Das Krisenfahrrad

Posted on Jul 9 2013 - 5:41pm by AlexBenesch

Aus dem Recentr-Forum

Das Krisenfahrrad hat gegenüber Fahrzeugen die mit Benzin oder Diesel betrieben werden in einer Situation wo dieses nicht mehr, sehr schwer oder nur zu extremen Preisen verfügbar ist zahllose Vorteile. (Sog.) fossile Brennstoffe sind dann für den Betrieb von Generatoren reserviert um Strom für dringend benötigtes (zB med. oder mil.) Gerät zu erzeugen. Hier ist der Brennstoff unersetzlich, für die meisten Mobilitätsbedürftnisse nicht. Motorgetriebene Fahrzeuge haben zwar eine höhere Transportkapazität und Geschwindigkeit, sind aber fast immer auf Strassen oder wenigstens Wege angewiesen, haben einen rel. hohen Verbrauch und verursachen starken Lärm – gerade wenn sonst fast nix mehr fährt kann das recht ungünstig sein. Vom Stauproblem im Bug-out Szenario mal ganz abgesehen. Ist dann der Sprit alle oder die Fahrbahn blockiert, sind auch die ganzen Resourcen im Auto weg, weil man die meisten zu Fuss nicht mitnehmen kann und sie sich jemand anders holt. Auch ein PKW-Anhänger ist dann nicht unbedigt hilfreich, da er nicht zu Fuss über längere Strecken bewegt werden kann.

Aber auch im Bug-In Szenario ist Mobilität extrem Wichtig, um zB zum Schwarzmarkt/ Bauern/ Quelle zu kommen oder im Falle eines Stromausfalls eine Mindestversorgung mit zB Informationen aufrecht zu erhalten.

Ein Rad, das ich durch meine Berufliche Erfahrung als Krisentauglich einschätzen würde, müsste in etwa folgendes zu bieten haben:

  • Ungefederter Rahmen, höchstens Federgabel. Rahmen wenn mgl aus Stahl (Stabil, meist älter und seltener), sonst Aluminium (billig, etwas leichter und Standard)
  • Wenn Kettenschaltung, dann nach Möglichkeit eine mit 21(3×7) bis höchstens 24 Gängen (3×8) wegen größerer Langlebigkeit von Kette und Ritzeln.
  • Die aktuellen 27-30Gang Räder sind einfach zu kompliziert für die meisten Leute und die Kraftübertragenden Teile erstaunlich schnell verschlissen.
  • Zahnräder und Kette MÜSSEN in einem guten Zustand sein, fortgeschrittener Verschleiss wird zum Ausfall führen! Das gilt eigentlich für den gesamten technischen Zustand, denn im Zweifelsfall ist die Reparaturannahme im Fahrradladen an der Ecke zu.
  • Bei den Nabenschaltungen (mein Tip!) ist die gute alte 3Gang mit Rücktritt immer noch am zuverlässigsten und Ersatzteile immer auch gebraucht verfügbar. Sie ist mit grossem Ritzel auch etwas Geländegängig.
  • Thema Hinterrad: Das ist neben den Reifen die häufigste Defektquelle, ob Achse, Kugellager, Speichen (8er!) oder schwache Felgen, bei Kettenschaltung gerne auch mal der Freilauf (dann geht gar nix mehr!). Hier unbedingt ein verstärktes (neues) Hinterrad verwenden mit entsprechenden Speichen und extra robuster Felge. Denkt dran, das Hinterrad trägt ca 3/4 des Fahrergewichts und der Zuladung!
  • Möglichst breite Reifen (ab 4cm Breite) mit gutem bis maximalem Pannenschutz! Reifen sind absolut ‘Kriegsentscheidend’, hier auf keinem Fall sparen! Z.B Schwalbe Marathon Plus oder höherwertig.
  • Keine Scheibenbremsen! Hier sind Defektanfälligkeit und Ersatzteilversorgung einfach zu heikel um sich im Zweifel drauf verlassen zu wollen. Wenns gar nicht anders geht, dann mechanische statt hydraulischer Scheibenbremsen!
  • Stabiler und grosser Gepäckträger, am besten auch vorne. Möglichst passende Taschen dazu, sonst muss alles am Rücken geschleppt werden – sehr unangenehm. Achtung: ist der vordere Gepäckträger an der Gabel montiert, beeinflusst er je nach Beladung die Lenkung sehr stark! Besser am Rahmen montieren wie beim Postfahrrad.
  • Schutzbleche und Beleuchtung wären auch sinnvoll, da Batterielampen dann leer sind wenn man sie braucht und fahren im Regen/Schlamm ohne Schutzbleche viel schlimmer ist als darin zu laufen. Wer fährt schon gern mit durchgeweichtem Hintern?
  • Ein, besser zwei sehr stabile Schlösser! Werden schon heute im meiner 0,5 Mio. Stadt wöchentlich ca 60 Fahrräder gestohlen gemeldet (Dunkelziffer min doppelt so hoch), so dürfte in einer Krisenhaften Situation, bzw bei einer fortschreitenden Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Respekt vor fremdem Eigentum zunehmend gegen Null gehen.
  • Ein funktionierendes und robustes Fahrrad ist dann erst recht ein sehr begehrtes Diebstahlsobjekt!

Ihr seht, es läuft in etwa auf ein optimiertes Postrad mit MTB-Attributen hinaus. Wer partout aufs Auto setzt kann sich ja trotzdem, sozusagen als “2nd Line” das Ding hier in den Kofferraum packen. Ganz wichtig ist natürlich – wie bei allem technischen Gerät – das der Umgang damit geübt wird, und damit meine ich speziell das reparieren, denn sonst beschränkt man sich besten gleich auf Boller- oder Einkaufswagen. Entsprechendes Werkzeug, die nötigsten Ersatzteile und die Fähigkeiten zu deren Einbau sind also Grundvoraussetzung. Daher möchte ich für die angehenden Krisenradler nachdrücklich dieses Büchlein empfehlen. Da sind die krassesten Reparaturtips drin die du nirgendwo sonst lernen kannst und das Augenmerk liegt klar auf den hier empfohlenen Highly-Rugged-Low-Tech-Bikes. Leider ist es im Moment vergriffen, aber evtl kann man es noch wo auftreiben, kostete nur 6€!

About the Author

Der in Bayern geborene und aufgewachsene Alexander Benesch startete nach seinem Abitur im Jahr 2006 die investigative Medienplattform INFOKRIEG.TV. Zwei Jahre später machte er sich zusammen mit seiner Frau selbstständig und erweiterte die Medientätigkeit um ein E-Commerce-Business für Outdoor und Survival.

13 Comments so far. Feel free to join this conversation.

  1. Stefan 09/07/2013 at 20:59 - Reply

    Sorry, ich meinte dieses Buch: http://www.einfaelle-statt-abfaelle.de/index.php?details=on&title=14#14
    Das ist auch noch verfügbar! Die anderen sind aber auch ganz lustig…

  2. Ingo 10/07/2013 at 10:12 - Reply

    Dann kannst du aber auch gleich normales Klappfahrrad kaufen oder eben ein richtiges MTB!
    Oder hol dir ein Fixie Bike!
    Da muss man nichts an den Gängen reparieren!
    Sowas?!

  3. Thrasher 10/07/2013 at 13:31 - Reply

    Ein MTB hat den Nachteil, dass man damit nur wenig transportieren kann und eine gewisse Menge Energie für die Federung draufgeht.
    Ein Fixie hat den Nachteil, dass bei steilen Anstiegen Schluss ist, weil man nicht herunterschalten kann.

  4. 6e75 10/07/2013 at 14:04 - Reply

    Vollgummireifen:

    Es gibt tolle Varianten, eine Sorte wird ebenfalls an Humvees getestet. Es gibt reifen mit Holkörpern, die Federn. Bei höherer Belastung würde so etwas auch an Materialermüdung leiden. Darum ist es nach meiner Meinung gut auf eine Belastbares Material zurückzugreifen.

    Der Luftreifen ist angenehm und Leicht beim Fahren, dennoch ebenso anfällig. In Städten mit vielen Trümmern z.B. nach Straßenschlachten, wenn überall Scharfkantige Objekte auf dem Boden verteilt sind, würde ich zur Vollgummivariante greifen.

  5. Stefan 10/07/2013 at 15:08 - Reply

    Nenne doch mal bitte Vollgummireifen fürs Fahrrad (!) bei denen du beim Fahren nicht das Gefühl hast mit nem Gummiband am nächsten Baum angebunden zu sein.
    Wir reden hier nicht von nem V8 als Antrieb, sondern von Wadenschmalz mit evtl 200Watt!
    “In Städten mit vielen Trümmern z.B. nach Straßenschlachten, wenn überall Scharfkantige Objekte auf dem Boden verteilt sind, würde ich…”längst weg sein und/oder nicht mit dem Fahrrad rein fahren!

  6. Mr Mindcontrol 12/07/2013 at 08:17 - Reply

    Das 21 Gang länger hält als 27 Gang stimmt so nicht. Die meisten dieser Komponenten kommen von Shimano, dort gibt es 3 Härtegrade, bei aktuellen Baugruppen gibt es nur die 9-fach und 10 – fach Ritzel-Systeme mit härteren Materielen (HG 70, HG 90) Deore LX /SLX (HG 73) , Deore XT (HG93). Die 21- und 24-Gang-Systeme haben ausschlieslich HG 50-Komponenten.

  7. Matzipuss 13/07/2013 at 08:25 - Reply

    Es gibt auch gute Fahrradanhänger. Damit kann man die Menge des Transportgutes verdoppeln. Ersatzmäntel und Schläuche sollte man natürlich auch zuhause haben.
    Ein Spezial Fahrrad-Werkzeugkoffer ist auch nicht zu teuer.
    Natürlich sollte man ein gewisses Mass an technischem Verständnis mitbringen.

  8. Daniel 17/07/2013 at 09:55 - Reply

    Für den Transport von mittlere bis großen Rucksäcke, würde ich einen Kindersitz für den Gepäckträger vorschlagen, weil man damit auch die Möglichkeit hat, den Rucksack zu fixieren.

    Diese erhält man schon recht günstig bei Ebay oder beim Nachbar.

  9. frank 18/08/2013 at 19:10 - Reply

    Also das Bremmsenargument leuchtet mir überhaupt nicht ein. Wenn schon Scheibenbremsen dann mechanisch? Dann ziehn wir also eine technische Sackgasse mit vielen beweglichen, wartungsbedürftigen Teilen, einem fast wartungsfreiem geschlossenem System(das viel weniger defektanfällig ist) vor? Und wieso Stahlrahmen? Die sind keinesfalls stabiler, da Alu eine wesentlich höhere Verwindungssteifigkeit besitzt und im Extremfall höchstens bricht, sich aber kaum verbiegt oder verzieht. Das hier beworbene bike hat übrigens viele minderwertige Komponenten verbaut was bedeutet das man teuer für das Klappfeature bezahlt.

    • Stefan 19/08/2013 at 21:35 - Reply

      Bei Scheibenbremsen gibt es einfach zu viele verschiedene Bremsbeläge um im Zweifel die richtigen als Ersatz zu bekommen, deshalb lieber etwas einfacheres nehmen das auch ausreichend funktioniert.
      Viele dieser Dinge sind auf einen funktionierenden Welthandel und stabile Wirtschaften angewiesen.
      Bowdenzüge kann jeder Hanswurst reparieren, Hydraulische Leitungen wohl eher nicht.
      Stabilität ist nicht das gleiche wie Verwindungssteifigkeit sondern bezieht sich auf die Belastbarkeit und Langlebigkeit. Alu bricht halt schneller mal, aber natürlich gibts da große Qualitätsunterschiede.
      Ich würde im Zweifel lieber auf Leichtbau verzichten.
      Und ja, das Klappfeature kostet Geld, kommt halt drauf an was man will…

  10. polpkorn 05/10/2013 at 16:21 - Reply

    Falls sich jemannd fragt, was er mit einem tollen Fahrrad tun kann.

    https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=EB71WtxmDRo#t=112

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