noch am zuverlässigsten und Ersatzteile immer auch gebraucht verfügbar. Sie ist mit grossem Ritzel auch etwas Geländegängig.
  • Thema Hinterrad: Das ist neben den Reifen die häufigste Defektquelle, ob Achse, Kugellager, Speichen (8er!) oder schwache Felgen, bei Kettenschaltung gerne auch mal der Freilauf (dann geht gar nix mehr!). Hier unbedingt ein verstärktes (neues) Hinterrad verwenden mit entsprechenden Speichen und extra robuster Felge. Denkt dran, das Hinterrad trägt ca 3/4 des Fahrergewichts und der Zuladung!
  • Möglichst breite Reifen (ab 4cm Breite) mit gutem bis maximalem Pannenschutz! Reifen sind absolut ‘Kriegsentscheidend’, hier auf keinem Fall sparen! Z.B Schwalbe Marathon Plus oder höherwertig.
  • Keine Scheibenbremsen! Hier sind Defektanfälligkeit und Ersatzteilversorgung einfach zu heikel um sich im Zweifel drauf verlassen zu wollen. Wenns gar nicht anders geht, dann mechanische statt hydraulischer Scheibenbremsen!
  • Stabiler und grosser Gepäckträger, am besten auch vorne. Möglichst passende Taschen dazu, sonst muss alles am Rücken geschleppt werden – sehr unangenehm. Achtung: ist der vordere Gepäckträger an der Gabel montiert, beeinflusst er je nach Beladung die Lenkung sehr stark! Besser am Rahmen montieren wie beim Postfahrrad.
  • Schutzbleche und Beleuchtung wären auch sinnvoll, da Batterielampen dann leer sind wenn man sie braucht und fahren im Regen/Schlamm ohne Schutzbleche viel schlimmer ist als darin zu laufen. Wer fährt schon gern mit durchgeweichtem Hintern?
  • Ein, besser zwei sehr stabile Schlösser! Werden schon heute im meiner 0,5 Mio. Stadt wöchentlich ca 60 Fahrräder gestohlen gemeldet (Dunkelziffer min doppelt so hoch), so dürfte in einer Krisenhaften Situation, bzw bei einer fortschreitenden Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Respekt vor fremdem Eigentum zunehmend gegen Null gehen.
  • Ein funktionierendes und robustes Fahrrad ist dann erst recht ein sehr begehrtes Diebstahlsobjekt!

Ihr seht, es läuft in etwa auf ein optimiertes Postrad mit MTB-Attributen hinaus. Wer partout aufs Auto setzt kann sich ja trotzdem, sozusagen als “2nd Line” das Ding hier in den Kofferraum packen. Ganz wichtig ist natürlich – wie bei allem technischen Gerät – das der Umgang damit geübt wird, und damit meine ich speziell das reparieren, denn sonst beschränkt man sich besten gleich auf Boller- oder Einkaufswagen. Entsprechendes Werkzeug, die nötigsten Ersatzteile und die Fähigkeiten zu deren Einbau sind also Grundvoraussetzung. Daher möchte ich für die angehenden Krisenradler nachdrücklich dieses Büchlein empfehlen. Da sind die krassesten Reparaturtips drin die du nirgendwo sonst lernen kannst und das Augenmerk liegt klar auf den hier empfohlenen Highly-Rugged-Low-Tech-Bikes. Leider ist es im Moment vergriffen, aber evtl kann man es noch wo auftreiben, kostete nur 6€!