Von Alex Benesch

Der jüdisch-stämmige Russen-Oligarch Boris Abramowitsch Beresowski starb nun unter nebligen Umständen in seinem Exil in Großbritannien. Es gibt nur zwei Varianten die die Öffentlichkeit und die Behörden interessieren:
Entweder handelte es sich um Suizid wegen einer depressiven Erkrankung, nachdem er sein Vermögen verloren hatte im Zuge teurer und gegen ihn entschiedenen Gerichtsprozesse gegen seinen Ex-Partner, den Milliardär Roman Abramowitsch, oder ein Attentat auf Geheiß der Kreml-Oligarchie mit Frontmann Vladimir Putin.

Sein Bodyguard, so wird berichtet, soll die Tür zum Badezimmer aufgebrochen und danach die Behörden verständigt haben. Nicht nur die gewöhnliche Polizei kam angerückt, sondern man brachte Experten für biologische, radiologische und chemische Bedrohungen mit, die das Haus durchkämmten. Nachdem alles für sicher erklärt wurde, meldete ein Messgerät doch Alarm.

Geheimdienste weltweit verfügen selbstverständlich über Spezialisten, die an nichts anderem arbeiten, als an neuen Möglichkeiten, jemanden zu töten ohne dass Forensiker bedeutende Rückschlüsse ziehen können.
Betrachtet man den historischen Kontext sowjetischer Attentatsoperationen im Ausland, lässt sich munter spekulieren ob nicht gewartet wurde bis nach dem Abschluss der Gerichtsprozesse um das Kapitel Beresowski ein für allemal abzuschließen.

Die Jagd auf den vertriebenen Trotzki war für Stalin einst eine Top-Priorität und kosumierte Ressourcen, die eigentlich für objektiv wichtigere Missionen hätten verwendet werden sollen. Die Smersch-Einheiten konnten einen Vertrauensmann in Trotzkis Sicherheitsteam in Mexiko integrieren der im richtigen Moment die Tore öffnete.

Der tiefe Fall

Beresowski überlebte in Russland mehrere Attentatsversuche von Konkurrenten, er selbt jedoch wurde beschuldigt, an der Ermordung des populären ORT-Direktors Wladislaw Listjew beteiligt gewesen zu sein, der mit Beresowski einen Konflikt über die Sendepolitik von ORT hatte. Die Ermittlungen wurden schließlich abgebrochen.

Westliche Medien bezeichneten Beresowski auch als „Graue Eminenz“ hinter Jelzin. Beresowski verklagte das Magazin Forbes, weil es ihn als den Paten des Kreml bezeichnete. Jelzin ernannte Beresowski nach dem erfolgreichen Wahlkampf zum Vizepräsidenten des Nationalen Sicherheitsrates. Diese Funktion musste er jedoch wieder aufgeben, als er 1997 in den Verdacht geriet, illegale Bankgeschäfte in Tschetschenien zu tätigen. Ein neues Amt erhielt er 1998 als Exekutivsekretär der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Auch diesen Posten musste er wieder verlassen, als 1999 die russische Staatsanwaltschaft gegen ihn im „Fall Aeroflot“ wegen illegaler Geschäftstätigkeiten und Geldwäsche ermittelte.
Laut eigener Aussage war es Beresowski, der den vermeintlich leicht manipulierbaren Wladimir Putin 1999 ins Amt des Ministerpräsidenten gehievt und somit als Nachfolger für Jelzin installiert hatte. Nachdem aber Putin Ende 1999 das Präsidentenamt für den per sofort zurückgetretenen Jelzin übernommen hatte, stellten sich für Beresowski Probleme ein – wie für alle Oligarchen, die sich unter Präsident Putin nicht aus der Politik heraushielten.

In London, wo Beresowski seit November 2000 lebte, erhielt er im September 2003 politisches Asyl. Von London aus versuchte Beresowki immer wieder Einfluss auf die Innenpolitik Russlands zu nehmen. Er stellte sich nach dessen Verhaftung im Oktober 2003 hinter den Putin-Kritiker und Oligarchen Michail Chodorkowski. Beresowski machte seinen Einfluss auch gegen die Putin-treuen Regierungen in ehemaligen Sowjetrepubliken geltend. Im Frühjahr 2003 traf er sich in London auf Vermittlung seines früheren Geschäftspartners Badri Patarkazischwili mit dem georgischen Oppositionspolitiker und späteren Premierminister Surab Schwania. Schwania wiederum vermittelte finanzielle Mittel Beresowskis in die Ukraine, namentlich für den Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko. Nach dem Wahlsieg Juschtschenkos Ende 2004 spielte Beresowki mit dem Gedanken, nach Kiew zu ziehen, setzte ihn aber nicht um, weil er unter Umständen nach Russland hätte ausgeliefert werden können.

Im Juni 2006 rief Beresowki zum Sturz der Regierung Putin auf. Damit handelte er sich eine Rüge des damaligen britischen Außenministers Jack Straw ein. In Russland wurde Beresowski seit 2001 per Haftbefehl gesucht. Er soll bei seinen Finanztransaktionen mit Lada den Investoren 2033 Autos im Wert von 13 Millionen US-Dollar unterschlagen haben. Eine entsprechende Anklage gegen Beresowski und seinen Geschäftspartner Badri Patarkazischwili erging im September 2002. In der Schweiz nahm die Bundesanwaltschaft im November 2003 Ermittlungen gegen Beresowski auf. Er wird verdächtigt, Geld gewaschen zu haben und Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein.
2004 wurde Beresowski mit dem Mord am US-amerikanischen Journalisten Paul Klebnikow in Verbindung gebracht. Klebnikow hatte Bücher über die Macht der Oligarchen, im Speziellen über Beresowski und die Geldgeber des Ersten Tschetschenienkrieges publiziert. Im April 2007 erhob die russische Generalstaatsanwalt Anklage gegen Beresowski wegen illegaler Aneignung von 214 Millionen Rubel (6,2 Millionen Euro) der Fluggesellschaft Aeroflot Anfang der 1990er Jahre. In dem Verfahren galt der Milliardär bis dahin nur als Helfershelfer. Die Daily Mail behauptet nun posthum, er häte regelmäßig 16-jährige Mädchen aus Osteuropa oder Russland einfliegen lassen für Sex, auch in seiner gepanzerten Maybach-Limousine.

Feind von Roman Abramowitsch

Im Jahr 2011 verklagte Boris Beresowski seinen ehemaligen Partner Roman Abramowitsch auf 5,6 Milliarden US-Dollar. Er warf jenem vor, ihn beim Verkauf des Unternehmens Sibneft betrogen und ihn um seine Anteile gebracht zu haben. Am 31. August 2012 wurde Beresowskis Klage von einem Londoner Gericht abgewiesen und er musste hohe Gerichtskosten berappen. Abramowitsch ist der Sohn jüdischer Eltern aus Saratow und war schon im Kleinkindalter Waise, gilt aber inzwischen als einer der vermögendsten Männer der Welt. Der entscheidende Tag für den Aufstieg zu einem der reichsten Männer Russlands war für Abramowitsch 1992 eine Begegnung mit Boris Beresowski, dem damals noch mächtigsten Tycoon in Russland.

Abramowitsch baute in den 1990er Jahren – zunächst als Partner des Oligarchen Beresowski – ein weitverzweigtes Firmenimperium auf. Zum Besitz der von ihm kontrollierten Holding Millhouse Capital gehörten 80 % von Russlands fünftgrößtem Ölkonzern Sibneft, 50 % des Aluminiumkonzerns RUSAL, 26 % der Fluggesellschaft Aeroflot und 37,5 % des Autoproduzenten Ruspromawto. Lange Zeit galt Abramowitsch als wichtigster Oligarch im Umfeld des damaligen Präsidenten Wladimir Putin. Sein bester Freund ist Bankenerbe Nathaniel Rothschild. Eines der wichtigsten Vehikel der Rothschilds in Russland und Osteuropa ist die Investmentbank JNR UK Ltd. Nathaniel als Direktor von JNR ist der wichtigste Berater des russischen Aluminium-Oligarchen Oleg Deripaska, in dessen Firma Rusal Rothschild auch erheblich investiert. Zu Nats 40. Geburtstagsfeier kamen Gäste wie Abramowitsch, Lord Mandelson, Deripaska und der ehemalige BP-Chef Tony Hayward.

Geheimer Status

Beresowski war nach offizieller Lesart einer der „glücklichen“ Opportunisten, die nach dem „Fall“ der Sowjetunion Teile der alten Staatsindustrie billig aufkauften und zum Milliardär und Playboy wurden. Während Ex-KGB-Lichtgestalten wie Vladimir Putin offiziell nur einen sehr bescheidenen Wohlstand behaupten (heimlich jedoch über Frontmänner Fürstenpaläste bauen lassen), spielten die Oligarchen die übertriebenen Karikaturen von Kapitalisten in der Öffentlichkeit.

Der Russland-Kenenr Jürgen Roth schrieb:

“Parallel zur Rekrutierung von Kriminellen wurden damals, wie der Soviet Analyst berichtet, auch meist junge KGB- und GRU-Agenten speziell für die Konservierung der sowjetischen Wirtschaft unter der Kontrolle der Geheimdienste vorbereitet. Angehende Agenten seien damals buchstäblich von ihren Vorgesetzten gefragt worden, ob sie Lust hätten Milliardär zu werden, und nicht wenige von ihnen sollten später zu den Oligarchen werden, die Jelzins Russland prägten.”

Für die Übergangsphase des sowjetischen Systems in ein moderneres Kontrollsystem der Fake-Parteiendemokratie und des Mafia-Kapitalismus mit Oligarchen als Strippenziehern brauchten die einflussreichen und bekannten KPdSU- und KGB-Kader geeignete unbekannte Figuren, die die neuen Super-Geschäftsmänner spielen mussten. Nicht alle davon spielten fortlaufend nach den Regeln, manche wurden sogar zu einem Problem. Dass viele flüchtende Russen mit Geld und Einfluss sich ausgerechnet in Großbritannien niederlassen, verblüfft.

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